Hat die Solidargemeinschaft noch Zukunft?

Archiv des urbia-Forums Politik & Philosophie.

Hier geht es in die aktuelle Version dieser Seite. Nimm dort aktiv am Diskussionsgeschehen teil.

Forum: Politik & Philosophie

Hier ist der Platz, mit anderen Politik- und Philosophieinteressierten über Parteien, aktuelles politisches Geschehen, Sinnfragen etc. zu diskutieren. Wir bitten insbesondere in diesem Forum um einen sachlichen und konstruktiven Diskussionsstil!

Beitrag von nele27 12.03.10 - 11:35 Uhr

Hallo Ihr Lieben,

lese hier inzwischen so oft was von "Ich will nicht für die anderen zahlen", dass ich mich frage, ob für Euch die Solidargemeinschaft überhaupt noch eine annehmbare Lösung zur Finanzierung von Ausgaben ist? #kratz

Und was meint Ihr, hat dieses System durch den demographischen Wandel / Arbeitslosigkeit eh bald ausgedient?

Sieht die Zukunft so aus, dass jeder entweder selbst vorsorgt oder dann halt Pech hat und zur Suppenküche gehen kann? Mal provokant gefragt.

Oder wird es eine an die neue Realität angepasste andere Form des Solidarprinzips geben? Das vll nicht so eng an Erwerbsarbeit gebunden ist?

Oder ist das derzeitige System doch besser als sein Ruf?

Was meint Ihr?

Ich selbst stehe eigentlich hinter diesem Prinzip, sehe aber, dass ein Umbau nötig wäre, jedoch nicht durchgeführt wird...

Freue mich auf Antworten!
Vll hat ja jemand sogar eine Idee für ein neues System in der Schublade ;-)

LG, Nele

Beitrag von tiffysb 12.03.10 - 11:48 Uhr

Hallo Nele,

eine Idee habe ich leider keine. Ich befürchte aber mal, dass das Solidarprinzip nicht mehr ewig funktionieren kann.

Es fängt ja schon mit der Alterspyramide an, die nicht mehr stimmt. Immer weniger junge Leute müssen für immer mehr alte die Rente aufbringen. Wenn später mal auf einen Arbeitnehmer zwei Rentner kommen, wie soll das noch funktionieren ?

Ich habe mal einen interessanten Beitrag im TV gesehen. Hier ging es darum, dass ja auch alte Leute wahlberechtigt sind, die wiederrum natürlich die Partei wählen, die für sie (also die Rentner) am meisten rausholt. Die Angst in dem Beitrag war nun, dass wenn die Alterspyramide nun endgültig gekippt ist, man als junger Mensch praktisch gar keine Chance mehr hat. Weil die wenigen jungen Menschen im Verhältnis zu den vielen alten Menschen durch ihre Stimmen keine Chancen mehr haben die "Rentner-Parteien" zu überstimmen.

Aber auch heute schon sehe ich schwarz. Auch jetzt aktuell mit den Zusatzbeiträgen der Krankenkassen. Hier 5 Euro, da 8 Euro. Das läppert sich schon zusammen. Dann soll man für seine Rente selbst noch zusätzlich vorsorgen usw. Es wird der Tag kommen, da bleibt von einem erhlich verdienten Lohn/Gehalt nichts mehr übrig, weil er Staat und die ganzen Anstalten (Kranenkassen, Rentenversicherungen usw.) alles eingesackt haben.

Ich bin durchaus dafür, dass man armen Leuten hilft aber wenn kein Geld da ist, ist keins da und daher denke ich, dass der Sozialstaat früher oder später nicht mehr existent ist.

Liebe Grüße
Tiffy

Beitrag von nele27 15.03.10 - 12:14 Uhr

Hi,

naja im Gegensatz zu fast allen anderen Ländern der Erde ist bei uns noch recht viel da...

Mir kommt es so vor, als ob Errungenschaften, die gewährleisten, dass der Wohlstand (noch) recht gut verteilt ist, nun schlecht geredet werden, weil der persönliche Wohlstand eben Grenze nach oben hat, die zurzeit offenbar erreicht sind!

Aber deswegen das System in Frage stellen??

Das mit den Rentnern und Wählen stimmt natürlich - wobei ich glaube, dass die Gleichung Rentner = CDU so heute nicht mehr stimmt.

LG, Nele

Beitrag von .doctor-avalanche. 12.03.10 - 13:19 Uhr

Das Solidarprinzip ist ein Grundpfeiler unseres Systems und ich halte es heute für wichtiger denn je bzw. für weitaus notwendiger, daß man darauf Obacht gibt, daß es nicht verloren geht.

Was Deine Bemerkung mit den Renten angeht, sehe ich das nicht ganz so schwarz. Natürlich wird sich die demographische Entwicklung für die nächsten 30, 40, oder 50 Jahre nicht mehr umkehren lassen, "wir Deutsche" werden immer weniger. Warum auch immer.

Lt. Statistik bzw. Demographie-Zirkeln müssten in den nächsten 20 Jahren alle Frauen im gebärfähigen Alter mind. 4,3 Kinder kriegen um den Trend umzukehren. das wird nicht passieren......

Deswegen muß man in der Polotik aber auch in der Bevölkerung endlich in europäischen Dimensionen (und darüberhinaus) denken und Deutschland wird, da bin ich mir sicher, Einwanderungsland werden. Mir ist es nämlich wurscht, ob mein Zahnarzt aus Bulgarien kommt oder mein Verkäufer an der Wursttheke aus Frankreich oder der Software-Entwickler aus Polen oder mein Automechaniker aus der Türkei. Wenn diese nur HIER arbeiten, die Lücke aufgrund deutscher Vermehrungsverweigerung schliessen und dann die Renten erarbeiten, muß es nicht so schlimm werden wie es zwischenzeilig bei Dir klingt......

Was man noch sonst tun könnte um eine Gesellschaft grundsätzlich zu reformieren, da fält mir immer wieder das Thema Bürgergeld ein........hatten wir ja vor kurzem......

Beitrag von fred_kotelett 12.03.10 - 13:23 Uhr

"Deswegen muß man in der Polotik aber auch in der Bevölkerung endlich in europäischen Dimensionen (und darüberhinaus) denken und Deutschland wird, da bin ich mir sicher, Einwanderungsland werden. Mir ist es nämlich wurscht, ob mein Zahnarzt aus Bulgarien kommt oder mein Verkäufer an der Wursttheke aus Frankreich oder der Software-Entwickler aus Polen oder mein Automechaniker aus der Türkei. Wenn diese nur HIER arbeiten, die Lücke aufgrund deutscher Vermehrungsverweigerung schliessen und dann die Renten erarbeiten, muß es nicht so schlimm werden wie es zwischenzeilig bei Dir klingt......"

Full Ack.

Ich bin nach wievor fassungslos das Deutschland es nicht versteht ein modernes Zuwanderungsgesetz zu erlassen.
Zur Zeit kann jeder Idiot einwandern, sobald er deutsche Vorfahren hatte.
Auf der anderen Seite wird es ausländ. fachkräften nahezu unmöglich gemacht nach Deutschland zu kommen.

Wir brauchen imho ein system, ähnlich dem kanadischen das die Einwanderung über ein Punktesystem steuert.

VG

Beitrag von gunillina 12.03.10 - 20:21 Uhr

"Deswegen muß man in der Polotik aber auch in der Bevölkerung endlich in europäischen Dimensionen (und darüberhinaus) denken und Deutschland wird, da bin ich mir sicher, Einwanderungsland werden. "

Deutschland ist schon seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland. Sieht nur niemand so, wie es scheint...

"Was Deine Bemerkung mit den Renten angeht, sehe ich das nicht ganz so schwarz. Natürlich wird sich die demographische Entwicklung für die nächsten 30, 40, oder 50 Jahre nicht mehr umkehren lassen, "wir Deutsche" werden immer weniger. Warum auch immer."

Wir Deutsche werden unter anderem deshalb immer weniger, weil das Modell der Familie mit dem Vater als Alleinverdiener nicht mehr funktioniert. Die Frau muss mitarbeiten, damit der Lebensstandard gehalten werden kann. Es gibt aber nur wenig Betreuung für Kinder, also wird sich entschieden, ob Kind oder Arbeit.
Ausserdem geht es da na klar auch um die Emanzipation (Frau WILL ja auch arbeiten, nicht "nur" am Herd stehen und Wäsche waschen).
Also, Geld und Selbstbestimmung sind da wichtige Faktoren.

Du wirst lachen: Mein Käsefachverkäufer kommt tatsächlich aus Frankreich, meine Wäschereifrau (was ist das für ein Beruf?) aus Osteuropa, die Kassiererin beim (noch) Plus kommt zwar nur aus Sachsen:-p, aber lediglich mein Automechaniker ist ein waschechter Mannheimer#schock;-) Sogar ich bin "eingewandert". Sozusagen. Also: Deutschland IST Einwanderungsland. Fiel mir nur grad noch so ein.:-) (nein, na klar gibt es hier noch mehr Einheimische, aber eben so viele Zugezogene. Aus der ganzen Welt.)

Beitrag von nele27 15.03.10 - 12:16 Uhr

Ja, die Einwanderungsgewohnheiten (Gesetz kann man es ja kaum nennen) sind hier recht absurd.

Nur die Blutsverwandschaft (oder den dt. Schäferhund) heranzuziehen, erscheint mir wahrlich veraltet - um nicht zu sagen bekloppt.

Man sollte eher schauen, wie man eine vernünftige Einwanderung gewährleisten kann ...

Aber ob sich dadurch der demografische Wandel aufhalten lässt? #kratz

LG, Nele

Beitrag von dominiksmami 12.03.10 - 16:55 Uhr

Hallo,

wir zahlen ganz gern für andere.

Weil andere auch für uns zahlen.

Ja Tatsache, es gibt neben Hartz IV oder dergleichen ja noch eine Menge mehr das von "unseren" Steuern und Beiträgen gezahlt wird.


Natürlich ist es manchmal anstrengend zu zusehen wie manche dieses System wirklich schamlos ausnutzen und sich dabei auch noch im Recht fühlen.
Aber im Großen und Ganzen fühlen wir uns ganz gut dabei.

Ob es allerdings noch lange Bestand hat, daran möchte ich zweifeln.

lg

Andrea

Beitrag von nele27 15.03.10 - 12:36 Uhr

**wir zahlen ganz gern für andere. ***

Damit seid ihr in der Minderheit ;-)

Ich finde es sehr schade, wie von so vielen die Errungenschaften des Sozialstaats verteufelt werden. Klar fußt das jetzige System auf tw anderen Voraussetzungen (mehr Beitragszahler), aber deswegen amerikanische Verhältnisse einführen! Never!

LG, Nele

Beitrag von r.le 12.03.10 - 20:40 Uhr

Hallo Nele,

<Und was meint Ihr, hat dieses System durch den demographischen Wandel / Arbeitslosigkeit eh bald ausgedient?<

Im Gegenteil. Ein modernes Solidarsystem muss genau diesen Wandel auffangen.

Die traditionellen Strukturen, in denen die (Groß)Familie Funktionen der Solidargemeinschaft, speziell Kinderbetreuung und Altenpflege, wahrgenommen hat, sind durch demografische und ökonomische Einflüsse aufgebrochen.

Dies aufzufangen, ist die Herausforderung, die wir als moderne Gesellschaft wahrnehmen müssen. Die Alternative ist der angloamerikanische Raubtierkapitalismus, das kann aber niemand, der klaren Geistes ist, wollen.

Hinsichtlich der europäischen Dimensionen unterschreibe ich bei .doctor-avalanche. und spare mir das Tippen.

<Vll hat ja jemand sogar eine Idee für ein neues System in der Schublade>

Ich bin der Meinung, dass wir kein neues System brauchen, weil wir ein prinzipiell gutes, wenn auch teures, haben. Dass auch Gutes noch weiter ausgefeilt werden kann, steht außer Frage.

Sobald ich ein Patentrezept habe, werde ich es natürlich an dieser Stelle exklusiv, live und in Farbe präsentieren ;-).

Gruß

Ralf

Beitrag von nele27 15.03.10 - 12:40 Uhr

Gut, ich nagel Dich drauf fest :-) Sonst wird vll mein Sohn später mit einem neuen System berühmt, der wird ja 2049 Bundeskanzler #huepf

Nee, Spaß beiseite. Ich glaube manchmal, in der öff. Meinung wird die Solidargemeinschaft nur noch als Last gesehen. Es ist ja sooo toll in den USA - jeder ist seinen Glückes Schmied #contra #augen Na, bis man mal nicht leistungsfähig ist.

Klar sind einige Dinge reformfähig, aber im Großen und Ganzen ist es doch so wie hier das einzig Wahre! Ich sehe aber, dass das System derzeit eher ausgehöhlt, als bewahrt wird. Und dass es dann nicht mehr funktionieren kann, ist auch klar.

LG, Nele

Beitrag von tve 13.03.10 - 09:56 Uhr

Ich denke es wird mit der Zeit auf ein staatliches Grundeinkommen für jederman hinauslaufen, weil die Leute in Suppenküchen laufen zu lassen, könnte politisch gesehen ganz schnell nach hinten losgehen und zur eigenen Entmachtung führen, wie die Geschichte so treffend zeigt.

Beitrag von nele27 15.03.10 - 12:01 Uhr

Das denke ich auch ... aber wenn man sich einige Meinungen (vor allem hier) so anschaut, würden viele die nicht so Leistungsfähigen am liebsten ins Arbeitslager schicken *brrr*

LG, Nele

Beitrag von king.with.deckchair 13.03.10 - 11:28 Uhr

"Oder wird es eine an die neue Realität angepasste andere Form des Solidarprinzips geben?"

Es muss. Denn: Die ganze Sozialgesetzgebung basiert zwar - auch - auf dem christlichen (oder humanistischen oder was auch immer) Gedanken der Nächstenliebe, Menschenwürde, pipapo; aber es ist auch schlicht eine Frage der Vernunft, Menschen eben NICHT allein auf sich selbst (und die Suppenküche) zu verweisen. Eine Frage der Vernunft und der öffentlichen Sicherheit und Ordnung.

Ich denke, dass wir die Kriminalität unter anderem deswegen im Zaum halten, weil wir bestimmte Menschen mit dem Nötigsten versorgen. Und ich denke, das jede Gesellschaft immer einen gewissen Anteil Menschen mit durchziehen muss, die "asozial" sind, d.h. sich bewusst und trotz Können nicht am Schaffensprozess bzw. der Gemeinschaftskasse beteiligen, sonder nur aus ihr nehmen. Man müsste so oder so für diese Menschen zahlen, um mal den zitierten Satz aufzugreifen. Entweder mit Hilfe zum Lebensunterhalt oder aber mittels Knast, Opfer-Krankenhausbehandlung, Schadensregulierung oder auch der Behandlung dieser Menschen selbst, wenn sie nicht kriminell werden, sondern sich selbst überlassen auf der Straße von Bettelei leben und dabei verwahrlosen und erkranken.

Ersteres käme wohl billiger.

Das System als solches ist vom Grundprinzip her gut. Und entgegen der Schlagzeilenmeldungen gibt es sehr wohl sehr viele, die sich am Schaffensprozess beteiligen möchten. Nur: Es gibt keine Stellen für sie bzw. kaum Arbeitgeber mit sozialer Verwantwortung, der auch einige Schwächere "mitnehmen" würde. In Zeiten, in denen manche Firmen Mitarbeiter bei der ERSTEN Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung in der Probezeit kündigen (selbst bei Wege- oder Arbeitsunfällen), haben Schwächere, nicht so Leistungsfähige schlicht kaum noch Chancen. Was soll ich mit meinen über 50jährigen denn machen, die nur noch bis zu sechs Stunden am Tag arbeiten können und oft bisher nur körperlich schwere Helfertätigkeiten hatten, tun? Was soll ich mit der Frau tun, die offenbar wirklich eine psychische Erkrankung hat, sich deswegen sozial unverträglich aufführt (nennen wir's mal so), bei keinem Arbeitgeber bleiben kann, aber vom Ärztlichen Dienst Erwerbsfähigkeit attestiert bekommt. Früher bekamen solche Leute in Nischen oder in Kleinbetrieben noch eine Chance. Heute? Nö.

Ich denke inzwischen, dass dieses Geschrei von den angeblich so vielen Faulen vor allem der Industrie dient. Und das Dummvolk, welches selbst oft gerade so das Nötigste leistet, plärrt es nach.

Ja, es gibt die Faulen und Unwilligen. Die Unrealistischen, die Unfähigen, die Dummen und weniger Dummen, die dummes Zeug tun, zu viele Kinder zur Unzeit bekommen, die seit Generationen "asozial" leben. Aber das ist nicht der Großteil der Hilfebedürftigen.

Aber das ist der Mensch. Nicht immer klug, nicht immer vernünftig.

Ich will auch nicht immer für die anderen zahlen: Für den dummen Banker, der sich risikoreich verspekuliert; für den blödsinnigen Manager, der eine Firma an die Wand fährt, eine Menge Arbeitslose produziert und dann noch Abfindungen bekommt; für den affigen Motorradfahrer, der am Wochenende dumm herumheizt, die Umwel verpestet und mittels Unfällen sich und andere ins Unglück stürzt; für das Dummbrot, welches daherschwallt, sich mit den "paar Kilo Übergewicht" wohl zu fühlen, blöde weiterfrisst und dann Diabetes, Gelenkerkrankungen und so weiter hat und ein ebenso fettes Kind bekommt und großzieht; für den widerwärtigen Politiker, der Sozialhetze betreibt; für die dummen Tussis, die ins Solarium rennen und dann unter anderem von MEINEN KK-Beiträgen die Melanome herausgeschnitten bekommen; usw. usf.

LG
Ch.

Beitrag von nele27 15.03.10 - 12:10 Uhr

Danke für diesen sehr differenzierten und guten Beitrag!!!

Wenn man drüben in F & B so schaut, mag man meinen, der Mob steckt die "Millionen von Schmarotzern" bald ins Arbeitslager #augen
Es scheint nur noch wenige zu geben, die hinter der Idee stehen, dass einer für den anderen einsteht.

Ich selbst habe schon einige Male von der Solidargemeinschaft profitiert und gehöre wohl zu den wenigen Menschen, die bei der Betrachtung des Gehaltszettels keinen Frust schieben (weder beim Brutto noch beim Netto :-)).

Naja, und es ist doch auch ein Grund zufrieden zu sein, dass hier eben der Wohlstand noch relativ gut verteilt ist und eben keine Scharen von Bettlern durch die Straßen laufen...

Ich frag mich, wann diese ALG2-Debatten mal ein Ende haben...

Allerdings - wo wir bei Änderungen sind - frage ich mich manchmal, ob es gerecht ist, dass das nicht-selbstständige Erwerbseinkommen so überproportional besteuert wird.
Als Freiberuflerin konnte ich jede Klorolle von der Steuer absetzen.
Und ein Rentner zahlt zB keinen Cent Kirchensteuern, egal wie oft er hingeht (und legt im schlimmsten Fall noch einen Knopf in die Kollekte).

Aber im Großen und Ganzen finde ich unser Solidarprinzip eine gute Errungenschaft, die nicht mal so eben abgeschafft werden sollte....

LG, Nele

Beitrag von hinterwaeldlerin09 13.03.10 - 12:04 Uhr

Hallo,

ja, ich denke, die Solidargemeinschaft hat noch Zukunft...denn sie hat keine Alternative.

Die Grundeinstellung: Der Stärkere steht auch für den Schwachen ein - statt die Stärke gegen den Schwachen auszunutzen - ist Christentum, Humanismus und Zivilisation statt Barbarei. Auch die Erkenntnisse der modernen Psychologie gehören dazu und sind von unserem Menschenbild nicht mehr wegzudenken.

Guck dir Systeme an, deren Solidarprinzip nicht so ausgeprägt ist, z. B. die USA...wie es da im Gesundheitswesen aussieht: 40 Millionen Menschen haben keine Krankenversicherung! Das amerikanische Gesundheitswesen gehört zu den teuersten der Welt, aber der Gesundheitszustand der Bevölkerung ist dennoch ziemlich schlecht.

Wichtig wäre nur, die vorhandenen Ressourcen besser zu verteilen. Warum z.B. beim Rentensystem nicht von anderen lernen? Das Schweizer Rentensystem steht besser da als unseres, weil z.B. jeder Erwerbstätige einzahlen muss - wir leisten uns ja ein Riesenheer von Beamten, die zu ihrer eigenen Altersvorsorge NICHTS beitragen...und in der Schweiz ist die Rente begrenzt, d.h. wieviel man auch immer einzahlt, es gibt nur einen Maximalbetrag. Nur diese zwei Veränderungen lassen die Rentenkasse besser da stehen...warum sollte das bei uns nicht gehen? Wer riesige Summen in die staatliche Rente einzahlen kann, hat doch auch kein Problem mit privater Vorsorge, wenn er denn noch mehr haben will...

Es ist ein großes Verdienst und ein großer Luxus, dass in unserem Staat über das Solidarsystem erstmal jedem geholfen wird, ohne nach Schuld zu fragen. Und jeder von uns kann vom Starken zum Schwachen werden...von einem Tag auf den Anderen.

Wir sollten stolz darauf sein, dazu beitragen zu können. Wir sollten aber auch an uns selbst arbeiten...das sollte unser Beitrag an die Solidargemeinschaft sein.

Das wirklich große Problem in Deutschland ist nicht das Solidarsystem, sondern die Verzagtheit und die Angst, irgendeiner (Wähler)gruppe auf die Zehen zu treten, wenn man mal beherzt was ändert. Und so wird jede Reform verwaschen und greift nicht...aber Hauptsache, sie tut keinem weh!

Das sehe ich eher als Problem denn das System an sich.

lg die hinterwäldlerin

Beitrag von grafzahl 13.03.10 - 12:41 Uhr

> wir leisten uns ja ein Riesenheer von Beamten, die zu ihrer eigenen Altersvorsorge NICHTS beitragen...

Immer wieder gerne genannt und immer wieder Unsinn.

Beamte und Nicht-Beamte sind hinsichtlich Altersvorsorge nicht vergleichbar.

Du behauptest nun, dass Beamte nichts zu ihrer Altersvorsorge beitragen und ich behaupte, dass Beamte bei vergleichbarer Tätigkeit ein geringeres Bruttogehalt haben, als Nicht-Beamte und die Differenz quasi ihr Beitrag zur Pension ist. Nur, dass der Beitrag da eben nicht ausgewiesen ist.


> und in der Schweiz ist die Rente begrenzt, d.h. wieviel man auch immer einzahlt, es gibt nur einen Maximalbetrag.

Was du da vorschlägst, ist nichts anderes, als eine Steuererhöhung. Einer Zahlung, der keine Leistung gegenübersteht, ist kein Versicherungsbeitrag sondern eine Steuer. Ebenso ist der Krankenversicherungsbeitrag in der GKV kein Beitrag sondern eine Steuer.

Meinetwegen sollte man eine steuerfinanzierte Grundsicherung im Alter einführen (wobei wir die eigentlich schon haben) und den Menschen ihre Altervorsorge selbst überlassen. Dann muss man ihnen allerdings auch was von ihrem Einkommen überlassen und es nicht wegbesteuern.

Beitrag von hinterwaeldlerin09 13.03.10 - 13:01 Uhr

Hallo,

ja, die Beamten bekommen ein auf den ersten Blick geringeres Bruttogehalt, schon klar, arbeite in dem Bereich ;-)...insofern sind sie für den Staat "billige" Arbeitskräfte...aber man nimmt diesen Kredit ja quasi bei der jungen Generation, verschiebt das Problem einfach in die Zukunft, weil die nächste Generation dann die Kohle erwirtschaften muss. Und dies bei steigender Lebenserwartung...gerade Beamten habe die ;-). Insofern sind die Beamten sehr wohl Sprengstoff der Solidargemeinschaft.

Und die "verkappte" Steuer...du kannst es so sehen, wenn du möchtest, aber deine Ablehnung ohne einen konkreten Gegenvorschlag ist genau mein drittes Thema: Reformstau! Bloß nichts ändern, das geht nicht, weil...mit der Haltung: Wasch mich, aber mach mich nicht nass! kommen wir eben nicht weiter!

lg die Hinterwäldlerin

Beitrag von grafzahl 13.03.10 - 14:56 Uhr

> Meinetwegen sollte man eine steuerfinanzierte Grundsicherung im Alter einführen

War das kein Gegenvorschlag? Ich fand den ziemlich konkret.


> Insofern sind die Beamten sehr wohl Sprengstoff der Solidargemeinschaft.

Kannst du einem Polizeiobermeister gerne mal erzählen.

Ich finde es nicht zielführend, Beamte gegen nicht Beamte auszuspielen. Die Pensionslasten fallen uns genauso vor die Füße, wie die Rentenlasten. Ob da in dem System eigene Beiträge eingezahlt werden oder Beiträge durch Gehaltsverzicht aufgebracht werden, finde ich sekundär.

Beitrag von .doctor-avalanche. 13.03.10 - 17:43 Uhr

"Ich finde es nicht zielführend, Beamte gegen nicht Beamte auszuspielen. "

Völlig korrekt. Zumal "die Beamten" eine extrem inhomogene Gruppe sind und nicht als EINE Berufsgruppe gesehen werden dürfen.

Dennoch: Wer so alles verbeamtet ist, wundert schon. Hier gibt es enormen Nachbesserungsbedarf.

Vereinfachte Formel: Beamter kann und soll werden, wer hohheitliche, staatliche Aufgaben wahrnimmt.

Und: Leistungsanreize sollte es auch unter Beamten geben können, und nicht nur die Beförderung nach Planstelle und Parteibuch.......

Beitrag von hinterwaeldlerin09 13.03.10 - 18:16 Uhr

Huhu...

vielleicht ist es euch entfallen...es ging beim Ausgangsthread um die Zukunft der Solidargemeinschaft.

Ich wollte hier nicht auf die überaus inhomogene Tätigkeitsstruktur der Beamten hinweisen, sondern darauf, dass ein Teil des Problems der Finanzierung der Solidargemeinschaft ist, dass die Beamtenpensionen die öffentlichen Haushalte enorm belasten und eine Lösung der Probleme des Solidarsystems wäre, wenn mehr Bürger Beiträge zu ihrer eigenen Altersvorsorge einzahlen würden...es ging nicht um Leistungsfragestellung oder hoheitliche Aufgaben!

Der kluge Wirtschaftswissenschaftler Raffelhüschen hat dazu geforscht. Und stellt z.B. fest, dass die Pensionsbelastung der Länder zunehmend größer ist als die Gesamtverschuldung der Haushalte.

Hamburg wird geschätzt im Jahr 2020 ein Viertel seiner Einnahmen in die Pensionen stecken müssen...darum ging es nur!

Ein Beamter kann in Deutschland im besten Falle mit 70% seines letzten Netto rechnen, davon kann ein Rentner nur träumen...dem wird heute geraten, sich privat zusätzlich abzusichern.

Und mein Vorschlag war, wie eben in der Schweiz, dass alle Erwerbstätigen in die Altersvorsorge einzahlen...und wir das nicht unserer Kindern aufbürden.

lg die Hinterwälderlin

Beitrag von grafzahl 13.03.10 - 19:05 Uhr

> Dennoch: Wer so alles verbeamtet ist, wundert schon. Hier gibt es enormen Nachbesserungsbedarf.

Völlig zutreffend. Warum müssen z.B. Lehrer Beamte sein?


> Leistungsanreize sollte es auch unter Beamten geben können, und nicht nur die Beförderung nach Planstelle und Parteibuch.......

Auch völlig zutreffend.

Du meinst, die neuen Posten im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sind nicht nach Leistung sondern nach Parteibuch vergeben worden? Kann ich mir gar nicht vorstellen... ;-)

http://www.politik.de/forum/staat-und-demokratie/220425-das-bmz-unter-niebel-versorgungsanstalt-fuer-altgediente-fdp-funktionaere.html

Beitrag von nele27 15.03.10 - 16:07 Uhr

Oh weh, dieser Superprolet...

Wo ist mein Eimer??


#putz

Musstest Du den erwähnen?

Beitrag von nele27 15.03.10 - 12:47 Uhr

Ja, ich sehe das genauso --- habe aber das Gefühl, viele wünschen sich die amerikanischen Verhältnisse. Vll, weil sie sich auf der Siegerseite sehen??
Naja, das kann schön nach hinten losgehen, wie Du auch schon schreibst.

Natürlich ist es so nicht perfekt und es sollte das Ganze an die Realität angepasst werden.
Was mich ein bisschen erschreckt, ist die öff. Meinung. Es wird wohl gar nicht mehr gesehen, dass es eine Errungenschaft ist, dass hierzulande nicht der Stärkere den Schwächeren frisst??

LG, Nele

Beitrag von zeitblom 15.03.10 - 15:06 Uhr

Was meinst Du mit "viele"? 1.000? 100.000? Vielleicht solltest Du Dich fragen, inwieveit Dein Wahrnehmungssinn realistisch ist. Auch, wenn man übertrieberweise allen FDP-Wählern unterstellte, sie seien für amerikanische Verhältnisse, wäre dies nur eine kleine Minderheitenmeinung. Die überwältigende Mehrheit in Deutschland will keine amerikanische Verhältnisse.

  • 1
  • 2