Wenn die Umstände nicht so angenehm sind

Ich bin nicht gerne schwanger

Das Klischee will, dass Schwangere überwiegend auf "Wolke 7" schweben und die Zeit mit wachsendem Babybauch in vollen Zügen genießen. Doch es gibt auch Frauen, die nicht gerne schwanger sind und dies manchmal kaum auszusprechen wagen.

Autor: Gabriele Möller
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Schwanger sein: Zeit der Unsicherheit

Schwangere traurig
Foto: © fotolia.com/ Monkey Business

"Ich bin jetzt in der 21. Woche und absolut nicht gern schwanger. Ich denke so oft: Oh Mann, was haben wir uns hier angetan?", berichtet eine Schwangere im urbia-Forum. "Dabei wollte ich immer schnell viele Kinder. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass alles für immer 'rum ist. Ich hätte nie gedacht, dass sich mein altes Leben so schnell so komplett ändert." Ein Kind zu bekommen, kann den Boden also ganz schön ins Wanken bringen. Doch diese Verunsicherung ist normal: "Die Herausforderung durch die Schwangerschaft besteht vor allem in einer Neuorientierung. Die eigenen Ressourcen müssen überprüft werden – die gesamte Lebenssituation wird auf den Punkt gebracht: die eigene Stabilität, die Lebensplanung, die  Partnerschaft", erklärt Psychologin Prof. Dr. Beate Wimmer-Puchinger von der Universität Salzburg.

Und täglich grüßt das Zipperlein

Auch körperliche Beschwerden können den Genuss trüben. "Ich bin jetzt Ende der 22. SSW, und ich habe gerade eine Blasenentzündung plus einen Pilzinfekt im Intimbereich. Als ob das nicht reicht, habe ich erfahren, dass meine Kleine schon viel zu früh fest im Becken liegt. Ich muss alle drei bis vier Wochen ins Krankenhaus, weil irgendwas ist. Ich möchte endlich meinen Schatz im Arm halten", seufzt eine Userin. "Oh ja, ich war nie gern schwanger. Ich habe es gehasst, diese Kurzatmigkeit, die Ischiasschmerzen, das ständige Ziehen und Drücken, dieses völlig veränderte Körpergefühl, das nicht mehr so belastbar Sein", erinnert sich eine Mutter.

Ich sehe so anders aus

Für manche Frauen sind auch die Veränderungen des Körpers wenig enthusiasmierend. "Ich war keine 'glückliche Schwangere', obwohl beide Kinder gewollt waren. Ich wollte nur, dass es endlich vorbei war. Ich konnte mich im Spiegel nicht mehr ertragen ", erinnert sich eine Mutter."Ich kann auch nicht gerade sagen, dass ich die Schwangerschaft genieße. Da ist der dicke Bauch, die Unbeweglichkeit, ich komme mir vor wie meine Oma. Und dann immer der schreckliche Moment beim Arzt, wenn es heißt: 'So, jetzt brauchen wir noch das  Gewicht...'", seufzt eine Frau. Wenn Frauen ihre Schwangerschaftsfigur ablehnen, liegt das manchmal daran, dass Weiblichkeit, Kurven und sichtbare Fruchtbarkeit in unserer Zeit nicht hoch im Kurs stehen. Der weibliche Körper hat sexy zu sein, und nicht mütterlich. Vielleicht ist die eigene Schwangerschaft da eine gute Gelegenheit, dem Ideal der Durchtrainiertheit, Schlankheit und Leistungsfähigkeit etwas Neues entgegenzusetzen: Die Weichheit, Schönheit und Sinnlichkeit einer werdenden Mutter.

Wenn das Leben gerade kompliziert ist

Die Vorfreude hat es dann nicht leicht, wenn eine Frau Existenzsorgen hat. "Ich bin schwanger und in einer festen Beziehung. Wir haben beide eine eigene Wohnung. Ich bekomme ALG II, er arbeitet, allerdings in den Niederlanden. Ich wünsche mir so sehr, dass wir zusammenziehen, wenn das Kind da ist. Aber das geht nicht, ich bekomme ja dann kein Geld mehr. Für ihn reicht sein Geld zwar, aber für drei Personen wird das nichts", glaubt eine Userin. Paare mit Geldsorgen sollten der ARGE oder dem Jobcenter einen Besuch abstatten, um zu klären, wie der Lebensunterhalt mit Kind gesichert werden kann.

Schwanger ohne Partnerschaft

Wenn eine Frau allein auf sich gestellt ist, hat das Glück es ebenfalls schwer. "Im Moment ist mir alles zu viel! Ich bin jetzt in der 25. Woche und schon ' alleinerziehend', was ich nie gedacht hätte. Ich arbeite noch bis zum Monatsende, mein befristeter Vertrag wird natürlich nicht verlängert. Das ALG I ist beantragt, doch von dem Geld (650 Euro) kann ich bei einer Miete von 500 Euro warm nicht leben. Das Geld bekomme ich zudem erst Ende nächsten Monats. Wie soll ich die zur Monatsmitte fällige Miete bezahlen, und von was soll ich leben?", fragt sich eine Schwangere. Hier kann eine Beratung z. B. bei der Caritas, der Diakonie oder Pro Familia helfen, eine Lösung zu finden. Manchmal gibt es auch eine finanzielle Überbrückung.

Mit Kugelbauch auf der Baustelle

Auch etwas Schönes wie der Bau des eigenen Hauses oder ein Umzug in die Wunschwohnung kann das Gefühl "Ich will nicht mehr" auslösen. "Ich bin jetzt in der 34. Woche, und wir haben mit unserem Hausbau angefangen. Mein Mann ist sehr perfektionistisch und will bei jedem Pieps auf der Baustelle dabei sein. Er ist jedes Wochenende dort, ich fühle mich so allein gelassen", erzählt eine Frau. "Wir ziehen gerade um. Jeden Tag fahre ich ins neue Haus, um erst mal wieder sauber zu machen. Abends kommt mein Freund von der Arbeit, und wir bauen Möbel auf. Ich habe seit Wochen nur Stress, es ist kein Ende in Sicht", klagt eine andere.

Ängste contra Vorfreude

Manchmal wird die Freude auch von Ängsten überdeckt. "Ich hatte im Dezember einen  Abgang und bin nun wieder schwanger, in der 9. Woche. Für mich war schon das Warten bis zum Arzttermin schrecklich, ich konnte die Nacht davor nicht schlafen. Zum Glück konnte man das Herzchen schlagen sehen. Aber die Angst kann einem keiner nehmen", so eine Userin. Auch nach einer Kinderwunschbehandlung ist das Nervenkostüm dünn. "Ich bin in der 6. Woche schwanger. Ich habe zwei ICSIs und eine Kryo-Behandlung hinter mir. Ich habe unbeschreibliche Angst, das Kind zu verlieren", erzählt eine Frau.

Doch selbst wenn frau keine schlechten Erfahrungen hatte - eine Schwangerschaft ganz ohne Ängste gibt es nicht. "Neue und komplexe Sachverhalte lösen zunächst immer Angst aus. Daher ist es nicht verwunderlich, dass auch in der Schwangerschaft Angst ein normales Phänomen darstellt", sagen Prof. Dr. Mechthild Neises von der Medizinischen Hochschule Hannover und Dr. Martina Rauchfuß von der Charité Berlin. Um Ängste zu lindern und der Vorfreude eine Chance zu geben, kann ein Yoga-Kurs für Schwangere helfen, oder eine andere wirksame Methode wie Meditation, Autogenes Training oder Progressive Muskelrelaxation.

Romantische Schwangerschaft - auch eine Typfrage

Ob man seine Schwangerschaft genießen kann, hängt aber auch vom Typ ab. Da gibt es die Ungeduldigen, die es gar nicht erwarten können, ihr Baby endlich im Arm zu halten. Oder die Sachlichen, für die Schwangerschaft etwas ist, das man hinter sich bringen muss, wenn man ein Kind will. "Dass ich da was Tolles, Großartiges vollbringe - nein, das empfinde ich nicht so. Es passiert eh alles automatisch. Für mich ist das Ganze nur ein Mittel, um zum Kind zu kommen", berichtet eine Frau. "Die Zeit scheint zu schleichen. Ich kann mir nicht wirklich vorstellen, dass in meinem Bauch ein Mensch sein soll. Ich bin auch nicht der Typ Frau, der den halben Tag den Bauch streichelnd da sitzt. Da käme ich mir echt dämlich vor", so eine andere.

Schuldgefühle über Bord!

Wenn eine Frau nicht gern schwanger ist, schleichen sich manchmal Schuldgefühle ein. "Ich finde es grauenhaft, schwanger zu sein. Das ist schon die ganze Zeit so, und ich mache mir deswegen wirklich Vorwürfe", berichtet eine Userin. Manche fürchten auch, dass ihr Ungeborenes Schaden nehmen könnte. "Ich bin launisch, ich bin unglücklich in meiner Beziehung, und ich fühle mich permanent wie prämenstruell, also einfach schrecklich. Und ich denke, das arme Kind bekommt vielleicht mit, dass ich mich nicht sonderlich freue", sorgt sich eine andere. Auch das Gefühl des Versagens sitzt oft mit im Boot: "Offenbar sind alle glücklich schwanger, und ich eine Versagerin. Ich fühle mich auch meistens nicht schwanger, sondern krank", so eine Frau frustriert. Doch Schuldgefühle darf man getrost über Bord werfen. Es ist eine noch recht neue Idee, dass Schwangersein gleichbedeutend sei mit Glücksein. Noch unsere Großmütter waren oft viel realistischer in ihren Erwartungen. Die Forderung, sie müssten diese Zeit, die nicht umsonst "Umstände" genannt wurde, genießen - die hätte viele von ihnen befremdet.


Zuwendung trägt durch die Schwangerschaft

Schwangere wissen heute Bescheid über Triple Test,  Feinultraschall und Toxoplasmose. Doch diesem Mehr an Wissen steht oft ein Mangel auf seelischer Seite gegenüber, und auch der kann Ursache sein, wenn eine Frau ungern schwanger ist. Nach einer österreichischen Studie hatten Dreiviertel der Schwangeren bei den Vorsorgeuntersuchungen keine Gelegenheit, auch über ihre Lebenssituation oder Gefühle zu reden. "Eine Ursache dafür liegt in dem im Wesentlichen biologisch orientierten Konzept", glauben Prof. Neises und Dr. Rauchfuß. "Der psychosoziale Kontext der Schwangerschaft wird vernachlässigt, die individuelle Lebenssituation der Frau, ihr subjektives Erleben ausgeblendet. Damit bleibt man auf der Stufe der Wissensvermittlung stehen." Damit eine Schwangere sich wohlfühlt, braucht sie also Zuwendung. Die kann auch von Freunden oder hilfreichen Verwandten kommen. Die Existenz solcher Netzwerke entscheidet sehr darüber, ob es Schwangeren gut geht oder nicht, das haben US-Forscher an der Universität Michigan herausgefunden. "Das Eingebundensein in ein enges soziales Netz ist wichtiger für das Wohlbefinden von Schwangeren, als Geld oder Status", so die Psychologin und Studienleiterin Dr. Cleopatra Abdou.

Buchtipps:

  • Karen Sailer, Martina Czolgoszewsky: "Schwangerschaft. Mythos und Wirklichkeit", Arun Verlag (2005), ISBN-13: 978-3935581530.
  • Christine Brasch, Inga-Maria Richberg: "Das ehrliche Buch vom Kinderkriegen. Ängste während der Schwangerschaft und wie sie sich überwinden lassen", Goldmann Verlag (1998), ISBN-13: 978-3442139644.

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