Briefkontakt zu einem Häftling?

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Beitrag von sehr ratlos 09.12.09 - 12:55 Uhr

Ich habe über eine Organisation Kontakt zu einem Inhaftierten aufgenommen, weil ich denke, dass die Häftlinge ein bisschen Abwechslung und Zuspruch brauchen.
Es stecken rein gut gemeinte Ambitionen hinter dieser Kontaktaufnahme.
Ich habe heute einen Brief bekommen (mit einem netten Foto dabei), in dem diese Person zunächst einmal ihre Tat schilderte.
Ich war wirklich geschockt, denn er hat seine Ehefrau getötet.
Seine Kinder sind bei Verwandten untergebracht.
Er schrieb, dass er Verständnis dafür habe, wenn ich einen weiteren Kontakt nicht wünsche.
Meine Frage ist nun: Hat jemand schon einmal Briefkontakt zu einem Häftling geführt und kann mir Erfahrungen schildern?

Beitrag von frage ? 09.12.09 - 12:57 Uhr

Was war denn sein Motiv?

Beitrag von incuria 09.12.09 - 13:00 Uhr

Nimm es mir nicht übel aber ich bin der Meinung das ein Inhaftierter, der seine Frau ausgelöscht hat, keinen Zuspruch braucht.

Ich könnte mich da nicht ziemen.

Anders ist es, wenn er es aufgrund einer psychsichen Störung getan hat und nicht Herr seines Hirnes war.
Trotzdem würde es mir äußerst schwer fallen da objektiv zu bleiben.

Erfahrung habe ich keine. Deine Ambition würde mich trotzdem interessieren.

Beitrag von 4mone 09.12.09 - 13:09 Uhr

Mich interessiert deine Ambition, in dieser Orga mitzuwirken.

Objektivität könnte ich bei solchen Vergehen nicht garantieren - wenn einer ne Bank ausraubt, okay...aber jemanden umbringen? Sorry, im Fall dass es eine geistige Störung gibt, möchte ich nicht kommunizieren (in DEM Fall!), gibt es keine, dann erst recht nicht!

Warum den Häftlingen das Leben im Knast auch noch angenehm gestalten, geht doch schon genug zu Lasten der Steuerzahler???

S.

Beitrag von willkeinerwissen 09.12.09 - 13:17 Uhr

Also ich hatte mal einen Brieffreund, der wegen Drogenbesitz und wohl auch Drogenhandel im Knast saß.

Der Kontakt an sich war ganz nett, aber ich hätte nicht gewollt, dass ich diesen Menschen real kennenlerne.
Aber der Kontakt hat sowieso nicht lange angedauert.
Was aus ihm geworden ist, keine Ahnung.

Jemandem der seine Frau getötet hat (aus welchen Gründen auch immer) hätte ich definitiv nicht schreiben wollen.

Ich hätte ehrlich gesagt Angst vor so jemandem#zitter
Wer weiß, ob der wieder rauskommt und dann hat er deine Adresse....weiter will ich das garnicht gedanklich durchspielen.
Vielleicht lese ich auch zu viele Krimis.

Hätte aber dabei kein gutes Gefühl, nettes Foto hin oder her.

Gruß

Beitrag von sehr ratlos 09.12.09 - 13:28 Uhr

Das habe ich auch nicht, ein gutes Gefühl meine ich.
Dennoch ist meine Einstellung nicht so krass wie von denen, die mir hier geantwortet haben.
Das mag sein, weil ich Sozialpädagogin bin und beruflich mit Jugendlichen zu tun habe, die, sagen wir mal, schwierig sind.
Aber ich war auch geschockt. Zumal er auch Kinder hat, die mit einem Schlag Mutter und Vater verloren haben.
Er schrieb, er hat für einen Moment die Kontrolle verloren.
Mehr weiss ich nicht.
Mein Mann witzelte, er sei auch kurz davor und er bräuchte unbedingt die Adresse, um sich Tips zu holen. Har, har, har!

Beitrag von milkasweet81 09.12.09 - 13:42 Uhr

Hallo,

also ich sehe das auch etwas kritisch. Es kommt immer auf die Tat an.....es ist schlimm wenn einer lügt, betrügt, schlägt.... aber man kann es noch irgendwie erklären. Aber ein Mörder? Der seine eigene Frau und die Mutter seiner Kinder umbringt? Nee, so jemand sollte im Knast lieber vor Langeweile und Einsamkeit eingehen, als nette Worte und Verständnis von jemandem zu ernten. Stell dir vor, ihr habt Jahrelang netten Briefkontakt und er kommt in 20 Jahren raus. Was ist wenn er wieder tötet? Vielleicht DICH? Oder dein Kind? Nee, mit so jemandem möchte ich keinen Kontakt haben und ihn auch von meiner Familie und Umfeld fernhalten.

Ich weiß nicht was deine Beweggründe waren Kontakt zu der Organisation aufzunehmen, aber wenn du was soziales machen willst, dann kümmer dich lieber als Freiwillige um Behinderte, um Alte Leute oder sonstige Leute die sich auch über Zuspruch freuen, aber die sich nichts zuschulden haben kommen lassen.

LG
Milka

Beitrag von incuria 09.12.09 - 13:43 Uhr

...oder um die armen verstörten Kinder die ihre Mutter verloren haben...ich glaube die haben es nötiger....

Beitrag von agostea 09.12.09 - 13:45 Uhr

Mein Motiv wäre weniger, diesem Menschen das Leben zu erleichtern, sondern eher zu ergründen, was für ein Mensch hinters o einer Tat steckt.

Also eher der psychologische Aspekt, Neugierde.

Von daher würde ich auf alle Fälle schreiben.

Gruss
agostea

Beitrag von sehr ratlos 09.12.09 - 13:48 Uhr

Ich weiss noch nicht, ob ich antworten werde.

Deine Aspekte spielen aber ganz sicher auch eine Rolle in meiner grundsätzlichen Motivation.

Beitrag von milkasweet81 09.12.09 - 13:54 Uhr

Hallo,

ja, ich weiß, man will ja etwas Gutes tun, jemandem helfen dem es nicht so gut geht...ich kenne das. Ich arbeite jetzt wo ich in Elternzeit bin auch bei der Lebenshilfe mit, das ist eine Organisation die sich um Behinderte kümmert. Das erfüllt mich, denn ich sehe wie sich die Behinderten freuen. Sie können nichts dafür dass sie behindert sind und haben ein recht auf ein schönes Leben.

Aber dieser Mörder hat sich sein Leben selbst kaputt gemacht, und noch schlimmer, das seiner Kinder und eben das Leben seiner Frau einfach so ausgelöscht. Naja, wenn ich noch weiter schreibe, dann steigere ich mich da rein, sowas regt mich ziemlich auf. Also, wie gesagt, ICH würde es niemals tun, lieber gehe ich ins Tierhiem und führe ausgestzte Hunde spazieren :-p

LG
Milka

Beitrag von agostea 09.12.09 - 14:11 Uhr

Das wäre für mich die einzig akzeptable Motivation, so etwas zu beginnen.

Allerdings darf man auch nicht so hart aburteilen. Viele Häftlingsschicksale basieren auf anderen Grundlagen, als einzig auf der der Mordlust.

Mich würden die Einzelschicksale interessieren, Hintergründe, Kindheit, das Leben vorher, Auslöser der Tat...etc.pp. Spannend.

Allerdings würde ich mir die Post an ein Postfach schicken lassen - da ging ich auf Nummer sicher.

Beitrag von sehr ratlos 09.12.09 - 14:44 Uhr

Ich kann meine anfängliche Motivation gar nicht richtig beschreiben.
Aber ich wußte nichts von seiner Straftat. Es gab zu jedem Mann ein Profil, in seinem stand, dass er Witwer sei.
Ich habe noch gedacht, mensch, der Arme, schon so früh seine Frau verloren. Nie im Leben wäre ich darauf gekommen, dass er selbst für sein Witwerdasein verantwortlich ist.
Ich habe eher an Diebstahl, Steuerhinterziehung o.ä. gedacht.
Und er machte mir den ordentlichsten Eindruck, rein optisch gesehen.
Von so einem verhauenen Kosovo-Albaner ohne Zähne habe ich von Haus aus schon mal Abstand genommen.
Vielleicht wäre der die bessere Wahl gewesen! ;-)

Beitrag von agostea 09.12.09 - 15:19 Uhr

Och letztlich spielt es keine Rolle. Im Gegenteil - ich glaube, je brutaler, desto interessanter wäre es für mich.

Einfach die "dunkle Seite" eines Menschen zu erforschen, das würde mich ungemein interessieren.

Beitrag von Arbeit im Gefängnis 11.12.09 - 18:06 Uhr

Glaubst du wirklich ein Mörder erzählt dir ehrlich, warum er seine Ehefrau ermordet hat? Die meisten belügen sogar ihre Psychiater, um eine frühzeitige Entlassung zu erreichen.

Wie ich schon geschrieben habe, ist eine Haftanstalt eine Ausnahmesituation in der alles anders abläuft als in Freiheit. Ich habe Mörder, Kinderschänder und Vergewaltiger kennen gelernt, die sehr zuvorkommend und höflich waren. Würde man sie in Freiheit kennen lernen, würde man ihnen nie ein solch greuliches Verbrechen zutrauen. Das ändert aber nichts an ihren Taten. In Haft sind diese Männer meist anders. Leider kann man das schlecht beschreiben, wenn man das nicht erlebt hat.

Beitrag von sniksnak 09.12.09 - 14:12 Uhr

"denn er hat seine Ehefrau getötet"
Netter Kollege...

Generell würde ich meine soziale Ader anderweitig ausleben. Es gibt sicher Individuen, die eher Aufmerksamkeit und Zuwendung verdient haben.

LG

Beitrag von teh41 09.12.09 - 14:40 Uhr

Hallo Ratlose,

ehrlich gesagt, egal was seine Frau für ein Mensch gewesen ist, ob doofe, dumme, garstige, widerliche oder gar Urbia konsumierende Mutter, auch solche Mütter werden von ihren Kindern geliebt. Aus welchen Gründen auch immer, hat er dem Schützenswertesten was er auf der Welt hat, seinen Kindern halt, die wichtigste Person ihrer Kindheit für immer genommen, sie zu armen Kindern gemacht.
Ich wäre geneigt den Hinterbliebenen zu schreiben, nicht aber dem Henker.
Ich weiß, danach hast Du nicht gefragt, der Umstand aber verdient Bedachtsamkeit.

Klar, unser Rechtssystem hat Leuterung und Wiedereingliedern zum Ziel. Dennoch, in dem Moment, wo Du ihm schreibst, lässt Du Dich auf eine Beziehung mit diesem Menschen ein. Du wirst im Licht, Wärme und sinnstiftende Hoffnung bringen, unerheblich, ob das Deine Intention ist, er wird genau das aus der Beziehung zu Dir schöpfen.

Die entscheidende Frage, die sich da stellt ist, möchtest Du, Du als Person, Frau und soziales Wesen, möchtst Du für diesen Menschen wichtig werden? Denn das wirst Du ganz sicher sein. Du wirst etwas in Gang setzen, was sich nicht einfach wieder abstellen lassen wird, Seriösität unterstellt. Dein Vorhaben hat nichts von einem vorübertgehenden Zeitvertreib, es wird Dich in gewisser Weise binden, Dich möglicherweise einschränken, vielleicht sogar verändern.

Möchtest Du das?

Mit allem Respekt vor Deinem sozialen Engagement.


Thomas

Beitrag von silk.stockings 09.12.09 - 15:15 Uhr

Ich fänd das aber auch spannend, Thomas.

Wohl weniger aus sozialen Gründen ...

Beitrag von teh41 09.12.09 - 15:18 Uhr

Klar, Du würdest Dir die Rechte sichern wollen, die Ratlose scheint aber mehr in die Reichweite seiner Linken zu geraten. Ich finde, das ist ein gewaltiger Unterschied.

Beitrag von silk.stockings 09.12.09 - 15:19 Uhr

Ja, aber vielleicht sollte ich mir von ihr die Adresse geben lassen - oder würde dich das beunruhigen?

Beitrag von teh41 09.12.09 - 15:24 Uhr

Warum soll mich das beunruhigen? Bin ich Mutter?

Nein ernsthaft, das Thema eignet sich weder zum Blödeln noch zum Schreddern, finde ich.

Beitrag von ayshe 10.12.09 - 09:42 Uhr

wichtige aspekte und ich hätte auch angst davor, für diesen menschen eine rolle zu spielen.

Beitrag von .doctor-avalanche. 09.12.09 - 14:48 Uhr

Ich habe vor Jahren mal mit ein paar Kollegen an jailbabes.com geschrieben...Wir haben aber nie eine Antwort bekommen. Entweder war unser Englisch zu schlecht oder es kam zu albern rüber.....oder beides.

Ich finde die Tat dieses Häftlings, der Dir geschrieben hat, nicht sonderlich schrecklich. Es ist sicher keine Heldentat, das ist klar... aber mein Gott, wenn man sich umschaut, wundere ich mich manchmal, daß nicht noch viel mehr Ehefrauen abgemurkst werden.

Das Problem mit Knackis ist manchmal, daß sie den anderen, der diese Welt icht kennt, mental dort hineinziehen können. Es ist ja keine normale Beziehung möglich. Man sollte schon eine gewisse mentale Stärke haben um sich nicht psychisch zu sehr in Abhänigkeit zu bringen, gerade wenn man wie Du, sich vielleicht auch gerne sozial (und damit emotional?) engagiert......

Beitrag von incuria 09.12.09 - 14:59 Uhr

<<Ich finde die Tat dieses Häftlings, der Dir geschrieben hat, nicht sonderlich schrecklich. Es ist sicher keine Heldentat, das ist klar... aber mein Gott, wenn man sich umschaut, wundere ich mich manchmal, daß nicht noch viel mehr Ehefrauen abgemurkst werden>>

ahja

Beitrag von .doctor-avalanche. 09.12.09 - 15:05 Uhr

ahjo........

....wie mer in Hesse sage würd, wennsch da wohne tät!

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