Wann ist ein Staat pleite?

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Beitrag von 3wichtel 27.04.10 - 09:14 Uhr

Hallo an Alle.
Vielleicht könnt ihr mir mal mit Wirtschaftswissen
unter die Arme greifen.

Bei der Griechenland-Diskussion stellt sich mir die Frage, ab WANN ist ein Staat offiziell pleite?
Und wie kann es so weit kommen?

Ich verstehe schon, dass grundsätzlich die Einnahmen (Steuern, Einnahmen aus Exporten, Tourismus, etc.) die Ausgaben (Sozialleistungen, etc.) übersteigen sollten.

Aber ab welchem Punkt kippt das alles?

Deutschland hat doch z.B. eine Rekord-Verschuldung. Warum ist Deutschland dann offiziell NICHT pleite, Griechenland aber wohl?

Kann mir das bitte jemand kurz und klar erklären????

Beitrag von daddy69 27.04.10 - 09:57 Uhr

Hi,

wirklich pleite ist ein Staat erst, wenn er seine Pleite selbst verkündet - weil er z.B. kein Geld mehr von Banken, Bürgern oder anderen Staaten bekommt.

Es gibt für Staaten keine Insolvenzordnung wie für Firmen.

Du hast ja schon geschrieben, dass die Wirtschaftskraft und die Schulden im Verhältnis gesehen werden müssen. Es kippt irgendwann dann, wenn der Staat für neue Kredite enorm hohe Zinsen zahlen muss - oder keine neuen Kredite bekommt.

Und wie es soweit kommen kann? Meistens durch Kriege, aber eben auch wie im Fall Griechenland durch Misswirtschaft und Korruption.

Hilfe gibt es z.B. durch den IWF, der neue Kredite besorgt. Der IWF verlangt dafür aber auch radikale Einschnitte.

Und dann noch den Peter Zwegat für Staaten: Den Pariser Club. Hier wird versucht zu vermitteln, damit Gläubiger auf Forderungen verzichten.

LG
Peter

Beitrag von 3wichtel 27.04.10 - 16:14 Uhr

Also geht es weniger um echte Kreditwürdigkeit eines Staates sondern mehr um das Vertrauen von Bürgern und Gläubigern in einen Staat?

Dann ist es ja noch wichtiger, dass man bei der Bundestagswahl eine Regierung stellt, die auch ausserhalb der dt. Grenzen als respektabel gilt...

Beitrag von daddy69 27.04.10 - 16:29 Uhr

Nein, so meinte ich das nicht. Es geht schon um die echte Kredigwürdigkeit (die wird von Ratingagenturen vergeben).

Denn Geld kriegt er von Bürgern (über Anleihen), Banken und anderen Staaten.

Allerdings: Vertrauen ist auch sehr wichtig: Wenn in Griechenland das Vertrauen ganz futsch wäre oder Diskussionen über die Abschaffung des Euro kämen, wär das schlecht. Dann würden nämlich alle Griechen zur Bank laufen und sich Erspartes auszahlen lassen.
Das wäre dann richtig schlecht.

Beitrag von nele27 27.04.10 - 12:42 Uhr

Hi,

bei FAZ.net steht folgendes (wie ich finde, verständlich erklärt):

Wann aber ist es so weit? Kann ein Staat pleitegehen wie eine Firma? Im wörtlichen Sinne nicht. "Es gibt keine Insolvenzordnung für Staaten", sagt der Hamburger Staatsrechtler Jörn Axel Kämmerer. Es gibt auch keine Institution auf der Welt, die einen Staat offiziell für pleite erklärt, und kein geregeltes Verfahren, nach dem eine Pleite abläuft. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat Ende 2002 versucht, eines durchzusetzen, scheiterte aber.

Es ist auch nicht möglich, dass die Gläubiger für einen Staat einen Insolvenzantrag stellen. Bei welchem Gericht auch? Doch es gibt eine Selbsthilfeorganisation, die in so einem Fall versucht, eine Staatspleite noch abzubiegen: den Pariser Club, zu dem sich die Gläubiger zusammenschließen, die über einen Schuldenerlass diskutieren.
Gläubiger verzichten oft auf Rückzahlung

Normalerweise setzen die Gläubiger alles daran, einen Staat auch in letzter Minute noch aus dem Bankrott herauszupauken. Notfalls, indem sie erst mal auf die Rückzahlung von Schulden verzichten. Denn die Gläubiger wissen: Ein Pleitestaat verschwindet nicht für immer von der Bildfläche wie eine Firma. Er bleibt bestehen. Es gibt politische und wirtschaftliche Beziehungen zu ihm. Und irgendwann kommt er wieder zu Geld und wird wenigstens einen Teil der Schulden zurückzahlen.

Wirklich pleite ist ein Staat daher erst, wenn er selbst verkündet, dass er seine Schulden nicht mehr bedienen kann, weil ihm kein anderes Land, kein Bürger und keine Bank mehr freiwillig Geld leiht. Oder wenn er es trotz Pariser Club nicht mehr schafft, neue Kredite aufzunehmen. So war es in Argentinien: Als 2002 nicht einmal mehr der IWF dem Land Geld leihen wollte, erklärte Argentinien sich selbst für zahlungsunfähig (siehe rechts). Inhaber argentinischer Staatsanleihen sahen den Großteil ihres Geldes bisher nicht wieder.
Kriege, Misswirtschaft und Rettungspakete

Die häufigste Ursache für Staatspleiten waren in der Geschichte Kriege. Heute sind es meist Jahre der Misswirtschaft, in denen Regierungen mehr Geld ausgegeben haben, als sie durch Steuern einnahmen. In der Finanzkrise werden nun die Rettungspakete zum Problem. Sie türmen in den ohnehin strapazierten Haushalten gewaltige Zins- und Schuldenberge auf.

Wenn Regierungen ihre Staatshaushalte nicht in den Griff bekommen, indem sie höhere Steuern erheben, Rentenzahlungen aufschieben oder ihre Ausgaben radikal senken, müssen sie bald horrende Zinsen für ihre Schulden zahlen. Bereits jetzt drückt Deutschland sieben Prozent seiner gesamten Staatseinnahmen allein für die Zinslast ab.
Fatale Folgen

Irgendwann heißt es für einen Staat dann: "Die Defizitlücke lässt sich nicht mehr schließen, und der Staat wird zahlungsunfähig", sagt Charles Blankart, Finanzwissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität. Die Folgen sind fatal. Wenn ein Unternehmen pleitegeht, leidet die Belegschaft. Geht ein Staat pleite, leidet das ganze Land: Renten und Beamtengehälter können nicht bezahlt werden, Schulen und Autobahnen verfallen und das Militär bekommt kein neues Material mehr.

Im Land geht auch das Vertrauen in die Währung verloren. Die Menschen plündern ihre Konten, weil sie fürchten, dass ihr Geld morgen nichts mehr wert ist. Sie tauschen es in andere Währungen und tätigen Hamsterkäufe. Meist folgen ziemlich rasch eine Bankenkrise, später eine Einzelhandelskrise, und oft entwickelt sich ein Schwarzmarkt, auf dem eine Ersatzwährung wie Zigaretten zählt.
Währungsschnitt als einzige Rettung

In einer Art letztem Ausweg versucht die Regierung dann, ihre Schulden loszuwerden, indem sie die Notenpresse anwirft. Wenn ihr die Gläubiger kein Geld mehr leihen, muss sie es eben selbst drucken. Es kommt zur Inflation, oft endet es sogar in Hyperinflation: Geld ist dann nicht einmal mehr das Papier wert, auf dem es gedruckt ist. Das ist der Grund, warum auf einen Staatsbankrott oft ein Währungsschnitt folgt. Eine neue Währung wird eingeführt, die wieder Vertrauen schaffen soll. Umtauschen kann man dann nur zum ungünstigeren Tauschkurs. Als Deutschland 1948 die D-Mark einführte, löste sie die Reichsmark im Verhältnis 100 zu 6,5 ab.

Damit wird klar, warum eine Pleite von Griechenland oder Spanien für Deutschland schwere Folgen hätte: weil deren Währung unsere ist - der Euro. Alle EU-Länder und ihre Firmen haben durch regen Handel gegenseitig Schulden beieinander. Deutsche Banken haben allein in Spanien 240 Milliarden Euro verliehen. Sähen sie die nicht wieder und müsste der Staat auch noch dafür haften, stieße er bald wirklich an seine Grenzen.
Kleine Länder profitieren von den großen

So wird beides zur Gefahr: dass Länder wie Griechenland, Portugal, Frankreich oder Spanien in der Vergangenheit erheblich mehr Waren ein- als ausgeführt haben, allein dadurch betragen ihre Schulden im Ausland zehn bis 18 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Aber auch, dass Länder wie Deutschland so viel Geld verliehen haben. Daher scheiden sich nun die Geister, ob die Gemeinschaftswährung Euro in dieser Krise eher Fluch als Segen ist. "Der Euro ist das Beste, was uns je passiert ist, sonst wären die schwächsten Länder in einer viel schlimmeren Krise", sagt Christian Tietje, Professor für internationales Wirtschaftsrecht an der Universität Halle.

Auch Willem Buiter, Professor an der London School of Economics, hält den Euro für einen Segen: "Besonders anfällig für den Staatsbankrott sind kleine Länder mit großem Bankensektor, begrenztem Steueraufkommen und eigener Währung" wie die Schweiz, Schweden und Dänemark. Da seien Irland, Belgien, Luxemburg und die Niederlande durch die Gemeinschaftswährung geschützter.

Gerade die Kleinen mit schwacher Bonität profitieren davon, dass die Finanzkraft der Großen wie Deutschland und Frankreich auf sie abfärbt, die noch immer als vertrauenswürdigste Schuldner der Welt gelten. Deshalb fordern Europa-Politiker, dass die Euroländer gemeinsame Anleihen begeben, damit sich die Kleinen mit Hilfe der Großen finanzieren können. Noch wehrt sich Finanzminister Steinbrück dagegen. Schließlich gilt Deutschland als einer der besten Schuldner der Welt und kann sich zu günstigen Zinssätzen verschulden wie selten. Mit der Euroanleihe würden die Kosten steigen.

Dass Länder wie Italien, Spanien oder Griechenland im Falle einer Pleite aus der Währungsunion ausscheren könnten, "halte ich dagegen für unwahrscheinlich, weil die Währungen dieser Länder dann jeden Halt verlören", sagt Finanzwissenschaftler Blankart. Die Regierungen werden sich "eher an den Euro klammern". Sie könnten die anderen Euroländer sogar zur Hilfe erpressen. Der Euro ist also für die Kleinen ein Segen.
Amerikanische Erblast

Aber ist er nicht auch ein Fluch? Die Gemeinschaft verhindert schließlich, dass die Einzelstaaten ihre Währung abwerten, um einen Exportschub und neuen Wirtschaftsschwung auszulösen. Und ebenso, dass sie neues Geld drucken, um ihre Schulden mit Inflation zu tilgen. Die Vereinigten Staaten besitzen diese Möglichkeit sehr wohl über die Notenbank Fed.

"Die Amerikaner können zwar schneller reagieren", räumt Tietje ein, "das heißt aber nicht, dass sie auch besser reagieren." Die Fed habe gehörig überreagiert, indem sie die Zinsen so schnell senkte. Das Land trägt eine enorme Erblast durch die Schulden der Bush-Regierung, und jetzt kommt die Finanzkrise dazu. "Insofern sind die Herausforderungen für Amerika viel größer." Hinzu kommt: Auch die Europäische Zentralbank (EZB) kann einspringen, wenn einem Staat der Bankrott droht. Sie kann einen Teil von dessen Staatsanleihen aufkaufen. Doch wie lange reichen ihre Mittel dafür?

Sicher ist: Wenn der erste Staat im Euro-Raum pleitegeht, wird der Zahlungsverkehr in allen Ländern leiden. Der Euro verliert an Wert. Dadurch entsteht Druck auf die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten, Staatsanleihen der angeschlagenen Staaten zu kaufen. "Das schwächste Glied in dieser Kette ist die Europäische Zentralbank", sagt Finanzwissenschaftler Blankart, "sie kann das hierfür erforderliche Geld drucken und muss es nicht im Haushalt einsparen." Aber es würde zu einer enormen Geldentwertung kommen, müsste sie genug Geld drucken, um einen Staat herauszuboxen.

Es gilt allerdings als extrem unwahrscheinlich, dass Deutschland das sein könnte. Seine Bonität ist nach wie vor hoch. Aber seine Gesamtschulden sind es mit 1,5 Billionen Euro auch. 40 Prozent davon, 600 Milliarden, hat sich die Republik im Ausland geborgt. Die anderen 900 Milliarden kommen von heimischen Geldgebern. Das sind zu zwei Dritteln Banken, zu etwa einem Drittel Versicherungen und zu einem kleinen Prozentsatz Privatleute. Das bedeutet aber auch: Sollte das Bankensystem kollabieren, fielen die Banken als wichtigste Geldgeber für Kredite weg.
Enteignung ist kein Ausweg

Doch warum kann ein Staat überhaupt pleitegehen, solange es auf seinem Territorium noch etwas zu versilbern gibt? Diese Frage beschäftigt Ökonomen und Juristen seit mehr als 200 Jahren. David Ricardo befand, ein Staatsbankrott könne immer durch hohe Steuern auf alle Vermögen verhindert werden, etwa auf Immobilien. Ein echter Staatsbankrott sei daher unmöglich, erklärten viele Ökonomen, notfalls könne der Staat ja Firmen oder Privatleute enteignen.

"In der Praxis stößt das heutzutage in einer Demokratie immer an Grenzen", sagt Staatsrechtler Kämmerer. Für Steuererhöhungen muss eine Regierung noch voll handlungsfähig sein. Zudem wird sie vorsichtig sein, um nicht politische Unruhen zu schüren. Außerdem sind Enteignungen in den meisten Rechtssystemen nur gegen Entschädigung möglich. Oft verhökerte der Staat, was ihm gehörte: Kunstschätze, Staatsunternehmen. "Was aber in solchen Notverkäufen zu erzielen ist, steht in keinem Verhältnis zu den benötigten Summen", sagen Ökonomen. Selbst internationale Organisationen verlangen von Ländern nicht, dass sie ihre Staatsschulden bedienen, wenn es den Bürgern dann am Nötigsten fehlt. "Die Grenze ist, was die Menschenrechte gefährdet", sagt Staatsrechtler Kämmerer.

Selbst um klamme Staaten wird also lange gekämpft. Die Europäische Union tut es bereits: Die Staaten haben signalisiert, dass sie den Problemkandidaten notfalls helfen werden, obwohl das in keinem EU-Vertrag steht. Das lässt Ratingagenturen hoffen: "Insgesamt sehen wir genug politisches und wirtschaftliches Interesse sowie institutionelle Flexibilität, um das Extremszenario zu verhindern."

Text: F.A.S.

LG, Nele

Beitrag von nele27 27.04.10 - 12:43 Uhr

Und hier gibts eine Grafik zur Bonität:

http://www.faz.net/s/Rub58241E4DF1B149538ABC24D0E82A6266/Doc~EF3D42D4A6549493E8BA7906B1159AA07~ATpl~Ecommon~SMed.html

LG, Nele

Beitrag von .doctor-avalanche. 27.04.10 - 13:51 Uhr

"Deutschland hat doch z.B. eine Rekord-Verschuldung. Warum ist Deutschland dann offiziell NICHT pleite, Griechenland aber wohl? "

Die Höhe der Verschuldung sagt eigentlich zunächst gar nichts über das Thema Liquidität aus. Und die ist entscheidend ob ein Staat (oder auch ein Unternehmen oder ein Privathaushalt) zahlungsunfähig wird.

Grossbritannien hat im Übrigen den gleichen Schuldenstand wie Griechenland gemessen am BIP, etwa 113% (Deutschland rund 73%). Allerdings sind die Fristen der Verbindlichkeiten der Briten mit einer durchschnittlichen Kreditlaufzeit von 13 Jahren weitaus günstiger.

Das Problem der Griechen ist, dass sie eine gewissen Anzahl von Krediten JETZT bezahlen müssen und ihnen die Mittel fehlen. Folglich müssen sie neue Kredite aufnehmen um die alten abzulösen.

Beitrag von .roter.kussmund 28.04.10 - 09:57 Uhr

du kannst dier etwas belesen http://www.geldcrash.de/artikel/art-waehrungsreform.htm

Beitrag von .roter.kussmund 28.04.10 - 09:59 Uhr

#schein du kannst dich hier etwas belesen http://www.geldcrash.de/artikel/art-waehrungsreform.htm

Beitrag von daddy69 28.04.10 - 10:18 Uhr

Meine Güte. Schon wieder ein Katastrophenprediger mit VWL-Studium, der meint die Wahrheit für sich gepachtet zu haben.

Beitrag von edarling 01.05.10 - 16:35 Uhr

Hier mal eine kleine Satire darüber, wie Griechenland sich selbst retten kann, also ohne die Gelder der EU in Anspruch zu nehmen...

http://www.satire-clips.de/?p=1265

Viel Spaß beim Lesen ;-)
eDarling