Täuschend echte Symptome

Schein-Schwangerschaft, gibt es das?

Die Regel bleibt aus, der Bauch wird rund, es treten morgendliche Übelkeit oder später gar Kindsbewegungen auf - und doch es ist keine Schwangerschaft. Dem Phänomen "Schein-Schwangerschaft" auf der Spur.

Autor: Gabriele Möller
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Täuschend echte Symptome erschweren die Einsicht

Frau Test scheinschwanger
Foto: © iStockphoto.com/ Dean Mitchell

"Ich habe das Gefühl, schwanger zu sein. Als meine Regel ausblieb, bin ich bei verschiedenen Ärzten gewesen. Aber alle haben mich nicht richtig ernst genommen", klagt eine Frau (48) anonym. "Inzwischen bin ich bei der vierten Ärztin. Sie hat mich untersucht und gesagt, dass keine Schwangerschaft vorliegt. Ich habe selbst schon mehrere Schwangerschaftstests gemacht, alle negativ." Die Ärztin habe ihr einen Hormonspiegel vorgeschlagen, weil sie vermute, dass sie in die Wechseljahre komme. "Ich habe aber keine Wechseljahresbeschwerden! Ich habe ihr meinen großen Bauch gezeigt und auch erzählt, dass ich eine dunkle Färbung um die Brustwarzen habe. Sie hat von ihrem Schreibtisch aus einen Blick auf meinen Bauch geworfen und gesagt, dass ich halt ab jetzt zwei Nummern größere Hosen bräuchte. Sie fand es unnötig, mich ein weiteres Mal zu untersuchen."

Seit eine Schwangerschaft per Urintest und Ultraschall schon recht früh festgestellt werden kann, tritt sie nicht mehr oft auf: die sogenannte  Scheinschwangerschaft (Pseudocyesis). Dennoch kommt sie immer wieder einmal vor. Wenn eine Frau schwangerschaftstypische Veränderungen an sich beobachtet, kann es manchmal schwer für sie sein zu akzeptieren, dass dennoch kein Baby in ihr heranwächst. Schließlich scheint alles zu stimmen: Die Regelblutung bleibt aus, sie leidet unter Übelkeit oder Erbrechen, hat ungewohnte Essgelüste, die Brüste schwellen an und der Bauch wird rund. In manchen Fällen schießt sogar Vormilch (Kolostrum) in die Brust ein, die Gebärmutter wächst etwas oder die Betroffene glaubt, Kindsbewegungen zu spüren.

Kann jeder eine Scheinschwangerschaft entwickeln?

Dass wie im Eingangsbeispiel eine Frau in eher fortgeschrittenem Alter betroffen ist, ist nicht untypisch. "Die psychologischen Hintergründe einer 'Scheinschwangerschaft' sind in der Regel nachvollziehbar: ein starker, ja extremer, alles andere überlagernder Kinderwunsch, was sich besonders bei älteren Frauen zu finden scheint", erklärt Prof. Dr. med. Volker Faust, Arzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie aus Ravensburg. Doch auch das Gegenteil gilt: Auch "eine schuldhaft verarbeitete Angst vor einer Schwangerschaft" kommt als Ursache in Frage, so Faust. Wie so oft in der Psychologie gilt: Beides, der Wunsch nach einem Baby wie auch die Angst vor einer Schwangerschaft müssen der Betroffenen nicht vollständig bewusst sein, auch wenn dies manchmal der Fall ist: "Seit zwei Monaten habe ich das Gefühl, dass ich schwanger bin. Ich hatte bei der Regel nur leichte Blutungen. Ich nehme die Pille, aber ich glaube, dass ich trotzdem schwanger bin. Ich habe einen riesigen Bauch, mir ist immer heiß, ich habe Fressattacken und ich bin dauernd müde. Ein Test war aber negativ. Meine Cousine ist gerade schwanger, und ich selbst hatte eigentlich auch schon eine zweite Schwangerschaft eingeplant. Aber aus finanziellen Gründen passt es momentan nicht. Ich denke langsam, ich bin verrückt. Ich glaube, mein Verstand sagt, 'ich will kein Kind', aber mein Unterbewusstsein will das schon!", beschreibt eine Frau ihre Gefühlslage.

Wie entstehen die körperlichen Symptome?

Die Frage, was zuerst da war: die Schwangerschaftssymptome oder die Überzeugung schwanger zu sein, ist wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei. "Die Psyche interagiert ganz intensiv mit dem Körper", erklärt Frauenärztin Dr. Inge Reckel-Botzem aus Hainburg. Dieses intensive Zusammenspiel zwischen Körper und Psyche wie bei einer "Scheinschwangerschaft" sei gar nicht so ungewöhnlich. Dabei sind beide Fälle möglich: Manchmal lösen körperliche Störungen wie Zysten (die zum Ausbleiben der Regelblutung führen können) oder Fibrome (gutartige Geschwülste), Fetteinlagerungen, Bauchwassersucht durch bestimmte Erkrankungen, Blähungen oder verstärkte Darmbewegungen körperliche Veränderungen aus. Und diese werden dann von manchen Frauen falsch interpretiert. Umgekehrt kann auch die Überzeugung, schwanger zu sein, so stark auf das endokrine System (die Hormondrüsen) wirken, dass es zu den typischen Symptomen kommt, wie etwa dem Ausbleiben der Regel oder Milchabsonderungen aus der Brust. In jedem Fall aber bleibt ein Schwangerschaftstest negativ, es wird kein HCG produziert.

Wenn die Seele sich verstrickt hat

Die "Heilung" von dem Irrtum schwanger zu sein erscheint leicht: Ein negativer Schwangerschaftstest, ein Ultraschall, auf dem nur eine leere Gebärmutter zu sehen ist - sollte das nicht ausreichen, damit eine Frau einsieht, dass sie nicht schwanger ist? Doch bei einer Scheinschwangerschaft kann das Loslassen zu einem großen und schweren Schritt werden. "Ich habe Unterleibs- und Rückenschmerzen. Einmal war es mir morgens so übel, dass ich mich beinahe übergeben hätte. Ich habe ständig Hunger, und es wird mir oft ganz flau. Ich hatte jetzt meine Tage, aber schwächer als sonst. Ich habe zwei Frühtests gemacht, aber die waren eindeutig negativ. Also habe ich beschlossen, es dabei auch endlich zu belassen. Mein Problem ist: Ich kann es nicht!", klagt eine andere Betroffene. "Aber das kann doch nicht so weitergehen! Ich fühle mich schwanger, ich habe ein schlechtes Gewissen, wenn ich Alkohol trinke, ich finde meinen Busen größer und meinen Bauch dicker."

Wichtig zur Bewältigung: die Frage nach dem Warum

Manchmal braucht eine Frau daher Hilfe, damit ihre Seele wieder heraus findet aus der Verstrickung in den übermächtigen Gedanken, schwanger zu sein. Frauenärzte seien jedoch oft nicht dafür ausgebildet, hellhörig zu werden, wenn Patientinnen hier zusätzliche Hilfe bräuchten, beklagt Diplom-Psychologin Constanze Weigle aus Stuttgart. "Da müsste eine viel größere Kooperation zwischen Psychologen und Frauenärzten stattfinden." Oft aber würden betroffene Frauen gar nicht zu einer psychologischen Beratung weiter verwiesen. Dabei sei das unbedingt nötig. "Es wäre sehr sinnvoll, sich mit dem übersteigerten Kinderwunsch oder der Angst auseinanderzusetzen", so die Therapeutin. Manchmal aber sind es auch die Frauen, die psychologische Hilfe ablehnen, weil sie nicht als "verrückt" gelten wollen.

Peinlich: Aufklärung von Freunden, Familie oder Kollegen

Hilfe ist aber auch aus einem anderen Grund wichtig. Auch wenn eine Frau irgendwann nicht nur mit dem Kopf, sondern sprichwörtlich auch mit dem Bauch akzeptiert, dass sie doch nicht schwanger ist, ist das Problem oft nicht gelöst. "Ich trage doch Schwangerschaftsklamotten. Und alle - die Kollegen bei der Arbeit, aber auch meine Verwandten und Bekannten - denken, dass ich schwanger bin", berichtet eine Frau, die nicht weiß, wie sie ihrer Umgebung beibringen soll, dass sie nun doch nicht schwanger ist. Es ist für eine Betroffene peinlich, alle aufklären zu müssen und vielleicht als seltsam dazustehen. Auch hier kann eine Psychotherapie bei der Bewältigung der belastenden Situation helfen.


"Scheinschwanger" bei Kinderwunsch

In den Kinderwunschforen im Internet wird oft noch ein anderes Phänomen als "Scheinschwangerschaft" bezeichnet, das aber nicht wirklich dazu gehört: das Entdecken vermeintlicher Anzeichen dafür, dass es mit dem Schwangerwerden geklappt haben könnte. "Ich bin heute acht Tage nach meinem Eisprung und bilde mir schon wieder alles Mögliche ein: mein Bauch zieht immer mal wieder und meine Brustwarzen sind manchmal ganz empfindlich. Dabei habe ich mir dieses Mal vorgenommen, mit einem Schwangerschaftstest bis nach dem Menstermin zu warten. Aber ich drehe bis dahin bestimmt am Rad", berichtet eine ungeduldige Userin. Diese "Frühsymptome" haben, wenn sie nicht auf eine Schwangerschaft hindeuteten, einen natürlichen Grund: Leichte Übelkeit, schwache Unterleibskrämpfe, veränderter Appetit, Müdigkeit, geschwollene Brüste oder empfindliche Brustwarzen sind häufige, hormonell bedingte Zipperlein der zweiten Zyklushälfte. Sie werden aber bei Kinderwunsch leicht fehlinterpretiert. Das starke Achten auf solche Signale verstärkt die Symptome noch (die man zudem während einer vielleicht langjährigen Pilleneinnahme nicht kannte, weil man da keinen normalen Zyklus hatte). Behandlungsbedürftig aber ist diese vorübergehende Selbsttäuschung nicht, denn sie verschwindet sofort mit Einsetzen der Regelblutung oder einem negativen Test.

Windmole ist keine Scheinschwangerschaft

Auch ein anderes Ereignis wird manchmal als "Scheinschwangerschaft" bezeichnet, muss aber von der echten, psychisch bedingten Form unterschieden werden: die Windmole oder das "Windei". Hierbei entsteht nach Befruchtung einer Eizelle und deren Einnistung in der Gebärmutter zwar ein Keimbläschen, es findet sich aber darin kein Embryo. Trotzdem wird das Schwangerschaftshormon HCG produziert, weshalb echte Schwangerschaftssymptome auftreten und ein Test positiv ausfällt. Die Windmole hat keine psychischen Ursachen und endet früher oder später mit einer Fehlgeburt, bzw. wird manchmal schon vorher im Rahmen einer kleinen Operation ausgeschabt.

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