Nährender "Mutterkuchen" für das Baby

Wunder auf Zeit: Die Plazenta

Bei der wunderbaren Entstehung neuen Lebens spielt die Plazenta (der Mutterkuchen) eine Hauptrolle. Sie nährt und schützt den Fötus und wird im Mythos mit dem Bild des Lebensbaums in Verbindung gebracht. Erfahren Sie, was die Plazenta leistet, welche Probleme es geben kann und was nach der Geburt mit ihr geschieht.

von Gabriele Möller
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Schwangere liegend Bluete
Foto: © iStockphoto.com/ Goldfaery

Wo Mutter und Baby eins sind

Das Wort Plazenta stammt aus dem Griechischen (plakous) und heißt „flacher Kuchen“. Im Deutschen wird dieser Begriff seit dem 18. Jahrhundert mit „Mutterkuchen“ übersetzt. Die flache, runde Plazenta ähnelt tatsächlich in ihrer Form einem kleinen Kuchen. Sie erreicht einen Durchmesser von 15 bis 25 Zentimetern, eine Dicke von 3 cm und wiegt bei der Geburt etwa ein Pfund.

Der Mutterkuchen besteht aus einer Ansammlung feinster, sich verzweigender Blutgefäße, die von leicht schwammigem Bindegewebe umgeben sind. Dieses Organ, das nur eine Lebensdauer von etwa 280 Tagen hat, ist ein echter Allrounder: Es versorgt das Ungeborene mit Sauerstoff und Nahrung, schirmt es gegen manch schädliche Stoffe und Einflüsse ab, entsorgt seine Stoffwechselprodukte und produziert Hormone.

Doch wie entsteht dieses Hochleistungsorgan? Am Anfang steht die Einnistung der befruchteten Eizelle in der Gebärmutter. Dann bildet sich aus einem Teil der sog. Keimblase die kindliche Seite der Plazenta. Diese ist mit der Nabelschnur verbunden. Sie besitzt feine, sich verzweigende Zotten (das Chorion). Der andere Teil der Plazenta ist an der Gebärmutterwand festgewachsene und heißt Basalplatte. Er ist Teil des mütterlichen Gewebes. Der schmale Raum zwischen der kindlichen und der mütterlichen Seite ist mit mütterlichem Blut gefüllt. In diesen Raum hinein wurzeln die feinen Zotten des kindlichen Plazenta-Anteils.

Ein „Multitasking“-Organ

Die Plazenta versorgt nicht nur das Baby mit Sauerstoff und Nährstoffen. Sie  produziert auch das Schwangerschaftshormon Human Chorion Gonadotropin (HCG). „Es sorgt dafür, dass die Muskelschicht der Gebärmutter mitsamt der befruchteten Eizelle nicht abgestoßen wird. Außerdem bewirkt es bei einem weiblichen Kind die erste Reifung von Eizellen in den Eierstöcken sowie bei männlichen Kindern den Abstieg der Hoden in den Hodensack“, erklärt Dr. med. Nicolas Gumpert aus Frankfurt.

Der Mutterkuchen stellt außerdem Östrogene her. Diese sorgen dafür, dass der Busen größer wird, die Milchbläschen sich dort entfalten, weniger Haare ausfallen als sonst und die Haut leicht aufgeschwemmt wirkt. Ab dem vierten Monat löst die Plazenta zudem den Gelbkörper im Eierstock in der Produktion des Gelbkörperhormons ab, wenn dieser sich zurückbildet. Das Gelbkörperhormon (Progesteron) unterdrückt die Menstruation, beruhigt die Gebärmuttermuskulatur  und ermöglicht so überhaupt das Weiterbestehen der Schwangerschaft.

Plazenta hilft dem Ungeborenen beim „Atmen“

Doch die Plazenta schafft noch mehr: Fürsorglich transportiert sie auch Stoffwechselabbauprodukte des Kindes und verbrauchte Luft, also Kohlendioxid (CO2), ab. Denn auch wenn das Baby noch nicht mit seiner Lunge atmet, findet in seinen Körperzellen schon der Sauerstoffaustausch statt, ohne den kein Säugetier überleben kann.

Und so arbeitet die Plazenta: Das mütterliche Blut fließt im erwähnten blutgefüllten Hohlraum in der Plazenta langsam an den Zotten entlang, die zur kindlichen Seite des Mutterkuchens gehören und kleine Blutgefäße enthalten. Über diese werden Sauerstoff und Nährstoffe (z. B. Zucker und Eiweiße), aber auch Immunglobuline (als teilweiser Schutz vor Infektionen)  aufgenommen und gelangen über die Nabelschnurvene zum Kind. Umgekehrt gelangen CO2 und Stoffwechselprodukte über zwei Nabelschnurarterien vom Ungeborenen zurück zu den Zotten und werden dort an das mütterliche Venensystem abgegeben.

Die Plazentaschranke – nur eine „Teilkasko“-Versicherung

Obwohl die kindlichen Zotten mit ihren feinen Ästchen im Plazentablut der Mutter wurzeln, sind sie nicht direkt mit ihm verbunden. Eine dünne Membran auf jeder Zotte trennt den kindlichen Blutkreislauf vom mütterlichen. Diese zarte Membran ist die „Plazentaschranke“. Ein direkter Kontakt zwischen dem Blut des Babys und seiner Mutter hätte zahlreiche Nachteile. So gäbe es zum Beispiel Probleme, wenn Mutter und Kind unterschiedliche Blutgruppen besitzen (gefährliche Verklumpungen) oder die Mutter Rhesus-negativ ist, ihr Kind aber Rh-positiv (Angreifen des kindlichen Blutes durch das Immunsystem der Mutter). Die Plazentaschranke soll das Kind aber auch vor schädlichen Stoffen oder Krankheitserregern schützen.

Doch diese Schranke ist nicht hundertprozentig dicht. Ihre feinen Poren lassen vor allem solche Substanzen durch, die für den Menschen noch relativ neu sind, wie Alkohol, verschiedene Gifte, Drogen und Medikamente. Aber auch manche Bakterien und Viren sind klein genug, um durch die winzigen Poren der Membran hindurchzuschlüpfen (z. B. Röteln-, Ringelröteln-, Windpockenviren usw.).

Probleme mit dem Mutterkuchen

Ungünstige Lage: die Plazenta praevia

Läuft alles nach Plan, nistet sich die befruchtete Eizelle und damit auch die entstehende Plazenta im oberen Bereich der Gebärmutter ein, und zwar an der Vor- oder der Rückwand. Eine Vorderwandplazenta (die zur Bauchdecke der Schwangeren hin liegt) ist normal, aber manchmal Schuld daran, dass eine Frau ihr Baby erst später spüren kann.

Manchmal jedoch erfolgt die Einnistung an einer ungünstigen Stelle, nämlich zu weit unten und damit in der Nähe des Gebärmutterausgangs. Verdeckt sie ihn teilweise oder ganz, wird dies als Plazenta praevia (lat. praevius = vorangehend) bezeichnet. In einem Fünftel der Fälle wächst auch eine solche Plazenta bis zur 24. Schwangerschaftswoche noch nach oben. Und eine lediglich in Muttermundnähe liegende Plazenta rückt sogar „in den allermeisten Fällen im weiteren Verlauf nach oben“, beruhigt Dr. med. Vincenzo Bluni in seinem Beratungsforum.

Eine bleibende Plazenta praevia kommt etwa bei einer von 200 Schwangerschaften vor. Mehrgebärende Frauen sind häufiger betroffen, was vor allem bei rascher Schwangerschaftsfolge gilt. Auch nach Kaiserschnitten, Fehlgeburten und nach Operationen in der Gebärmutter ist das Risiko erhöht. Je nachdem, ob der Mutterkuchen nur am Rand, teilweise oder ganz vor dem Muttermund liegt, entscheiden die Ärzte über die Art der Entbindung. Manchmal führt kein Weg am Kaiserschnitt vorbei.

Blutungen am Rand der Plazenta

Zu Plazentarandblutungen kommt es, wenn Risse an den kleinen Adern am Rand des Mutterkuchens entstehen. Dies kann zum Beispiel bei tiefsitzender Plazenta passieren, nicht immer aber ist die Ursache klar. Diese Blutungen hören meist bald von selbst auf. Es können sich jedoch kleine Blutgerinsel in der Nähe des Gebärmutterhalses bilden, die im Ultraschall zu sehen sind und blutige Ausflüsse verursachen. Wer Rhesus-negativ ist, bekommt vorsorglich eine sog. Anti-D-Spritze, weil durch die Blutung mütterliches und kindliches Blut in der Plazenta miteinander in Berührung gekommen sein könnten. So wird verhindert, dass das mütterliche Immunsystem bei Rh-positivem Baby aktiviert wird.

Ungünstiger Aufbau des Mutterkuchens

Manchmal ist aber die Plazenta selbst nicht richtig entwickelt. Zum Beispiel kann es passieren, dass auf der mütterlichen Plazentaseite eine bestimmte Gewebeschicht (die erwähnte Basalplatte) fehlt. Dann wachsen die Chorionzotten der kindlichen Seite direkt in die Muskelwand der Gebärmutter ein. Das ist ein Problem, weil sich die Plazenta nach der Geburt nicht richtig lösen kann. Manchmal kommt eine Frau dann um eine Operation nicht herum. Vorangegangene Gebärmutteroperationen, Kaiserschnitte und das Alter der Mutter (über 35) gelten hier als Risikofaktoren.

Lakunen: Löcher in der Plazenta

Es gibt aber auch Anomalien der Plazentaform. Diese bringen oft keine Nachteile mit sich. Hier gibt es zum Beispiel die mehrfach gelappte, ring- oder gürtelförmige Plazenta sowie eine zusätzliche kleine Nebenplazenta.

Manchmal entdeckt der Gynäkologe im hochauflösenden Ultraschall eine oder mehrere Höhlen in der Struktur des Mutterkuchens. Im Fachjargon heißen diese Löcher Lakunen (lat. lacuna = Loch). Eine einzelne Lakune ist meist harmlos. Bei mehreren Lakunen oder einer mit Höhlungen durchsetzten Plazenta dagegen rät der Arzt meist zu weitergehenden Untersuchungen. Denn sie können ein Hinweis auf eine genetische Störung beim Ungeborenen sein.

Nicht immer gefährlich: die Verkalkung

Viele Frauen erschrecken, wenn ihr Arzt schon lange vor Ende der Schwangerschaft eine „leichte Verkalkung“ im Ultraschall feststellt. Verkalkungen sind Alterungserscheinungen der Plazenta. Sie werden in verschiedene Schweregrade eingeteilt, die man als „Grannum“ bezeichnet. Grannum 1 meint eine leichte Verkalkung. Sie ist recht häufig und meist harmlos. „Wenn der Sonographiebefund (Ultraschall) bei nur geringen Verkalkungen ein sonst zeitgerechtes Wachstum anzeigt und auch der Doppler-Ultraschall und insbesondere das CTG in Ordnung sind, besteht zunächst kein Grund zur Sorge“, beruhigt Frauenarzt Bluni aus Ennepetal.

Grannum 2 beschreibt eine mittelstarke Verkalkung der Plazenta, Grannum 3 ist eine starke Verkalkung, bei der größere Kalkherde die Versorgung des Kindes gefährden.

Eine Verkalkung wird erst zum Problem, wenn sie nicht nur deutlich verfrüht einsetzt, sondern zugleich auch so stark ist, dass die Versorgung des Babys gefährdet ist. Rauchen erhöht das Risiko einer vorzeitigen Verkalkung, ist aber nicht die einzige Ursache. Diese kann oft nicht festgestellt werden. Das Kind muss – je nach Schweregrad – in manchen Fällen vorzeitig geholt werden.

Insuffizienz – wenn die Plazenta nicht optimal arbeitet

Bei Raucherinnen, aber auch bei Frauen mit Diabetes (Zuckerkrankheit), Präeklampsie (schwangerschaftsbedingte Stoffwechselstörung), Bluthochdruck, Nierenerkrankungen oder schweren Infektionen kann die  Funktion der Plazenta gestört werden. Dann wird das Kind nicht ausreichend mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt. In diesem Fall wird eine Schwangere engmaschig untersucht, und der Arzt entscheidet, ob das Kind eventuell früher geholt werden muss.

Vorzeitige Ablösung

Bedrohlich ist eine vorzeitige Lösung von Teilen des Mutterkuchens von der Gebärmutterwand. Sie verursacht meist Krämpfe und Blutungen. Im schlimmsten Fall löst sich die Plazenta im mittleren Teil, so dass sich Blut zwischen der Gebärmutterwand und der Plazenta bildet. Eine solche Ablösung macht sich durch starke Krämpfe, Angst, Unruhe und Schwächegefühl bemerkbar und ist ein für Mutter und Kind lebensgefährlicher Notfall, bei dem eine Frau sofort in eine Klinik gebracht werden muss.

Ursachen für eine zu frühe Ablösung des Mutterkuchens kann ein Autounfall sein, ein starker Stoß auf den Bauch oder ein heftiger Sturz. Auch bei einer Präeklampsie oder einer von außen durch Ärzte versuchten Wendung des Kindes kann es zu Ablösungen kommen. Wenn eine Schwangere einen Unfall im Haus oder im Straßenverkehr hatte, ist eine Ultraschallkontrolle der Plazenta wichtig.

 

Wohin mit der Nachgeburt nach der Geburt?

Für die meisten Frauen ist eine Geburt abgeschlossen, wenn sie ihr Baby in den Armen halten. Für die Geburtshelfer gilt das nicht: Sie warten auf die Geburt der Plazenta, denn erst wenn diese problemlos geklappt hat, ist Aufatmen angesagt. Die Plazenta wird zusammen mit den Eihäuten und dem Rest der durchschnittenen Nabelschnur von den Nachwehen ans Tageslicht befördert. Ist der Mutterkuchen da, wird genau untersucht, ob er vollständig ist. Bleiben Reste der Plazenta an der Gebärmutterwand, kann dies anhaltende Blutungen verursachen, weil die ehemalige Anhaftungsstelle der Plazenta nicht abheilen kann. In diesem Fall muss eine Ausschabung gemacht werden.

Doch was geschieht mit der Plazenta nach der Geburt? Früher gaben die Kliniken den Mutterkuchen oft an Kosmetikhersteller weiter, die daraus hormonhaltige Antifalten-Cremes machten. Wegen der Angst vor AIDS und anderen Infektionskrankheiten geschieht dies heute nicht mehr, die Plazenta wird entsorgt. Manche Frauen lassen sie sich aber aushändigen, um sich in bestimmten Apotheken oder von Herstellern homöopathischer Arzneimittel daraus Globuli anfertigen zu lassen. Diese sollen die Abwehrkräfte der Mutter stärken, sie beim Stillen unterstützen und nachgeburtliche Depressionen verhindern helfen.

Ein „Zwilling“ des Ungeborenen – Mythen und Bräuche

Manche Eltern nehmen die Plazenta auch mit nach Hause, um sie im Garten zu vergraben und ein Bäumchen darauf zu pflanzen. Dieser Brauch des  „Lebensbäumchens“ soll das Kind besonders gesund und kraftvoll wachsen lassen. Das Vergraben der Plazenta hat sehr alte Wurzeln. Schon die Ägypter praktizierten vor 5500 Jahren die sog. Nachgeburts-Bestattung, wie eine ausgegrabene Darstellung zeigt. Gleiches gilt für die frühen Juden im Nahen Osten, wie der Talmud belegt, der diesen Brauch erwähnt. In Hawaii, Australien und Neuseeland ist sie bis heute mancherorts bei den Ureinwohnern üblich. Auch in Deutschland ist diese Tradition alt, Forscher fanden bei Ausgrabungen in vielen Regionen mittelalterliche Tongefäße mit Plazentaresten.

Ursprung für solche Bräuche ist die Vorstellung, die Nachgeburt enthalte einen Teil des Wesens des Kindes. In Nepal nennt man die Plazenta nicht zufällig den "Freund des Kindes", die Malaien betrachten sie sogar als „älteres Geschwisterkind“, und im Sudan gilt sie als geistiges Ebenbild des Kindes. Und da die Plazenta beseelt ist, darf sie nicht achtlos weggeworfen werden, so der Glaube in vielen Kulturen, weil sie sich sonst dafür vielleicht am Kind rächt, das dann krank wird. Im Jemen gibt es dagegen bis heute manchersorts die Sitte, die Nachgeburt für die Vögel auf das Hausdach zu legen. Dies soll die Liebe der Eltern bis in den Himmel fliegen lassen.

Ungewöhnliche „Verwendungsweisen“

Sogar zum Kunstwerk ist die Plazenta schon avanciert: Micha Brendel, Künstler aus der ehemaligen DDR, zeigte vor wenigen Jahren in der Berliner Charité seine Ausstellung „Planeten und Placenten“. Metallrahmen fassten dabei wie Fensterkreuze je vier Plazenten zu einer hängenden Schautafel zusammen.

Einige unerschrockene Mütter verzehren die Plazenta sogar, um sich – nach Vorbild vieler Säugetiere – ihre Nährstoffe einzuverleiben. Es gibt im Internet dafür kuriose Kochrezepte: Mutterkuchen mit Broccoli, in Tomatensoße oder als Lasagne oder Spaghetti. Anhänger alternativer Heilkünste empfehlen auch, sie zur Heilsalbe, dem sog. „Mutterfett“ zu verarbeiten. Dafür wird sie getrocknet, gerieben, mit Butter vermengt und im Ofen gebacken.

Egal, was frau mit dem Mutterkuchen vorhat: Er ist ihr Eigentum, sie hat also einen Rechtsanspruch darauf, und kann ihn sich (am besten nach vorheriger Ankündigung) nach der Entbindung aushändigen lassen.