Lust statt Schmerzen?

Orgasmus bei der Geburt

Ein Orgasmus, während ein Kind gezeugt wird? Das i-Tüpfelchen! Ein Orgasmus, während das Baby dann geboren wird? Völlig unmöglich! Oder? Geht das, eine lustvolle Geburt statt schmerzvollen Gebärens? Und wenn ja, was kann frau dafür tun?

Autor: Kathrin Wittwer
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Vom Au zum Oh

Geburt Orgasmus
Foto: © colourbox

Geburt bedeutet Schmerzen, ist doch logisch: Da sind die Wehen, da ist dieses verhältnismäßig große Wesen, das sich seinen Weg durch unseren Körper bahnt. Das geht doch gar nicht anders als mit Aua!

Doch, sagen manche Mütter, es geht sogar regelrecht orgasmisch: „Die Geburt meiner zweiten Tochter war das sinnlichste was ich bis jetzt in meinem Leben gespürt habe!" schreibt eine, die es so besonders erlebt hat. „Ich war total entspannt und in mich gekehrt, keinerlei Schmerzmittel, und trotzdem waren meine Gefühle so sagenhaft wie bei einem Orgasmus. Nicht, dass es einer war, aber halt so wie man sich dabei fühlt." Andere bezeichnen ihre Geburt als geradezu ekstatisch, mit einem Höhepunkt, der die Bezeichnung Orgasmus durchaus verdiene.

Geburtsorgasmus: Mythos oder Möglichkeit?

„Ich kann mir einiges vorstellen. Aber das beim besten Willen nicht. Ich war noch nie so meilenweit von einem Orgasmus entfernt", meint eine skeptische Mutter stellvertretend für viele, die ganz andere Geburtserfahrungen gemacht haben.

Aber ja, echt, es stimmt: Die Natur lässt das tatsächlich grundsätzlich zu. Immerhin schüttet der Körper während der Geburt Endorphine, also Glückshormone aus, wie beim Sex, bei manchen Frauen mehr als bei anderen. Immerhin berührt das Baby auf seinem Weg nach draußen auch die erogenen Zonen. Und immerhin handelt es sich bei einer Geburt um ein monumentales Ereignis im Leben, das sehr ergreifend sein kann. Da kommen also mehrere Komponenten mit Potential zu großen Gefühlen zusammen.

Das heißt zwar nicht zwingend, dass eine Frau dann automatisch komplett schmerzbefreit ist. Aber zumindest gerät das Schmerzempfinden ins Hintertreffen. Nicht zuletzt wird Schmerz von jedem Menschen anders wahrgenommen, kann auch mit Lust zusammenhängen. Wer ein gewisses Maß sowieso prickelnd findet, bei dem wird der Übergang vom „Au" zum „Oh" wohl fließender sein.

Orgasmus durchs Baby – Höhepunkt oder die Höhe?

Jede Frau hätte demnach theoretisch das Vermögen dafür, eine lustvolle statt schmerzhafte Geburt zu erleben. Nicht jede will das aber, und das nicht nur, weil es ihr in dieser Situation peinlich und unangenehm wäre: „Ich find man sollte sexuelle Gefühle von Kindern fernhalten", schreibt eine Mutter unter viel Zustimmung. Sex ist toll, ein Kind auch, aber beides zusammen, nein danke, das geht gar nicht.

„Warum keiner einen Orgasmus mit Kind in Verbindung bringen will, verstehe ich nicht. Es wurde im Akt der Liebe gezeugt und darf nicht mit dem Höhepunkt der sexuellen Lust zur Welt kommen?", hält eine andere dagegen. Ein guter alter Hebammen-Tipp, um ganz natürlich die Geburt anzustupsen, lautet ja auch: Sex haben.


Orgasmische Geburt ist mehr als ein Höhepunkt

Zeit, um mit einem Missverständnis aufzuräumen: Bei lustvollen Geburten geht es mitnichten darum, das Kind zu erotisieren. Es geht nicht einmal darum, unbedingt einen Höhepunkt zu bekommen. Sondern in erster Linie darum, ein Ereignis, das bei aller Vorfreude aufs Baby für die meisten Frauen mit Angst besetzt ist, stattdessen zu einer wirklich schönen, erhebenden, von urweiblicher Kraft gespeisten Erfahrung zu machen, ein von Anfang an freudvoller Prozess, bei dem Glücksgefühle nicht erst hinterher aufkommen, wenn frau sich durchgequält hat und das Baby da ist. Ein „echter" Höhepunkt ist da mehr ein Bonus denn das oberste Ziel.

Zudem bedeutet „orgasmisch" für jede Frau ohnehin etwas anderes: So wie es beim Sex verschieden erlebt wird, vom angenehmen Körpergefühl bis hin zu einer überwältigenden Welle oder gar einem spirituellen Erlebnis, das die Seele ergreift, variieren natürlich auch die Intensitäten und Eindrücke bei der Geburt.

Lustvolle Geburt: eine Frage der Einstellung?

Laut einer Hebammenbefragung durch einen französischen Psychologen erleben geschätzt nur 0,3 Prozent der Gebärenden dieses Glück, noch einige mehr haben zumindest Lustgefühle. Selbst wenn man noch obendrauf rechnet, dass nicht jede beglückte Frau ihrem Geburtshelfer gleich brühwarm davon berichtet – die Masse ist es definitiv trotzdem nicht. Warum nicht?

Weil, so die Eingeweihten und Verfechterinnen eines Rechts auf orgasmische Geburten, uns allerorten eingetrichtert und vorgeführt wird, dass eine Geburt nun mal weh tut und basta – schon in jedem Film, in dem eine Frau ein Kind kriegt, wird geschrien, was das Zeug hält. Darauf sind wir so geeicht, dass wir das vermeintlich Unvermeidbare schon mit Angst erwarten, beim kleinsten Anzeichen verkrampfen und damit den Schmerzen Tür und Tor öffnen.

Und weil moderne Geburtssituationen selten dazu angetan sind, sich zu öffnen, loszulassen, so etwas wie Lustgefühle überhaupt aufkommen zu lassen. Guten Sex hat man ja auch eher selten im Krankenhaus mit dem ein oder anderen anwesenden Zeugen, der hin und wieder unter den Rock schaut und probehalber seine Finger in Körperöffnungen steckt.

Vertrauen und Selbstbestimmung: Was unterstützt eine lustvolle Geburt?

Zuträglich für eine außergewöhnlich genussvolle Geburt ist demnach die richtige Einstellung, mit der frau das große Ereignis erwartet: selbstbewusst, gelöst von beängstigenden Geburtsbildern und von übermäßiger Medizinhörigkeit. Offenheit und Vertrauen in die eigenen Kräfte und Möglichkeiten sind die Basis, ebenso ein ordentliches Maß an Selbstbestimmung sowie ein intaktes Körperbewusstsein, um dem Takt des eigenen Körpers und des Babys zu folgen statt sich krampfhaft an die Kommandos fremder Außenstehender zu klammern. Auf Fingerschnipp lässt sich das für die wenigsten mal eben machen. Gut, dass die Schwangerschaft viel Zeit bietet, sich bewusst darauf einzustimmen – vielleicht mit einer Doula, vielleicht gemeinsam mit Gleichgesinnten.

Für die Geburt selbst ist eine geborgene, private Atmosphäre sicher sehr hilfreich. Manche Frauen lassen sich von Doula oder Hebamme begleiten, andere erleben intensive Alleingeburten. Manche wollen bei der Geburt in Ruhe gelassen, nicht angesprochen oder berührt werden, sich ganz dem natürlichen Lauf hingeben, gehen vielleicht in eine Art Trance, ähnlich wie beim Hypnobirthing. Andere überlassen sich gern dem Partner, der sie vielleicht zärtlich verwöhnt oder sogar aktiv stimuliert. Wie in so vielem gilt auch hier: Jede Frau weiß selbst am besten, was gut und richtig für sie ist.

Service

Zum Weiterlesen

  • Jobinda Schenk: Meisterin der Geburt. Selbstcoaching-Buch für mehr Geburtslust und Selbstermächtigung. 2015.
  • Ina May Gaskin: Die selbstbestimmte Geburt. Handbuch für werdende Eltern. 2004.

Auf Englisch

  • Elizabeth Davis: Orgasmic Birth. Your guide to a safe, satisfying and pleasurable birth experience. 2010.
  • Sheila Kitzinger: Birth and Sex. The Power and the Passion. 2012.

Zum Schauen

  • Debra Pascali-Bonaro: Orgasmic Birth – The Best Kept Secret. 2008.

Im Netz

  • meisterin-der-geburt.de: Die dreifache Mutter und Life Coach Jobinda Schenk schreibt hier u.a. über ihre eigenen zwei orgasmischen Geburten
  • orgasmicbirth.com: Die Seite zum Film „Orgasmic Birth – The Best Kept Secret" und gleichzeitig quasi die Seite der offiziellen Bewegung für orgasmische Geburten in Amerika von der Filmemacherin und Doula Debra Pascali-Bonaro.

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