Liegt das an der "neuen" Erziehung

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Forum: Erziehung

Kinder fordern Eltern täglich neu heraus zu Auseinandersetzung und Problemlösung. Kinder brauchen Grenzen - doch welche und wie setzt man sie durch? Welche Erziehung ist die richtige? Nutzt hier die Möglichkeit, euch hilfreich mit anderen Eltern auszutauschen.

Beitrag von rose1980 09.03.10 - 12:40 Uhr

Hallo zusammen

Ich habe vor 2 wochen, sowie auch heute mal wieder sachen gesehen, die mich nachdenklich gestimmt haben.

Vor zwei wochen ging ich mit meiner Freundin (die etwas fülliger ist) eine Strasse entlang.
Auf einer Mauer saßen 3 Jugendliche ca. 13-15 Jahre alt... wir gingen vorbei, und die Kids fingen an " Wow Döner schmeckt gut wa, Fetter gehts ja nicht mehr"
etc... #bla
Wir haben die Kids komplett ignoriert.

Heute morgen brachte ich meinen Sohn in den KIGA und sehe am Eingang von einem Supermarkt, wieder ein paar Jugendliche sitzen.
Denke die waren alle um die 15-16 Jahre.
Eine ältere Frau ging vorbei, und die Jugendlichen fingen auf einmal an, die Dame anzupöbeln, und einer der Kids rülpste ihr fast direkt ins Gesicht.

Mir fiel wirklich alles aus dem Gesicht, warum benehmen manche Kids sich so unmöglich.
Ich kann mich nicht daran errinern, das meine Geschwister oder meine freunde, oder ich, uns jemals gewagt haben uns so zu benehmen.
Ehrlich gesagt wäre ich zumindest niemals auf die idee gekommen.

Naja, es gibt sicher noch einiges das man dazu noch schreiben könnte, aber ich möchte mal gerne eure Meinung dazu hören.
Glaubt ihr das liegt einfach an einer "falschen" Erziehung?

Freue mich auf Antworten.
Schönen Tag euch und LG
Tanja

Beitrag von schullek 09.03.10 - 13:20 Uhr

hallo,

ich denke um zu erklären woran solche dinge liegen, müsste man eine halbe doktorarbeit schreiben.
mir kommen direkt mehrere dinge in den kopf:

- perpektivenlosigkeit in der gesellschaft
- überforderte eltern und lehrer (auf grund zu großer klassen, zu schlechter rundumbetreuung)


es gibt sicher sehr viele dinge, die da zusammenkommen.

was ich mich angesichts solcher dinge allerdings fast immer frage: wieso reagiert niemand?

wenn eine alte frau auf der straße angepöbelt wird, wieso schreitet niemand ein?
ich bin fast immer der einzige, der etwas sagt oder tut. sei es, wenn eine alte frau stürzt, ein betrunkener auf die straße torkelt, kinder auf unsicheren, nur halb zugefrorenen seen udn tiehcen spielen, kinder andere kinder offensichtlich mobben etc.
ich agiere immer meinen möglichkeiten in dem moment entsprechend. fast neimand anders tut es.

oder warum hast du der alten frau nicht beigestanden?
wenn diesen kindern keine grenzen aufgezeigt bekommen, wie sollen sie sie erkennen?

nicht nur die eltern sind zuständig für die erziehung der kinder. die gesellschaft ist es.

lg

Beitrag von rose1980 09.03.10 - 13:31 Uhr

Huhu

Danke für deine Antwort.
Ja, das habe ich mir auch schon so gedacht.
Die Situation heute war jetzt nicht so das man eingreifen musste.
Die Kids sind der Dame nicht an die Wäsche gegangen oder so.
Und die Dame hat sich sehr gut gewährt und ist dann einfach weiter gegangen.

Ehrlich gesagt bin ich auch etwas "eingeschüchtert" worden, was das eingreifen betrifft.

Ich habe mal hier vom Balkon aus, ca. 12 Jährige Mädels beobachtet, die sich in einer Garage aufhielten, und Alkohol tranken.
Ich rief den Mädchen zu " Sagst mal spinnt ihr? werft sofort den Alkohol weg, ihr macht euch damit kaputt" Die Mädels störte das nicht und tranken weiter.

Ich dachte aber das ich da was machen muss, und rief die Polizei an...die kamen dann auch, nahmen die Personalien auf, und brachten die Mädels nach Hause.

Dachte mir "ok dann hat sich die Sache ja erledigt"
naja, pustekuchen, ein paar Tage später klingelte die Mutter eines Mädchens bei mir an der Tür, und fing an mich zu beschimpfen.
" Wie konnte ich die Polizei rufen, und ich solle mich um meinen dreck kümmern etc....

Naja, manchmal weiss man schon garnicht mehr was man machen soll.

LG Tanja

Beitrag von espirino 09.03.10 - 13:34 Uhr

Hallo,

ganz ehrlich ich hätte mich das auch nie getraut. Auch damals aus meiner Klasse hab ich nie einen erlebt, der so respektlos anderen gegenüber war.

Jetzt nur der Erziehung die Schuld zu geben wäre wohl fatal, aber ich denke sie spielt eine große Rolle. Lernen die Kinder schon zu Hause nicht, wie man respektvoll miteinander umgeht, werden sies auch in der Schule nicht mehr so annehmen können. Kommt dann noch der "richtige" "coole" Freundeskreis dazu, sind die Eltern ohnehin meistens machtlos.

Ich sehe die Gründe auch mehr in der Gesellschaft, in sozialen Brennpunkten, hohe Arbeitslosigkeit bei den Eltern, im Bekanntenkreis, negative Erfahrungen mit Schul- und Sozialpolitik. Manche Lehrer meinen auch, sie müßten den Jugendlichen nicht mehr Paroli bieten, sondern weisen ihnen lieber die Tür, anstatt ihnen neue Chancen einzuräumen.

Es wird wohl heutzutage auch zu materiell erzogen. Die Freundin hat das neue DSi, der Kumpel hat das neue iPhone und weiß der Geier was es noch alles gibt.

Ich wäre für mehr AG´s, meinetwegen auch Pfadfindertreffen, etc, pp. Sinnvolle Beschäftigungen für Jugendliche halt. Klassenunternehmungen halt, auch wenn das sehr nach DDR klingt.
Tatsache ist aber, daß es größtenteils die gelangweilten Jugendlichen sind, die es auf die Straße treibt um sich dort den Kick zu holen.

LG Jana

Beitrag von felix.mama 09.03.10 - 13:39 Uhr

Wenn Kinder nie auf grenzen stoßen, dann lernen sie auch nie grenzen kennen.

Beitrag von erdbeerblond 09.03.10 - 13:45 Uhr

Ich arbeite im Verkauf , bei uns gibt es schwere Schubfächer und viele Gefahrenquellen. Was denkst du, wieviele Eltern ihre Kinder dort machen lassen, was sie wollen. Die Kinder turnen und klettern teilweise in unserer kompletten Austellung rum, denken es wäre ein Abenteuerspielplatz. Meist müssen wir als Angestellte den Kindern Grenzen setzen, weil es die Eltern nicht machen. Es fängt bei den ganz Kleinen an, wenn sie nicht beigebracht bekommen, dass man sich nicht überall aufführen kann, als wäre man zu Hause, kann man es auch im jugendlichen Alter nicht.
Schon kleine Kinder brauchen bestimmte Grenzen.

Beitrag von barbarelle 09.03.10 - 13:57 Uhr

Hallo Tanja,

ob alles immer nur an der Erziehung liegt? Letztes Endes sind es ja auch häufig die Kinder, die zu stark reglementiert werden und anderswo ein Ventil brauchen um Dampf abzulassen.

Häufig keine Interessen, Hobbys oder sonstige Aktivitäten die sie von Dummheiten abhalten.

Ich glaube, das hat nichts mit der heutigen Zeit zu tun. Das gab es schon immer und wird es immer geben.
Die Pubertät darf man da auch nicht ausser Acht lassen.

Ich erziehe mein Kind sozial aber ich denke keiner hier kann für seine Kinder die Hand ins Feuer legen.

LG
Barbarelle





Beitrag von jazzbassist 09.03.10 - 14:11 Uhr

Finde ich ganz schwierig zu beantworten.

Ich denke, es ist hauptsächlich eine gesellschaftliche Entwicklung. Kinder passen sich grundsätzlich dem Millieu, in dem sie aufwachsen, an, weil sie festgestellt haben, dass sie so mit am wenigsten Schwierigkeiten in diesem Millieu überleben. Vielleicht ein ziemlich übertriebenes Beispiel:

Wächst ein Kind in einer Gegend mit einer hohen Arbeitslosigkeit, einem schwierigen Integraionshintergrund und einer hohen Kriminalität auf, denke ich, können Eltern nur noch bedingt etwas machen. Man kann diesen Kindern zwar die passenden Werte vermitteln (gegenseitigen Respekt etc.) oder ähliches; aber; diese Kinder müssen sich in und nach der Schule nun mal durch diese Gegend durchkämpfen, wo sie mit diesen Werten nur bedingt weiterkommen. Passt man sich nicht zu einem gewissen Grad an, fällt man selber auf und gerät somit eventuell selbst in die Schusslinie als potentielles Opfer. Ein Kind passt sich daher diesem Verhalten - von dem es weiß, dass es falsch ist - einfach an, um nicht selbst in die Opferrolle zu treten und angepöbelt zu werden. Es ist ganz schwierig für einen Jugendlichen, in so einer Gruppensituation mal einzuschreiten.

Ich denke auch, dass auf einer normalen Schule die Zustände so katastrophal sind, dass selbst gut erzogene Kids sich außerhalb des Elternhauses solchem Gruppenverhalten anschließen, weil sie sonst Gefahr laufen, in dem Milieu Schule (wo die nun mal sehr viel Zeit verbringen) selbst in die Schusslinie geraten. Ich befürchte eher - vielen Eltern sind sich der Tragweite gar nicht bewusst, was 13-16 Jährige sich untereinander bereits antun können. Klar ist diese Entwicklung gefährlich, aber...

Es ist Aufgabe der Gesellschaft und der Politik, jugendlichen hier einen Weg zu bieten; als nur auf sie rumzuhacken und von früher zu schwärmen - wo doch irgendwie alles besser war. Denn selbst Sokrates hat vor 2500x Jahren bereits erkannt, dass die Jugend früher viel besser war. Ich denke, wenn Jugendliche keine Alternative haben, als am Nachmittag vor einem Supermarkt zu lungern und Erwachsene anzupöbeln, darf man sich auch nicht wundern, dass Jugendliche das dann auch wirklich tun. Ich denke nicht, dass die Lösung hier Erziehung ist, sondern eher, Jugendlichen einfach wieder eine Chance/Zukunft zu bieten.

Lösungen können hier Ganztagsschulen sein, viel mehr Freizeitaktivitäten und Jugendklubs für diese Gruppen. Auch Aufklärung und Führung ist sicherlich ein großes Thema. Es reicht nicht, eine abgewrackte Bude hinzustellen und da ein Billiardtisch reinzustellen und es dann Jugendtreff zu nennen, damit die Erwachsenen wissen: "Hier müssen wir einen großen Bogen darum machen." Es braucht auch Betreuer und erwachsene Ansprechparter für diese Jugendlichen, die diese Altersgruppe verstehen, mit ihnen umgehen kann und nicht immer den Moralfinger hebt. Mein Beruf hat mich gelehrt, dass es ganz schwierig und ganz einfach sein kann, mit Jugendlichen zusammenzuarbeiten; es so einfacher, so besser man sie versteht. Wie die jugedlichen Erzogen waren, war dann größtenteils irrelevant.

Ein weiterer Punkt wird sicherlich ein Übermaß an Medienkonsum sein, der auf Jugendlichen ungefiltert (Handy, Internet etc.) einfließt und jugendlichen eine werteverzerrte Wirklichkeit beibringen. Seien es Pornos, Rap-Videos oder Gewaltvideos. Mein Sohn ist 11 Jahre alt und statistisch gesehen hat er mit 50%tiger Wahrscheinlichkeit bereits pornografisches Material gesehen. Für ein Kind, das in einem normalen Elternhaus aufwächst, wird das sicherlich nicht all-zu-tragisch sein, da er die tatsächliche Rolle von Liebe/Gefühle/Zärtlichkeit/Ehe kennt und unterscheiden kann, dass der Porno halt eine "fiktive" Rolle ist.

Statistisch gesehen können das etwa 90% aller Jugendlichen, die solches Material einmal konsumiert haben, filtern. Leider bleiben 10% dabei auf der Stelle (die Ursachen sind hier ebenso vielfältig), die dann plötzlich meinen, ja - Frauen sind nur noch ein Sex-Objekt, dass dem Mann gehört (typisches Snoop-Dog Rap Video). Statistisch gesehen sitzt also ein normaler Jugendlicher mit 3 solchen Jugendlichen in einer Schulklasse (je nach Milieu sicherlich mehr/weniger). Oftmals sind das leider auch die Jugendlichen, die dann auch andersweitig soziale Defizite aufweisen, und diese verzerrte Wirklichkeit für Real halten. Vielleicht sollte man politisch hier einfach mal anpacken und diese jugendlichen wieder auf den richtig Weg bringen. Denn diese stecken auch ganz automatisch andere jugendliche an; was pubertätsbedingt ist, da jugendlichen sich ohnehin in einer Identitätskriese befinden.

Wir leben in einer Gesellschaft, wo das Lebensmotte leider heißt: "Einfach wegsehen." Frau von der Leyen hat es im letzten Jahr politisch mit ihrem Zugangserschwernissgesetz beispiellos demonstriert: Problem erkannt, gekonnt weggesehen, debatte politisch gelöst. Und gerade Medienkonsum kann so harmlos für Jugendliche sein, wenn sie Fiktion und Wirklichkeit trennen können. Aber welcher Elternteil würde einen Jugendlichen schon mal auf ein Snoop-Dog Musikvideo ansprechen, um herauszufinden, wie dieser Jugendliche die Rolle der Frau in so einem Video wahrnimmt und für wie wirklich er sieh hält? Leider tun das die wenigsten; die Mehrheit schreit einfach nur: "Einfach wegsehen" i.S.v. verhindern, dass die Jugendlichen das sehen können; wo wir doch alle wissen, dass es völlig unmöglich ist. Es kann aber für einen jugendlichen so hilfreich sein, mit jemanden über diese Dinge einfach mal zu reden oder jemanden, der einfach mal die richtigen Fragen stellt und bei den Kleinen ein paar Denkprozesse anstösst.

Ich denke, Eltern haben hier für 30 Jahren genau so erzogen, wie heute. Sie sind unsicher und überfordert. Die Kinder wachsen halt im hier und jetzt auf und nicht vor 30 Jahren; vor 30 Jahren hatten Eltern das Problem nicht, dass Jugendliche ungefiltert auf Pornographie/Gewalt etc. zugreifen können. Daher können wir sie schlecht so erziehen, wie noch vor 30 Jahren: Wir reden einfach nicht drüber, dann gibt es das für unsere kids auch nicht. So gesehen ist es schon ein part von Erziehung; nämlich der, dass wir größtenteils noch immer so erziehen, wie vor 30 Jahren.