"Fingert" überall rum (4,5 Jahre) - Wie abgewöhnen?

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Forum: Erziehung

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Beitrag von erdbeertiger 01.03.10 - 10:13 Uhr

Hallo zusammen,

ich benötige auch mal eure Tipps zur Erziehung meines Sohnes (4,5 Jahre, ein lieber, hilfsbereiter, fantasievoller aufgeweckter Junge, kein "Problemkind"). Er hat eine Unart, die ich ihm nicht abgewöhnen kann. Und zwar entdeckt er die Welt über seine Finger, befingert und untersucht alles, was er sieht und irgendwie interessant findet. Das an sich wäre ja noch nicht das Problem, aber er kriegt wirklich alles dadurch kaputt. Überhaupt nicht mutwillig - aber er ist unglaublich stark. Als er 2 war, konnte man ja noch hoffen, dass es mit dem Älterwerden besser wird, aber bis jetzt ist es immer so, dass leider nur die Kraft zunimmt....

Beispiele bei seinen eigenen Sachen: ein Duplobagger "lebt"2 Tage, dann ist die Schaufel abgebrochen, ein Wader Kipplaster überlebte seinen ersten TAg nicht, ohne dass der Kippmechanismus kaputt war, alle Playmobilelemente werden direkt nach dem Zusammenbauen wieder in Einzelteile zerlegt, die dann verschleppt werden und verloren gehen.

Gut, das ist sein Spielzeug, dann ist die Konsequenz halt, dass es kaputt geht - aber er geht auch an andere Sachen - die Spielsachen seiner Geschwister (er hat zum Beispiel die Bügelperlenuntersetzer seiner Schwester auf Stabilität geprüft, nach dem Bügeln, natürlich brechen die durch), und an unsere Sachen (neulich z.B. an mein Schmuckkästchen - ich war entsprechend angesäuert, aber auch die Eieruhr, den Zollstock usw).

Wegräumen hilft nur bedingt - er ist halt schon so groß, dass er überall dran kommt, und wie gesagt, er findet immer etwas, was ihn interessiert, und was er sich dann (im Zweifelsfall mittels Stuhl o.ä.) holt und was er befingert. Außerdem kann ich ja nicht die Sachen seiner Geschwister kindersicher verstauen - die wollen ja auch mal spielen.

Reden und erklären hilft auch nicht - wir haben ihm schon so oft eklärt, dass er nicht an anderer Leute Dinge zu gehen hat, aber der Drang seiner Finger ist immer stärker. Ich ertappe mich zunehmend dabei, dass die Versuchung, ihm auf seine Finger zu klapsen, bei jedem Ding, was er kaputt macht, stärker wird - bis jetzt habe ich mich noch unter Kontrolle, aber ich hätte gerne Eure Tipps, bevor irgendwas passiert, dass ich die Kontrolle verliere...

Danke für Eure Antworten

Erdbeertiger

Beitrag von jazzbassist 01.03.10 - 20:35 Uhr

Da irgendwie keiner geantwortet hat, versuche ich es mal...

Ich würde es schon ein „Problem“ nennen, wenn Sie ihm etwas sagen und ihm das völlig egal ist; das zeigt einfach nur, dass er hier noch eine ganz klare Grenze braucht. Denn die Folgen, wenn er seine Finger mal in eine Steckdose, einen scharfen oder heißen oder ätzenden oder sonst wie für ihn gefährlichen Gegenstand steckt, sind ja die Gleiche; unabhängig davon, ob er das tut, weil er nicht auf sie hört oder, weil der Drang seiner Finger stärker ist.

Ich würde ihn also schon dahingehend erziehen, dass er Sachen, die nicht ihm gehören, nicht anzupacken hat und - wenn er mal etwas interessantes entdeckt hat - fragen muss. Sie halten ihn ja an einer gefährlichen Straßenkreuzung auch fest, damit er nicht blind über die Straße rennen kann. Wir tun das solange, bis wir den Kleinen Vertrauen können, dass sie diese Gefahrensituation erkennen und dann ganz genau auf die Mama hören. Kinder akzeptieren diese Regel (an einer Straße muss ich ganz vorsichtig sein und hier gibt es keinen Spass, denn ich muss ganz genau auf Mama hören) nur, weil sie durch das „von Mama festgehalten werden“ in ihrem natürlichen Bewegungsradius eingeschränkt werden. Ein Kind erkennt: „Egal was ich tue, Mama lässt mich nicht blind über die Straße rennen. Also akzeptiere ich Mamas Spielregeln hier, dann kann ich zwar immer noch nicht über Straße rennen, aber, ich erlange wieder meinen gewohnten Bewegungsradius zurück.“

Sie können so in sämtlichen Lebenssituationen agieren. Ob Sie mit ihm in der Stadt oder im Supermarkt sind - dann muss er halt an Ihre Hand gehen. Wenn Sie mit ihm bei der besten Freundin sind, dann muss er halt neben ihnen sitzen bleiben. Dann müssen Sie es eigentlich immer nur wieder versuchen, bis es dann irgendwann klappt. Geben Sie ihm seinen Freiraum zurück, sagen Sie ihm kurz und knapp, was er tun sollte, wenn er diesen Freiraum behalten will und - dann lassen Sie sich überraschen. Wenn es nicht funktioniert, muss er ohne widerrede wieder neben ihnen platz nehmen. Sie können es ihm hier wesentlich einfacher machen, wenn Sie ihm eine feste Aufgabe geben und ihm anbieten, dass er sich melden soll, wenn diese Aufgabe „langweilig“ geworden ist. Wenn Sie bei der besten Freundin sind, nehmen Sie ein Malblock oder etwas ähnliches mit.

Im eigenen Haus gilt das gleiche Spiele. Mit seinem Spielzeug darf er machen, was er möchte (mehr oder weniger), das Spielzeug seiner Geschwister ist Tabu für ihn, solange er nicht danach fragt. Hält er sich nicht daran, muss er halt die nächste Zeit erstmal unter Mamas Aufsicht in der Küche malen. Sie brauchen eigentlich gar nicht die Kontrolle verlieren, denn, er macht das nicht absichtlich. Er braucht momentan noch die Gewissheit, dass Mama ihn notfalls bremsen tut (Grenze), wenn er an Sachen „fingert“, die ihm nicht gehören. Und - wenn Mama ihn nicht nur bremst, sondern auch noch versucht, den kleinen Mann dahingehend zu motivieren, diese Grenze irgendwann von alleine zu akzeptieren, lernen Kinder eigentlich sehr schnell. Die Motivation ist in diesem Fall, der „Freiraum“, in der ganzen Wohnung (mehr oder weniger unbeaufsichtigt) spielen zu dürfen. Ein Kind erkennt dann ziemlich schnell: „Entweder spiele ich hier friedlich und halte mich an Mamas Regeln, oder aber, ich ignoriere Mamas regeln, sie hindert mich ans Fingern und dann darf ich hier nicht mehr spielen. Es lohnt sich also nicht, Mamas Regeln zu ignorieren.“

Ansonsten würde ich seinen Drang, zu fingern (wenn ich bedenke, was mein 11-Jähriger mit diesem Wort assoziieren würde … :-p) anders stillen. Machen Sie einfach ein Spiel daraus. Vielleicht hat er ja Lust, sich mit einem Schal die Augen verbinden zu lassen und muss dann Gegenstände erraten, die Mami ihm dann gibt. Das hat den Vorteil, dass er seinen Drang ausleben kann und Mami die Gegenstände aussuchen kann, die nicht ungefährlich für ihn sind, sondern auch stabil genug sind, um von einem 4.5-Jährigen nicht direkt zerstört zu werden. Oder füllen Sie kleine Becken/Behälter mit Sand, Wasser, Styropor, Wolle, Murmeln, Kies, Mehl, glitschigem, klebrigen etc. etc. und lassen ihn damit rumexperimentieren. Aber bei den restlichen Sachen muss er sich leider an Mamis Regeln halten und fragen, ob er damit „spielen“ darf. Und dies gilt es für ihn zu akzeptieren; wenn er sich daran nicht hält, wird er halt von Mama gestoppt und hat dann erst einmal ein paar weniger Freiräume.

Beitrag von zahnmaus 05.03.10 - 20:31 Uhr

Hallo,

meine Tochter hat alles mit dem Mund entdeckt, wie Baby´s das machen, sie kann auch ihre Kraft nicht richtig einschätzen und was als Diagnose raus: Sie hat Wahrnehmungsprobleme, sie hat dann 40 Einheiten Ergo bekommen und das hat sich somit erledigt. Bitte verbiete ihn nicht diese Eigenschaft, denn anders kann er im Momment nicht seine Welt "wahrnehmen". Frag mal deinen KiArzt dannach.

LG Kerstin