Schreibmaschine - ein Nachruf??

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Beitrag von hurricane80 18.03.10 - 16:15 Uhr

Hallo ihr Lieben,

vor ein paar Jahren kam ich auf meinem Weg zur Arbeit immer an einem Laden für Schreib- und Rechenmaschinen vorbei. Dann wechselte ich den Job, zog um und war somit nicht mehr häufig in dieser Gegend.
Heute bin ich zufälligerweise dort gewesen und siehe da: Der Schreibmaschinenladen ist zu einem Geschäft für Hundeaccessoires mit äußerst poetischem Namen geworden.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass es mittlerweile mehr Hunde als Schreibmaschinen in diesem Land gibt, von daher scheint der Wechsel wirtschaftlich durchaus sinnvoll. Aber irgendwie hat es mich auch ein wenig sentimental gestimmt. Es wäre schön, wenn ihr mir sagen könntet, ob folgende Zeilen ein Nachruf darstellen, oder ob bei euch die Schreibmaschine noch nicht vollends in der Versenkung verschwunden ist.

Ich erinnere mich noch gut an die verschiedenen Modelle, die meiner Mutter in meiner Kindheit und Jungend besaß. Zunächst war da die klobige und tierisch schwere Typenhebelmaschine, die schon in der Mitte der Achtziger alt war. Was für meine Mutter Arbeitsgerät war, gehörte fest zu unserem Spielzeugbestand, auch wenn meine Mutter darüber wohl keine so genaue Kenntnis hatte. Wir haben immer versucht in alle Tasten auf einmal zu drücken und stellten uns vor die Schwinghebel wären Spinnenbeine. Wir spielten ständig „Büro“, hier war das theatralische Herausziehen und Zerknüllen des Papiers von großer dramaturgischer Wichtigkeit. Genauso wie das Wiedereinspannen, seufzen, und noch mal von vorne beginnen. Nicht zu vergessen das schwungvolle zurückschieben des Zeilenschalthebels Das Beste waren aber die Geräusche. Für mich ist dieser Klang für immer mit Geschäftigkeit und Gemütlichkeit zugleich verbunden. Deswegen liebe ich auch die Darstellung von Zeitungsredaktionen in alten Filmen so sehr. Wir waren immer gerne im Büro meiner Mutter, wenn sie arbeitete. Sie trank ihren Kaffee, tippte und murmelte vor sich hin. Wir spielten mit Tacker, Locher, führten wichtige Telefonate und schimpfen mit imaginären Sekretärinnen. Später durften wir ihr dann auch diktieren und dann selbst schreiben, das war ganz großes Kino.
Die Geräusche der Maschine funktionierten aber auch als Warnsystem. Es gibt ja solche und solche Arten des Tippens. Vom entspannten über die Tasten hüpfen, über das aggressive Hämmern, als ob jeder Buchstabe dafür bestraft werden soll, dass er geschrieben werden muss. Für uns bedeutete das: Je lauter meine Mutter in ihrem Arbeitszimmer tippte, desto weniger war unsere Anwesenheit dort erwünscht. Besonders heikel war die Mischung aus lautem Tastengehämmere in Kombination mit dem kratzenden Ratterdruck der Rechenmaschine. Dies konnte zweierlei bedeuteten. Entweder, dass sie sich gerade einen Überblick über die Familienfinanzen verschaffte und diese neu kalkulierte. An solchen Tagen war es im Büro dann gar nicht mehr so gemütlich, abgesehen von der Tatsache, dass wir uns auf massive Sparmaßnahmen einzustellen hatten.
Oder sie machte die Steuer, was für uns damals schon ein geflügelter Ausdruck war. „Mama macht die Steuer“, das bedeutete für uns jedes Anliegen mindestens dreimal auf seine Dringlichkeit zu überprüfen.
Unvergessen sind auch ihre Schimpftiraden über Tippfehler und der unvermeidliche Gebrauch von Tipp¬-Ex (mir fällt jetzt erst auf, wie offensichtlich genial diese Namensgebung ist). Die Variante aus der Flasche tropfte immer überall in, nur nicht auf den zu beseitigenden Fehler. Die Blättchen löschten auch immer den falschen Buchstaben.
Dann bekamen wir ein elektrisches Modell mit einer Korrekturfunktion und ein neues, weniger romantisches Zeitalter brach an. Das Tipp-Ex hatte ausgedient, der klangvolle Anschlag wich einem Summ-Klack-Ton Ich machte meinen Schreibmaschinenkurs in der VHS unter strenger Aufsicht einer Lehrerin, die ihren Namen mit einem international tätigen Bierhersteller teilte. Hier wurde jeder Fehler unbarmherzig bestraft. Den Kurs schloss ich mit einer drei ab und das 10-Finger-System hat sich mir auch bis heute nicht wirklich erschlossen.
Und jetzt besitze ich natürlich einen Computer und muss zugeben. Manchmal stresst er mich mit der Vielfalt an Möglichkeiten, die er mir bietet.
Layout, Formatvorlage, Zeilenumbruch, Absatz, einfügen, ausschneiden, Ansicht, Extras, Schriftart- und Größe und was es sonst noch alles gibt.
In meiner momentanen, romantisch, sentimental und leicht verklärenden Stimmung würde ich vielleicht sage, dass das Wort an sich damals eine größere Bedeutung hatte…
Aber alles in allem bin ich doch froh, dass die Entwicklung der mechanisch-technischen Schreibkultur nicht auf der Typenhebelmaschine stehen geblieben ist. Wäre dies der Fall, hätte es diesen Beitrag nicht nur aufgrund der fehlenden technologischen Entwicklung nicht gegeben – nein, ich hätte wahrscheinlich auf halber Strecke mein Arbeitsgerät durch die Fensterscheibe geworfen. Ich schätze mal, dass ich mich im Schreibfluss ungefähr 125 x vertippt habe….

Habt ihr auch eine Schreibmaschinengeschichte??

Alles Liebe,
Katrin


Beitrag von maischnuppe 18.03.10 - 17:34 Uhr

Ein Nachruf von Michael Leitl

Die Schreibmaschine stirbt aus. Schuld hat der Computer, der sich überall ausbreitet und sie in Nischen drängt. Das Internet vertreibt sie endgültig.

Der beste Weg, einen Mitarbeiter der Firma Triumph-Adler zu ärgern, ist die Unterstellung, er arbeite in einer Schreibmaschinenfabrik.

Nein. Nicht schon wieder.

Erst energische Abwehr. Dann die Mitleidstour. Es sei so schwer, dieses Image abzuschütteln. Es folgt ein ausführlicher Vortrag über den Wandel des Geschäftsmodells.

Schreibmaschinen produziert Triumph-Adler in Deutschland schon seit 1998 nicht mehr. Der Markt, immerhin wurden 1991 noch 1,4 Millionen Stück verkauft, schrumpft seitdem in Deutschland jährlich um ein Fünftel.

Die Schreibmaschine stirbt aus. Schuld hat der Computer, der sich überall ausbreitet und sie in Nischen drängt. Das Internet vertreibt sie endgültig.

Noch widerstehen die Schreibmaschinen hier und da der Digitalisierung. Neben hässlich-fahlbraunen Plastikbildschirmen stehen sie druckgussummantelt auf Bürotischen herum. Warten auf Formulare, Durchschläge, Aktenreiter und Etiketten. Ohne die prägende Kraft einer Maschine Typ Gabriele, Erika oder Valentina blieben diese Papierflächen leer. Schreibmaschinenreservate.

Das könnte so weitergehen. Als gelebtes Museum.

Nun gibt es aber eine Horde Fortschrittsgläubiger, die am liebsten alles per Computer erledigen wollen. Die Ewigkünftigen vernetzen alles. Das Internet ist ihr heiliger Gral.

Die Schöpfung der hundertprozentig digitalisierten Welt führt sie immer weiter. Schritt für Schritt verrichten sie ihr Werk. Langsam, oft im Verborgenen.

Aber mit Erfolg: Einen ersten Schlag versetzten sie dem Typenrad im Bunde mit dem Finanzamt. Die Behörde akzeptiert inzwischen die Steuererklärung via Internet. Auch Stadtverwaltungen sind schon infiltriert. In Bremen zum Beispiel pflegen die Beamten eine respektable Sammlung digitalisierter Formblätter (www.bremer-online-service.de): Der Bauantrag und die Bitte um eine Geburtsurkunde ­ alles ist digital zu haben, am PC auszufüllen.

So schrumpft das Reservat der Schreibmaschinen beständig.

Es ist also Zeit, sich zu verabschieden und ein letztes Mal zurückzublicken. Als 1829 William Austin Burt seinen Typographer baute, revolutionierte er die Bürowelt. Findige Fabrikanten erspürten den Trend. Die Waffenschmiede des Eliphalet Remington entwickelte 1873 die berühmte Remington No. 1. Die Deutsche Triumph Fahrradwerke AG begann 1909 mit der Serienfertigung von Schreibmaschinen.

Lange waren Schreibmaschinen ein sicheres Geschäft. Nach anfänglichen Widerständen - die Bank von England azeptierte erst 1907 getippte Geschäftsbriefe - wurde die Schreibmaschine ein Standard in allen Büros und Haushalten, so wie heute der PC.

Vorbei. Triumph handelt längst mit Scannern und Druckern, der Vertrieb von Schreibmaschinen macht nur noch ein Prozent vom Gesamtumsatz aus.

Heute ist das einstige Image des Modernen dahin, die Fortschrittsgläubigen arbeiten weiter. Nun wollen sie den Menschen das Tippen ersparen, die Tastatur überflüssig machen. Der Computer soll aufs Wort hören, Diktiertes Buchstabe für Buchstabe niederschreiben. Sie werden es schaffen - und wir werden trauern.


Geklaut aus dem www:-p

Beitrag von schneckerl_1 18.03.10 - 20:30 Uhr

@Katrin: heul - das weckt Erinnerungen. Ich habe auf einer uralten Typen-Schreibmaschine (mechanisch) das 10-Finger-Tippen in der Wirtschaftsschule gelernt. 4 Stunden pro Woche Maschinenschreiben. Man konnte rot, blau und schwarz tippen. Ich habe auch oft alle Tasten gleichzeitig gedrückt, damit alle "Spinnenbeine" vorne waren und ich sie wieder zurückzog. Ich hab auch gerne ohne Papier getippt - einfach auf diese Rolle drauf :-)
Dieses "Pling" habe ich auch noch in den Ohren, wenn es Zeit wurde am Rad zu drehen und das Papier richtig zu justieren.
In der 9. Klasse gab es dann Umstellung auf elektrische Schreibmaschinen. Bei jedem gedrückten Buchstaben erschien jeder Buchstabe mind 10 Mal: ssssssssssssssssss Solange, bis man es kapiert hatte, dass man nicht mit Gewalt die Tasten drücken mußte.
In der 10. Klasse erneute Umstellung auf Computer.

Ich würde gerne mal wieder auf einer Typenschreibmaschine hämmern.#verliebt
LG Birgit