Hebammen gegen zu viel Technikeinsatz

Immer weniger normale Geburten

Ist die normale Geburt vom Aussterben bedroht? Der Bund Deutscher Hebammen macht darauf aufmerksam, dass nur noch sieben Prozent aller Geburten ohne medizinisch-technische Eingriffe auskommen.

Autor: Petra Fleckenstein
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Nur noch sieben Prozent der Geburten ohne Eingriffe

Kaiserschnitt Baby Eltern gluecklich
Foto: © iStockphoto.com, RapidEye

Resolution zum Schutz der normalen Geburt

Die normale Geburt ist in Gefahr. Mit dieser Warnung ist der Bund Deutscher Hebammen an die Öffentlichkeit getreten. Auf einer Tagung haben die Vertreterinnen von 15.000 Hebammen eine Resolution zum Schutz der normalen Geburt verabschiedet. Hintergrund des Aufrufs sind Forschungsergebnisse, nach denen nur noch sieben Prozent aller Geburten ohne technische oder medizinische Eingriffe auskommen. Dabei zielt die Kritik der Geburtshelferinnen nicht grundsätzlich auf den Einsatz derartiger Hilfsmittel, wenn sie sinnvoll und notwendig sind. Das Problem, so Dr. Edith Wolber, Pressesprecherin beim Bund Deutscher Hebammen, bestehe darin, dass auch eine unkompliziert und normal verlaufende Schwangerschaft und Geburt in den Krankenhäusern mit dem gleichen Aufwand wie eine Risikogeburt betreut werde und so Mittel zum Einsatz kämen, die erstens nicht nötig wären und zweitens durch ihre Nebenwirkungen selbst wiederum Probleme verursachten.

Dieses Problem hat unter anderen auch Dr. Susanna Jonas vom Österreichischen Institut zur Technikfolgenabschätzung formuliert. In einem Artikel zum Thema Geburt heißt es: "Problematisch erscheint die routinemäßige Versorgung von 'low risk'-Gebärenden (low risk=niedriges Risiko) nach einem Standard-Vorgehen, konzipiert für Risikogebärende, das zu unnötigen Interventionen mit dazugehörigen Komplikationen führen kann."

Ursachen: Zu wenig Personal und schlechte Honorierung normaler Geburten

Als Gründe für diese Technisierung hat der Bund Deutscher Hebammen unter anderem das durch Rationalisierungsmaßnahmen überlastete Personal ausgemacht. So werde zum Beispiel immer seltener der spontane Wehenbeginn abgewartet. Mehr als 40 Prozent aller Frauen, die keinen geplanten Kaiserschnitt haben, bekommen einen "Wehentropf" zur Einleitung oder zur Forcierung der Geburt. Außerdem kritisieren die Hebammen, dass in deutschen Krankenhäusern ca. 20 Prozent aller Frauen unter "Rückenmarksnarkose" (Periduralanästhesie) - mit beträchtlichen Nebenwirkungen - gebären und nahezu jede vierte Frau einen Kaiserschnitt bekommt, oftmals ohne stichhaltige medizinische Begründung.

Gesellschaftlich stehe hinter dieser Entwicklung eine Haltung, die Perfektion in allen Bereichen verlangt und diese durch den Einsatz von Technik zu erreichen hofft. Anstatt die eigene Wahrnehmung zu üben und dieser zu vertrauen, werde lieber ein Monitor zur Überwachung eingesetzt, so Dr. Edith Wolber. Mit der Zeit führe der übermäßige Einsatz von Technik auch zu einem Rückgang des handwerklichen Könnens von Ärztinnen und Ärzten. Einen weiteren Grund für die zunehmende Technisierung eines eigentlich natürlichen und nicht krankhaften Geschehens wie einer Geburt sehen die deutschen Hebammen auch bei der Honorierung medizinischer Leistungen im Rahmen der neuen Fallpauschalen. Hier werde der Kaiserschnitt mit einem fast doppelt so hohen Satz veranschlagt wie eine vaginale Entbindung.

Die Sache mit der Sicherheit

Als wichtigstes Argument für den häufigen Einsatz von Technik und von Medikamenten unter der Geburt wird immer wieder die möglichst hohe Sicherheit für Mutter und Kind angeführt. Nach einer Studie an der Universität Osnabrück, in deren Rahmen die Daten von mehr als einer Million Geburten analysiert wurden, hat sich jedoch der Zustand der Neugeborenen in den letzten Jahren auch durch mehr Technik und eine wachsende Kaiserschnittrate nicht mehr maßgeblich verbessert. Nach einem enormen Rückgang der perinatalen Sterblichkeit (darunter versteht man den späten Fruchttod sowie Tod in der ersten Woche nach der Geburt) von 34,9 je 1000 Geburten im Jahre 1960 auf 6,3 im Jahre 1990 hat sich die Sterblichkeit zwischen 1990 und 2000 bei einem Wert von plus/minus sechs pro 1000 Geburten eingependelt – und das bei einem Ansteigen der Kaiserschnittrate von 15,3 Prozent im Jahre 1991 auf 24,4 Prozent im Jahre 2002. Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat bereits darauf aufmerksam gemacht, dass mit der wachsenden Anzahl von Schnittentbindungen immer weniger die Sicherheit für Mutter und Kind, sondern nur noch das begleitende Operationsrisiko ansteigt.


Selbstbestimmung oder Angst?

Ein weiteres immer wieder angeführtes Argument für medizinische Eingriffe unter der Geburt ist die Selbstbestimmung der modernen Frau, ihr Recht, den Geburtsmodus selbst zu wählen. Dazu schreibt Beate Schücking, Professorin für Gesundheits- und Krankheitslehre an der Universität Osnabrück: Bisherige Unersuchungen haben gezeigt, dass "nur wenige Schwangere einen Sectio-Wunsch äußern". Zudem zeige eine schwedische Studie, "dass nur Ängstlichkeit und Depressivität sowie traumatische Erfahrungen bei früheren Geburten mit dem Wunsch nach Kaiserschnitt verbunden waren."

Entsteht der Wunsch nach einem Kaiserschnitt also aus Angst und keineswegs aus einer selbstbewussten Position der Wahlfreiheit heraus, so stimmt möglicherweise etwas nicht bei der Begleitung und Vorbereitung Schwangerer auf die Geburt. In diesem Zusammenhang macht der Bund Deutscher Hebammen auf eine Aussage der Weltgesundheitsorganisation zur Betreuung einer normalen Geburt aufmerksam: "Gebärende haben auch bei einer Klinikgeburt das Recht auf eine Betreuung durch Hebammen, die die richtige Balance kennen zwischen abwartendem Geschehenlassen und technischem Intervenieren. Diese Grundhaltung der Hebammen respektiert das Selbstbestimmungsrecht der Frauen und stärkt ihr Selbstbewusstsein während der Geburt."

Bereits während der Schwangerschaft werde die künftige Mutter, die die Vorsorgeuntersuchungen bei einer Hebamme durchführen lasse, weniger verunsichert, sondern vielmehr gestärkt und unterstützt. Dr. Edith Wolber: "Schwangerschaft und Geburt sind eine Übergangszeit, die natürlicherweise auch Angst auslöst. Die Hebamme versteht sich als mütterliche, emotionale Begleiterin, die durch diese Angst führt."

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