Rezension: Nachtzug nach Lissabon (Pascal Mercier)

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Beitrag von elodia1980 14.12.09 - 18:16 Uhr

Ich kann es kaum fassen, dass ich fast dreißig Jahre lang auf dieser Erde leben und sogar eine akademische (literarische!) Ausbildung hinter mich bringen konnte, ohne diesen großartigen Romancier Pascal Mercier zu kennen! Wem das ebenso geht, dem sei gesagt: Wer dieses Buch nicht liest, bringt sich um etwas ganz Wunderbares!

Die Handlung ist schnell erzählt: Der alternde Lehrer und Philologe Gregorius lernt auf einer Brücke eine Portugiesin kennen. Diese Begegnung löst Veränderungen in ihm aus, plötzlich kann er seinen Jahrzehnte lang gewohnten Alltag nicht mehr ertragen. Er stößt in einem Antiquariat auf das Buch des zur Zeit des Estado Novo lebenden portugiesischen Widerstandskämpfers Amadeu de Prado, das ihn von der ersten Seite an völlig fesselt. Von einer Sekunde zur nächsten flüchtet er aus seinem Job, seinem Land, seinem vertrauten Leben und reist nach Portugal. Die Lektüre von Prados Buch, in dem thematisch vielfältige Gedanken, Erlebnisse und Erinnerungen niedergeschrieben sind, zieht ihn völlig in den Bann. Gregorius sucht nach und nach den Kontakt zu allen Menschen, die im Leben des Arztes, der lieber Poet geworden wäre, eine wichtige Rolle gespielt haben: seinem besten Freund, seinem Lehrer, seinen beiden Schwestern, seiner Geliebte, seinem Onkel. Er rekonstruiert Stück für Stück das Leben des Portugiesen, der gleichsam eine schillernde Lichtgestalt wie ein tief verzweifelter Mann gewesen sein muss. Doch es geht nicht nur um Prado und die Geschichte Portugals unter der Diktatur António Salazars. Es geht auch um Gregorius selbst. Über den Portugiesen und seine Wegbegleiter lernt er sich selbst besser kennen und weiß plötzlich, was in einer Situation, die ihm Angst macht, zu tun ist. Ihm erschließen sich neue Sichten auf alte Dinge, die Einfluss auf sein eigenes Leben nehmen.

Das Buch ist sprachlich so vollendet, dass man die ganzen Wörter, die wie ein Puzzle zusammenpassen und all die wundervollen, tiefsinnigen Gedanken dahinter aus dem Papier heraus zaubern möchte, um sie in eine Vitrine zu stellen und immer wieder staunend zu betrachten. Die Essays Amadeu de Prados liefern auch dem Leser ganz neue Blicke auf die Dinge, sodass man genauso wie Gregorius damit beginnt, Gewohntes in Frage zu stellen und Gefühle zu hinterfragen. Die stilistische Gestaltung ist wie aus dem literarischen Lehrbuch, ohne hölzern zu wirken, im Gegenteil: lebendig fließt das Geschehen dahin. Stilmittel werden gekonnt eingesetzt. Von den dreidimensionalen Figuren bis hin zu schlichter Wettermetaphorik, singenden Vergleichen, geschickt eingesetzten Wiederholungen oder fremdsprachlichen Einschüben, die das Beschriebene noch authentischer machen, finden sich die meisten der gängigen Stilmittel. Aber sie sind so virtuos gewebt, dass die Lektüre ein einziger Genuss ist, der weder langweilt, (wie zu einfach gestrickte Bücher), noch anstrengt, (wie zu kompliziert und künstlich gestaltete Bücher). Die Konflikte sind glaubwürdig ausgeführt, die Gefühle aller Figuren bleiben nachvollziehbar. Dabei wirkt das gesamte Konstrukt angenehm bodenständig, es ist so einfach wie möglich und so aufgebläht wie nötig gehalten. Eine Gratwanderung zwischen Kitsch und abstraktem Staub, die nur wenigen gelingt und die keins der beiden Extreme auch nur berührt.

Ein besonderer Pluspunkt: De Prado philosophiert in seinem Buch, das Gregorius zur Bibel wird, über alles mögliche, von Religion bis hin zu zwischenmenschlichen Gefühlen aller Art. Eine ganz zentrale Bedeutung bekommt allerdings immer wieder die Sprache zugewiesen, zumal auch Gregorius selbst als Philologe in diese Richtung deutet. Mit Sprachbetrachtungen dieser Art kann mein Literatenherz im Nullkommanichts zum Hüpfen gebracht werden, vor allem, weil die Betrachtungen nicht in sperrigen, hochwissenschaftlichen Theorien aufmarschieren, sondern verständlich, klar und alltagstauglich formuliert sind.

Drei Minuspunkte: Erstens: De Prado, der mutige und tragische Held, ist in meinen Augen zu wenig menschlich und zu göttlich dargestellt. Er leidet an der Welt und manchmal leidet die Welt an ihm, aber das ist offenbar nicht verwerflich, weil jeder Mensch in seiner Umgebung ihn vergöttert. Diese Betrachtung ist mir zu einseitig zu Gunsten des Perfektionismus. Mag er Perfektionist gewesen sein – es kann ihm nicht gelungen sein, diesen Perfektionismus auch immer erfolgreich umzusetzen. Das ist selbst für eine fiktive literarische Figur eine Runde too much. An dem leuchtenden, wortgewaltigen und leidenschaftlichen de Prado fehlen Ecken und Kanten und echte – nicht eingebildete – Schwächen. Kann sein, dass das Absicht des Autors war, um dem zaudernden und unsicheren Gregorius bewusst ein ganz gegensätzliches Vorbild gegenüberzustellen, aber mir gefällt es trotzdem nicht. Hätte Prado auch noch die Armen gespeist, hätte man ihn glatt mit Christus verwechselt. So erreicht Mercier zumindest bei mir genau den umgekehrten Effekt: Anstatt Prado ebenso anzuhimmeln wie alle Figuren in diesem Buch fing ich etwa ab Mitte des Buches ein bisschen damit an, ihn unsympathisch zu finden. Wenn sämtliche Figuren die Einstellung teilen, und damit den Leser fast dazu zwingen, diese Einstellung zu übernehmen, vor allem, weil auch nichts beschrieben wird, was dem aalglatten Geniegeist Prado den so ersehnten Fauxpas nachweist, dann kann das ungehalten machen, vor allem diejenigen, die es mögen, alle Seiten einer Medaille zu prüfen, bevor sie urteilen. Die Medaille Prado ist zu funkelnd, um wahr zu sein.
Gregorius hingegen ist mir viel sympathischer: je weniger Prado MENSCH ist, umso mehr ist es der Lehrer. Beide plagen sich jeweils zu ihren Lebzeiten mit Zweifeln, aber während von Prado behauptet wird, sie seien nicht berechtigt, darf Gregorius sie das ganze Buch über lustvoll von einer Hirnecke in die andere schieben.

Zweiter Minuspunkt: Das Ende ist mir zu offen. Ich mag zwar offene Enden, aber dieses wirkt den zuvor gewichtigen Schilderungen gegenüber platt, fast so, als hätte Mercier schnell zum Ende kommen wollen oder selbst keine Antworten auf die übrig bleibenden Fragen gewusst.

Dritter Minuspunkt: Die Historie kommt mir bei all den menschlichen Dramen zu kurz. Der zu Lebzeiten Prados autoritäre und klerikal-faschistische Ständestaat Portugal wird nur ganz knapp angeschnitten, quasi als Rahmen, der spannend genug ist, um ein paar Leser zu ködern. Ich hätte gern mehr vom Alltag der Menschen und vor allem der Widerstandsbewegung drin gehabt, auch mehr an sachlichen Informationen. Aber gut, alles kann man eben nicht kriegen.

Trotzdem bleibt das Buch ein Erlebnis, das man auch noch zehnmal lesen kann. Man wird in den philosophisch anmutenden Erläuterungen immer wieder etwas Neues entdecken und – wie toll – diese Gedanken taugen sogar dazu, sie auf das eigene Denken, Fühlen und Handeln zu beziehen und den eigenen Horizont zu erweitern. Ganz klar: Ich muss alle Bücher haben, die Mercier je geschrieben hat. Er ist großartig!

Quelle: http://www.lindner-katharina.de/

Beitrag von jessi273 14.12.09 - 21:26 Uhr

hey,

wie siehst du das ende denn? das hat mich auch verägert, wie geht es mit gregorius weiter? ich habe es so aufgefasst, als wäre sein leiden unheilbar und er stirbt#gruebel#hicks

*lg*

Beitrag von elodia1980 16.12.09 - 17:15 Uhr

hallo jessi,

das ende bleibt völlig offen. es findet sich nirgendwo ein hinweis darauf, dass gregorius sterben wird, aber auch nicht darauf, dass er nur eine harmlose erkrankung hat.

mercier hat an dieser stelle schlicht "aufgehört zu schreiben".

wenigstens einen klitzekleinen wink, eine tendenz oder ahnung hätte er uns lesern schon geben können, oder?

:-)

Beitrag von daac 15.12.09 - 09:13 Uhr

oha, so unterschiedlich können Menschen sein. Das Buch ist eines der wenigen, das ich schon nach nur wenigen Seiten weggelegt habe, weil es mich ÜBERHAUPT nicht angesprochen hat...

Beitrag von elodia1980 16.12.09 - 17:18 Uhr

hallo daac,

ja, geschmäcker sind ja nunmal verschieden. ich glaube aber auch, dass man dieses buch nur in einer bestimmten "stimmung" lesen kann, wenn es einen gerade nicht nach action verlangt. liest man es zur "unpassenden" zeit, kann ich mir vorstellen, machen einen die detaillierten ausführungen und die magere handlung ungeduldig und grantig.
mir war, als ich es anfing, gerade nach diesen stillen, poetischen tönen, deshalb hat das gepasst. :-)