Wenn Schwangersein krank macht

Starke Übelkeit in der Schwangerschaft

Mehr als die Hälfte aller Schwangeren wird von Übelkeit geplagt. Doch einige Frauen übergeben sich so häufig, dass Schäden für sie und ihr Kind drohen. Die Schwangerschaft wird zu einer enormen Belastung. Welche Ursachen die Übelkeit hat und wie sie gelindert werden kann, erfährst du hier.

Autor: Gabriele Möller
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Übelkeit in der Schwangerschaft: Leidensdruck ist riesig

Schwangerschaft Übelkeit
Foto: © Fotolia

Von übermäßigem Schwangerschaftserbrechen (Hyperemesis gravidarum) sprechen Ärzte, wenn sich eine Frau mehr als vier bis fünf Mal täglich übergeben muss und bereits mindestens fünf Prozent ihres Körpergewichts verloren hat. Schon wer von der normalen Übelkeit in der Schwangerschaft geplagt ist, sehnt den Tag herbei, an dem diese endlich aufhört. Bei Frauen aber, die von der extremen Schwangerschaftsübelkeit betroffen sind, ist der Leidensdruck so hoch, dass sie oft kaum noch gute Gefühle zu ihrem ungeborenen Baby haben. „Ich  bin jetzt in der 20. Schwangerschaftswoche, und mir ist immer noch den ganzen Tag schlecht. Ich kann kein Essen oder Trinken drin behalten und habe schon elf Kilo abgenommen. Ich war bereits einmal im Krankenhaus und habe Angst, dass ich nochmal stationär aufgenommen werden muss“, beschreibt Jeannette*, Userin in einem Schwangeren-Forum, ihren Zustand.
„Ich bin mit meinen Kräften am Ende. Ich kann mich ohne Eimer in der Wohnung nicht bewegen. Hinauszugehen - daran ist überhaupt nicht zu denken. Momentan bin ich krankgeschrieben. Aber ich möchte gern einfach wieder leben. Dadurch, dass es mir so mies geht, wächst auch meine Angst von Stunde zu Stunde. Ich mag mich überhaupt nicht mehr mit dem Thema Baby befassen“, schildert Simone* im selben Forum ihr Leid. ++

Hyperemesis-Forum: Gute Gefühle zum Baby überdeckt

Was es für die Betroffenen besonders schwer macht: Sie leiden neben dem häufigen Erbrechen oft auch unter einem starken Krankheitsgefühl und sind sehr geschwächt. „Die Küche war mein Horrorzimmer, schon beim Vorbeilaufen war mein erster Weg der zum Klo. Die Übelkeit wurde unerträglich, nach zwei Wochen konnte ich auch meinen Mann und meinen Sohn nicht mehr riechen. Irgendwann war mein Kreislauf so hinüber, dass ich nicht mehr die Wohnung verlassen konnte.  Mittlerweile hatte ich mich ca. 15 Mal pro Tag erbrochen. Die Kilos purzelten, der Urin hatte sich orange verfärbt. Ich habe über einen Abbruch der Schwangerschaft nachgedacht, aber ich konnte das einfach nicht“, erinnert sich Britta*, eine Mutter aus einem Hyperemesis-Forum.

Schwanger: Ständige Übelkeit macht krank

So schlimm wie in den geschilderten Fällen trifft es nach Schätzung von Fachleuten nur etwa fünf bis 20 von 1.000 Schwangeren. Die Erkrankung beginnt oft um die sechste bis siebte Schwangerschaftswoche herum. Das fast unstillbare Erbrechen führt dazu, dass nicht genug Nahrung und Flüssigkeit in den Darm gelangen und aufgenommen werden. Dies kann zu einer Austrocknung der Mutter und indirekt auch zu einer Mangelversorgung des Kindes führen. Ein Drittel der betroffenen Frauen muss stationär in einer Klinik behandelt werden, um Schäden für sich und das Kind zu vermeiden.

Die Hyperemesis gravidarum wird dabei von Medizinern in zwei Grade eingeteilt: Bei Grad 1 fühlt die Schwangere sich „nur“ elend, bei Grad 2 kommt eine sogenannte Stoffwechsel-Entgleisung hinzu mit Austrocknung und Elektrolytverlust. Bei Grad 2 empfehlen Ärzte die stationäre Aufnahme in eine Klinik.

Körperfunktionen drohen zu entgleisen

Neben der Übelkeit leiden die betroffenen Frauen manchmal auch an weiteren Symptomen. Zu einem extremen Schwächegefühl kommt oft eine trockene Zunge sowie Bewegungs-, Licht- und Geräuschempfindlichkeit hinzu. Auch eine überstarke Wahrnehmung von Gerüchen, wie bei Britta, die sogar ihre eigene Familie sprichwörtlich nicht mehr „riechen“ konnte, kommt vor. Außerdem leiden die Schwangeren bei beginnender Austrocknung unter einem erhöhten Puls und niedrigem Blutdruck. Die Austrocknung äußert sich oft auch in Auffälligkeiten des Urins (Verfärbung), in seltsam obstartigem oder chemischem (acetonartigen) Mundgeruch und in auffälligen Laborbefunden bei Blut oder Urin.

Selten treten auch Fieber und Gelbsucht (Leberprobleme) auf sowie Benommenheit. Das häufige Erbrechen kann außerdem durch den Überdruck, der dabei im Körper entsteht, Schäden an der Speiseröhre, am Übergang zum Magen, in der Lunge oder an einzelnen Nerven auslösen sowie eine Präeklampsie („Schwangerschaftsvergiftung“) und eine Wachstumsverzögerung des ungeborenen Babys begünstigen, fassen Dr. med. Ioannis Mylonas u. a. vom Klinikum der Ludwig-Maximilian-Universität München die Forschungsergebnisse zusammen (Deutsches Ärzteblatt 2007).

Schwangerschaft und Erbrechen: Ursachen sind unklar

Aber wie kommt es zu dieser ungewöhnlich starken Übelkeit? „Die Hyperemesis stellt sich nicht als ein isoliertes Geschehen dar. Sie muss als das Zusammenspiel von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren gesehen werden“, erklärt der Ennepetaler Gynäkologe Dr. med. Vincenzo Bluni Schwangeren in seinem Online-Forum. „Die genaue Entstehung der Übelkeit und des Erbrechens ist nicht sicher geklärt. Während gewisse Autoren hormonelle Ursachen, wie einen rasch ansteigenden Östrogenspiegel im ersten Trimester, abnorm hohe HCG-, Progesteron- und Androgen-Serumspiegel postulieren, weisen andere Untersuchungen auf die Bedeutung psychosozialer Faktoren (wie eine unerwünschten Schwangerschaft oder Konfliktsituation) hin. Wieder andere Untersuchungen zeigen eine instabile elektrische Aktivität des Magens und eine verminderte elektrische Antwort auf Nahrungseinnahme.“ Doch offensichtlich spielten auch bestimmte Keime, wie etwa Helicobacter pylori-Bakterien im Magen in einigen Fällen eine nicht unerhebliche Rolle, so dass deren antibiotische Behandlung durch den Hausarzt notwendig wird. „Ebenso ist bei lang anhaltender Übelkeit die Funktion der Schilddrüse zu überprüfen“, rät Bluni.

Bei körperlichen oder seelischen Vorerkrankungen ist das Risiko erhöht

Außerdem konnten Fachleute beobachten, dass die Hyperemesis gehäuft in der westlichen Welt auftritt, und dass sie statistisch gesehen öfter Frauen mit Migrationshintergrund, Übergewicht, Essstörungen und Mehrlingsschwangerschaften betrifft. Auch wer bereits in einer vorangegangen Schwangerschaft darunter gelitten hat, hat ein großes Risiko, beim nächsten Mal wieder betroffen zu sein, zugleich haben auch Erstgebärende ein etwas erhöhtes Risiko. Auch bei Störungen des Embryos und verschiedenen organischen Krankheiten der Mutter (Leber-, Schilddrüsenfunktionsstörungen) kommt die extreme Übelkeit häufiger vor. Seelische Erkrankungen und Störungen (z. B. Depressionen) begünstigen die Hyperemesis ebenfalls.

Was die Hyperemesis beruhigt

Ist einer schwangeren Frau oft schlecht und muss sie sich häufig übergeben, sollte sie zuerst ihre Ernährung anpassen: auf fettreiche Nahrung (Kuchen, Chips, Soßen, fette Käsesorten, Wurst etc.) verzichten und viele sehr kleine Mahlzeiten anstelle der üblichen Hauptmahlzeiten zu sich nehmen. Auch sonst sollten betroffene Frauen nett zu ihrem momentan sehr sensiblen Magen sein: Der mag in dieser Zeit nichts Kaltes, Saures oder allzu Scharfes, und auch Kaffee lässt man lieber weg.

Weil auch ein abgesackter Blutzuckerspiegel Übelkeit verursachen kann, kann man sich schon abends einen kleinen Snack auf dem Nachttisch bereit stellen (Zwieback, gesüßter Tee in einer Thermoskanne) und sich mit dem Aufstehen noch etwas Zeit lassen. Durch häufiges Erbrechen trocknet man rasch aus. Weil große Flüssigkeitsmengen oft nicht drin bleiben, kann man viele kleine Schlucke Wasser, Tee, dünne Saftschorle oder Brühe über den Tag verteilt trinken

Manche Frauen, die unter der Hyperemesis leiden, haben gute Erfahrungen damit gemacht, wenn sie auf ein plötzlich auftauchendes Bedürfnis nach einem bestimmten Nahrungsmittel hören. So half Britta, die schon über einen Abbruch nachgedacht hatte, ausgerechnet Sauerkraut, ihre Übelkeit in den Griff zu bekommen. „Ich war verzweifelt und schwach, hatte nur noch Schüttelfrost. Mein Mann war schon so weit, dass er mich ins Krankenhaus einweisen lassen wollte. Da bekam ich plötzlich Lust auf Sauerkraut. Es war wie ein Wunder, das Sauerkraut blieb drin.“ Zugleich hatte sie Lust auf Hagebuttentee, und auch dieses Getränk blieb als einziges im Magen. „Zwei Wochen lang machte ich diese ‚Sauerkraut-Kur‘. Bald hörte die Kotzerei auf, ich hatte mich förmlich ausgekotzt.“

Was kann ich gegen Übelkeit in der Schwangerschaft tun?

Sanfte Hilfsmittel stehen am Anfang

Übelkeitsgeplagte können auch ein Stück frischen Ingwer in dünne Scheiben schneiden, mit kochendem Wasser überbrühen (10 Minuten ziehen lassen) und leicht süßen. Die leicht scharfe Wurzel kann Übelkeit mildern. Auch eine Teemischung aus frischem Ingwer, Kamille, Pfefferminz und Melisse erfüllt diesen Zweck oft gut, ebenso kann Fencheltee das empfindliche Verdauungssystem beruhigen.

Viele betroffene Frauen machen auch mit der Akupunktur sehr gute Erfahrungen, oder bemerken, dass ihnen homöopathische Globuli helfen. Wirksam bei überstarkem Schwangerschaftserbrechen soll das Mittel Iris versicolor (Schwertlilie) sein, vor allem wenn die Übelkeit von Sodbrennen und starkem Speichelfluss begleitet ist. Hiervon nimmt man dreimal täglich fünf Globuli ein (Potenz D6 oder D12). Auch das Mittel Jaborandi (Jaborandistrauch), bei dem man die Potenzen D3 bis D6 wählt, wird empfohlen, vor allem, wenn Schilddrüsenprobleme Mitverursacher der Übelkeit sind.

Homöopathie kann den Magen beruhigen

Ein Klassiker ist auch Nux vomica („Brechnuss“). Es eignet sich vor allem bei Übelkeit, die ausgelöst wird durch Geruch und die zudem von Überforderung und Reizbarkeit begleitet ist. Auch Sepia officinalis (Tintenfisch) soll helfen, vor allem wenn eine Frau zusätzlich kalte Hände und Füße hat, leicht friert, depressiv und reizbar ist oder sich überfordert fühlt. Colchicum autumnale (Herbstzeitlose) soll vor allem lindern, wenn eine Frau zusätzlich zur Übelkeit Magenschmerzen hat, ihr schon beim Gedanken an Essen übel wird, sie sich schwach fühlt, leicht friert und unter depressiver Verstimmung leidet. Die erwähnten Mittel Nux vomica, Sepia und Colchicum können entweder in der C30-Potenz einmalig genommen werden, oder in der D6-Potenz drei Mal täglich. Bewährt haben sich auch Nausyn-Tabletten, ein homöopathisches Komplexmittel aus mehreren verschiedenen Wirkstoffen.

Manchmal müssen stärkere Geschütze her

Zwar sollte am Anfang immer ein Versuch mit einer vorsichtigen Ernährung und mit natürlichen Hilfsmitteln stehen. Doch oft brauchen Schwangere mit Hyperemesis gravidarum zusätzlich stärkere Geschütze. Viele Betroffene kommen gut zurecht mit dem Wirkstoff Dimenhydrinat, der z. B. im Medikament Vomex enthalten ist. In welcher Form (als Tabletten, Spritzen, Zäpfchen) und in welcher Dosierung eine Schwangere dieses Mittel einnehmen sollte, muss sie mit ihrem Frauenarzt besprechen. Auch die Wirkstoffe Diphenhydramin (Handelsname z. B. Emesan), Ondansetron (Zofran), Promethazin (z. B. Atosil), Metoclopramid (z. B. Cerucal, Paspertin) sowie das Vitamin B6 (z. B. Pyridoxin) werden von Gynäkologen bei übermäßigem Schwangerschaftserbrechen eingesetzt. Auch wenn sie nicht alle verschreibungspflichtig sind, sollte eine Frau die Einnahme immer mit Ihrem Arzt absprechen. Zwar hat die jahrelange Erfahrung mit diesen Mitteln keine fruchtschädigenden Wirkungen ergeben, trotzdem sind viele der genannten Medikamente offiziell in der Schwangerschaft nicht erlaubt.

Wer eine seelische Vorerkrankung (Angststörung, Depression) oder eine Essstörung (Bulimie, Magersucht) hat, sollte außerdem psychologische Hilfe nutzen. Die geben psychosomatisch geschulte Ärzte, Diplom-Psychologen oder Ärzte für Psychiatrie. Eine Therapie ist aber auch wichtig, wenn das massive Schwangerschaftserbrechen dazu führt, dass man keine positiven Gefühle mehr zum Ungeborenen hat, oder gar an einen Abbruch denkt.

 

Bei akuter Gefahr ist ein Klinikaufenthalt nötig

Wenn eine Frau abnimmt, sich schwach und elend fühlt und kaum etwas bei sich behalten kann, hilft oft nur ein Aufenthalt im Krankenhaus, wieder Ruhe ins Geschehen zu bringen und eine gefährliche Austrocknung zu verhindern oder zu behandeln. Infusionen normalisieren dabei nicht nur den Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt. Sie lindern zugleich auch den Brechreiz, weil eine beginnende Austrocknung ebenfalls Übelkeit verursacht. Infusionen oder auch eine Sonde können außerdem die nötigen Nährstoffe zuführen, wenn eine Frau auf normalem Wege nichts mehr aufnehmen oder bei sich behalten kann. Die Behandlung wird so lange durchgeführt, bis das Erbrechen aufhört oder zumindest nicht mehr öfter als dreimal täglich auftritt. Danach beginnt ein vorsichtiger Aufbau normaler, aber schonender Nahrung. Kommt eine Frau damit – und eventuell mit den verschriebenen Medikamenten – gut zurecht, kann sie wieder nach Hause.

Bei vielen Frauen legt sich die starke Übelkeit bis spätestens zur 20. Schwangerschaftswoche, manche werden aber bis zum Schluss davon geplagt. Hier ist der einzige Trost, dass die Hyperemesis mit der Geburt des Babys sofort aufhört.

*Name geändert


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