Interview

Pränatale Diagnostik führt zu heiklen Fragen

Wer während eine Schwangerschaft pränatale Diagnostik durchführen lässt, stellt sich der Frage: Ist mein Kind behindert? Ärzte brauchen dann viel Takt- und Einfühlungsvermögen. Ein Interview mit dem Experten Dr. Andreas Meyer.

Autor: Gabriele Möller
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Interview mit Dr. Andreas Meyer

Schwangere nachdenklich Ultraschallbild iStock Brosa
Foto: © iStockphoto.com/ Brosa

Schwieriger Alltag: Ärzte in Praxen für vorgeburtliche Diagnostik müssen fast täglich Behinderungen, Entwicklungsstörungen oder Krankheiten bei ungeborenen Kindern diagnostizieren. Für beide Seiten – Arzt und Schwangere – eine oft leidvolle Situation. urbia sprach mit dem Arzt Andreas Meyer, der in einer Krefelder Praxis für pränatale Diagnostik arbeitet und selbst fünf Kinder hat.

urbia:

Was genau wird eigentlich in Ihrer Praxis gemacht?

Meyer: Unsere Patienten sind ausschließlich Überweisungspatienten, also Frauen, die von ihrem Gynäkologen zu uns geschickt werden, damit wir Untersuchungen vornehmen, die in der normalen Arztpraxis nicht so gut möglich sind. Entweder weil das dortige Ultraschallgerät vielleicht nicht dieselben Möglichkeiten bietet, oder weil dem Arzt die Erfahrung bei der Ultraschalldiagnostik fehlt, die wir hier haben. Wir machen außerdem auch die sogenannten Fruchtwasseruntersuchungen bei Patientinnen über 35 oder solchen, wo bereits ein Verdacht auf einen genetischen Defekt beim Embryo besteht.

urbia:

Wie sagen Sie es einer Schwangeren, wenn tatsächlich etwas nicht stimmt?

Meyer: Zum Beispiel bei der Fruchtwasserpunktion sind die Untersuchungsergebnisse erst nach ein paar Tagen da. Unsere oberste Regel lautet: Wir teilen Diagnosen weder telefonisch noch schriftlich mit. Wenn alles in Ordnung ist, sagen wir es den Frauen meist selbst. Wenn etwas nicht stimmt, ist es in unseren Augen am günstigsten, wenn ihr eigener Gynäkologe, den sie ja besser kennt, mit der Betroffenen spricht und sich dafür auch richtig Zeit nimmt.

Es gibt aber natürlich auch Diagnosen, die wir gleich an Ort und Stelle stellen können, zum Beispiel beim sogenannten offenen Rücken (Spina bifida) des Kindes. Diese Entwicklungsstörung sieht man im Ultraschall. Dann ist es an uns, der Schwangeren vorsichtig zu erklären, was mit dem Kind nicht stimmt.

urbia:

Sollte ein Arzt eine Schwangere, bei deren Kind ein Defekt festgestellt wurde, dahingehend beraten, ob sie besser abtreiben sollte oder nicht?

Meyer: Das halte ich für ganz falsch. Man darf auf keinen Fall seine eigene Meinung oder seinen persönlichen Maßstab ansetzen. Selbst wenn ein Baby voraussichtlich überhaupt nicht lebensfähig sein wird nach der Geburt, darf man nie zur Abtreibung raten. Ich habe erlebt, dass eine Frau sich bewusst dafür entschieden hat, ein solches Kind zu bekommen. Es ist dann in ihren Armen gestorben und bekam eine richtige Beerdigung. Für manche Mütter ist das wichtig. In vielen Krankenhäusern werden von den Hebammen Fotos von jedem toten Kind gemacht, auch wenn die Mutter es zunächst gar nicht sehen will. Manche Frauen kommen noch Jahre später und fragen nach den Bildern.

Natürlich gibt es auch viele Frauen, die das Baby lieber gleich abtreiben und auch gar nicht sehen wollen. Die Menschen sind eben sehr verschieden, und deshalb darf man nie versuchen, die Schwangere in eine bestimmte Richtung zu drängen. Ich sehe meine Aufgabe darin, sie so genau wie möglich über die Diagnose und was sie für das Kind bedeuten kann, zu informieren. Die Entscheidung muss sie dann allein oder mit dem Partner treffen. Ich finde es verkehrt, wenn Ärzte bei manchen Diagnosen gleich von Abtreibung reden. Das steht uns nicht zu.

urbia:

Die pränatale Diagnostik ist sehr umstritten. Man wirft ihr vor, eine Selektion von „lebenswertem“ und „lebensunwertem“ Leben zu begünstigen. Wie sehen Sie persönlich das Problem?

Meyer: Seit ich die Erfahrung in der Praxis habe, hat sich meine eigene Einstellung sehr gewandelt. Früher hätte ich gesagt, dass z.B. ein Kind mit Lippen-Kiefer-Gaumenspalte (sogenannte „Hasenscharte“) auf keinen Fall abgetrieben werden sollte. Schließlich gibt es ja operative Möglichkeiten. Aber man muss sich darüber im Klaren sein, dass es meist mit einer Operation nicht getan ist, sondern dass über Jahre hinweg immer wieder operiert werden muss, und dass ein solches Kind oft Riesenschwierigkeiten beim Sprechen oder Trinken hat, davon abgesehen, dass es häufig gehänselt wird. Es ist eine langwierige Beeinträchtigung. Letztlich sollten die Eltern selbst entscheiden, ob sie das auf sich nehmen oder es dem Kind zumuten wollen.

Das gilt auch für schwerwiegendere Erkrankungen, wie z.B. die Muskeldystrophie (Muskelschwund) oder die Mucoviszidose (eine Lungenerkrankung). Diese Erbkrankheiten sind nicht heilbar, die Betroffenen werden meist nicht sehr alt. Es ist kaum zu entscheiden, wer es da schwerer hat, die Erkrankten oder die Eltern, die tagaus, tagein mit der schweren Krankheit umgehen müssen. Man kann niemanden dazu zwingen, das auf sich zu nehmen, sondern sollte den Betroffenen die Entscheidung überlassen. Die absolute und alleingültige Wahrheit gibt es da nicht. Ich selbst habe allerdings für mich entschieden, keine Schwangerschaftsabbrüche durchzuführen, das ist meine persönliche Grenze.

 

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