Frohe Ostern, liebe Missbrauchsopfer!

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Beitrag von elodia1980 05.04.10 - 12:01 Uhr

Wem galt der päpstliche Segen an diesem Ostersonntag?

Den Kirchenvertretern, die sich seinerzeit an wehrlosen Kindern vergangen haben sollen? Oder den Opfern, die erst nach Jahren den Mut fanden, sich an die Öffentlichkeit zu wenden? Ersteres scheint der Fall zu sein: Mit dem Segen Urbi et Orbi wird nach der katholischen Lehre allen, die ihn hören oder sehen und die guten Willens sind, ein vollkommener Ablass ihrer Sündenstrafe gewährt.

Es ist ja auch so einfach: Hose wieder hochgezogen, dem Kind noch schnell mit einem warnenden Hinweis über den Kopf gestreichelt, den päpstlichen Segen empfangen – und schon erstrahlen die ergrauten Herren in den festlichen Gewändern in blütenweißer Reinheit. Eine andere Interpretation scheint kaum möglich, weist der Vatikan doch jede Kritik am Papst und seinem Schweigen zu den Vorwürfen nach wie vor als „Diffamierungskampagne“ zurück.

Ein zweiter Schlag ins Gesicht nach den Erlebnissen in der Kindheit mit dem netten Pfarrer von nebenan dürfte nun die Predigt an diesem Osterfest gewesen sein. Während sich die jubelnden Anhänger des Katholizismus weltweit auch in diesem Jahr über die Auferstehung Jesu freuten, freuten sich die katholischen Würdenträger über die aufsässigen Ehemaligen und ihre ärgerlich vorwurfsvollen Geständnissen überhaupt nicht. So erklärte Angelo Sodano, Dekan des Kardinalskollegiums, anlässlich der österlichen Massenfete, man werde sich von dem „unbedeutenden Geschwätz dieser Tage“ nicht beeinflussen lassen. Warum sollten sich die katholischen Saubermänner auch den Tag versauen lassen, nur weil einige Menschen meinen, sie müssten über so ein bisschen frivoles Gefummel im Beichtstuhl jammern? Es doch ungefähr zehntausend Jahre her! Gesehen hat es auch keiner! Falls eins der weißen Priesterschäfchen sich wirklich als schwarz entpuppte, hat man es sofort in die Pampa geschickt, damit das Deckmäntelchen des Schweigens sich galant in einen schalldichten Ganzkörperanzug verwandelt, der ja nur nichts von dem heiligen Dreck nach außen sickern lässt. Und überhaupt – sollen wir uns nicht lieben und mehren? Außerdem haben Kinder eine blühende Phantasie – der Herr wird ihnen die Wahrheit früher oder später schon einbläuen. Und wenn der es nicht allein schafft, wird ihm Hilfe von eifrigen Bischöfen zuteil!

Die Sünden der bösen Onkel in Soutane sind nun also vergeben. Der Segen des Papstes und sein Plädoyer für Solidarität und Frieden am Ostersonntag 2010 rief Jubel bei den Menschen auf dem Petersplatz hervor. Vergessen sind die behaarte Hand im Schritt kleiner Jungen, der Geruch von Schweiß und Gier, der sich mit Weihrauch und dem abgestandenen Mief schattiger Gotteshäuser vermischt haben muss, bis die Opfer mit ekelverzerrtem Gesicht die Luft anhielten, stumm darum bittend, es möge schnell vorüber sein. Nur „unbedeutendes Geschwätz“ sind die Erinnerungen an zwischen blassen Lippen hervor gepresste Warnungen und das wundersame Auflösen der Hilferufe im Nichts des Kirchenbetriebs, nachdem man den Mut gefunden hatte, um Unterstützung zu betteln. Seit Jahrhunderten schmecken treue Kirchgänger Oblaten und Wein auf der Zunge. Die ehemaligen Kinder, deren verwirrtes Gerede die Auferstehungsfeier gefälligst nicht zu stören hat, hatten vielleicht an größeren Dingen zu würgen. Die größeren Brocken muss man halt tapfer schlucken, denn erlegt der Herr nicht jedem von uns sein Päckchen auf die Schultern?

Die Kirche spendet nach eigener Aussage Schutz und Sicherheit all jenen, die ihrer bedürfen. Womöglich schließt das jedoch die schwächsten Glieder unserer Gesellschaft aus. Kaum vorstellbar, dass der Erlöser, dessen Mission mit halsstarrigem Schweigen von der Loggia des Petersdoms aus in Frage gestellt wird, davon sonderlich begeistert gewesen wäre. Pädophile oder gewalttätige Neigungen sind zumindest, was den historischen Jesus von Nazareth betrifft, nicht überliefert. Aber egal: Ob Pater XYZ aus Kleinkleckersdorf sich an den Kids vergreift, Monsignore Mixa prügelt, Seine Heiligkeit Papa Joe dazu die Klappe hält oder Kardinal Sodano den Skandal mit verächtlicher Überheblichkeit vom Tisch fegt: Gott liebt uns alle, sind wir doch nach seinem Bild erschaffen. Und was soll schon groß passieren, wenn die Reise ins Fegefeuer ansteht? Ostersonntag ist vorbei, der Segen ist gesprochen, der Ablass besiegelt. Und wie sagte Hunter S. Thompson einst? "In einer blockierten Gesellschaft, wo jeder schuldig ist, ist es das einzige Verbrechen, sich erwischen zu lassen!“

Beitrag von engel-ina 05.04.10 - 13:26 Uhr

Ich möchte nur eins da zusagen das die Täter eine gerechte Strafe bekommen, auch wenn sie der Kirche angehören jeder Missbrauch aller Art sollte bestraft werden....

Leider gibt es keine Strafe die den Opfern die gerecht wäre weil ihre Seelen beschädigt und vergiftet sind es ist aber eine Genugtuung für die Opfer das die Personen ihre Strafe bekommen.

Unser Staat sollte auch eine Gesetz ändern die Verjährung von Missbrauch und auch die Strafen für die Täter, es kann nicht sein das der Täter 2J.oder 4J. oder so bekommt oder zu-gar Bewährung die Opfer sind für ihr ganzes Leben beschafft.. Ich rede aus Erfahrung mein Vater hat mich auch Missbraucht er hat keine Strafe bekommen wegen Mangel an Beweisen nur weil 11Jahre war glaubt man ein Kind nicht und im Erwachsenen alter wo ich mit dieser Situation nicht mehr um gehen konnte habe ich versucht mir das Leben zunehmen und die Polizei und Staatsanwaltschaft wollt den Fall wieder aufrollen aber es war in der zeit schon Verjährt.....

Ich bin mit meinen Gedanken u. Mitgefühl bei den Opfern#kerze

LGengel-ina

Beitrag von zeitblom 06.04.10 - 12:17 Uhr

"Mit dem Segen Urbi et Orbi wird nach der katholischen Lehre allen, die ihn hören oder sehen und die guten Willens sind, ein vollkommener Ablass ihrer Sündenstrafe gewährt. "

Das ist schlicht falsch!

Beitrag von hauke-haien 06.04.10 - 12:50 Uhr

Nach deiner falschen Behauptung gleich am Anfang habe ich mir gespart, den Rest deines Pamphletes zu lesen.
Mit der Verdrehung von Tatsachen hilfst du keinem Opfer!

Beitrag von le-cochon 06.04.10 - 14:07 Uhr

Du meinst den generellen Sündenerlaß, der seit 1967 keine persönliche Anwesenheit mehr erfordert, sonder auch durch Radio, Fernsehen und Internet gültig wird? (Naja, den iPod gab's ja damals noch nicht.)

Kannst du denn eine Quelle nennen, die diese "falsche Behauptung" widerlegt?
Würde mich nämlich brennend interessieren.

Beitrag von elodia1980 08.04.10 - 19:31 Uhr

satiren dürfen verdrehen, übertreiben und aus dem zusammenhang reißen. sie erheben keinen anspruch auf die wahrheit in form empirisch nachprüfbarer fakten.
sie geben die spöttisch gefärbte meinung des autors wieder.

merkst du was?

Beitrag von le-cochon 06.04.10 - 14:54 Uhr

"Die Heiligen Apostel Petrus und Paulus, auf deren Machtfülle und Autorität wir vertrauen, sie selbst mögen beim Herrn für uns Fürsprache halten."
Alle: "Amen."

"Aufgrund der Fürsprache und der Verdienste der seligen allzeit jungfräulichen Mutter Maria, des heiligen Erzengels Michael, des heiligen Johannes des Täufers und der heiligen Apostel Petrus und Paulus und aller Heiligen, erbarme sich Euer der allmächtige Gott und nachdem er alle Eure Sünden vergeben hat, führe Euch Jesus Christus zum ewigen Leben."
Alle: "Amen."

"Der allmächtige und barmherzige Herr gewähre Euch Nachlass, Vergebung und Verzeihung all Eurer Sünden, einen Zeitraum echter und fruchtbarer Reue, ein allzeit bußfertiges Herz und Besserung des Lebens, die Gnade und die Tröstung des Heiligen Geistes und die endgültige Ausdauer in den guten Werken."
Alle: "Amen."

"Und der Segen des allmächtigen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes komme auf Euch herab und bleibe bei Euch allezeit."
Alle: "Amen."

Gefunden bei:
http://ruegen-akademie.de/history/news/2009/dezember/2601_Weihnachten_Urbi_et_Orbi_Segen.html
mit Link auf:
http://www.dbk.de/stichwoerter/informationen/01423/index.html

Ich hab das mal direkt in den Faden gepackt, also bitte nicht wundern ;-)

Beitrag von zeitblom 06.04.10 - 15:43 Uhr

man beachte das Konjunktiv...

Beitrag von le-cochon 06.04.10 - 16:10 Uhr

ist wenn man weiß, dass der lateinische Konjunktiv (altlatein? mittellatein?...) durchaus andere Bedeutung haben kann, als das in unserer deutschen Sprache abzubilden wäre.

Da fällt mir immer der alte Witz ein, woran erkennt man einen Lateinlehrer? Er bildet alle Konjunktive mit "mögen" ;-)
Jeder, der sich durch Catilina und Ovid quälen musste, weiß wohl um die unerschöpflichen Möglichkeiten der lateinischen Sprache....

Beitrag von zeitblom 06.04.10 - 15:41 Uhr

ok, Asche auf mein Haupt: trotz langer Katholikenjugend war mir das unbekannt. Ausschlaggebend bleibt aber, so wie bei der Beichte, die Grundvoraussetzung des Ablasses: die Reue, der Glaube, der gute Wille...und zwar nicht nach aussen geäussert, wie es unsere Medien gern exhibitionistisch hätten, sondern aus innerlichem Willen.

"Die Sünden der bösen Onkel in Soutane sind nun also vergeben", aber eben nur wenn sie in ihrem Herzen bereut haben. Aber das sollte Dich ja eh nicht interessieren, denn mit oder ohne Reue interessiert Dich doch vor allem die strafrechtliche Seite. Während es aber im Kirchenbereich zwar Vergebung und Sündenablass gibt, gibt es keine Verjährung. Im weltlichen Bereich hingegen ist es umgekehrt. Aber vielleicht wäre es Dir lieber, dass es bei Missbrauch (bei erzwungenem Kuss, Geschlechtsverkehr oder bereits bei Berührung eines Knabenpos?) weder Verjährung noch Beweispflicht gäbe? Verurteilung aufgrund von Opferaussage?

"Die Kirche spendet nach eigener Aussage Schutz und Sicherheit all jenen, die ihrer bedürfen. "
Ja, und zwar nicht nur den goodiegoodies. Kirchen dienten (und dienen wohl noch ?) als Zufluchtsort von Verbrechern. Schlimm, nicht wahr?

Beitrag von le-cochon 06.04.10 - 17:26 Uhr

Ich vermute, Sie beziehen sich (auch) auf mein posting?

Sie winden sich nun gar zu arg, Sündenablass im "Privaten" ist im Glauben sicher gut aufgehoben, nur, das Beichtgeheimnis obenan zu stellen, damit der Seelsorger nicht "Verrat" übt, das ist schon ziemlich harter Tobak, gilt doch kanonisches Recht nur im Rahmen des geltenden Staatstrechtes, jedenfalls in Deutschland.
Das hat meiner Meinung nach nichts mit irgendeiner Form von Exhibitionismus zu tun, wenn ich Ihre Medienschelte auch nachvollziehen kann.

"Verurteilung aufgrund von Opferaussage" will hier kein Mensch, aber Beurteilung nicht durch Kirchenrecht, sondern durch Staatsrecht, das ist durchaus gewollt und notwendig, ohne jede Vertuschung durch Rom.

Beitrag von zeitblom 07.04.10 - 11:44 Uhr

Sie irren sich und wissen es: oft genug sind hier die Geifereien zu lesen, was mit sogenannten Sexualverbrechern geschehen sollte. Nach Beweisen wird regelmässig nicht gefragt. Verständnisbereitschaft für die vermutlichen Täter wird fast als Mittäterschaft behandelt.

Ich habe mich nicht für die Beurteilung nach Kirchenrecht ausgesprochen, aber ich sehe auch nicht, dass die Fälle heute erst bekannt geworden sind, weil angeblich der Vatikan alle Vorwürfe "vertuscht" hätte.

Und die Erwartung, dass ein tagespolitisches Thema wie dieses (so zynisch es für den einzelnen Betroffenen klingen mag) eine Rolle im Ostersegen spielen könnte, ist einfach unrealistisch.

Beitrag von le-cochon 07.04.10 - 13:27 Uhr

"... ich sehe auch nicht, dass die Fälle heute erst bekannt geworden sind, weil angeblich der Vatikan alle Vorwürfe "vertuscht" hätte."

Werden Sie jetzt darauf bestehen, dass ich das Wort "alle" in Ihrem Satz betone, wenn ich vorschlage, dass wir kurz die Brillen tauschen, weil diese offenbar auf je einem Auge blind sind?

Beitrag von ostsonne 07.04.10 - 13:42 Uhr

Nicht schlecht.....deine Reden gefallen mir außerordentlich gut ;-).....und natürlich stimme ich dir voll zu #pro

Beitrag von zeitblom 07.04.10 - 14:56 Uhr

Mir reicht ein Fall, der nachweislich vom Vatikan unterdrückt wurde....

Beitrag von le-cochon 07.04.10 - 17:07 Uhr

no -more- words

Beitrag von ostsonne 07.04.10 - 13:44 Uhr

Wie willst du das heute, nach so vielen Jahren, beweisen, was damals vorgefallen ist ? Warum sollten die damaligen Opfer lügen über das, was ihnen passiert ist ?
Sorry, aber ich habe kein Verständinis für deine Aussagen hier !

Beitrag von le-cochon 07.04.10 - 14:18 Uhr

"Warum sollten die damaligen Opfer lügen über das, was ihnen passiert ist ?"

Die Opfer werden sicher nicht lügen, aber so unrecht hat er nicht, denn in Zeiten von DsdS ist mediale Präsenz schon ein ernstzunehmender Faktor, sei es auch als vermeintliches Opfer.
Die Skandalpresse trägt dann schon ihr Scherflein dazu bei...

Beitrag von ostsonne 07.04.10 - 14:25 Uhr

Da magst du recht haben, aber es ist ja nicht nur EIN Mißbrauchsopfer vorhanden, sondern mehrere, die sich sicher unabhängig voneinander gemeldet haben.

Beitrag von zeitblom 07.04.10 - 15:11 Uhr

Unabhängig? Merkwürdiger Zufall, dass nun von allen Seiten, Missbrauchsfälle bekannt werden, sei es aus ehemaligen DDR-Einrichtungen, kirchlichen Institutionen oder nicht-konfellionellen Privatschulen....

Beitrag von ostsonne 08.04.10 - 11:43 Uhr

Ich meinte unabhängig in Bezug auf EINE Einrichtung, das nicht nur eine einzige Person aus irgendeiner Schule sich wehrt, sondern das es an EINER Einrichtung auch mehrere Opfer gibt, sie sich unabhängig vom jeweils anderen gemeldet haben.
Ergo ist es wohl eher nicht der Fall, das sich ein Schüler an einem Lehrer wegen schlechten Noten oder ähnlichem rächen will.

Und ja, warum sollte jetzt nicht endlich einer ein Stein ins Rollen gebracht haben und viele andere ziehen mit ? Jetzt sind die damaligen Opfer alle selber Eltern oder zumindest erwachsen und können begreifen, was ihre Aussagen erreichen können.

Beitrag von zeitblom 07.04.10 - 15:04 Uhr

Eben, es ist sehr schwierig, Beweise zu erbringen. Sollte daher auf sie verzichtet werden?

Beitrag von le-cochon 07.04.10 - 15:50 Uhr

... mit Verlaub, sollten sie von der Kirche vorenthalten werden?

Sie machen es einem schon recht schwer, Herr zeitblom, vielleicht genauso schwer, wie es die Kirche sich selbst macht, indem sie schweigt?

Beitrag von zeitblom 07.04.10 - 16:38 Uhr

Die katholische Kirche mag im Besitz der alleinseligmachenden Wahrheit sein, aber dass sie Beweise für auch nur einen Fall besitzt, bezweifele ich...

In Zeiten der Massenmedien und Marketingskultur mag es antiquiert und vor allem unprofessionell sein, wie die Kirche sich fast hilflos der Anschuldigungen zu erwehren versucht. Mir ist das schon wieder sympathisch und wäre noch befriedigter, wenn sie prinzipiell keine Stellungnahmen abgäbe.

Beitrag von le-cochon 07.04.10 - 16:49 Uhr

drehen wir uns seit längerem im Kreis.

"Prinzipiell keine Stellungnahme" ist exakt das, was ich anprangerte, aber Sie scheinen da eine andere Ansicht von "In der Warheit und mit der Warheit leben" zu haben.

"Beweise" mag sie nicht haben, die katholische Kirche als Institution, Akten über den Umgang mit Mißbrauchsfällen hat sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit.
Ungewiss ist, warum diese Akten nun nicht im Sturm der Entrüstung offen gelegt werden.
Angst vor Macht oder gar Imageverlust?