Magersucht - wo gibt es Hilfe?

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Forum: Jugendliche

Viele Eltern sehen der Pubertät ihrer Kinder mit Schrecken entgegen. Welche Probleme tauchen wirklich im Zusammenleben mit einem Teenager auf? Was, wenn AlkoholDrogen und Verhütung zum Thema werden? Tauscht hier eure Erfahrungen mit anderen Teenie-Eltern aus.

Beitrag von franka.f 21.04.10 - 15:55 Uhr

Hallo miteinander,

gestern habe ich nach längerer Abstinenz wieder mal mit einer meiner Freundinnen telefoniert. Dabei erzählte sie mir, dass sie befürchtet, ihre Tochter (11 Jahre alt) sei magersüchtig.

Mein erster Gedanke war: dass es schon so früh losgeht, hätte ich nicht gedacht.

Mein Mann und ich sind uns seit Jahren klar, dass ihre Tochter irgendwann Magersucht oder eine andere Eßstörung wie z.B. Bulimie bekommen wird. Sie ist prädestiniert dafür, geradezu dazu erzogen worden. Wir beobachten seit Jahren, was in der Familie rein essenstechnisch und machtkampfmäßig schief läuft. Aber auch wenn wir nur mal Andeutungen gemacht haben, waren sie so überzeugt davon, dass sie alles perfekt richtig machen, dass wir bald nichts mehr sagten in die Richtung. Die werden es schon noch sehen, dachten wir, und jetzt ist es wohl so weit.

Kurzum, meine Freundin beschrieb mir mehrere ganz klassische Symptome für Magersucht, die ihre Tochter schon hat. Sie ging zum Kinderarzt, um mit ihm darüber zu reden, aber er lachte sie aus und meinte, sie solle froh sein, dass ihre Tochter nicht zu fett sei, er habe soviele Probleme mit zu dicken Kindern. Dann ging meine Freundin nochmal hin und schleppte ihre Tochter mit, damit er mal sieht, wie dünn sie ist, nur Haut und Knochen, und damit er sie mal selbst mißt und wiegt. Er meinte daraufhin, dass sie sogar noch vier Kilo abnehmen könne, um immer noch normalgewichtig zu sein. Und ihre Blässe, spröden Haare, brüchigen Nägel usw. findet er auch noch nicht alarmierend.

Es geht ja aber auch um die Psyche. Die ißt ja schon fast nichts mehr und findet sich trotzdem viel zu dick.

Ich bin jedenfalls sehr froh, dass meine Freundin endlich die Augen geöffnet hat und das Problem sieht. Selbst wenn es noch keine richtige Magersucht ist, sondern nur der Anfang, ich finde es auch wichtig, dass man jetzt schon was dagegen macht, damit es nicht noch schlimmer wird. Meine Freundin hat mich um Hilfe gebeten. Sie hat mich gefragt, was sie tun soll!

Ich weiß nicht! An wen wendet man sich? Ich würde mich zuerst an unsere Kinderärztin wenden, aber das war bei ihr ja eine Sackgasse! An wen kann man sich noch wenden? Welche Behörde oder sonstwas? Wer kann einem qualifiziert helfen?

Vielen Dank für Eure Antworten!

LG Franka

Beitrag von coffeefreak 21.04.10 - 16:53 Uhr

Hm wieso ist sie denn prädestiniert dafür? Was haben deine Freunde denn für Essgewohnheiten (gehabt?)?

Also da würd ich einfach mal sagen, entweder gehen sie zu ner Ernährungsberatung oder einem anderen Arzt.
Es gibt viele Ärzte die Unsinn erzählen, da musst ich auch schon paar mal Arzt wechseln um einen kompetenten zu finden.

Herrje, was ist mir alles schon für Unsinn von Weizen-, Sellerieallergie bis sogar starke Hormonpräparate (die starke Gewichtszunahmen von 8kg auslösten #schock) erzählt/verschrieben worden. Einfach am besten sofort aufhören zu dem zu gehen und nen neuen suchen, der dann in dem Fall das Problem auch erkennt und helfen kann!

Beitrag von franka.f 26.04.10 - 15:21 Uhr

Hallo coffeefreak,

danke für Deine Antwort. Ich hab ihr ja auch gesagt, sie soll den Arzt wechseln, weil sie sich sowieso schon öfter über ihn aufgeregt hat. Aber es gibt so Menschen, die würden sich vorher die Hand abhacken, bevor sie den Arzt wechseln würden.

Wieso sie prädestiniert dafür ist, eine Eßstörung zu entwickeln? Sie war von klein auf sehr wählerisch beim Essen, was sie vom Papa hat. Sie hat schon immer gesunde Sachen gemieden, was sie vom Papa hat. Und sie hat schon immer gewußt, wie sie ALLES erreichen kann, wenn sie sich überreden läßt, doch ein Salatblatt zu essen, weil ihre Mama total irre wurde, wenn sie nichts essen wollte.

Wir haben öfter schon zusammen gegessen. Mittags, abends, auch Frühstück. Sie bekam IMMER eine Extrawurst. Sie mußte sich nie mit dem begnügen, was auf dem Tisch stand. Und wenn die bei uns waren, haben die zum Teil Essen und Getränke für sie von zu Hause mitgebracht, falls es ihr bei uns nicht schmeckt. Dabei kochen wir ganz normal und gut. Es war ganz klar immer nur ein Machtkampf.

Süßigkeiten hat sie gefuttert wie jedes andere Kind auch. Und wenn die Bauchschmerzen noch so groß waren bei den Mahlzeiten, sodass man nichts essen konnte, eine Tafel Schokolade oder ein Marzipanschweinchen, das ging dann doch immer rein. Nebenher wurde sie aber auch schon (nicht immer) im 15-Minuten-Takt mit Fiebersaft gefüttert, löffelweise, weil sie ja krank sein könnte, da sie nichts ißt.

Am klarsten wurde es uns bewußt, als die mal zwei Tage am Stück bei uns verbrachten und es eindeutiger nicht sein konnte, dass sie allein nur mit dem Essen ihre Eltern um alles erpresste. Die zwei Tage wurden völlig anders verbracht als geplant, weil das Fräulein Tochter von denen sich die Tage anders in den Kopf gesetzt hat als wir Erwachsenen es ausgemacht hatten. Und das hat sie alles übers Essen gemacht. Ganz einfach nach dem Motto: ich esse jetzt einen Bissen, aber nur, wenn ich dafür noch bis Mitternacht aufbleiben darf, und nur, wenn wir gleich nachher das spielen, was ich mir wünsche. Usw. Sie hat alles erreicht, was sie wollte. Ihre Eltern waren Marionettenfiguren, und sie hielt die Fäden in der Hand. Sogar von uns erwarteten schließlich die Eltern, dass wir gegen gewisse Regeln und Abmachungen verstießen und damit ziemliche Nachteile für uns in Kauf nahmen, nur damit ihr Mäuschen einen Bissen ißt.

Das nächste Argument wegen der Eßstörung: Sie steht permanent unter Leistungsdruck. Sowas hab ich noch nie erlebt. Erstgeborene von Erstgeborenen, das ist schon nicht einfach, aber die machen alle klassischen Fehler, die man da noch machen kann. Z.B. Seit klein auf ist sie in zig Vereinen und ständig auf Achse. Zeit zum Spielen hatte sie immer schon wenig. Im Kindergarten zweimal die Woche Turnen und dann fing sie an, Geige zu lernen. In der Grundschule ging sie dreimal (!) die Woche zum Geigenunterricht. Als wir mal zu Besuch waren, sollte sie uns was vorspielen, aber sie zierte sich. Ich sagte, ist doch egal, dann spielt sie eben nicht. Meine Freundin war stinkwütend, weil sie nicht spielen wollte. Ich fragte, ob sie denn vielleicht nicht so gut spielt und sich geniert? Sie sagte: doch, sie spielt schon gut, aber sie könnte natürlich noch besser spielen. Sie sollte eine Stunde jeden Tag üben, aber sie hat oft keine Lust und übt weniger. Wenn sie mehr üben würde, wäre sie besser. Genauso in der Schule. Meine Freundin war sich nicht sicher, ob sie das Gymnasium packen wird. Ich fragte sie, wie denn das Zeugnis ausgefallen ist (4. Klasse). Sie sagte (der Hammer!): Sie hat schon lauter Einsen, aber sie könnte besser sein, wenn sie sich mehr anstrengen würde! ich konnte nur noch antworten, was sie denn eigentlich erwartet? Eine 1+ im Zeugnis? Sie soll doch mal zufrieden sein!

Aber so ist es mit allem. Sie kann es ihren Eltern nie recht machen. Die Ansprüche sind einfach megahoch. Egal, worum es geht. Ihr Mäuschen muß nicht nur in allem gut sein, sie muß die Beste sein, und zwar mit Abstand. Wie soll ein Kind da rauskommen? Sie macht es mit dem Essen. Das ist das einzige, wo sie ihre Eltern in der Hand hat, wo sie über ihre Eltern herrscht. Wo sie ihr nichts vorschreiben können. Wo sie sich selbst kontrollieren kann. Wo sie so gut ist, wie sie es selbst will.

Denkst Du nicht, dass ich recht habe? Mein Mann und ich haben immer gesagt, wenn die mal in die Pubertät kommt, dann ist es nur noch eine Formsache, ob man es Magersucht oder Bulimie nennen wird.

LG Franka

Beitrag von herzensschoene 26.04.10 - 18:03 Uhr

hallo franka,

ich kann mir gut vorstellen, das ihr euch große sorgen um das mädchen macht.
die sind auch berechtigt.
ich denke aber nicht, dass es eine magersucht ist.

sie hat als kleines kind schon gelernt, dass sie ihre eltern mit dem essen im griff hat. das ist sozusagen zu ihrer persönlichkeit geworden. dass heißt, sie kennt keinen anderen oder besseren weg als diesen, um an ihr vermeintliches recht zu kommen.

da kommt sie nicht mehr alleine raus. diese familie braucht unbedingt eine familientherapie, um zu lernen, mittel zu finden, wie man angemesssen seine wünsche durchsetzt und der mutter zu zeigen, wie sie mit ihren ängsten um das wohl des kindes besser umgehen kann.

ich würde auch ein spz empfehelen. du kannst ja mal deinen arzt nach dem nächsten fragen.

viele grüße maren

Beitrag von tristimonia 21.04.10 - 17:54 Uhr

Ein Kinder- und Jugendpsychologe wäre meine erste Wahl.

Beitrag von sassi31 26.04.10 - 12:22 Uhr

Das wäre auch meine erste Wahl.

Beitrag von franka.f 26.04.10 - 15:24 Uhr

Vielen Dank! #herzlich

Beitrag von franka.f 26.04.10 - 15:23 Uhr

Danke! #herzlich

Beitrag von mimi1410 22.04.10 - 22:18 Uhr

Hi,
schön, dass du dir Gedanken machst ... während meiner Ausbildung waren wir bei anad.ev - schau mal auf deren Homepage. Die können sicherlich auch in deiner Region Hilfe vermitteln.
LG Mimi

Beitrag von franka.f 26.04.10 - 15:26 Uhr

Vielen Dank für Deine Antwort! #herzlich LG Franka

Beitrag von brille09 23.04.10 - 14:18 Uhr

Hallo,

also erstmal, bei Magersucht gehts eigentlich gar nicht wirklich ums Essen, das ist nur das äußere Signal. Es hat weder primär mit Dünnsein zu tun noch damit, wie gern Kinder essen oder so. "Prädestiniert" für Magersuch - wie du es nennst - sind Kinder, in deren Familien alles besonders exakt und genau ging. Denn häufig ist die Familie bzw. die Beziehung der Eltern ein Hauptgrund für die Magersucht.

Aber darum gehts ja jetzt auch gar nicht. Ich habe sehr gute Erfahrungen mit den SPZ (Sozialpädiatrische Zentren --> einfach mal googeln) gemacht. Du kannst auch auf der Seite des Gesundheitsamts des Landkreises nachschauen, dort stehen ebenfalls Adressen. Auch der Beratungslehrer und/oder Schulpsychologe an der Schule (so sie nicht mehr in die GS geht) hat normalerweise - leider - viel Erfahrung mit dem Thema. Bei uns in Bayern gibt es auch Staatliche Schulberatungsstellen, wo qualifizierte Schulpsychologen Auskunft geben - auch telefonisch und weitgehend anonym.

Beitrag von franka.f 26.04.10 - 15:27 Uhr

Ja, ich weiß, dass es bei Magersucht um Macht geht. Ich hab weiter oben nochmal was dazu geschrieben, wie es in der Familie zugeht.

Vielen Dank für Deine Antwort! #herzlich