Er weiss und kann alles...

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Forum: Erziehung

Kinder fordern Eltern täglich neu heraus zu Auseinandersetzung und Problemlösung. Kinder brauchen Grenzen - doch welche und wie setzt man sie durch? Welche Erziehung ist die richtige? Nutzt hier die Möglichkeit, euch hilfreich mit anderen Eltern auszutauschen.

Beitrag von ewi70 14.03.10 - 12:57 Uhr

Hi zusammen
Mein Sohn wird im Mai 7 Jahre alt und steckt seit einiger Zeit in einer total mühsamen Phase (ich hoffe, es ist eine Phase). Er hat das Gefühl, er muss nicht mehr auf mich hören: Gestern z.B. warteten wir in einem Laden. Mike kam nichts besseres in den Sinn, als dort rumzurennen. Ich sagte, er soll nach draussen, wenn er rumrennen will. Er ignorierte mich. Irgendwann hielt ich ihn am Arm, um ihm nochmals zu erklären, dass er nicht rumrennen soll. Er grinste mich frech an und rief laut: Du tust mir weh! Anschliessend rannte er fort.
Oder er fragt mich was, weiss aber die Antwort dann doch besser: Er: "Wann ist Dienstag?". Ich: "In 2 Tagen, noch 2 Mal schlafen".Er: "Nein, noch 3 mal schlafen". Oder: Er: "Hattest du diese Kassette auch schon?" Ich: "Nein, die habe ich dir zum geburtstag gekauft"Er: "Nein, die hattest du schon" usw. Oder er will etwas, und das sofort: "Bitte komm mir helfen" "Ich mache schnell die Pfanne fertig sauber, dann komme ich" "Mama, komm jetzt, Mama, komm jetzt, Mammaaaa..."

Das sind jetzt natürlich nur einige Beispiele. Da gäbe es noch viele, aber es nervt!
Irgendwie scheint es mir, dass er sich von uns lösen will, selbständiger werden will, aber das Mass nicht hat. Was meint ihr dazu?

Liebe Grüsse

Ewi

Beitrag von jazzbassist 14.03.10 - 13:36 Uhr

Also meine Frau und ich haben Phasen eigentlich immer nur für 2-3 Wochen gelten lassen; wir haben immer einen Termin fixiert, bis zu dem wir zumindest wieder Besserung erwarten wollten. Im Regelfall hat da gut zureden, viel kuscheln/schmusen und Verständnis innerhalb einer solchen „Phase“ das Problem von alleine gelöst. Wenn nicht, hatten wir es dann wesentlich aktiver versucht, ihm da wieder ein paar Grenzen mehr aufzuziehen.

Also - bei der Supermarktsituation kann ich ihren Kleinen schon verstehen. Es ist ja da für einen 7-Jährigen auch total langweilig. Hier würde ich ihn also vorher fragen, ob er überhaupt noch Lust hat, mitzukommen. Bei meinem war da nämlich mit 6 schon deutlich zu erkennen: „Nein, ich habe keine Lust.“ Diese Erkenntnis hat uns sicherlich auch einige peinliche Momente in der Öffentlichkeit erspart. In den wenigen Situationen, wo wir ihn dann doch mal - obwohl er keine Lust hat - mitkommen musste, hatte er sich dann immer ziemlich kooperativ gezeigt, wenn man ihn minimal beschäftigen konnte. Hier war ihm aber schon klar, dass, wenn er sich dort dann daneben benimmt, wir das nächste mal keine große Rücksicht mehr auf ihn nehmen können. Das hat ziemlich gut geklappt.

Mit Fragen, dessen Antworten er dann doch besser wusste, hat er uns (zumindest meines Wissens nach) nie genervt. Leichte Anzeichen einer narzisstischen Persönlichkeit (der Apfel fällt hier wahrscheinlich nicht weit vom Stamm) waren aber schon da. Ich denke schon, dass es etwas damit zu tun hat, selbstständiger werden zu wollen und auch ziemlich oft frustriert darüber zu sein, dass es halt doch nicht immer klappt. Wenn dieses Frage/Antwort-Spiel bei Ihnen häufiger vorkommt, würde ich ihn einfach austricksen. Er: „Wann ist Dienstag?“. Sie: „Was denkst du denn, wann Dienstag ist?“ So kriegt er eigentlich, was er will: Er kann ihnen beweisen, dass er weiß, wann Dienstag ist. Zerstrubbeln sie ihm die Haare und das Thema ist durch.

Wenn er etwas sofort haben will, dass nicht bekommt und dann einen Aufstand macht, würde ich das ganz einfach ignorieren. Ein Kind sollte hier psychisch betrachtet schon eine altersgerechte Frusttationstolleranzgrenze erfahren. Auch das ist etwas, was ein Kind (immer mal wieder neu erlernen muss). Das geht aber nur, wenn ein Kind merkt, dass es halt nicht alles sofort bekommen wird und dass es mit negativem Verhalten „Maaaaamaaaaaaaaaa“ eben auch nicht weiterkommt. Sie sollten ihn dafür natürlich schon tadeln, aber auch #cool bleiben; sonst merkt er, dass er nur lange genug weitermachen muss, bis die Mama aufgibt. Hier würde ich auch wenn Abends im friedlichen mal immer mal wieder ganz nett ansprechen, dass, wenn die Mama gerade beschäftigt ist, er das auch mal akzeptieren muss. Einen 7-Jährigen wird man hier sicherlich über die "Du bist doch schon ein großer Junge"-Schiene gut erreichen können.

Zu dem - was da eigentlich auch zugehört, dass „er kann alles besser“ wäre der Weg hier, ihm diese Erfahrung wirklich selbst machen zu lassen (sofern sie das verantworten können). Trösten Sie ihn, wenn es nicht funktioniert, loben Sie ihn, wenn es doch funktioniert. Sagen Sie ihm aber nie, dass er etwas nicht kann (selbst wenn sie es genau wissen). Wenn er sich mal nicht traut oder dann doch voreilig aufgibt, versuchen Sie ihm hier Mut zuzusprechen aber pushen sie ihn dabei nicht. Er wird nämlich noch viele Erfolge - aber auch Fehlschläge - kennen lernen. Ein Kind wird sich am leichtesten entfalten können, wenn es weiß, dass die Eltern da immer hinter ihm stehen werden.

Beitrag von ewi70 14.03.10 - 20:41 Uhr

Hi

Vielen Dank für ihre ausführliche Antwort. Ich werde die Tipps auf jeden Fall beherzigen und die Anregungen ausprobieren. Danke.

Beitrag von cocoskatze 16.03.10 - 10:15 Uhr

Sehr schön geschrieben und erklärt#pro

Beitrag von gismomo 14.03.10 - 14:03 Uhr

Hallo Ewi,

mein Sohn ist 7, und wir haben die Phase glücklicherweise jetzt hinter uns - und ja, es war wirklich "eine Phase". Er hat sich so verhalten wie dein Sohn, also denke ich, es ist etwas ganz Typisches.

Jetzt momentan ist er vernünftigen Argumenten wieder zugänglich (was er davor war, während der Phase dann aber gar nicht mehr).

Den Tipps die schon gegeben wurden kann ich nichts mehr dazufügen, die kann ich so unterschreiben. Und natürlich (wie immer) viiiiiiiel Geduld haben!

Ich habe übrigens gemerkt, dass er jetzt viel selbständiger und "abgenabelter" geworden ist. Einerseits find ich das total schade (er war immer ein sehr mama-fixiertes Kind, welches auch ganz viel Körperkontakt braucht) - das fehlt MIR jetzt schon manchmal, dieses "Mama, ich hab dich lieb" und "Mama, ich muss dich mal drücken". Aber ich bin ja froh für ihn, da ich denke, es ist einfach altersgemäß, wenn er sich abnabelt und - endlich- Klassenkameraden wichtig werden. Papa steht grad auch ganz hoch im Kurs bei ihm. Es ist also ein ganz normale Entwicklung, und das ist schließlich das, was ich will - dass ich zwar für ihn da bin, wenn er mich braucht. Dass er aber seinen eigenen Weg immer mehr und selbständiger gehen lernt - auch wenn ich immer noch das Bedürfnis hab, ihn zehn Mal am Tag zu Knuddeln, aber das ist ja dann "mein Problem", damit klar zu kommen :-)

lg
K.

Beitrag von ewi70 14.03.10 - 20:43 Uhr

Hi K.

Vielen Dank für deine Antwort. Ich bin immer beruhigt, wenn auch andere die gleichen Erfahrungen wie ich machen und mir diesbezüglich wertvolle und erfahrungserprobte Lösungen anbieten können. Danke.