Ich glaube, meine Mutter ist internetsüchtig :-(

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Forum: Familienleben

Die Oma füttert die Kinder übermäßig mit Süßigkeiten, Probleme mit der Schwiegermutter, Tipps zum Feiern der Taufe: Hier ist Platz für alle Themen rund um die Familie.

Beitrag von gedankenspiel 28.12.09 - 15:26 Uhr

Hallo,

langsam weiß ich nicht mehr, wie ich reagieren soll.
Ich habe den Verdacht, dass meine Mutter internetsüchtig ist und weiß nicht, ob und wie ich ihr da raushelfen kann.

Folgende Hintergrund-Info:

Meine Mutter hat meine schwerst pflegebedürftige Oma zu Hause über Jahre gepflegt.
Zum Schluss konnte sie wirklich nur stundenweise weg, war praktisch ans Haus gefesselt.
Mein Vater ist vor 3 Jahren gestorben. Als er noch lebte, war es bei weitem nicht so schlimm.

Durch die Pflege konnte sie z.B. auch uns nicht oft besuchen (sie war in 7 Jahren vielleicht 3x bei uns) und nicht an Feierlichkeiten wie z.B. Taufe oder Einschulung der Enkel dabei sein.
Mein Vater kam dafür, oder mein Bruder.

Im Oktober ist meine Oma gestorben.
Schon ca. 1 Jahr davor hat sich meine Mutter in eine virtuelle (Computer-)Welt geflüchtet.
Sie spielt ein Browsergame (Die Stämme) und hat sich dort einen sehr großen Bekanntenkreis erworben.

Am Anfang freute ich mich für sie, weil es die einzige Möglichkeit war, vom Alltag abzuschalten.
Dann nahm das Ganze überhand:

Wenn wir zu Besuch waren, sahen wir sie meist nur von hinten: Sie saß am PC und wir unterhielten uns / sahen fern etc.
Als meine Oma starb, konnte ich meine Mom kaum erreichen. Das Telefon war ständig besetzt - ich wartete auf eine Rückmeldung von ihr, wie es meiner Oma denn nun gehe, kam aber nicht durch, weil scheinbar alle Internetfreunde meiner Mutter vor mir informiert werden mussten.
Zur Beerdigung meiner Oma wurde fast rund um die Uhr telefoniert.
Nicht wegen des Todesfalls, sondern weil irgendwelche Stammesfragen zu klären waren / Angriffe zu timen etc.
Das ging bis spät in die Nacht, und begann morgens kurz vor 6 Uhr.

Anfang Dezember kam uns meine Mutter für eine Woche besuchen.
Ich freute mich riesig, weil sie leider an unserem Leben nicht so teil haben konnte, wie ich es mir gewünscht hatte.
Wir hatten Pläne gemacht, was wir mit ihr alles unternehmen können.
Dann war sie da - mit Laptop.
Incl. Skype Headset.
Stunden saß sie im Kinderzimmer am Lap, redete mit ihren Kumpels, spielte ihr Spiel, telefonierte.
Die Kinder fühlten sich schon gestört, weil sie wirklich bis Nachts am Reden war.
Ich hatte mir das irgendwie anders vorgestellt...

An Weihnachten wollten sie und mein Bruder zum Essen kommen.
Ich hatte Roastbeef vorbereitet und extra gefragt, wie sie es gerne hätte.
Sie wollte Feldsalat dazu mitbringen.
Um 13 Uhr rief mein Bruder an und meinte, sie würden jetzt gleich losfahren (ca. 150km Entfernung).
Ich fiel aus allen Wolken: Meine Mutter hatte ihm gesagt, es sei nichts geplant. Sie hatten noch was Kleines zu Mittag gegessen und machten sich dann auf den Weg.

Dass mein Fleisch alles andere als rosig war, muss ich nicht erwähnen :-(

Irgendwann nach dem Essen war meine Mutter dann verschwunden.
Sie hatte ihr Laptop mitgebracht!!!!!
Was soll ich sagen... die Abende verbrachten mein Mann, mein Bruder, die Kinder und ich alleine.
Zwischendurch setzte sie sich immer wieder ab, um am Computer zu hocken und per Skype zu quatschen.
Ich finde das so unhöflich und bin sehr enttäuscht, dass nichtmal das Weihnachtsfest für die Familie reserviert wurde.

Nun traue ich mich überhaupt nicht, sie darauf anzusprechen :-(
1. hatte sie die ganze Zeit nichts anderes als diese kleine Freude
2. komme ich mir total egoistisch vor, weil ich meine Mutter irgendwie "für mich" haben will
3. möchte ich eine über 60jährige nicht maßregeln, das steht mir nicht zu
4. habe ich Angst, dass dann Sprüche kommen könnten wie "Was willst du denn? Ich bin ja immerhin hier / hab dir deine ganze Bügelwäsche gemacht / hab dir hier und da geholfen ---> ich sitze ja garnicht ständig am PC".

Trotzdem glaube ich, dass sie ein ziemlich großes Suchtproblem hat.
Wie kann ich sie darauf ansprechen, ohne dass es böses Blut gibt?
Ich fühle mich trotz meiner über 30 Jahren von ihr zurück gesetzt - und habe Schuldgefühle deshalb, denn immerhin habe ich mittlerweile eine eigene Familie und suche trotzdem die Zuwendung meiner Mutter?

Wie gehe ich mit der Situation um?


Vielleicht hat jemand einen guten Rat für mich.

Danke und
LG,
gedankenspiel

Beitrag von simone_2403 28.12.09 - 16:27 Uhr

Hallo

Ich denke nicht das deine Mutter Internetsüchtig ist,ich denke ehr sie hat sich eigene Freunde gesucht bei denen sie sich verstanden und gut aufgehoben fühlt.Sie unterhält sich ja mit ihnen auch real per Telefon oder Skype (is ja auch telefonieren).Für dich mag es komish sein wenn sich deine Mutter über Strategien,Angriffe ect pp austauscht für andere ist es aber auch komisch das sich junge Mütter stundenlang über den Windelinhalt ihrer Kinder unterhalten können ;-)

Ganz ehrlich? Ich würde versuchen mit ihr zu sprechen,sie bitten das sie doch etwas mehr Zeit mit euch verbringt wenn sie schon da ist und ich würde sie bitten mir richtig zuzuhören (bezogen auf das Weihnachtsessen ;-) ) Ansonsten lass ihr ihre Freude,sie hat sich so ausgesucht,fühlt sich wohl.

lg

Beitrag von syhana 28.12.09 - 17:07 Uhr

Sei mir nicht böse... aber wenn jemand nicht mal ein paar stunden ohne PC aus kommt... wie in diesem Fall dann ist es eine art der sucht!

Und ich kann da gut mit reden da ich es selber erlebt habe. Nur das ich da von alleine raus wollte und ich fürchte das sie da keinen wirklichen anreiz hat um dieses verlangen zu haben.

Sprech mit Ihr... bitte sie wenn Ihr daseit das sie sich um EUCH kümmert. Lass dich doch mal mit den Leuten bekannt machen... Intresse zeigen und verständniss haben gibt Ihr das gefühl das Ihr nicht einfach nur gegen sie seid.

Holt sie da raus in dem Ihr sie einbindet in die Familie... unternehmt dinge mit Ihr... Denn sie hat ja nur diese Virtuelle-Welt!!!
Es gibt Foren... für Süchtige und deren Angehörige :-)

lg Syhana

Beitrag von gedankenspiel 28.12.09 - 17:16 Uhr

Wir binden sie ein, wo es geht.
Wenn sie allerdings nicht "mitzieht", kann ich sie nicht zwingen.

Ich wollte ihr wirklich eine schöne Zeit bei uns machen und sie richtig verwöhnen... aber das ist schwierig, wenn sie nichts mitmacht und für alles einen Vorwand hat, um am Laptop bleiben zu können.

Eingebunden ist sie auf jeden Fall und ich verstehe sie auch irgendwie, aber ich weiß nicht, wo das alles enden soll.

Beitrag von gedankenspiel 28.12.09 - 17:20 Uhr

Hi,

es geht nicht um den Austausch oder um die Kontakte (die ich ihr von Herzen gönne), sondern um das Ausmaß!

Wenn sich alles nur noch um ein Browsergame dreht (zeitweise stellt sie sich den Wecker, damit sie mitten in der Nacht Angriffe ausführen kann) und sie wirklich jede freie Minute am Rechner verbringt, dann ist die Dosis einfach zu hoch.

In Maßen ist das kein Problem. Ich spiele dieses Spiel selbst - aber in anderen Dimensionen.

Mittlerweile spielt sie dort mit 4-5 verschiedenen Namen auf XX verschiedenen Welten, hat Skype mit 3 oder 4 verschiedenen Accounts angemeldet und das Telefon ist eigentlich ständig besetzt.

Das kann doch nicht normal sein...

Beitrag von gh1954 28.12.09 - 17:07 Uhr

Deine Mutter wr als gsunde Frau jahrelang ans Haus gefesselt, hat viele schöne Ereignisse im Familienkreis nicht miterleben dürfen.

Hat sich damals jemand um sie geschert ?

Sie hat sich ein eigenes Leben aufgebaut, das war bestimmt wichtig, damit sie zu Hause nicht durchdreht.

Die Oma ist gerade ma zwei Monte tot, lass deiner Mutter Zeit, wieder ins Leben zu finden.

Beitrag von gedankenspiel 28.12.09 - 17:29 Uhr

Natürlich hat sich IMMER jemand um sie geschert!!

Wir haben sie oft besucht, ich habe ihr dann das Kochen abgenommen und so manch andere Arbeit im Haushalt.
Mein Mann hat meine Oma betreut, als es noch nicht ganz so schlimm war, damit meine Mutter und ich mal ein bißchen shoppen fahren konnten und sie was anderes sieht.
Mein Bruder und ich haben unsere Hilfe angeboten, um die Pflege besser zu organisieren.

Es wäre auch anders gegangen, wenn sie gewollt hätte. Wir standen immer hinter ihr und haben versucht, ihr so gut es ging zu helfen.

So auch jetzt.

Sie wird sich in den vielen Internet-Identitäten, die sie angenommen hat, verlieren!
Das ist meine größte Angst.
Sie definiert sich nur noch über diese Scheinwelt.
Ist es denn nicht möglich, mal 2 Tage ohne Computer auszukommen?

Sicher braucht sie Zeit, um ins Leben zu finden - aber doch bitte ins Reale!

Beitrag von gh1954 28.12.09 - 17:39 Uhr

>>>Sicher braucht sie Zeit, um ins Leben zu finden - aber doch bitte ins Reale! <<<

Ich meinte natürlich das reale Leben... was denn sonst.

Aber lasst sie ds Tempo bestimmen.

Sie hat lang genug fremdbestimmt leben müssen.

Beitrag von gedankenspiel 28.12.09 - 17:42 Uhr

Ich möchte auf keinen Fall ihr Leben bestimmen - aber ich möchte auch nicht, dass sie Schaden nimmt.

Und die Fremdbestimmung, die sie auf den ersten Blick erfahren musste, war zum Großteil selbst gewählt!

Beitrag von gh1954 28.12.09 - 17:55 Uhr

>>>Und die Fremdbestimmung, die sie auf den ersten Blick erfahren musste, war zum Großteil selbst gewählt! <<<

Das kann ich natürlich nicht beurteilen, in deinem ersten Beitrag las es sich so, dass deine Mutter eine "Gefangene" wegen der Pflege war.

Dass du nur das Beste für deine Mutter willst, glaube ich dir, aber ich glaube, deine Mutter weiß am Besten, was gut für sie ist, bzw was sie jetzt will.

Beitrag von gedankenspiel 28.12.09 - 18:06 Uhr

Naja, gefangen war sie schon - aber sie hätte die Option gehabt, einen Teil der Pflege abzugeben.

Pflegedienst hat sie allerdings wieder abbestellt.
Pflegeheim wollte sie nicht, Urlaub hat sie nie gemacht, obwohl er ihr eigentlich in der Vollzeitpflege zugestanden hätte.

Sie meinte, sie sei moralisch dazu verpflichtet.
Hilfsangebote lehnte sie immer ab, auch die ihrer Hausärztin, die ihr bei (auch zeitweiliger) Heimunterbringung zur Seite gestanden hätte.


Ob sie weiß, was gut für sie ist?
Keine Ahnung.
Ich weiß nur, was NICHT gut für sie ist: Diese virtuelle Realität, über der sie alles andere vergisst.

Beitrag von luka22 28.12.09 - 18:36 Uhr

"aber ich glaube, deine Mutter weiß am Besten, was gut für sie ist"

...wenn das so einfach wäre, gäber es keinen einzigen süchtigen Menschen mehr auf diesem Planeten!

Liebe Grüße
Luka

Beitrag von luka22 28.12.09 - 19:00 Uhr

Ich denke deine Mutter zeigt alle Anzeichen einer Sucht. Im Internet habe ich folgendes über Ursachen gefunden:

"Das Fliehen vor der Realität kann Flucht vor persönlichen Problemen bedeuten; vor Problemen mit sich selbst (wie Minderwertigkeitskomplexe) oder mit seinem sozialen Umfeld (Integrationsschwierigkeiten, Probleme der Kontaktaufnahme, Einsamkeit). Die darin verborgenen Wünsche werden in der Realität nicht erfüllt, sodass das Internet mit seinen geschützten, anonymen Räumen stellvertretend aufgesucht wird, um Depressionen, Angstzustände oder einfache Alltagsverstimmungen zu bekämpfen."

Symptome sind:
* Häufiges unüberwindliches Verlangen, ins Internet einzuloggen
* Sozial störende Auffälligkeit im engsten Kreis der Bezugspersonen (Freunde, Partner, Familie)
* Nachlassen der Arbeitsfähigkeit, das auf die Internetsucht zurückzuführen ist
* Verheimlichung/Bagatellisierung der Gebrauchsgewohnheiten
* Psychische Irritabilität, wenn die Nutzung des Internets verhindert wird (dies kann sich auswirken in Form von Nervosität, Reizbarkeit und Depression)
* Mehrfach fehlgeschlagene Versuche, die Nutzung des Internets einzuschränken

Wahscheinlich wirst du in Vielem deine Mutter wiederfinden. Natürlich bist du als Tochter zum einen besorgt, zum anderen auch enttäuscht darüber, dass sie sich augenscheinlich nicht für dich interessiert. Es geht auch nicht darum, dass sie sich um dich "kümmer" soll das brauchst du ja auch nicht. Aber welche Tochter, welcher Sohn, egal ob erwachsen oder nicht, wäre nicht maßlos enttäuscht darüber, dass die Eltern den Laptop einem vorziehen. Für mich ist es eindeutig krankhaft. Und genauso wie kein Alkoholiker seine Sucht einem Dritten in die Schuhe schieben kann, hat auch niemand Schuld an der Sucht deiner Mutter - außer sie selber. Sie hat ihre Mutter gepflegt? Das tun Viele andere auch, und werden nicht süchtig. Warum sie die virtuelle Welt der realen vorzieht, kann ich dir nicht sagen. An deiner Stelle würde ich so reagieren:
-Ich würde ihr sagen, dass sie süchtig ist (da gibt es im Internet auch Tests), denn in ihrem Leben geht es NUR noch ums Spielen
- Ich würde ihr sagen, dass ich so gerne wieder etwas Zeit mit ihr verbringen würde, dass sich die Kinder nach ihr sehnen, dass die gemeinsame Zeit keine "echte" Zeit ist, da sie geistig ganz woanders ist
-Ich würde ihr verbieten bei Besuchen ein Laptop mitzunehmen (kannst du ja versuchen in Liebe zu sagen).
Wenn sie strikt ableht, dann hast du einen weiteren Beweis für ihre Sucht.

Aber wie bei jedem Süchtigen ist es sehr schwierig, vor allem in der Phase, wo sich die Betroffenen ihrer Sucht überhaupt nicht bewusst sind. Es gibt nicht wenige Jungendliche, die aufgrund ihrer Spielsucht ihre Schule geschmissen haben, Erwachsene, die ihre Arbeit verloren haben!
Schau mal im Internet, nach einschlägigen Foren über Spielsucht. Vielleicht bekommst du dort ein paar konkretere Tipps, wie du mit deiner Mutter am besten umgehen kannst.

Viele liebe Grüße
Luka

Beitrag von herzensschoene 28.12.09 - 19:13 Uhr

hallo,

ich komme vom fach und mir war schon nach der hälfte lesen klar, dass deine mutter definitiv internetsüchtig ist.

das hat nichts mit gute freunde gefunden oder ein selbständiges leben führen zu tun.

sie ist nichtg in der lage, soziale kontakte zu führen. das internet bestimmt ihr leben.

du alleine kannst dagegen nichts machen. sie braucht eine therapie.

das du die zuwendung deiner mutter suchst ist doch normal. du bist dein ganzes leben lang ihr kind.

sage ihr auf den kopf zu, was du von ihrem spielverhalten hälst. auch wenn sie schon über sechzig ist, muss sie sich soetwas anhören . sag ihr, dass du dir sorgen machst, weil du sie gerne hast.

das wird alles nicht sofort fruchten. im laufe der zeit würde es helfen, wenn du ihr immer wieder zeitnah ihr verhalten spiegelst ohne vorwürflich zu werden.

wirklich helfen kann ihr aber nur eine therapie und die macht sie erst, wenn sie eingesehen hat, dass sie süchtig ist.

viele grüße maren