Niemand ist gestorben, und doch...

Archiv des urbia-Forums Trauer & Trost.

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Forum: Trauer & Trost

Fehlgeburt, Tod eines geliebten Menschen, Angst, nicht enden wollende Trauer um ein Sternenkind: Leider stehen wir nicht immer auf der sonnigen Seite des Lebens, diese Erfahrung muß jeder von uns machen. Oft hilft es, mit anderen darüber zu sprechen...

Beitrag von meerli2010 01.04.10 - 14:31 Uhr

Hallo

ich möchte einfach mal ein paar Zeilen da lassen, weil ich mich so hilflos fühle.
In einem anderem Bereich hier im Forum habe ich schon darüber geschrieben, das mein ältester Sohn jetzt in einer Auslandsmaßnahme ist, weil er hier zuhause nicht mehr tragbar war.

Er ist jetzt schon 1 Jahr nicht mehr zuhause, seit 6 Wochen ist er in Schweden, kommt diese Woche zurück und wird dann bis ende April mit seinem Betreuer in Berlin wohnen. Dann kommt er nach Russland zu einer Familie, die ausgebildet ist für "solche" Jugendlichen. Für erst mal mindestens 1 Jahr. Danach sehen wir weiter.
Fakt ist, er wird nicht mehr nach hause kommen. Er wird dieses Jahr 16.

Ich habe ihn schon so lange nicht gesehen, und weiß nicht, wann ich ihn je wieder sehen werde. Seine Emotionen sind so schlecht oder gar nicht ausgebildet, das er uns nicht vermisst.

Was ich eigenlich sagen möchte: Mein ganzer Körper tut weh, so sehr vermisse ich mein Kind. Das Kind, das ich nie hatte, das Kind, das ich hatte, und auch das Kind, das ich nie haben werde.
Mein Ältestes. Mein Sohn. Mein Großer.
Mir tut alles weh und ich kann noch nicht mal nach außen hin trauern. Denn er ist ja nicht tot.
Aber für mich, und für uns als Familie, ist es fast noch schlimmer, als wenn er tot wäre. Denn er wird nie zu uns gehören.
Das tut so weh.....

Danke fürs ausheulen.
Und nicht falsch verstehen. Es gibt nichts schlimmeres, als das ein Kind stirbt.
Aber ein lebendes Kind, das nicht zuhause leben kann und möchte, ist manchmal noch schlimmer. Denn wir alle hier schreiben nach ihm und halten die Arme offen. Aber er will/kann nicht.
Der Schmerz hört nie auf. Als wäre er tot....

meerli

Beitrag von king.with.deckchair 01.04.10 - 18:48 Uhr

Ich kann dich gut verstehen. Mir geht es ähnlich wie dir - mit meinen Eltern.

Meine Mutter war sehr jung, als ich ur Welt kam und erst überfordert, dann unbelehrbar, dann kaufsüchtig und depressiv und ab 1987 psychotisch, also schwer psychisch krank. Und seit vielen Jahren führt sie sich in meinem Leben mit Zerstörungswut auf, schreib bösartige Briefe... ich habe sie 2003 aus meinem Leben geworfen, nachdem sie nun auch anfing, meinen Sohn mit hineinzuziehen.

Meinen Vater habe ich viele Jahre nicht gesehen und als wir dann wieder Kontakt hatten, entpuppte er sich als das gewalttätige Arschloch, als das er mir beschrieben worden war. Seit 1995 kein Kontakt mehr. 15 Jahre, vor eine Woche wurde er 60.

Lange Rede hier der Sinn: Ich denke manchmal ähnlich wie du, besonders vor so großen Festtagen wie Ostern, an denen überall die Familien zusammenströmen. Ich denke dann auch manchmal "Wenn sie tot wären, vielleicht wäre das weniger schlimm, weil ich dann hätte abschließen können. Weil sie dann "weg" wären, ohne dass es ihre eigene Schuld/Entscheidung/was auch immer, jedenfalls dann nicht an ihrem Verhalten lag. Dann hätte ich irgendwann abschließen können. Die Trauer wäre zwar noch da, aber anders. Nicht so mit "Sie lehnen dich ab und das schon immer verbunden."

Ich denke aber, dass können wir gar nicht vergleichen und ich glaube nicht, dass wir uns schlimmer fühlen als Menschen, die wirklich ein Kind oder Eltern an den Tod verloren haben. Vielleicht fühlen wir einfach ähnlich. Oder genauso. Aber sicher nicht schlimmer.

Ich trauere auch, denke "Ach wenn ich doch jetzt Eltern dabei hätte, wenn sie uns doch sehen, sich an uns freuen könnten." Andererseits: Bei dir besteht die Hoffnung, dass dein Sohn sich fängt und ihr irgendwann doch noch aufeinander zugehen könnt.

Bei mir hilft manchmal die Bockigkeit "Pöh, sie haben's ja nicht anders gewollt, selbst schuld, dass sie nun keine Tochter haben, auf die sie stolz sein könnten und einen Enkel, an dem zumindest seine Großeltern väterlicherseits nur Freude haben." Und dann denke ich wieder: Besser so als "in echt" tot. Denn so hadere ich mit reelen Personen. Und nicht mit dem Schicksal oder wem auch immer Ungreifbarem. Im Zweifel könnte ich hinfahren und ihnen was überbrüllen, der Gedanke tut gut.

Und du kannst dich an der Hoffnung aufrecht halten, dass er ja vielleicht doch wieder kommt. Vielleicht nie so wie deine anderen Kinder, aber eben anders.
Diesen Halt haben Eltern von toten Kindern nicht.

Ich wünsch' dir trotz allem schöne Ostern!

LG
Ch.

Beitrag von meerli2010 01.04.10 - 19:56 Uhr

Dein "Bericht" hat mich tief berührt. Und vielleicht hast du recht, oder wahrscheinlich. Das wir halt genauso oder ähnlich fühlen, wie Eltern, die ein Kind verloren haben. Man kann es nicht wirklich vergleichen..
Was du erlebt hast tut mir leid. ich kenne das ein bißchen auch, denn ich wurde von meinem Opa immer abgelehnt und auch mein Vater will schon jahrelang nichts von mir oder seinen Enkelkindern wissen.

Warum muss das so sein? Ist es so schwer, Familie zu sein? Zu verzeihen, sich nicht so weh zu tun, sich zu achten?

Du sagst, ich hätte die Hoffnung, das mein Sohn irgendwann doch zu uns zurück kommt.
Aber weißt du was?
Es ist die Hoffnung, die mir solche Angst macht. Ich wache nachts auf, schweiß gebadet, weil ich Angst habe, mir Hoffnungen zu machen, die ja doch nicht erfüllt werden.

Vielen dank das du so offen warst.

meerli

Beitrag von gaia1976 01.04.10 - 22:00 Uhr

Hey,

das hört sich ja schlimm an, was Du da schreibst... fühl Dich unbekannterweise #liebdrueck

Was ist denn mit Deinem Sohn geschehen, dass er so unnahbar ist?

LG
Gaia

Beitrag von meerli2010 01.04.10 - 23:22 Uhr

Hallo

das ist eine lange Geschichte. Habe sie schon mal in dem Bereich "Leben mit Handicap" erzählt. Vielleicht magst du dort nachschauen unter dem Betreff "Wellenbrecher"? Denn dort steht alles...

meerli

Beitrag von jenny-79 02.04.10 - 22:11 Uhr

Hallo,

meinst Du "Wellenreiter"? Also diesen Thread:

http://www.urbia.de/forum/index.html?area=thread&bid=45&tid=2512720

LG
Jenny

Beitrag von meerli2010 02.04.10 - 22:58 Uhr

Ja, ich hatte mich vertan mit dem Wort Wellenreiter. Denn es heißt richtig Wellenbrecher.

Beitrag von kazzou 04.01.13 - 14:12 Uhr

liebe meerli,

ist dein beitrag bzw. die bitte nach erfahrungsaustausch noch aktuell? mir geht es nämlich so ähnlich seit einem jahr, und vielleicht täte es gut, sich mal auszutauschen.

liebe grüße!