Darf man beten, dass Gott bitte eine Entscheidung treffen soll???

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Forum: Trauer & Trost

Fehlgeburt, Tod eines geliebten Menschen, Angst, nicht enden wollende Trauer um ein Sternenkind: Leider stehen wir nicht immer auf der sonnigen Seite des Lebens, diese Erfahrung muss jeder von uns machen. Oft hilft es, mit anderen darüber zu sprechen...

Beitrag von sternchen7778 09.05.10 - 22:39 Uhr

Hallo,

nachdem mein Kopf nun schon seit einigen Tagen und Wochen vor sich hin rattert, muss ich meine Gedanken nun mal in Worte fassen.

Es geht um meine Oma. Sie ist 88. Sie war ihr Leben lang nur für die anderen da. Erst für meine Urgroßeltern (mit Haushalt, Landwirtschaft etc.), dann für meinen Opa (krank seit Kindheit, unendlich lange Krankengeschichte, vor fünf Jahren verstorben). Nie hat sie sich irgendwas gegönnt. Sie hat auch nie irgendwelche materiellen Wünsche für sich geäußert. Das Einzige war immer, dass sie bitte mal ganz schnell sterben möchte. In ihrem Elternhaus. Einfach morgens nicht mehr aufwachen. So wie es ihrer Mutter vergönnt war. Das war schon immer ihr Wunsch.

Och mensch, ich weiß gar nicht, wie ich alles schreiben soll. Meine Gedanken hören einfach nicht auf zu rattern.

Stand heute ist sie seit einem Jahr im Altersheim. Seit einer Woche liegt sie in der Klinik (Einlieferung wg. Dehydrierung nach Magen-Darm-Infekt, Gefahr des Nierenversagens, total wirrer Blutdruck). Sie ist nun schon seit Monaten zeitweise dement, hat nach ihren Eltern gefragt, nicht einordnen können wo sie ist etc.
Anfang letzter Woche hat sie dann nur phantasiert. Sie wäre morgens stundenlang mit ihrer Waschmaschine beschäftigt gewesen - obwohl sie ja im KH ist. Die Nachbarn hätten bis morgens im Hof lautstark gefeiert - obwohl sie ja im KH liegt. Einen Tag später war's wieder besser.
Seit gestern ist's nun aber ganz schlimm. Sie liegt nur in ihrem Bett, guckt starr vor sich hin, schläft schnell ein, reagiert fast gar nicht, wenn man sie anspricht, reagiert nicht, dass ihr Essen vor ihr steht, muss gefüttert werden, dann will sie plötzlich aufstehen, reißt sich den Blasenkatheter raus, zerrt die Binden von ihren gewickelten Beinen, heult die Schwestern an, dass sie ihr doch bitte helfen sollen. Das Einzige, worauf sie heute mit einem Lächeln reagiert hat, war ein Foto meiner beiden Jungs. Dass mein Großer direkt neben ihrem Bett stand, hat sie nicht realisiert.

Warum muss sie so leiden??? Warum kann ihr nicht dieser eine Wunsch erfüllt werden, dass sie einfach einschlafen darf??? Sie hat notariell festgelegt, dass sie keine lebenserhaltenden Massnahmen haben will. Soweit ist's ja aber noch gar nicht. Ihre ganz normalen Medikamente reichen bisher aus, um ihren Körper funktionieren zu lassen.

Sie ist meine einzige Oma. Ich habe tierische Angst vor diesem Moment, wo sie wirklich gehen darf. Die Oma, die sie früher für mich war, ist sie ja aber jetzt schon nicht mehr.
Ich habe aber auch Angst um meine Mama. Sie hat keine Geschwister, ich auch nicht. Wir beiden sind die einzigen leiblichen Verwandten, die meine Oma noch hat. Bedingt durch meine beiden kleinen Kinder kann ich gar nicht so viel für meine Oma und meine Mama da sein, wie ich gerne würde. Meine Mama rennt und rennt und rennt. Sie ist selbst körperlich ziemlich beeinträchtigt, kümmert sich aber aufopfernd um meine Oma. Was ist, wenn meine Mama an allem zugrunde geht???

Ich ertappe mich immer und immer wieder dabei, dass ich bete, zu Gott (oder wem auch immer es da oben für uns gibt) rede, dass er bitte die für alle richtige Entscheidung treffen soll, dass er bedenken soll, dass meine Oma über 88 Jahre auf dieser Welt sein durfte, meine Mama mit ihren 60 Jahren aber noch ettliche Jahre vor sich haben soll, dass meiner Oma doch nur dieser einzige Wunsch erfüllt werden soll. Aber darf ich das??? Darf ich still und heimlich hoffen, dass meine einzige, geliebte Oma bald stirbt?

So, jetzt hab' ich endlich mal alles in Worte gefasst. Besser geht's mir trotzdem nicht. Ich geh' jetzt wohl am besten ins Bett. Wenn ich einschlafe, kann ich wenigstens nicht mehr denken. Wieder eine Nacht, wo ich Angst habe, dass das Telefon klingelt und meine Mama dran ist...

Gute Nacht und danke für's "Zuhören",

Sandra:-(

Beitrag von pechawa 09.05.10 - 22:51 Uhr

#liebdrueck
ja, du darfst sowas beten! Das habe ich vor 1 Jahr auch gemacht, als mein Papa im Sterben lag, weil er unheilbaren Krebs hatte! Das ist ein Beweis von Liebe, wenn man einen geliebten Menschen von hier fortgehen lässt, weil ein Leben hier nur noch Qual bedeutet! Es ist eine schwere Zeit, für beide, aber der Tod selbst ist für die, die zurück bleiben viel schwerer zu ertragen, als für die, die gehen mussten/durften!

Liebe Grüße
Pechawa

Beitrag von stoltze-mami83 10.05.10 - 10:05 Uhr

hallo sternchen7778

erstmal brauchst du dir keine schuldgefühle einreden du siehst deine geliebte omi wie sie leidet und möchtest einfach das sie ohne leid gehen kann ich versteh das sehr gut.

mein genauso überalles geliebter opi hatte eine sehr schwere krankheit er hatte darmkrebs im end statium anfangs hoffte ich noch das er es schafft den krebs zu besiegen er kämpfte ganze 2 jahre viel länger als die ärzte hofften und glaubten in den ganzen 2 jahren pflegte ich ihn trotz das ich ein damals 1,5jährigen kind hatte ich nahm meinen kleinen immer mit zu meinen opi das gab ihn immer soviel kraft.
naja und dann am 10.4.08 war es dann leider soweit er ging zu den #stern en ich habe noch im Todeskampf zu ihn gesagt bitte bitte opi bleib aber ich merkte schnell das das doch eher egoistisch gedacht war und sagte dann ganz leise zu ihn "opi ich lass dich gehn" in dem mom schloss er seine wunderschönen blauen augen und ging zu den #stern en.
er fehlt mir heute noch sehr jeden tag.
aber ich habe wenn es ihn an manchen tagen wenn es ihn besonderst schlecht ging mich auch dabei erwischt wie ich irgendwie hoffte er wird erlöst aber als es dann soweit war das er ging war es zum einen sehr sehr schwer aber zum anderen auch ne art glück und freude für ihn das er jezze nicht mehr leiden muss. ich hoffe du verstehst das nicht falsch ich meine ich vermisse ihn heute immer noch sehr sehr doll. Aber ich sehe das jezze so es ist doch viel besser das er jezze an einen ort ist wo es ihn wieder gut geht als wenn er neben mir weiter "leben " würde mit all den schmerzen.

von daher nein es ist nicht schlimm das du manchma "betest" das er sie zu sich holt.

weist du was ich glaube du hast geschrieben das deine omi gerne zu hause einschlafen würde ich denke sie hofft das das auch in erfüllung geht und hällt deswegen aus.ich glaube sie möchte einfach bei ihren liebsten sein um ihre endgültige ruhe zu finden und nicht allein im altenheim.bitte nicht falsch verstehn.

klingt jezze blöd vill. aber wiso holt ihr sie nicht zu euch wenn sie dann einschläft dann im kreise ihrer liebsten.

ich wünsche ganz viel kraft für die schwere noch bevorstehende zeit.

Lg.Maddi

Und sorry das ich so ausschweifend geworden bin.

Beitrag von fallnangel 10.05.10 - 17:56 Uhr

Hallo Sandra,
ich muss weinen, wenn ich das lese. Ich merke wie sehr du sie liebst und wie sehr du mit ihr leidest. In den Momenten wuenscht man sich einfach nur Erloesung fuer den anderen, da einem das eigene Herz zerspringt. Ich verteh dich voll und ganz.
Ja, natuerlich darfst du Gott um eine Entscheidung bitten. Ich hab das gleiche bei meiner Mutter getan, als ich merkte, dass sie nur noch leidet. Eine Woche spaeter ist sie gestorben, ob nun durch meine Bitten oder einfach weil es ihre Zeit war. Zumindest hat es mich in dem Moment weniger hilflos gemacht. Hatte das Gefuehl ich hab was fuer sie getan.
Es ist nicht selbstsuechtig so etwas zu wuenschen, sondern es ist eine sehr tiefe Verbundenheit mit dem leidenden Menschen.
Ich wuensche dir dass es bald besser wird fuer dich und deine Oma.
lG

Beitrag von honolulumieze 10.05.10 - 19:30 Uhr

Wir standen letzte Woche vor der gleichen Situation. Mein Opa ist im April gestürzt. Oberschenkelbruch mit 84. OP, immenser Blutverlust, kam heim als Pflegefall. Nach 5 Tagen kam er wieder ins Krankenhaus. Überlebenschance gleich Null laut den Ärzten. Wir haben quasi schon die Beerdigung vorbereitet, Verwandte informiert. Nun sind fast 2 Wochen rum seit dem Ereignis bzw. seiner schweren Krankheit, die er bekommen hat. Er lebt. Ist aus dem Koma erwacht. Redet wieder. Wir wollten die Maschinen abstellen. Die Ärzte weigerten sich, weil er keine Verfügung hatte! Bei deiner Oma wird es ja dann ohnehin anders kommen. Besteht Hoffnung, dass es ihr wieder besser geht? Es kann ja sein, dass sie durch den Wasserverlust verwirrt ist. Daran muss sie aber nicht zwangsläufig sterben. Wir haben uns auch quasi gewünscht, dass mein Opa abberufen wird in seinem dramatischen Zustand. Und jetzt lebt er. Erkennt uns, redet mit uns und will wieder heim. Deine Oma ist sicher auch sehr zäh. Ihr Tag ist noch nicht gekommen. Man muss es wohl so hinnehmen. Alles Gute für dich!

Beitrag von anyca 10.05.10 - 19:53 Uhr

"Aber darf ich das??? Darf ich still und heimlich hoffen, dass meine einzige, geliebte Oma bald stirbt? "

Klar darfst Du das. Ich habe schon bei zwei Verwandten drum gebetet, daß sie schnell und friedlich sterben, als es eben so weit war - ist auch bei beiden eingetreten. Mein Großvater war 91, meine Tante war 85 und hatte den zweiten Schlaganfall gehabt.

Das muß man auch nicht "still und heimlich" machen, das klingt ja als müßte man sich schämen. Bei der Tante z.B. hat eine meiner Cousinen bei der Beerdigung ganz offen erzählt, daß sie ihrer Mutter gesagt hat, daß sie gehen darf ... das ist doch ein Zeichen von Liebe, nichts Böses!