Anspruchsgesellschaft

Archiv des urbia-Forums Finanzen & Beruf.

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Forum: Finanzen & Beruf

Dieses Forum bietet Platz für alle Fragen und Antworten rund ums liebe Geld und die Absicherung der Familie - egal ob ALGII, Haushaltsgeld, Baufinanzierung oder Altersvorsorge. Auch Themen wie ElterngeldKindergeld sowie der Wiedereinstieg in den Beruf sind hier richtig.

Beitrag von mariomueller 21.09.08 - 16:20 Uhr

Hallo,

ich würd euch mal gern was erzählen:

Ich und meine Freundin haben uns eine super Wohnung von 83 qm und 700 Euro warm gemietet. Wir haben auch einen kleinen Sohn.

Ich bin Handwerker, meine Freundin studiert und bekommt Bafög. Die Wohnung war, was wir uns schon immer gewünscht haben - mitten in der Innenstadt, respektable Gegend, ruhig, groß, nagelneu saniert, überall Laminat, neue riesen Einbauküche, Fahrstuhl etc - und wir konnten nicht wiederstehen, auch wenn wir wussten, anderweitig wird es finanziell eng.

Dann verlor ich meinen Job - einige Dinge gingen kaputt im Haushalt, das Auto musste verkauft werden, die Wohnung war noch nicht eingerichtet (Lampen, Teppich, Vorhänge, Rollos, Badezimmermöbel etc alles auf Pump).

Den finanziellen Engpass konnten wir mit den Ratenverträgen und der nun hohen Miete nicht auffangen. Die Kreditkarte und der Bankdispo wurden überzogen.

Wir und vor allem das Kind brauchten neue Kleidung, neues Bike für jeden, super Kinderanhänger und alles, dazu gehört. Die Zeltausrüstung wurde zu Weihnachten erneuert und das Kind bekam Geschenke von über 200 Euro.

NUN sind seit dem Auszug aus der viel zu teuren Wohnung 4 Monate vergangen. Was ist passiert?

Die finanzielle Last war erdrückend. Wir konnten nicht mehr schlafen, es gab kaum was zu essen, spazieren gingen wir am Wochenende morgens um halb sieben, um die leeren Bierflaschen von der letzten Nacht aufzusammeln - manchmal gingen wir früher, damit die respektablen Nachbarn das nicht mitbekommen.

Es folgten natürlich Zahlungsschwierigkeiten. Die Ratenverbindlichkeiten und Handyverträge wurden nicht mehr bedient, genau so wenig wie die Versicherungen.

Wir waren am Boden, sind es noch. Was haben wir getan?

- Wohnung gekündigt, was neues gesucht für nur 400 Euro warm
- Handy und Internetverträge gekündigt
- Versicherungen um ratenweise Nachzahlung gebeten
- alle Ratenverbindlichkeiten gestundet
- für Kreditkarte und Dispo monatliche Rückzahlungsbeträge eingerichtet

Wir wohnen jetzt in einer 13 qm kleineren Wohnung in einer schäbigen Gegend, wo Schulkinder allein verprügelt werden und meine Freundin sich nicht traut, an der Schule mit dem Kinderanhänger vorbei zu fahren. Sie wechselt dafür die Straßenseite, sonst treten ihr die Schüler wieder an den Hänger, in dem unser Sohn sitzt.

Unsere Nachbarn sind dennoch ruhig und nett. Wir führen ein Haushaltsbuch und haben die Schulden unter Kontrolle. Meine Freundin studiert wieder und hat den Kopf wieder frei.

Unsere neue Wohnung ist nicht so schick und protzig, wie die alte. Kein Fahrstuhl, statt dessen wieder Treppen steigen, keine Einbauküche, statt dessen 15 Jahre alte gebrauchte, geschenkte Schränke und einen Kühlschrank, Mikrowelle und 2-Platten-Elektrokocher - kein Herd.

Wir sind durch unser Anspruchsdenken total abgestürzt. Früher wären gebrauchte Möbel und schon gar nicht so hässliche uns nie ins Haus gekommen. Und in eine Plattenbaugegend wären wir niemals gezogen. Seit dem haben wir hier schon viel schlimmes gesehen.

Uns wurden die Augen geöffnet, wie unwichtig Geld ist, wenn man sich gegenseitig hat, gesund ist. Alle sind hier bei uns im Haus nett zu uns, freundlich, in der Kita unseres Sohnes ist alles paletti.

Die 7000 Euro Schulden, die wir jetzt abzahlen, sind für uns ein sehr wichtiges Lehrgeld. Wir sind langsam wieder glücklich in unserer Familie und froh, über das wenige, was wir haben und dass wir uns wieder genug Essen leisten können.

Der super Wohnung trauern wir nicht nach, auch nicht unserer gemieteten Einbauküche, die neueste Technologie war. Wir können mit unserem Sohn wieder Eis essen oder haben auch Lust, mal mit ihm auf dem Spielplatz zu gehen.

Wir haben gelernt, dass man nicht "haben" muss, um glücklich zu sein. Das macht mich sehr froh und wir reden viel darüber und lachen mittlerweile über unsere eigene Dummheit.

Ich hoffe, dass dieser Beitrag einigen stark vom "Anspruchsdenken" geprägten jungen und älteren Mitbürgern die Augen öffnet für das, was wirklich zählt im Leben.

Ich wünsch euch allen noch einen schönen Tag.

Mario

Beitrag von juliejohanna 21.09.08 - 19:55 Uhr

#pro

Beitrag von drachenengel 21.09.08 - 20:03 Uhr

Schön geschrieben!

hoffentlich lernt Ihr draus, das wünsch ich Euch..

Denn nun wisst auch Ihr hoffentlich, dass man nicht nach materiellem Schnickschnack gehen sollte, sondern nach den wichtigen Dingen des Lebens...

Glück, Gesundheit, echte Liebe, Zufriedenheit,..

Alles Gute

Mone

Beitrag von mariomueller 22.09.08 - 08:53 Uhr

Danke, ja das wissen wir nun.

Daraus gelernt haben wir auch. Aber nicht mehr in das alte "Kauf"-Muster zu verfallen, ist nicht leicht.

Mit Disziplin geht es aber sehr gut.

Dieser Beitrag ging mir auch schon einige Wochen im Kopf herum, weil wir eine 180 Grad - Wende durchgemacht haben und das gerade noch rechtzeitig.

Auf jeden Fall ist es absolut schlaffördernd, wenn man am Monatsanfang alle Rechnungen überwiesen hat.

Wünsch Dir noch einen schönen Tag.

Mario

Beitrag von paulfort35 22.09.08 - 10:09 Uhr

Mich stört es auch immer, dass sich so viele in Schulden stürzen wegen einer neuen Küche oder Möbeln.

Beitrag von rudi334 22.09.08 - 11:06 Uhr

Wenn Deine Geschichte wahr ist, dann zieh ich meinen Hut!

Irgendwann geht es Euch finanziell besser und dann könnt Ihr auch wieder besser wohnen und leben.