Umgangsrecht "Doppelresidenz" - wie wird das geregelt?

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Forum: Allein erziehend

Als Alleinerziehende selbstbestimmt zu leben hat Vorteile, andererseits ist es oft sehr anstrengend, den täglichen Herausforderungen allein zu begegnen. In diesem Forum findet ihr die Hilfe und Unterstützung von Frauen, die in einer ähnlichen Situation sind.

Beitrag von claudimax 17.03.10 - 13:21 Uhr

Hallo!

Meine Freundin trennt sich nun bald von ihrem Lebensgefährten und zieht in eine andere Wohnung. Diese ist nur ein paar hundert Meter entfernt. Die beiden haben eine gemeinsame Tochter, gerade 4 Jahre alt geworden. Das Sorgerecht haben beide. Er ist in Vollzeit berufstätig, sie hat einen kleinen Nebenjob auf 400 Euro Basis. Sie hat auch noch eine 11-jährige Tochter aus einer früheren Beziehung und für die beiden Eltern steht auch fest, dass beide Mädchen mit ihr ausziehen. Meine Freundin sagte ihrem Lebensgefährten, sie bleibe u. a. im selben Ort, damit der Vater jederzeit seine Kleine sehen kann. Wann immer er will. Geregelt hatten sie schon, dass die Kleine alle zwei Wochenenden zu ihm geht und mittwochs auf donnerstags, weil sie donnerstags früh anfangen muss zu arbeiten und er erst später und somit die Kleine noch in den KiGa bringen kann. Soweit sogut.
Eben rief sie mich an und war völlig aufgeregt. Und zwar hat er gestern gesagt, er wolle bzgl. der Tochter die sogenannte "Doppelresidenz" führen. D. h. 1 Woche lebt das Kind bei ihr und die andere komplett bei ihm. Das möchte sie auf gar keinen Fall. Sie sagt, er könne die Kleine jederzeit sehen und zu sich holen, doch schlafen solle sie "Zuhause", bis auf die Wochenenden und den Mittwoch. Er besteht darauf, dass es sein Recht sei. Ich gab ihr den Tipp, sie solle sich erstmal beruhigen und sich bei ihrer Anwältin (bei der sie zunächst ein Beratungsgespräch "Trennung - und jetzt?" eingeholt hatte) zu erkundigen, wie sowas geregelt wird. Natürlich möchte sie ungern so lange warten, bis sie den Termin hatte und deshalb frage ich mal hier, ob jemand damit Erfahrung hat oder einfach eine Meinung, die er uns mitteilen möchte. Meine Freundin befürchtet, der Vater könne die Kleine insoweit beeinflussen, dass sie irgendwann Partei ergreift. Hm, kann es nicht genau in Worte fassen, denn gefühlsmäßig glaube ich schon zu wissen, was sie meint. Wenn es auch jetzt, wo sie noch so klein ist, vielleicht nicht solche Auswirkungen hat, so suchen sich die Kinder wenn sie älter werden ja doch die meisten Vorteile beim entsprechenden Elternteil aus. Wobei es hier im Kleinen schon angefangen hat: geht es darum, dass die Mama der Kleinen sagt, sie solle doch bitte nach dem Toilettengang Hände waschen, so muss sie das beim Papa nicht tun und wehrt sich nun auch bei der Mama dagegen. Der Papa argumentiert das damit, dass sich die Kleine selbst ja noch nicht abwische, die Mama sagt aber, sie soll sich das einfach schonmal angewöhnen, weil man das so macht. Abgesehen davon liegen bisherige Streitereien auch darin, dass die Kleine gegenüber der Halbschwester bewusst und ganz deutlich bevorzugt und hervorgehoben und die Große ganz bewusst ignoriert oder gedemütigt wird. Und ich denke, dass das die Befürchtungen meiner Freundin die sind, dass sich solche Dinge in Zukunft ausprägen werden, vor allem in Hinsicht auf das "Partei ergreifen" und herablassend auf die Schwester zu reagieren, wenn die Kleine über die Zeitspanne einer ganzen Woche bei ihrem Vater lebt. Denn die Erziehungsphilosophie scheint bei den Elternteilen unterschiedlich gelagert zu sein.

Nunja, bin gespannt auf eure Antworten.

Grundsätzlich lautet hier die Frage: kann der Kindsvater auf sein Recht (wie er es sagt) bestehen und dieses "Doppelresidenz-Modell" durchsetzen? Habe diese Doppelresidenz mal gegoogelt und fand im Wesentlichen nur heraus, dass das in Belgien und in Österreich vermehrt Bestand hat und in Deutschland eher das "traditionelle" Modell befürwortet wird.

Liebe Grüße
Claudia

Beitrag von kimmi 17.03.10 - 14:12 Uhr

Soweit ich weiss ist eine doppelresidenz bei so einem kleinen kind nicht so leicht durchzubringen. Der umgang, den sie vereinbart haben (jedes 2-te wochenende und ein tag unter der woche) ist ohnehin schon überdurchschnittlich.
Deine freundin sollte zum jugendamt bzw. bezirksgericht gehen und sich unterstützung holen. Solange sie rechtlich nichts geregelt haben muss sie solchen forderungen gar nicht zustimmen.
Hier dürfte es auch eine rolle spielen, dass es eine ältere schwester gibt und eine doppelresidenz wäre für das geschwisterleben nicht förderlich.

Viel glück und starke nerven,
kimmi
PS: Sie soll sich vor allem nicht unter druck setzten lassen.

Beitrag von claudimax 17.03.10 - 14:26 Uhr

Danke, Kimmi, für deine Antwort!

Beitrag von jarmina 17.03.10 - 15:30 Uhr

Hi,

leider wird das "Doppelresidenz"-Modell in Deutschland sehr selten umgesetzt. Meist nur dann, wenn es der Wunsch beider Elternteile ist.

Ich finde es eigentlich schade. Da ist ein Vater der sich gerne kümmern möchte und nicht nur als Spassvater (wenn das Kind bei ihm ist) betätigen möchte und es wird sich quer gestellt.

Es gab eine Zeit, auch in Deutschland, da wurde bei der Trennung der Eltern das Kind im Regelfall dem Vater zugesprochen.

Vielleicht sollte sich Deine Freundin mal überlgen, wie sie sich fühlen würde, wenn sie ihre Tochter nicht mehr jeden Tag, sondern nur alle zwei Wochen am Wochenende und einen Tag in der Woche sehen würde.

Grüße

Jarmina

Beitrag von wort75 17.03.10 - 16:28 Uhr

ich kann dir nicht helfen.
aber ich frage mich gerade, ob das an sich nicht eine gute idee wäre? wenn die eltern noch miteinander reden, wenn der vater das kind betreuen (lassen) kann - warum dann nicht.
eine mamawoche, eine papawoche. wenn man so nahe wohnt, in denselben kindergarten, vorschule, schule kann etc. ist dass doch realisierbar.

so könnten beide noch eltern sein, beide können im beruf (vermehrt) wieder einsteigen.


und ganz ehrlich: deine freundin wird das kind AUCH gegen den vater beeinflussen - und umgekehrt. und zwar ganz egal, ob es das klassische modell ist oder das modell doppelresidenz. das bringen trennungen mit sich.
"andere erziehungsansätze" heisst ja nicht, dass etwas richtig und das andere falsch ist.
unsere kinder gehen tagsüber in die krippe. sie haben dort andere regeln, andere konsequenzen und andere lieder, gedichte, spielsachen. klappt wunderbar. die kinder haben vom ersten moment an gewusst, dass es daheim so, und in der krippe eben anders läuft. das wird sicher nicht das problem werden.

ich glaube, deine freundin hat probleme damit, dass sie an "macht" verlieren wird. und ggf. auch, dass sie wieder arbeiten gehen muss, sich wieder beweisen muss. aber so ist das nun mal. verheiratet sein heisst gemeinsames sorgerecht. sich dann trennen heisst nicht automatisch, dass das kind der mama "gehört" und der papa am wochenende den clown geben darf, dann keinen kontakt mehr hat aber noch zahlen muss.
als gute freundin musst du ihr auch diese seite zeigen. woher nimmt den die frau nur immer das recht anzunehmen, über den weiteren verbleib der kinder urteilen zu dürfen? nur weil sie ggf. länger mit den kindern daheim war? dann wäre der mann der doppelt veräppelte. er geht arbeiten, kümmert sich am abend noch etwas, bekommt vorgeworfen, sich zu wenig zu kümmern - kann aber keinen intensiveren kontakt aufbauen, je nach arbeitszeiten... und bei einer scheidung mach er genau darum dann zweiten? weil das kind dann logisch die engere beziehung zur mutter hat. nö. geht irgendwie für mich nicht auf.

Beitrag von claudimax 20.03.10 - 17:01 Uhr

@wort75:

Danke für deine Meinung. Haben es noch einmal durchgesprochen auch im Hinblick auf den Beitrag, den mir das Mitglied nach dir geschrieben hat.

Und sie musste zugeben, wenn man Muttergefühle (oder nennen wir's das Ego) und Beziehungs- bzw. Trennungsprozedere außen vor lässt und wirklich nur die Situation des Kindes betrachtet, dann scheint es eine wirklich gute Lösung zu sein. Zumal die Familie ja nur durch wenige Straßen getrennt ist.

Beitrag von krypa 17.03.10 - 16:39 Uhr

Hallo claudimax,

nun, so nach 'dem Bauch' kann frau so was kaum beurteilen. Einwöchige Intervalle bei so einem kleinen Kind sind sowieso zu lang. Da sind 3:4- oder 2:3:2-Intervalle eher angesagt.

In D ist das Wechselmodell eher riskant, weil es einen hohes Maß an organisatorischer, fachkundiger und intellektueller Kompetenz erfordert.

Ein Link zum Nachlesen:

http://www.pappa.com/divorce_child/gs_inttf.htm

Eine kontroverse Diskussion findest du auch hier:

http://forum.jurathek.de/showthread.php?t=15936


MfG krypa

Beitrag von claudimax 17.03.10 - 18:06 Uhr

Hallo Krypa,

vielen Dank für deinen Beitrag. Sehr aufschlussreich.

LG
Claudia

Beitrag von mariella70 18.03.10 - 01:23 Uhr

Hallo,
wenn kein gemeinsames Sorgerecht vereinbart wurde, wird der KV das nicht gegen den Willen der Mutter durchsetzen können.
Ansonsten sollten beide unbedingt eine von JA getragene Mediation machen, die sie erst in die Lage versetzt dieses - an und für sich nicht schlechte - Modell als Eltern verantwortungsvoll und kindegerecht zu leben.
Voraussetzung ist, dass sie im gleichen Stadtteil wohnen, das Kind also in die wohnortnahe Kita gehen kann und später auch in die Grundschule vor Ort. Beide müssen stabile "Zuhause" mit abgestimmten Erziehungsstilen bieten.
Eine Bekannte hat dieses Modell praktiziert, Kind war zu Beginn knapp Drei. Der Familienrichter entschied, dass Doppelresidenz bis zur Einschulung ok wäre, danach wollte er neu entscheiden. Er stellte in Aussicht, dass das Kind dann zur Mutter käme.
Die Eltern wurden zur Mediation verpflichtet, die war Bedingung für das Modell.
Das Kind geht schon längst zur Schule, das Doppelresidenzmodell lief so gut, dass die Eltern es so weitermachten, ein Gericht wurde nicht mehr gebraucht. Das Kind fühlt sich wohl, will es nicht anders und ist völlig normal.
Wenn beide Eltern erwachsen und reflektiert mit der Trennung umgehen, ist es die Ultima Ratio.
LG
Mariella