AD(H)S bei Erwachsenen

Archiv des urbia-Forums Gesundheit & Medizin.

Hier geht es in die aktuelle Version dieser Seite. Nimm dort aktiv am Diskussionsgeschehen teil.

Forum: Gesundheit & Medizin

Hier könnt ihr Fragen stellen zu allen Themen rund um Gesundheit, Vorbeugung, Kinderkrankheiten, Hausmittel und Naturheilmittel. Beachtet dabei bitte, dass medizinische Empfehlungen von interessierten Laien nicht den Gang zum Arzt ersetzen können.

Beitrag von chrissi1983 12.04.10 - 11:02 Uhr

Hallo,

ich hoffe ich bin hier richtig, wenn nicht dann bitte einfach verschieben, aber ich denke, ich bekomme hier die meisten Antworten. Ich habe hier schon oft gelesen, dass einige selbst AD(H)S haben oder eben deren partner und hoffe hier auf Hilfe.

Ich muss im Vorfeld ein wenig ausholen um meine aktuelle lage zu erklären, ich hoffe ihr habt die Geduld es zu lesen. :-)

Also ich habe seit knapp einem Jahr einen Freund, wir wohnen auch bereits zusammen. Unsere Beziehung war von Anfang an schwierig, da mein Freund nun mal nen schwierigen Charakter hat, wie er selbst behauptet. Zum einen hatten wir oft Probleme mit seiner Ex, dann aber auch eben wegen seiner Art. Ich glaube ich reiße mal in Stichpunkten ab worums geht:

* Sommer 09 hatte er Selbstmordgedanken weil er dachte seine Arbeit nicht mehr bewältigen zu können
* er gibt sich sehr cool, ist aber im Grunde ein sehr unsicherer Mensch
* er hat nur wenige Freunde, nicht mal wirklich gute...das liegt aber durchaus an seiner Art denke ich
* er hat starke emotionale Schwankungen die er nicht wirklich erklären kann...von einer Minute auf die nächste ist er völlig aus dem Häuschen
* er kann sich nicht lange auf etwas konzentrieren...ausser bei Konsolenspielen, aber Bücher, Hausaufgaben und Co sind für ihn echt ein Problem
* er macht sich ständig Sorgen wenn er etwas tut ob es das richtige war, hat ständig Zweifel
* oft hat er unkontrollierte körperliche Ausraster wo er gegen ne Wand rennt, irgendwo gegen schlägt, usw... angeblich aus Spaß
* mal ruhig etwas machen kann er nicht
* er hat Angst vor neuen SItuationen
* war schon früher in der Schule Klassenclown und Mobbingopfer
* er sagt einfach alles frei raus oder handelt direkt bevor er über etwas nachdenkt ( ich weiß nicht wie oft er sich bei mir schon entschuldigt hat für etwas, dass ihm dann echt leid tat)
* er macht häufig Fehler...gerade auf Arbeit weil er sich nicht konzentrieren kann
* er kann einem nicht lange zuhören, vergisst viel was man ihm sagt
* wenn er länger keine Aufmerksamkeit bekommt dann wird er unruhig, redet dazwischen, kaspert rum
* oft wirft er mit Schimpfwörtern um sich oder mit so Wörtern wie Ficken oder so... ich glaube das kann er kaum kontrollieren
* er kann es auch kaum ertragen wenn ich mal in Ruhe nen Buch lese oder so...er stört dann oft
* er hat Probleme Entscheidungen zu treffen...das fängt schon meist beim Anziehen an
* manchmal geht er wegen Kleinigkeiten total in die Luft
* er ist völlig chaotisch was Ordnung und co angeht...zumindest bei seinen eigenen Sachen
* er interessiert sich für vieles, aber hält kein Hobby lange durch


So, dass sind erstmal die wichtigsten Punkte auf einen Blick.

Anfangs dachte ich, es ist eben sein Charakter, aber da er mich manchmal schon ein wenig an meine AD(H)S- Kinder aus der Förderschule erinnert hab ich mal im Spaß zu ihm gesagt, dass ich fast glaube, dass er davon auch betroffen ist. Das war vor 8 Monaten...heute bin ich davon fast überzeugt. Mittlerweile leidet sein ganzes Umfeld darunter. Er hat Probleme auf ARbeit, selbst seine Mutter ist oft von ihm genervt und mal von unserer Beziehung ganz zu schweigen. Sein Verhalten wird immer extremer je mehr Stress er auf ARbeit hat. Es gibt aber auch Phasen wo er ganz normal, liebevoll und fürsorglich ist...dann ist er ein Traumpartner. Und ich liebe ihn trotz der schwierigen Phasen.

Nun ist es so, dass ich mich mit AD(H)S bei Kindern ganz gut auskenne, jedoch nicht bei Erwachsenen. Wer von Euch hat da Erfahrungen? Meint ihr ich liege mit meinem verdacht richtig? was kann ich tun um meinem Freund zu helfen?

Danke an alle fürs Lesen schonmal.

Chrissi

Beitrag von snoopygirl-2009 12.04.10 - 11:12 Uhr

Letztendlich läuft das nicht anders ab als bei einem Kind. Man braucht einen Neurologen der sich damit auskennt für die Diagnose und dann wird man auf Medikamente eingestellt.

LG, Tina

Beitrag von chrissi1983 12.04.10 - 11:21 Uhr

Das habe ich fast befürchtet. Ich weiß nur nicht wie ich ihn dazu bringen kann einen Neurologen aufzusuchen. Er weiß zwar, dass sein verhalten ziemlich auffällig ist, aber er meint er sei eben so.

Beitrag von manavgat 12.04.10 - 11:17 Uhr

Ich hatte einen Partner mit ADS. Wenn er seine Antidepressiva nahm, war alles fein. Leider hat er immer, wenn es ihm besser ging die Medis in den Müll geworfen und der Tanz ging von vorne los. Nach 2 Jahren habe ich aufgegeben und mich getrennt.

Es gibt nicht allzu viele Psychiater, die sich mit ADS bei Erwachsenen auskennen. Vielleicht helfen Euch die Selbsthilfegruppen bei der Suche nach einem.

Gruß

Manavgat

Beitrag von chrissi1983 12.04.10 - 11:20 Uhr

Danke für deine ANtwort. :-) Wie hat sich das denn bei deinem Expartner geäußert?

Beitrag von manavgat 12.04.10 - 12:04 Uhr


Vermüllungssyndrom (er selbst und Wohnung), Agressivität, Depression, Suizidgedanken, totales Chaos auch am Arbeitsplatz, Konflikte mit Kollegen/Vorgesetzten etc.

Ich mag ehrlich gesagt nicht mehr daran denken. Die Trennung war eine reine Kopfentscheidung.

Gruß

Manavgat

Beitrag von chrissi1983 12.04.10 - 12:12 Uhr

Oh man das kommt mir sehr bekannt vor. :-( Kann verstehen, dass du dich dann getrennt hast. Ich bohr nur ungern nach wenns dir so unangenehm ist, aber inwieweit war er denn mit Medis anders?

Beitrag von manavgat 12.04.10 - 12:28 Uhr

Wenn er seine Antidepressiva nahm, dann war er der! Partner. Ordentlich, freundlich, verständnis- und liebevoll, fröhlich, gewissenhaft, verantwortungsvoll, gepflegt usw.

Ich hätte mich nie und nimmer getrennt, wenn ich nicht alle paar Wochen den absoluten Affentanz zuhause gehabt hätte. Meine Tochter (nicht seine) war damals 10 und ich wollte ihr das nicht länger zumuten. Hinzu kam, dass ich das Gefühl hatte, ich müsste selbst Antidepressiva nehmen um ihn zu ertragen...

Gruß

Manavgat

Beitrag von andreag1302 12.04.10 - 11:49 Uhr

Ich habe eine Freundin die unter Ad(H)S leidet,sie kann ohne Medis ihren Alltag nicht bewätigen.
Auch sie ist in ärztlicher Bahndlung.
Ich habe sie nur zwei Tage mal zu Besuch
(wohnt leider ca.900km weg) ohne Medis erlebt,das alleine reichte mir schon.
Ich habe ein AD(H)S Kind zu Hause.

LG Andrea

Beitrag von chrissi1983 12.04.10 - 11:51 Uhr

Hallo Andrea,

auch dir danke für deine ANtwort. Wie hat es sich denn bei deiner Freundin geäußert?

Beitrag von andreag1302 12.04.10 - 13:09 Uhr

Nun sie war eben ziemlich zerstreut,abwesend,aber auch wieder ziemlich hibbelig,dann wieder traurig und nachdenklich...
ich kann das gar nicht richtig beschrieben...

Beitrag von unipsycho 12.04.10 - 13:22 Uhr

Hallo!

Wenn ich das so lese muss ich an das Borderline-Syndrom denken.

Ich denke mal, dass du selbst weißt, das ADS und BorderlineSYNDROM keine Erkrankungen an sich sind.
Es sind Ansammlungen von Symptomen. So wie AIDS keine Diagnose ist, sondern nur ein Immundefektsyndrom aufweißt. Auch Menschen mit Leukämie weisen ein AIDS auf - wenn mans mal weit fasst. (jaja, Mediziner lyncht mich, ich sag ja: wenn mans WEIT fasst)

Was mir auffällt ist, dass dein Freund mit seiner Arbeit stark überbelastet scheint und dass er wohl auch noch über ein niedriges Selbstwertgefühl verfügt. Das ist natürlich eine sehr ungünstige Kombination, weil er so unter starken Dauerstress steht.
Also in diesem Rahmen halte ich seine Reaktionen für durchaus normal...
Sprich: für mich sind das alles erst mal starke Stresssymptome.

Jetzt möchte ich gern von dir wissen, in wie weit du dich mit AD(H)S auskennst?
Kennst du in der Nachbarschaft solche Kinder, oder arbeitest du direkt mit ihnen.

Das möchte ich jetzt wissen, bevor ich hier mit Fachpalaver anfange ;-)

Beitrag von unipsycho 12.04.10 - 13:40 Uhr

Achja, noch ein Nachtrag.

Mir ist aufgefallen, dass du beschreibst die Symptome wären schlimmer geworden, seit du dir Gedanken machst, ob er AD(H)S haben könnte.

Hier möchte ich dich darauf hinweisen, dass wir Menschen nicht alle verfügbaren Reize neutral empfangen, sondern verstärkt die Reize, die wir erwarten wahrzunehmen - anders: die wir wahrnehmen WOLLEN.
Du hast deine Antennen auf AD(H)S-symptome ausgerichtet - klar, du möchtest deine These gern bestätigen - und die empfangen diese auch verstärkt.

Jetzt hast du das vermutlich auch deinem Freund mitgeteilt, der sich nun auch selbst verstärkt beobachtet, sich Gedanken macht warum er so ist wie er ist und das kommt dann noch zu seinem Arbeitsstress dazu => da haben wir den Salat... #aha

Beitrag von chrissi1983 12.04.10 - 14:03 Uhr

Danke dir für deine ANtwort. :-) Nee es ist nicht schlimmer geworden seit ich den Verdacht habe...es ist schlimmer je mehr Stress er hat. Er muss Abends nicht mal was sagen...allein an seinem Verhalten merk ich wie sein Arbeitstag war. Er kann sein Verhalten auch kaum kontrollieren...wie gesagt...er weiß zb auch, dass er momentan sein Umfeld sehr stresst und trotzdem kann er seine Ausbrüche nicht unterdrücken. neulich saßen wir mit seiner Cousine zusammen und ich unterhielt mich mit ihr...er schrie ständig dazwischen, warf mit Spielkarten durch die Gegend, blubberte mit seinem Getränk...also schon sehr heftig.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass es nur am Stress liegt. Ich für meinen Teil denke,dass es Stress ist, den auch jeder andere arbeitende Mensch hat. Gut, das nimmt jeder anders wahr, aber ich finde es in seinem Fall schon arg, da ja der Stress auch durch sein verhalten entsteht. ZB hat er ständig Konflikte mit seinem Chef da er nicht konzentriert arbeiten kann...so sehr er sich bemüht, es geht einfach nicht.
Ich versuch ihm schon allen anderen Stress zu nehmen...kümmere mich zu gut 95% um den Haushalt, übernehme Organisatorisches, aber wenn im August mein Referendariat anfängt kann ich das nicht mehr und es lastet jetzt schon sehr auf mir. Wo wir übrigens dabei wären wieso ich mit AD(H)S zu tun habe. Ich bin angehende Förderschullehrerin ;-)

Im Übrigen wirds schlimmer wenn er viel Coffein und Zucker konsumiert und ich bin mir sicher,dass ich mir das nicht nur einbilde.

Beitrag von unipsycho 12.04.10 - 14:16 Uhr

"Im Übrigen wirds schlimmer wenn er viel Coffein und Zucker konsumiert und ich bin mir sicher,dass ich mir das nicht nur einbilde."

Also das ist logisch. Wenn ich Cola trinke bin ich auch schwer zu ertragen.

"er weiß zb auch, dass er momentan sein Umfeld sehr stresst und trotzdem kann er seine Ausbrüche nicht unterdrücken."

Ja klar, das Wissen, dass er seine Umwelt belastet setzt ihn ja unter enormen Stress.
Ich schätze mal, dass er sich hier auch selbst nicht leiden mag und die ganze Zeit gegen sich selbst kämpft. Das geht nun mal nach hinten los. Da is auch nix mehr mit Kontrolle.
Ersetze "trotzdem" in dem Satz durch "gerade deshalb".

"Ich für meinen Teil denke,dass es Stress ist, den auch jeder andere arbeitende Mensch hat"

du weißt doch gar nicht, wie hoch seine Stresstoleranz ist. Und WAS ihn alles stresst.
Er steht doch schon allein durch die Tatsache, dass er sich schwer konzentrieren kann unter enormen Stress. Da ist dann alles was dazu kommt noch zu viel.
Das wirkt dann wie ein Teufelskreis ind Spiralform.

Beitrag von chrissi1983 12.04.10 - 14:21 Uhr

Ja das mag richtig sein. Wichtig ist nur, dass er sich nun endlich mal Hilfe holt, denn das kann doch so nicht weitergehen. Und zum anderen muss ja sein Konzentrationsproblem auch irgendwoher kommen. Das besteht ja nicht nur bei komplexen Aufgaben, sondern fängt schon damit an wenn er zb den Tisch decken soll( dann fehlt ganz viel) oder bei seinen Hausaufgaben (er ist noch in der Ausbildung). Einen Text von 2 Seiten zu lesen ist schon zuviel für ihn.

Und manchmal ist es so, dass ihn wirklich alles stresst...ein ganz normaler Tag mit ganz normalem Arbeitsablauf (an dem es eigentlich nicht mal Ärger gab), dann die nette Aufforderung den Müll rauszubringen, seinen Teller in die Küche zu bringen, usw... lauter Kleinigkeiten, die aber eigentlich normal sind. Und wenn das alles überfordert muss was getan werden...meine Meinung.

Beitrag von unipsycho 12.04.10 - 20:02 Uhr

Also nur, dass du mich verstehst. Ich will dir jetzt nicht auf Biegen und Brechen deine Vermutung ausreden und alles verharmlosen. Ich will nur, dass du breitfächerig denkst. Hier fallen mir spontan AD(H)S, Borderlinesyndrom und HSP (high sensible personality) ein. Alles Syndrome die mit einer starken Kapazitäteneinschränkung einher gehen.
Ich muss bei Borderline-Patienten immer an meinen 3jährigen Sohn denken. Irgendwie verhalten die sich ja genauso.
Kleinkinder haben ja auch recht wenig Kapazitäten. Man benötigt ja für die Regulation von Emotionen und für das konzentrierte Arbeiten recht viel davon.
Ist dir das Reflexiv-Impulsiv Modell der Sozialpsychologie bekannt?

Was ich bei deiner Beschreibung von deinem Freund vorrangig sehe sind halt Stresssymptome. AD(H)S, Borderline und HSP-Menschen stehen ja unter einem ENORMEN Dauerstress.
Das kann angeboren sein, indem das Hirn mehr Reize in das Bewusstsein lässt als es das beim Durchschnittsmenschen tut. Das wirst du ja aus deinem Studium kennen.
Das kann aber auch erworben sein, wenn es Ereignisse gab, die verhindern, dass das Kleinkind, aber auch der erwachsene Mensch, lernt seine Emotionen zu regulieren.
Das kann ein traumatisches Ereignis sein - bei vielen Borderline-Patienten sieht man oft eine Familiengeschichte, die von Gewalt und/oder psychischen Terror geprägt war. Allerdings kann auch das starke Überbehüten verhindern, dass sich das Kleinkind vernünftig mit seinen Emotionen auseinander setzt.

Dass dein Freund psychotherapeutische Hilfe benötigt ist sowieso klar. Gerade wenn man so ein arges Stressproblem hat, dann schränkt das die Lebensqualität gewaltig ein. wie ihr ja schon 2009 gesehen habt kann das bis zu Suizidgedanken führen.
Ich kann mir sowieso vorstellen, dass sich dein Freund in sich nicht besonders wohl fühlt - das ist so, als wäre man ständig mit einer Person zusammen, die man auf den Tod nicht ab kann.

Es ist bloß wichtig, dass er das von selbst einsieht. Und dass er nicht das Gefühl hat ein kranker Idiot zu sein, der zum Psychologen muss.
Gerade, wenn man bei den diagnostischen Tests so vor Augen geführt bekommt, was bei einem so alles schief läuft. Das haut dann noch mal kräftig ins Selbstkonzept und viele reagieren erst mal mit Abwehr und Verteidigung, oder solche Persönlichkeiten verhalten sich dann plötzlich wie die absoluten Psychopathen, weil sie das Gefühl haben sich so verhalten zu MÜSSEN.

Dass das mit Zucker + Koffein so arg ist, hab ich jetzt nicht so erwartet, aber grob gesagt ist es schon mal klar, dass ein Mensch, der sowieso eine SEHR hohe Grundspannung hat, sensibel auf solche Stoffe reagiert.

Beitrag von unipsycho 12.04.10 - 20:14 Uhr

ohjeh.. Ausdruck 6 #klatsch
wer zuerst 10 "ja"s zusammen hat darf sich bei mir melden... #schein

Beitrag von chrissi1983 12.04.10 - 14:22 Uhr

Im Übrigen was Coffein und Zucker angeht... es ist nicht normal, dass man dann richtig abdreht, gegen die Wand schlägt und die ganze Zeit mit Wörtern wie "Ficken" oder dergleichen um sich schmeißt.