Mein Sohn lügt, dass sich die Balken biegen (lang)

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Forum: Erziehung

Kinder fordern Eltern täglich neu heraus zu Auseinandersetzung und Problemlösung. Kinder brauchen Grenzen - doch welche und wie setzt man sie durch? Welche Erziehung ist die richtige? Nutzt hier die Möglichkeit, euch hilfreich mit anderen Eltern auszutauschen.

Beitrag von anja1968bonn 29.03.10 - 08:44 Uhr

Morgen erstmal,

eigentlich war ich bisher, was Schwindeleien oder kleinere Lügen unseres Sohnes (7,5) angeht, bislang recht gelassen, aber in der letzten Zeit nimmt eine bestimmte Art von Lügen überhand:

Er versucht durch Lügen aus jeder Situation gut herauszukommen, auch wenn ganz offensichtlich ist, dass er eben selbst für seine Handlungen verantwortlich ist und ggf. auch unliebsame Konsequenzen tragen muss.

Hier ein paar Beispiele:
Schule: "Ich habe die Hausaufgaben nicht gemacht, weil meine Mama es mir verboten hat" #kratz

Hausaufgaben (nach meinem Hinweis, er solle noch mal gucken, ob er ein Wort richtig geschrieben hat): "Das hat die Lehrerin so an die Tafel geschrieben, wir sollten das so abschreiben" #kratz

Süßigkeiten - unser Sohn hatte ein paar Mal abends heimlich Leckereien aus der Karnevalstüte genommen, obwohl wir genau abgesprochen haben, dass er vorher fragt: "Die habe ich nicht gegessen, keine Ahnung wer das gewesen ist". Bei der Oma darf er sich immer eine Sache aus dem Bonbonglas nehmen; gestern hat er sich mehr genommen, aber stock und steif (und zunehmend wütend) behauptet, die Sachen hätten einfach rum gelegen ...

Überschwemmung im Bad: "Der XY aus der Schule hat mir gesagt, ich soll das so machen" - auf so eine Ausrede muss man erst mal kommen

Absprachen: Wir machen etwas ab, und mein Sohn behauptet dann einfach, dass das nicht so war.

Bei den Süßigkeiten ist es so, dass er sich Sachen nehmen darf, wenn er vorher fragt (mehr Freiheit in diesem Punkt in der Vergangenheit hat dazu geführt, dass ratzfatz eine ganze Tüte aufgemümmelt wurde), er darf selbst aussuchen, aber eben nicht unmittelbar vor den Mahlzeiten.

Bei der Überschwemmung war ich gar nicht sauer, sondern wollte nur, dass er sich am Aufwischen beteiligt.

Wenn mein Mann oder ich unseren Sohn auf die Lügen ansprechen und auch Konsequenzen benennen, wird er oft total wütend "Ihr glaubt mir ja gar nichts mehr" oder auch "Ich hab jetzt gar keinen Bock mehr" oder auch "Ist mir sowieso egal".

Ich gefalle mir nicht so sehr in der Rolle der Mutter, die Süßigkeiten wegsperren muss, Absprachen schriftlich festhält und kontrolliert, ob unser Sohn sich auch daran hält; er wiederum hat das Gefühl, dass wir ihm nicht vertrauen, was zwar für die genannten Beispiele auch stimmt, aber natürlich nicht generell: In vielen Bereichen können wir uns gut auf ihn verlassen.

Über Tipps im Umgang mit dem Lügenbaron freut sich

Anja

Beitrag von jazzbassist 29.03.10 - 10:53 Uhr

Manchmal muss man die Freiräume der Kleinen für ein paar Tage einfach mal wieder etwas einschränken; unabhängig davon, wie wenig einem diese Mutter/Vater Rolle gefällt. Und wenn es dann wieder funktioniert, lässt man die Leine wieder Stückweise lockerer. Eigentlich hängen Kinder sehr an diesen Freiräumen; wenn sie merken, dass diese eben nicht selbstverständlich sind, sondern lediglich ein Privileg, das wir ihnen nur geben können, gerade weil sie sich an unsere Spielregeln halten. Am einfachsten funktioniert das, wenn man dieses Privileg erstmal wieder etwas einschränkt, wenn ein Kind sich an diese Spielregeln nicht hält.

Es ist die logische Konsequenz, wenn ein Kind momentan damit überfordert ist, die Hausaufgaben selbstständig pflichtgemäß zu erfüllen, dass man erst einmal wieder ein Hausaufgabenheft einführen sollte und die Mami die Hausaufgaben halt jeden Abend wieder auf vollständigkeit kontrollieren muss - und - wenn sie mal einen ganz groben Fehler entdeckt, einfach mal "vorschlagen :-p", den noch kurz vor das Abendprogramm zu korrigieren. Ein Kind, dass es gewohnt ist, hier ohne so ein Hausaufgabenheft und ohne Mamis Kontrolle zu leben, wird dieses Privileg sehr schnell vermissen. Am schnellsten klar wird das einem Kind, wenn es dieses Privileg einfach mal eine Woche lang nicht mehr besitzt. Und - dann fängt man wieder von vorne an: Man fragt den Kleinen mal, ob er sein "altes" Privileg zurückhaben möchte. Manchmal kommen Kinder hier zu der Erkenntnis, dass die aktuelle Regelung doch "besser" ist; manchmal wollen sie es wirklich zurück - und dann sind Kinder auch bereit, sich an die Spielregeln zu halten. Weil sie wissen, dass, wenn sie das nicht tun, sie dieses Privileg einfach nicht werden besitzen dürfen. So wird die ganze Situation auch nicht mehr als eine Art von Strafe wahrgenommen, sondern eher als das "Recht", ein "großer Junge" sein zu dürfen, welches er selbst sich verdienen kann. Ein großer Junge sein zu dürfen ist leider nicht, die Hausaufgaben alleine und selbstständig lösen zu dürfen, sondern lediglich, es bereits alleine und selbstständig zu tun. Die Konsequenz daraus ist dann, dass die Mama dann nicht mehr "hinterherrennen" muss. Das wird einem 7.5 Jährigen gar nicht so bewusst sein.

Auch mit den Süßigkeiten - ich finde das eine sehr gelungene Regelung. Wir können uns darauf einlassen, weil wir wissen, dass ein Kind sich an unsere Spielregeln (trotzdem zu fragen) hält. Tut es das plötzlich nicht mehr, wäre auch hier die Konsequenz, diesen Freiraum zunächst einmal wieder für eine Woche etwas einzuschränken. Klar macht uns das als Eltern genau so wenig wie den kids; aber - wir werden es als Elternteile immer wieder erleben, dass Kinder mit Freiräumen - die sie bisher genossen haben - plötzlich wieder überfordert sind. Die Ursachen dafür sind sehr unterschiedlich; seien es das testen von Grenzen, ein "es ist selbstverständlich geworden" oder wirklich ein überfordert sein. Oftmals ist es auch aus kindlicher Sichtweise ein: "Ich bin mittlerweile zu alt für diese dämliche Regel". Man kann als Elternteil hier gar nicht hinterherkommen, diese ständig altersgerecht anzupassen, so dass einem das oftmals erst klar wird, wenn ein Kind diese plötzlich überschreitet.

Wenn ein Kind hier "stock und steif" behauptet, die Sachen hätten einfach rum gelegen, würde ich das Problem einfach auf den Punkt bringen: "Ich weiß leider nicht, ob die Süßigkeiten wirklich rumgelegen haben oder nicht. Du warst leider die letzten Wochen in ähnlichen Situationen nicht ehrlich zu mir und deswegen kann ich dir hier gerade keinen Glauben schenken. Das tut mir wirklich weh, da ich dir sehr gerne wieder glauben würde. Solange ich mir aber nicht sicher sein kann, dass du mir die Wahrheit sagst, geht das leider nicht. Auch wenn ich damit Gefahr laufe, dich zu unrecht zu beschuldigen." Es gibt auch viele schöne Bücher, die Sie in einer Buchhandlung zu diesem Thema finden werden und dieses "Der Junge, der immer Wolf schrie"-Problem moralisch und altersgerecht aufgreifen. Manchmal hilft es, wenn man so eine mal Abends mit dem Kind zusammen ließt. Generell hilft hier - viel darüber zu reden. Am besten dann, wenn man die Kleinen abends ins Bett bringt, noch mal lange kuschelt und schmust und die sich sicher ungeborgen fühlen. Das klappt viel besser, als wenn das Kind halb weinend vor dem Süßigkeitenglas steht. Man sollte in so einer Situation aber das "geschehene" einfach außen vor lassen (sonst fühlt sich ein Kind angegriffen und geht in eine Abwehrhaltung) und das gleiche Thema mal ganz neutral ansprechen. Mein Spatz fand es in jüngeren Jahren immer total toll, da mal Erfahrungen/Situationen zu hören, die wir als Eltern in seinem Alter hatten. Und - sind wir ehrlich - Unschuldsengel waren wir als Kinder alle nicht :-p

Das mit der Überschwemmung hätte ich ganz niedlich gefunden. Zumal ich mir das ganz gut vorstellen kann, dass er das wirklich von einem Klassenkameraden gehört hat. Das ändert ja aber nichts daran, dass er schon ziemlich genau wissen konnte, dass er das nicht hätte nachaffen sollen; und - dass hätte ich ihm auch vermittelt. Das er den Schaden dann wieder aufwischt, halte ich ebenfalls für selbstverständlich. Damit wäre das Thema dann aber für mich gegessen.

Auch das schriftliche fixieren von Absprachen, die man dann in der Küche an den Kühlschrank hängt, kann ganz hilfreich sein. Vielleicht hat ein Kind wirklich mal etwas vergessen oder kann sich nur noch "ganz Waage" an die Absprache erinnern. Auch das ist für mich im Raum des möglichen. Auch dies wäre für mich aber kein Dauerzustand sondern einfach mal ein Versuch, den man mal eine Woche lang laufen lassen könnte und dann ein Kind einfach nach 7 Tagen mal fragt, wie er die Sache sieht und ob das wirklich notwendig ist, oder ob man es hier mal wieder wie "große Jungs" versucht. Auch hier würde ich ihm klar machen, dass es gar nicht so schlimm ist, eine Absprache wie (Bring bitte heute noch den Müll raus) wieder zu vergessen oder es einfach nicht zu tun (Weigerungshaltung); er muss es dann halt nur sagen, damit man gemeinsam eine Lösung für das Problem finden kann. Sonst tritt es nämlich immer und immer wieder auf.

Ansonsten würde ich den kleinen Mann fürs lügen als Strafe einfach Abends etwas früher ins Bett stecken oder die Lieblingssendung für diesen Tag streichen. Das würde ich aber vorher absprechen und mir nicht erst einfallen lassen, wenn ein Kind wieder gelogen hat. So weiß das Kind zumindest schonmal, was auf ihn zukommen wird; dass erspart beiden Parteien ein bisschen Stress.

Beitrag von anja1968bonn 29.03.10 - 14:37 Uhr

Vielen Dank für die nette und ausführliche Antwort, die bestätigt, dass wir - hoffentlich vorübergehend - einfach mal etwas mehr auf die Einhaltung von Regeln pochen müssen, um dann wieder mehr Lockerungen und Freiheiten ermöglichen zu können.

Mit dem Hausaufgaben ist unser Sohn wohl tatsächlich etwas überfordert, was er aber ungern zugeben möchte - er ist Ende letzten Jahres in die zweite Klasse gesprungen und hat eine sehr fordernde (was schon o.k.) ist, leider aber auch etwas unsensible Lehrerin.
Na ja, jetzt sind ja erst mal Ferien - wobei mein Sohn mich gestern mit der Aussage verblüffte, die Ferien seien ja blöd, "weil man da nichts lerne" ...

Und bei den Absprachen ist es, wenn ich so recht überlege, tatsächlich so, dass er manchmal Sachen wirklich einfach vergisst, so dass eine schriftliche Abmachung da nicht verkehrt ist - wobei mein Sohn bei Unlust auf bestimmte Abmachungen gewiß um neue Ausreden nicht verlegen ist!

LG

Anja

Beitrag von alpe 31.03.10 - 14:19 Uhr

Hallo Anja,

ich lese aus deiner Antwort, dass dein Sohn zu den Hochbegabten gehört und dass er eine Klasse übersprungen hat.
Mein Sohn wird erst im Mai sechs und kommt im Herbst zur Schule. Er steht auf der Grenze zur Hochbegabung und wir sollten noch eine weitere Austestung machen lassen, um das genau Abklären zu lassen. Er kann bereits jetzt lesen und rechnet auch schon sehr gut. Meine Frage nun an dich: Wie seid ihr damit zurecht gekommen? War es leicht für ihn in eine andere Klasse zu wechseln? Wie haben sich die Lehrer verhalten?
(Du kannst mir auch gerne über VK antworten)

Meine Sohn ist auch so ein "Lügenbaron" und versucht sich aus allen unangenehmen Situationen herauszuschwindeln. Ich merke inzwischen genau, wann er geistig unterfordert ist, aber ich glaube mit den Hausaufgaben und dem Stillsitzen in der Schule wird er auch sehr große Probleme haben - und tausend Ausreden finden!
Wie müssen sehr konsequent sein, was speziell meinem Mann oft sehr schwer fällt. Klare Regeln finden und die dann immer wieder auch durchsetzen. Erst wenn es klappt, können wir wieder über eine Lockerung nachdenken.

LG Alexandra

Beitrag von kimchayenne 29.03.10 - 19:11 Uhr

Hallo,
erstmal denke ich nicht das Dein Sohn es böswillig macht.Kinder kommen nun mal in ein Alter wo sie versuchen sich durch Notlügen aus der Affäre zu ziehen,aber sie haben noch nicht die Gewandheit das sie merken das wir es durchschauen.;-)Ich hab ja im Ganzen vier so Raubauken,ich erzähl mal wie es bei uns gehandhabt wird.
Keine Hausaufgaben auf,ich kontrolliere nicht und rufe bei Lehrerinnen oder Eltern von Mitschülern an,Konsequenz wer 3 x seine Hausaufgaben nicht hat muss nachsitzen und das in der Schule nachholen.Pech für das jeweilige Kind wenn an dem Tag eventuell was anderes geplant ist.
Süßigkeiten:Ich kaufe einmal die Woche eine bestimmte Menge ein und wenn das alle ist dann ist halt für den Rest der Woche nichts mehr da und dann wird auch erst wieder in der nächsten Woche was neues gekauft,so haben meine Kids recht schnell gelernt sich die Sachen einzuteilen.
Überschwemmung im Badezimmer regen mich nicht auf aber ich wische es auch nicht auf,das macht das Kind was es auch geflutet hat.
Hab ja inzwischen auch schon etwas beratungsresistente Teenies,die sind ja manchmal sowas von stocktaub ;-),nach 3maliger Aufforderung den Müll raus zu bringen habe ich Junior den vollen Mülleimer ohne Deckel in sein Zimmer gestellt.
Ach ich könnte noch endlos so weiter schreiben,alles in allem haben wir eigentlich wenig Grund zum streiten mit unseren Kindern,sie wissen das auf nichtbeachten der Regeln Konsequenzen folgen.Da wir ein großer Haushalt sind müssen auch alle mit anpacken.
LG KImchayenne

Beitrag von muckel82 30.03.10 - 10:13 Uhr

Hallo Anja

mein Sohn wird im Mai erst 6, aber er hat auch das Lügen für sich entdeckt.
Ich beachte es nicht so sehr und hoffe das es wieder verschindet. Mein Mann dagegen wird ganz elektrisch und regt sich tierisch darüber auf. Leider fruchtet im Moment nichts, er schwindelt trotzdem oft.

Ich habe jetzt mal zu ihm gesagt, "wir essen gleich ein Eis". Er hat sich gefreut und als ich ihm gesagt habe das wir keins mehr haben und ich geschwindelt habe, hat er ziemlich doof aus der Wäsche geguckt und mir gesagt das man nicht schwindelt.
Er hat wirklich überlegt und hat gemerkt wie doof man sich fühlt wenn man angelogen wird. Ich hoffe es klappt nun besser!!

Ansonsten, wirklich konsequent sein. Regeln wieder etwas deutlicher und straffer durchziehen. Sollte er natürlich überfordert sein (gerade mit den Hausaufgaben) würde ich versuhen ihm zu helfen, ggf. hier mal mit der Lehrerin sprechen.

Viel Glück mit deinem Kerlchen

glg Nina

Beitrag von juttik2002 01.04.10 - 21:56 Uhr

Hallo Anja,

kann Dich und Deinen Ärger zwar gut verstehen, könnte mir aber eher vorstellen, dass Dein Sohn insgesamt überfordert sein könnte und seine Schwindeleien als kleinen Ausweg benutzt, immer groß und vernünftig zu sein.

Immerhin soll er ja gerade beweisen, dass er, der schon intelligenzmäßig alles super packt (wir haben auch so einen Sohn), auch emotional und sozial schon seinen Altersgenossen weit voraus ist. Oft scheinen diese Kinder ja schon überaus verständig, was sie in Wirklichkeit einfach noch längst nicht sind... Unser Sohn tut bei Überforderung immer besonders lässig und abgeklärt, bis er dann nach etwa zwei bis drei Tagen "brüten" abends beim Ins-Bett-Bringen den totalen Zusammenbruch hat und in Tränen aufgelöst ist....

Es tut mir in der Seele weh zu lesen, dass Ihr ihm bewusstes Lügen unterstellt - ich sehe es als Hilferuf seinerseits.

Natürlich gehe ich davon aus, dass Ihr ihm gegenüber niemals das Wort "Lügenbaron" benutzt #bitte , bin aber der Meinung, dass es schon die Atmosphäre zwischen Euch beeinträchtigt, wenn Du es auch nur denkst. Zuschreibungen wie Heulsuse, Angsthase oder auch eben Lügenbaron sind extrem negativ und treffen den Selbstwert desjenigen ins Mark.

Vielleicht hilft es Euch und ihm, wenn Ihr möglichst viele Dinge zusammen macht, die eben nicht auf der Vernunft/Schlauheit/Kopf-Ebene stattfinden, sondern viel mit Quatsch, Spiele spielen, Kuscheln und gemeinsamem Spass zu tun haben - das entspannt bei uns die Lage immer am besten ;-)

Auch Kinder brauchen eine gute work-life-balance :-)

Liebe Grüße und das Beste für Euch alle
Jutta