Essenskrise

Archiv des urbia-Forums Leben mit Handicaps.

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Forum: Leben mit Handicaps

Stolpersteine im Leben sind manchmal überwindbar, manchmal muss man sich mit ihnen arrangieren. Hier ist der Ort, um darüber zu sprechen: Entwicklungsverzögerung beim Kind, ADHS, das Down-Syndrom, Spina Bifida, Leben im Rollstuhl ...

Beitrag von lisibisi 24.09.08 - 11:26 Uhr

Hallo ihr Lieben,

schilder euch mal kurz unser Problem und hoffe, ihr habt den ultimativen Tip wie wir das wieder hinbekommen.

Also, unser Lisa (wird am Samstag 11 Jahre) macht bei JEDEM Mittagessen bei uns zu hause einen Zerrwanst, weil sie die angebotene Speise angeblich nicht ißt. Dabei wissen wir von den Lehrern ihrer Schule das sie da grundsetzlich ALLES ißt. Mal mehr und mal weniger gern, aber es wird gegessen, was auf den Tisch kommt.
Wenn ich sie frage worauf sie denn Appetit hat, dann kommt grundsätlich Spagetti Napoli oder Kloß, Soße und Rotkraut oder maximal noch Wiener im Brötchen.
Und selbst wenn ich ihr zuliebe dann eines dieser Gerichte zum wiederholtem Male koche verweigert sie es am Ende doch wieder mit der Begründung: habe keinen Hunger.
Kurze Zeit später (ca 1 Std) meldet sich dann doch ihr Bäuchlein und sie schleicht sich an den Kühlschrank und mapft einen Jogurth oder ne Milchschnitte...

Habt ihr eine Idee, wie wir Lisa das Essen zu hause wieder schmackhaft machen könnten... sind echt langsam am verzweifeln, weil wir unseren erachtens nach schon alles mögliche versucht haben.

wäre echt dankbar über jeden Tip von euch

viele liebe Grüße
Ramona

Beitrag von lisibisi 24.09.08 - 13:42 Uhr

Sorry, hab ganz vergessen zu erwähnen, daß Lisa das Down Syndrom hat... nicht das ihr euch wundert, weshalb ich gerade hier poste...#schein

liebe Grüße
Ramona

Beitrag von scrollan01 24.09.08 - 14:36 Uhr

Hi!

Tja, da bedraf es keinen DS für s ein Verhalten ;-))

Meine Große ist 7 und kann mich auch zum Platzen bringen!

Ich habe es nun so geändert, in dem ich weder Milchschnitte noch Süßes hier habe.

Gegessen wird wenigstens etwas und Basta! Sonst gibt es nix anderes!

Ich denke, auch ein Kind mit DS kann so lernen!

Meine ich zumindest - weil sie ja in der Schule eben isst!

Das mache die Mäuse nur, um gerade UNS zu ärgern ;-)

LG Scrollan

Beitrag von lisibisi 24.09.08 - 17:21 Uhr

Hallo,

danke dir für deinen Tip, aber ich fürchte dies ist nicht die Lösung unseres Problems. Milchschnitten und auch Jogurth sind ja keine Süßigkeiten in dem Sinne... also ich mein nachmittags zum Kaffee ißt Lisa die schon ganz gern mal anstatt Kuchen und Jogurth essen wir alle gern auch mal einen als Nachtisch.
Und etwas essen geht bei Lisa, wenn sie nicht will, garnicht. Dann ißt sie lieber überhaupt nix. Sitzt am Tisch und weint bittere Krokodilstränchen und das kann ich garnicht sehen. Da tut mir die kleine süße Maus richtig leid... und zum essen zwingen will ich sie auch nicht- denke mal, daß das keine Lösung ist.

nichts für ungut

danke sagt
Ramona


Beitrag von s_a_m 26.09.08 - 10:35 Uhr

Ich leite einen Kinder- und Jugendtreff für Kids mit und ohne Behinderung. Ein Junge mit Behinderung ist dabei, der leider einige Lebensmittel wegen Allergie nicht essen darf. Zuhause sind die Eltern an sein „Theater“ beim Thema Essen schon gewöhnt, in der Schule ist es leider ähnlich kompliziert.

Neulich war bei unserem Treff Geburtstagsparty (wir feiern alle 4 Monate eine große Party für alle, die im letzten Vierteljahr Geburstag hatten). Natürlich sollte es auch Kuchen geben. Seine Mutter ist eine herzensgute und wenn backt immer einen extra Kuchen, den ihr Sohn dann problemlos essen kann. So.

Dann kam er rein und bevor er „Guten Tag“ oder sowas gesagt hat, meinte er gleich mit bockig verschränkten Armen: „Ess ist nicht. Nehme ich nur in den Mund und spucke es gleich auf den Boden, den Kuchen“. Er weiß, dass ausspucken von Essen, Tricken usw. ohne richtigen Grund bei uns natürlich nicht erlaubt ist und darauf im Wiederholungsfall ein mindestens einwöchiges Treffverbot steht. Aber ich weiß um seine „Zicken“ beim Essen und habe statt mit ihm eine Diskussion anzufangen und ihm irgendwie Alternativen zu bieten, einfach gesagt: „Du, das ist völlig in Ordnung wenn du den Kuchen nicht essen sondern nur ausspucken möchtest.“

Damit war das Gepräch um dieses Thema beendet, der Kuchen wurde zu den anderen gestellt und ich hätte ihn den Kuchen auch kommentalos ausspucken lassen.

Aber siehe da: Als dann wirklich keiner einen Hampelmann um seine angekündigte Nahrungsverweigerung und die Ausspuck-Drohung machte, aß er wie alle anderen, hatte viel Spaß dabei und lobte seine Mama beim Abholen für den leckeren Kuchen.

Ich halte viel davon, auf Kinder einzugehen und sie oft frei entschieden zu lassen, ob und wenn ja wie viel sie essen möchten. Natürlich muss auf Allergien usw. Rücksicht genommen werden und wenn Vorlieben bekannt sind, spricht gar nichts dagegen, das Lieblingericht hin und wieder zu kochen.

Aber ich glaube, dass man sich letztlich absolut keinen Gefallen damit tut, Kindern immer wieder und wieder eine Extrawurst zu braten und sich pausenlos auf Diskussionen übers Essen einzulassen.

Vor allem dann nicht, wenn insgesamt der Eindruck entsteht, dass sie ein Spielchen mit einzelnen Personen (Eltern, Betreuer/innen usw.) treiben. Es ist bis zu einem gewissen Punkt normales Grenzentesten und Eltern, Betreuer/innen und Kinder sollten immer auch im Gespräch bleiben.

Aber wird das Essenthema zum täglichen Dauerdrama und zur Nervenkrise, macht ein gemeinsames Essen schließlich keinem mehr Spaß. Und dann müssen Eltern, Betreuer/innen usw. meiner Ansicht nach einfach Pädagogen sein und dürfen sich nicht zum Kasper für das Kind machen lassen.

Lange Rede, kurzer Sinn: Wem`s nicht schmeckt, isst eben nicht mit, kriegt dann aber auch bis zur nächsten Hauptmahlzeit keine „Leckerchen“ zwischendurch. Kurze Zeit später zum Kühlschrankt schleichen o.ä. ist auf jeden Fall tabu, höchstens Obst oder sowas wäre nach freundlicher Nachfrage (!) eine Möglichkeit.

Wer sich erst was wünscht und hinterher sagt, er habe keinen Hunger, muss auch die nächste Zeit auf sein Lieblingsgericht verzichten, damit er "Kochen nach Wunsch" zu schätzen lernt. Wer bei Tisch rumzickt, im Essen matscht und die anderen nervt und stört, rückt eben mit dem Stuhl ein Stück von Teller und Tisch ab und darf solange nurnoch indirekt an der Mahlzeit teilnehmen, bis er sich wieder angemessen benehmen kann. Wenn es wiederholt nicht klappt, kommt der Teller weg und das Essen ist bis zur nächsten Hauptmahlzeit beendet.

Liebe Grüße
Sabine

Beitrag von lisibisi 26.09.08 - 16:34 Uhr

Hallo Sabine,

vielen lieben Dank für deinen fachmännischen Rat.
Klingt plausibel wie du das beschreibst. Werden deine Tips gleich am WE mal anwenden, wobei sie ja morgen Purzeltag hat und da übernachtet eine Freundin von ihr bei uns und vor ihr spielt Lisa grundsätzlich die verständnisvolle und gehorsame, ganz nach dem Motto: schau wie lieb ICH bin... vorallem wenn ihre Freundin mal wieder bockig ist ( hat auch eine geistige Behinderung). Aber wir freuen uns schon riesig auf das WE, vorallem weil Lisa nun schon seit gut 4 Wochen täglich fragt, wann denn endlich ihr Geburtstag ist.

Hat mich ganz doll gefreut, mal wieder von dir zu lesen.

viele liebe Grüße
Ramona & Familie

Beitrag von s_a_m 26.09.08 - 19:23 Uhr

Hallo Ramona!

Auch schön, von dir zu lesen :-) Ich hoffe, das Wochenene wird schön und mit einer geraden Linie und Konsequenz (auch wenn das Herz natürlich gerade dann besonders weh tut, wenn Trotztränen fließen :-( ) wird sich sicher nach und nach auch die Essensthematik beruhigen. *daumendrück*

Liebe Grüße
Sabine