... es jährt sich bald

Archiv des urbia-Forums Trauer & Trost.

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Forum: Trauer & Trost

Fehlgeburt, Tod eines geliebten Menschen, Angst, nicht enden wollende Trauer um ein Sternenkind: Leider stehen wir nicht immer auf der sonnigen Seite des Lebens, diese Erfahrung muss jeder von uns machen. Oft hilft es, mit anderen darüber zu sprechen...

Beitrag von lisasimone1989 16.09.08 - 09:46 Uhr

Ich weiß, es ist schon "Jahre" her, und ich weiß, es ist kein Jahrestag, doch beschäftigt es mich in letzter Zeit sehr häufig und deshalb wollte ich es mir mal von der Seele schreiben...

1989-2002:
Mein Großcousin * (den Namen möchte ich aus Rücksicht auf Verwandte ungenannt lassen) und ich waren ein Herz und eine Seele. Er kam im März zur Welt, ich im August. Seine Mum wurde dann meine Taufpatin, weshalb wir uns dann auch eigentlich fast täglich sahen. Jedes Familienfest waren wir (aufgrund unserer Verwandschaft) zusammen. Er wohnte ca. 700 m Luftlinie von uns, im gleichen Ort. Wir gingen in den gleichen Kindergarten, in die Grundschule, auf's Gymnasium. Immer in die gleiche Klasse. Bis ich im Januar 2001 auf die Realschule wechselte. Dann waren wir nicht mehr in der gleichen Klasse. Aber wir haben uns jeden Morgen am Bus gesehen, uns Nachmittags zum "Spielen" verabredet (nannte man ja früher so, sprich Spielplatz, reden, oder einfach nur dasitzen), zusammen Geburtstage gefeiert...
Man kann sagen wir waren wie Geschwister. Diese "Ih-eine Junge"-Phase haben wir erfolgreich ausgelassen. Er hat zwei jüngere Brüder, ich einen jüngeren Bruder und eine Schwester. Mit seinen Brüdern (je ein und neun Jahre jünger als ich) verstehe ich mich sehr gut, meine Geschwister haben weniger Kontakt.

Juli 2002:
Frühs, ca. 7:20 Uhr. Es war Montag. Ich stand wie üblich an der Bushaltestelle. Sein Weg war deutlich kürzer als meiner und er war eigentlich zeitgleich mit mir um zehn nach sieben an der BHS. Also war er zehn Minuten überfällig. Da hab ich ihn angerufen, vielleicht hatte er verschlafen? Es war kurz vor den Sommerferien, vielleicht hatte er auch frei, aber das hätte er mir gesagt.
Ich hab angerufen und gefragt wo er sei, und er nur er sei im Krankenhaus und könne jetzt nicht, er rufe mich wieder an. #schock

Juli bis Oktober 2002:
Es sollte sich herausstellen, dass * an Krebs litt. Ich hab den genauen Krankheitsverlauf damals nicht wahrgenommen und wollte Einzelheiten auch nicht wissen. Er schien das schon länger in sich zu tragen, es trat jedoch erst im Alter von 12 Jahren auf und brach aus. Keine Chemo schlug an, er nahm so furchtbar ab, ihm ging es richtig schlecht. Ich war damals selbst erst zwölf und das KH war zu weit weg, da konnte ich nicht auf eigene Faust hin. Ich rief ihn jeden Tag zur selben Zeit an. Wir redeten. Manchmal fühlte er sich nicht gut, dankte für meinen Anruf und sagte, er freue sich auf morgen, sei jetzt aber müde und wolle schlafen. Manchmal war er während des Wartens auf 19:00 Uhr, wo ich anrief, eingeschlafen.
Im Krankenhaus besuchte ich ihn nur ein paar Mal, weil meine Mutter mich immer fahren musste und meine Eltern sind selbstständig und hatten wenig Zeit.
In den Herbstferien (Oktober) kam er dann für eine Woche nach Hause. Sehr sehr dünn, total blass, aber sein Lachen im Gesicht, dass ich so an ihm liebte. Als ich ins Zimmer kam setzten wir dann beide brav den Mundschutz auf, dass er sich nicht mit Krankheitserregern infizieren konnte. Wir spielten Mensch ärgere dich nicht oder Schach, ich weiß es nicht mehr, aber es waren Ottifanten-Figuren. Er war großer Otto und BayernMünchen-Fan.
Auch wenn er krank aussah funkelten seine Augen wie immer, nur etwas trauriger.

November 2002:
* wurde dann aufgrund der Schwere seiner Krankheit nach Erlangen verlegt. Ich rief weiterhin jeden Tag an, allerdings Nachmittags gleich nach der Schule, da er Abends schon schlief. Immer häufiger kam es vor, dass er keine Kraft zum Telefonieren hatte. Ich legte auf und weinte. Jeden Tag. Mein bester Freund lag auf dem Sterbebett, und wir waren doch erst zwölf... :-(
Am Freitag hatte ich das letzte Mal mit ihm telefoniert. Ich erklärte ihm, dass ich ihn Montag Abend besuchen würde, Mama und Papa fahren mich nach Erlangen. Er freute sich, wenn auch eher still. Meine Patin hatte mir später erzählt, dass er lächelte und sich sehr darauf freute.
Freitag Abend hatten die Ärzte ihm schonend beigebracht, dass keine Heilungschance mehr bestünde. Sie wussten das schon länger, seine Familie auch. Von * wollten sie es fern halten, er war doch erst zwölf. Seine Geschwister wussten auch nichts. Doch * hatte sehr darauf gedrängt die Wahrheit zu erfahren...
Samstag Nacht wurden seine Schmerzen so unerträglich, dass man ihn mit Schmerzmittel vollpumpte und wenn ich anrief schlief er. Laut seiner Mum hat er die letzten Tage gar nicht mehr mitbekommen.

Montag, 11.11.2002
Ich komme wie üblich um viertel zwei von der Schule und muss wieder mal erst Essen, ehe ich zum Telefon renne. In diesem Moment klingelt es.
Meine Mum ging ran... Sie nickte... Drückte ihr Beileid aus, legte auf.
Meine Mutter sah mich an, ganz ruhig.
"Es ist vorbei. Er ist vorhin eingeschlafen. Wir bleiben heute Abend zu Hause."

Mittwoch hatten wir Konfirmationsunterricht. Sein größter Wunsch, noch konfirmiert zu werden, wurde ihm im Oktober vorab in einem privaten Gottesdienst erfüllt. Wir redeten viel. Ich war stark. Bisher hatte ich keine Träne vergossen. Ich war erleichtert, dass es ihm endlich wieder gut ging, er erlöst war und nicht mehr leiden musste. Gleichzeitig war ich so von Trauer erfüllt, dass es mir alles zuschnürte...
Wir wollten eine Grabrede für seine Beerdigung schreiben. Bin ich emotional geladen gelingt mir sowas ziemlich gut und ich schrieb, ohne das es groß jemand mitbekam. Ich reichte sie unserem Pfarrer, zu dem ich noch heute ein sehr sehr gutes Verhältnis habe (arbeite ehrenamtl. bei uns in der Kirche), und er bat mich, es selbst vorzulesen.
Nach nur ein paar Worten konnte ich nicht mehr. Was sich seit Montag angestaut hatte, bahnte sich seinen Weg... Ich verließ den Raum...

Freitag, 15. November 2001
*'s Beerdigung. Ich sollte die Grabrede verlesen. Ich hatte es geübt. Ich konnte sie auswendig. Die Konfi-Gruppe war gerührt und wollte sie abgeändert verwenden.
Ich stand vor dem überfüllten Friedhof und begann zu lesen. Lautsprecher sollten meine Worte verstärken.
Doch nach nicht mal einem Drittel brach ich ab. Niemand sollte sehen, wie es mir ging. *'s bester Freund las weiter, doch auch er brach ab. Eine Kollegin laß fertig.
Der ganze Friedhof schniefte.

2008
Du weißt, du hast eine Lücke hinterlassen, die nie mehr zu füllen ist und die sich nie schließen wird. Noch heute weint deine Mum sehr viel. Deine Geschwister scheinen nach außen hin stark.
Dein Freundeskreis trauert noch immer, wenn auch still. Jedesmal wenn ich dich besuche finden sich neue Wünsche und kleine Präsente auf deinem Grab wieder.
Ich kann dir nicht sagen, wie weh es mir noch heute tut, wenn ich an dich zurückdenke. Ich habe meinen besten Freund verloren...
Ich weiß, dass es dir da wo du jetzt bist besser geht und das du auf uns aufpasst. Dass du deine Familie und Freunde beobachtest und behütest...
Doch es tut noch so sehr weh... :-(
Wann wird die Wunde heilen und zur Narbe werden?!

Deine dich Liebenden haben immer einen Platz in ihrem #herzlich für Dich!!
Ich vermisse dich!!! Und kein Tag der inzwischen fast sechs Jahre verging, in dem ich nicht an dich denken musste... Es tut so weh...


#danke fürs Zuhören!

Beitrag von ricy_77 16.09.08 - 10:51 Uhr

#liebdrueck
und eine #kerze für all unsere Lieben.

Ricy

Beitrag von batzi71 16.09.08 - 13:24 Uhr

sei#liebdrueck ganz fest.....
#kerze

Beitrag von jannic27 17.09.08 - 12:55 Uhr

#liebdrueck#kerze