Moderne Vorbereitung auf den großen Moment
Geburtsfilme anschauen: eine gute Idee?
Laienfilme im Internet, Reality-TV-Serien im Privatfernsehen und Dokumentationen aus aller Welt zeigen das einzigartige Ereignis der Geburt eines Kindes in bewegenden Bildern. Nehmen sie Schwangeren die Angst vor der Niederkunft oder verunsichern sie nur noch mehr?
Was erwartet mich bei der Geburt?
Einer Frau, die zum ersten Mal schwanger ist, brennt eine Frage ganz besonders unter den Nägeln: „Was erwartet mich bei der Geburt?“ Ihre Neugier (und Sorge) betrifft die Abläufe im Kreißsaal oder im Geburtshaus, die Gefühle, die Schmerzen, aber immer wieder auch das große Ganze: „Wie wird es sein?“ Die Schwangere fragt Mütter aus dem Freundeskreis, liest die entsprechenden Passagen im Ratgeber, googelt Entbindungsberichte. Und wenn sie ganz mutig ist, schaut sie sich Geburtsfilme an.
Die Meinungen darüber sind geteilt. „Ich kann mir nicht vorstellen, warum man das kurz vor der eigenen Entbindung sehen möchte?!?“, meint eine Userin im urbia-Forum auf die Frage einer Mitschwangeren, wo denn solche Aufnahmen zu finden seien. Annalena H., Mutter zweier Söhne (7 und 4), hat beim Tag der offenen Tür im Geburtshaus einen Film über eine Wassergeburt vorgeführt bekommen und kann das Interesse daran schon verstehen: „Filme bringen das Geschehen einfach anders rüber als Bücher. Aber sie sollten die Gefühle der Gebärenden in den Mittelpunkt rücken, was die meisten leider nicht tun. Dass die eindringliche Geräuschkulisse bei einer Geburt, zu viel Blut, ein direkter Blick in den Geburtskanal oder ein reißerischer Kommentar aus dem Off die Angst nehmen, wage ich zu bezweifeln.“
Der moderne Weg, sich zu informieren
Ulrike von Haldenwang, die Vorsitzende des Berliner Hebammenverbandes und selbständige Hebamme, wird in der Schwangerenbetreuung immer wieder mit dem Wunsch nach Filmmaterial konfrontiert. „Es ist völlig verständlich, dass eine werdende Mama wissen möchte, was auf sie zukommt. Und Bilder aus dem Fernsehen oder Internet sind nun mal der moderne Weg, sich zu informieren“, weiß die 50-jährige, „aber man sollte sie sich mit Bedacht anschauen. Jede Frau hat ihre eigenen emotionalen Grenzen, gerade in der sensiblen Zeit der Schwangerschaft. Die richtigen Bilder können beruhigen und zuversichtlich stimmen, doch die falschen Bilder können schockieren und alles nur noch schlimmer machen.“
Die richtigen Bilder, das sind für von Haldenwang positive Bilder von schönen Geburten, bei denen eine angenehme Atmosphäre herrscht und alles glatt läuft: „Durch sie entwickelt die Schwangere eine innere Stärke, die ihr später auch durch die Wehen helfen kann.“ Doch Vorsicht: Auch positive Bilder von schönen Geburten sind emotional sehr aufwühlend, selbst für Frauen, die schon eine Geburt erlebt haben. Zu sehen, wie die Schamlippen anschwellen und sich schließlich öffnen, wie das Köpfchen ein Stück heraus und wieder zurück gleitet und gefühlte Ewigkeiten nicht ganz hervorkommen mag, obwohl die Frau am Gipfel der Anstrengung angekommen ist, ist eine extreme Erfahrung und noch mal was anderes, als sich selbst mitten im Geschehen zu befinden.
Die Folgerung „Jetzt habe ich einen Geburtsfilm gesehen und weiß, was auf mich zukommt“ ist sowie nicht haltbar. Denn jede Geburt verläuft anders und fühlt sich anders an. Frauen, die mit allzu konkreten Erwartungen in den Kreißsaal gehen, haben es oft schwer, sich durch das Geschehen treiben zu lassen.

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