Ich weiß nicht mehr weiter

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Forum: Erziehung

Kinder fordern Eltern täglich neu heraus zu Auseinandersetzung und Problemlösung. Kinder brauchen Grenzen - doch welche und wie setzt man sie durch? Welche Erziehung ist die richtige? Nutzt hier die Möglichkeit, euch hilfreich mit anderen Eltern auszutauschen.

Beitrag von butterfly.123 11.04.10 - 19:03 Uhr

Momentan sind meine Jungs (3 Jahre) sehr "außer Kontrolle". Sie hören nicht auf "Anweisungen", vorallem das sie sich nicht gegenseitig hauen und treten sollen, nicht spucken sollen ...u.a.
Ich bitte sie aufzuräumen, helfe natürlich-aber mache es dann doch alleine.
Feste Regeln (nicht auf der Couch toben, nichts werfen...) werden ignoriert.
Sehr oft schicke ich sie in ihre Zimmer, jeder hat eins, manchmal sogar in ihr Bett-damit die Einrichtung heil bleibt.
Wie schaffe ich es, mir Gehör zu verschaffen und etwas Respekt zurückzubekommen. Ich weiß, ich weiß es sind Kinder und ich die "große", aber irgendwie habe ich das "eine liebevolle Mama zu sein" Ziel aus den augen verloren. Ich bin oft so gereizt und schimpfe-oft habe ich das Gefühl nur noch zu meckern. Einer der Gründe ist sicher, das mein Mann ich muns oft streiten-dies hören die Jungs natürlich schonmal mit.
Bitte helft mir, ich will doch nur eine gute Mama sein.
butterfly.123

Beitrag von blaue-rose 11.04.10 - 19:56 Uhr

Hallo butterfly 123


ich denke ein Problem könnten die Meinungsverschiedenheiten zwischen dir und deinem Mann sein. Es ist immer ungünstig wenn es die Kinder mit bekommen ( ich weiß aber auch das es sich leider nicht immer vermeiden lässt). Es ist auch hilfreich wenn du und dein Mann bei der Erziehung zusammenhaltet. Solltet ihr nicht zusammenhalten kann es sehr schnell vorkommen das euch eure Kinder gegenseitig ausspielen. Du solltest auch versuchen ruhig zu bleiben und dir nicht anmerken lassen das dich eure Kinder aus der Reserve locken. Kinder versuchen oft festzustellen wie weit sie gehen können und ab wann ihr Verhalten Konsequenzen nach sich zieht. Wichtig ist das du dich durchsetzt und auch angedrohte Strafen durch ziehst ( die Strafen sollten aber angemessen sein). Sollten deine Kinder sich so verhalten wie du es dir wünschst ist es auch wichtig sie zu loben.


Freundliche Grüße

Beitrag von grissemann74 12.04.10 - 18:56 Uhr

Hi Du!

Ich nehme an du hast Zwillinge. Natürlich ist es dann umso wichtiger eben noch konsequenter in Erziehungsfragen zu sein, als bei einem Kind. Ich glaube auch, daß man so in Kurzform nicht wirklich viel helfen kann, aber eines muß dir klar sein: wenn sie jetzt schon (mit nur 3 Jahren) hauen/treten/spucken - was machen sie dann mit 7 oder 10? Da mußt du bzw. dein Mann und du dringend konsequenter werden.
Tja leichter gesagt als getan.
Ich würde dir sehr empfehlen, mal einen Erziehungsratgeber zu besorgen, denn dieses Thema ist sehr umfangreich und nicht mit ein paar Zaubertricks zu lösen. Wichtig ist aber auch, daß dein Mann und du nicht gegeneinander "arbeitet" und daß ihr nach Möglichkeit nicht vor den Kindern streitet.

LG Sabine

Beitrag von jazzbassist 12.04.10 - 21:46 Uhr

Das zwei gleichaltrige Geschwisterkinder aufeinander losgehen, wird sicherlich vielerlei Gründe haben. Es wird dabei unter anderem um Kräfte messen, Grenzen testen und Aufmerksamkeit erlangen gehen. Ein ziemlich großer Punkt wird das Lösen von Konflikten untereinander sein. Das mag banal klingen, aber, dass muss ein 3-Jähriger erst einmal erlernen; man wird mit dieser Fähigkeit nicht geboren. Die Anweisung „nicht hauen, nicht treten“ sind für zwei 3-Jährige grundsätzlich ziemlich leicht zu befolgen. Das hilft nur leider nicht, den eigentlich Streit zu lösen.

Genau diese friedlichen Konfliktlösungsstrategien müssen Sie ihnen beibringen. Wenn Sie die Medien verfolgen, werden Sie feststellen, dass es nicht einmal ganze Nationen voller erwachsener und gebildeter Menschen hinkriegen, Konflikte friedlich zu lösen. Natürlich ist es einfach, sich mit einem Pappschild und der Message „Peace“ an einem Zaun hinzustellen; es hilft nur in keinster Weise, den Konflikt friedlich zu lösen. Auch 3-Jährige können mit der Message „Peace“ wenig anfangen; man muss sie ihnen liebevoll und behutsam beibringen. Es gibt hier auf Urbia einen schönen Artikel mit dem Titel „Wenn’s im Kinderzimmer“ kracht (http://www.urbia.de/topics/article/?id=9160&c=0); da stehen einige nützliche Tipps, Ideen und Anregungen drin.

Feste Regeln sind natürlich unausweichlich; dass Problem ist hier nur, dass es sich für ein Kind auch lohnen muss, diese Regeln zu befolgen. Sie als Erwachsene springen nicht auf der Couch herum, weil Sie wissen, dass es zum einen gefährlich sein kann und zum anderen, dass das Mobiliar dadurch kaputt gehen kann. Beides sind Ursache-und-Wirkungszusammenhänge, die den Verstand eines 3-Jährigen noch lange Zeit überfordern werden. Ein 3-Jähriger ist neurologisch nicht einmal in der Lage, dass Springen aus Liebe zu Ihnen zu unterlassen. Er wäre ansonsten gezwungen, zwischen der Liebe zu Ihnen und seinen Drang, die Welt zu Erkunden, abzuwägen; die Natur lässt das glücklicherweise nicht zu, da es ein Kind zerstören würde. Jetzt stellt sich irgendwie die Frage, warum ein 3-Jähriger es also unterlassen sollte, auf Mamas Couch zu toben.

Eine Möglichkeit wären (aus kindlicher Sicht) logische Konsequenzen. Das ist eigentlich ganz harmlos; wenn Sie mit Ihren Sprösslingen an einer gefährlichen Kreuzung sind, nehmen Sie die beiden an die Hand, damit die Kinder nicht blind über die Straße rennen können. Man macht das als Elternteil eigentlich instinktiv; und es ist aus mehreren Gründen eine sehr schöne Erziehungsmethode. Zu aller erst natürlich, weil es das Kind daran hindern, blind über die Straße zu rennen. Für einen 3-Jährigen ist das ganz logisch: „Da Mama mich festhält, kann ich nicht über die Straße rennen“. Für das Kind ist das aber ziemlich doof, dass sie es festhalten - da sie damit den natürlichen Bewegungsradius eines Kindes einschränken. Ein 3-Jähriger kann seine Umwelt an Ihrer Hand viel schlechter erkunden, als wenn er nicht an ihrer Hand gehen müsste. Ein Kind ist also total motiviert, hier alles zu tun, um nicht mehr an Mamas Hand gehen zu müssen. Es gibt hier für ein Kind nur einen einzigen Weg aus der miesere: An einer Straße nicht rumzuhampeln, hier ausnahmsweise vollständig auf Mamas Anweisungen zu hören und immer bei Mama zu bleiben. Natürlich sind diese Regeln für ein Kind total langweilig, es ist aber immer noch viel besser, als an Mamas Hand gehen zu müssen. Darum hält sich ein Kind an diese Regeln, da es durch seine Erziehung gelernt hat, dass, wenn es sich nicht an diese Regeln hält, Mama es einfach wieder an die Hand nimmt. Es ist für ein Kind also besser, hier Mamas fiktive Grenze (die Regeln) zu akzeptieren, als sie zu brechen und dann mit der realen Grenze (festhalten) konfrontiert zu werden.

Völlig unbewusst machen Eltern hier eigentlich alles richtig. Sie geben dem Kind eine Grenze; das Kind kann diese Grenze logisch nachvollziehen; das Kind ist motiviert, eines Tages ohne diese Grenze zu leben und - jetzt kommt das aller aller aller wichtigste: Eltern haben hier aus unerklärlichen Gründen eine unvorstellbare Geduld. Sie finden Eltern, die halten ihre Kinder mehrere Jahre lang an gefährlichen Straßen an der Hand. Das mag so banal klingen - dass man es sich gar nicht traut, zu schreiben. Aber für einen 3-Jährigen macht es keinen Unterschied, die fiktive Grenze „Nicht auf der Couch zu toben“ zu erlernen und zu akzeptieren, wie die fiktive „Die gefährliche Straße“-Grenze zu erlernen und zu akzeptieren.

Auf ihrer Couch-Situation abstrahiert heißt das eigentlich nichts anderes, dass diese fiktive Grenze (sie nennen es Regel) „Nicht auf der Couch zu toben“ sich - wenn sich ein Kind daran nicht hält - zu einer wirklich Grenze entwickeln muss. Mama holt die Kinder von der Couch. Aus 3-Jährigen Sicht ganz einfach: „Ich kann nicht auf der Couch springen, da Mama mich da runter holt.“ Jetzt haben Sie damit eigentlich nur noch ein Problem. Es fehlt die Motivation, die hilft, diese Grenze zu akzeptieren. Eigentlich wollen Kinder auf einer Couch nur spielen; und ich würde als Erwachsener nicht leugnen, dass eine Couchlandschaft ein ganzer Abenteuerspielplatz sein kann, der viel interessanter ist, als Playmobil. Eine Motivation könnte für ein Kind also sein, zu wissen, dass, wenn es auf der Couch rumtobt, es dann 3 Minuten lang nicht spielen darf. Also eine kleine Auszeit sozusagen. Aus kindlicher Sicht ist das ganz einfach: Ich darf auf der Couch nicht rumtoben, sonst hindert mich Mama daran. Also unabhängig davon, ob ich es versuche oder nicht, werde ich nicht auf der Couch spielen können. Halte ich mich an Mamas Regel, darf ich etwas anderes Spielen, halte ich mich daran nicht, darf ich das nicht - ergo - akzeptiere ich hier Mamas fiktive Grenze.

Man kann hier eigentlich nur ein wenige Fehler machen. Zum einen sollte man konsequent sein. Ein Kind darf nicht daran zweifeln, dass, wenn es versucht, auf der Couch zu toben, dieser Versuch scheitern wird und er mit der immer gleichen langweiligen Konsequenz konfrontiert wird. Erst wenn 2 + 3 immer 5 ergibt, ist ein Kind bereit, zu akzeptieren, dass 2 + 3 = 5 ist. Darum zählen Kleinkinder, wenn sie die nach ihrem Alter fragen, dieses in der Regel ganz langsam mit den Fingern ab. Ihnen fehlt hier einfach noch die Sicherheit, dass Damen, Zeigefinger und Mittelfinger zusammen immer die Zahl 3 ergeben.

Etwas „sehr oft“ zu tun ist leider nicht immer. Für ein Kind entsteht dann ein spannendes Spiel: „Tut Mama es heute oder Tut Mama es heute nicht oder Tut Mama es erst nach der 30x Drohung?“ Noch interessanter wird das Spiel für ein Kind natürlich, wenn Sie sich jedesmal mühevoll etwas anderes ausdenken. Wenn Sie Kinder für etwas motivieren möchten, sollte die Aufgabe so gestellt sein, dass ein Kind sich ziemlich sicher ist, diese lösen zu können; es aber doch noch eine Möglichkeit des Scheiterns gibt und die Lösung selbst eine Überraschung beinhaltet. Ich hab mein Spatz so Gaußsche Summenformel beigebracht; da war er noch jünger als Gauß selbst! Das Problem ist nur, dass die kindliche Ausprägung von Motivation auch auf ihre Couch-Situation zutrifft: „Wahrscheinlich wird Mama mich von der Couch runterholen; es gibt aber doch noch die geringe Möglichkeit, dass ich heute damit mal durchkomme und das Ergebnis (Lösung) (Zimmer, Bett, Schimpfen, Sandmannverbot) etc. ist eine Überraschung“.

Das wichtigste von allem ist aber natürlich, dass ihre Kinder sie damit nicht ärgern wollen, wenn sie auf der Couch rumtoben. Die wollen nur spielen; auch wildes rumtoben ist nur spielen. Sie müssen ihren Kindern hier also eigentlich nur Alternativen anbieten, die genausoviel oder gar noch mehr Spass machen, als das toben auf der Couch. Dann bedarf es nicht einmal einer Konsequenz - Kinder entscheiden sich i.d.R. automatisch für das, was am meisten Spass macht. Meine Eltern haben meinerzeit einen Kellerraum lehrgerümpelt, den mit alten Matratzen/Matten ausgelegt und auch die Wände angepolstert. So hatten mein Bruder und ich einen Raum, wo wir (mehr oder minder) ungefährdet stundenlang rumtoben konnten. Sei es das gegenseitige Kräftemessen/Raufen, oder einfach nur mit Schaumstoff-Bällen aufeinander loszugehen oder rumzuhöpfen. Das ist viel viel besser, als eine Couch im Wohnzimmer - und an einem Wochenende ganz schnell liebevoll eingerichtet. Mein Bruder und ich konnten dort eigentlich alles anstellen, was wir wollten; unsere Mutter hatte dann meistens im Keller gebügelt und aufgepasst, dass wir uns nicht gegenseitig die Köpfe einschlugen. Es flossen da zwar öfters mal Tränen - aber da war nichts bei - was Mama nicht in wenigen Sekunden wegpusten könnte.

Ansonsten kann ich Ihnen nur ans Herz legen, die Kleinen aus ihren Streitigkeiten mit ihrem Mann vollständig rauszuhalten. Bei Kindern, die gefühlte 11 Stunden am Tag schlafen, ist das sicherlich kein Akt der Unmöglichkeit. Sie sind schließlich erwachsene Menschen, die von ihren Sprösslingen sogar noch verlangen, Konflikte untereinander friedlich zu lösen. Ich finde schon, das sie dann mit besten Beispiel vorangehen müssen. Denn - wenn Sie als Erwachsene das nicht schaffen; wie sollen es dann zwei 3-Jährige hinkriegen?