Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen?

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Beitrag von similia.similibus 18.05.10 - 10:11 Uhr

Es wird ja immer häufiger diskutiert, die Hauptschule, weil perspektivlos für ihre Schüler, abzuschaffen. Aber ist eine Zusammenlegung von Haupt- und Realschule sinnvoll?

Da wird von der Chance für Schüler aus bildungsfernen Schichten gesprochen und davon, dass Hauptschüler keine Aussichten auf einen Lehrstellenplatz mehr haben. Es wird orakelt, dass bei einer Zusammenlegung von Haupt- und Realschule die besseren Schüler die schlechteren mitziehen.

Wie sieht das dann aber wirklich aus? Könnte es nicht auch sein, dass dann die Realschule das schlechte Image der Hauptschule einfach übernimmt und dann zur Gesamtschule zweiter Klasse wird?

Ich bin jedenfalls nicht dafür, die Haupt- und Realschulen zusammen zu legen. Ich fände es sinnvoll, die Schüler grundsätzlich bis zur 9.Klasse zusammen zu lassen - also DIE Gesamtschule für alle Schüler und somit wirklich für alle gleiche Chancen zu schaffen.

Wie seht ihr das?

Fragend
simsim

Beitrag von manavgat 18.05.10 - 10:30 Uhr

Ich glaube, wenn man sich mit Schulgeschichte (ab 1800), Schulentwicklung und Politik beschäftigt, dann wird ganz schnell klar, worum es geht.

Um den Honigtopf für die Kinder der herrschenden Klasse zu reservieren, wurde G8 an den Gymnasien eingeführt.

Die Zusammenlegung zur Restschule von Haupt- und Realschule ist somit nur konsequent.

Da für die Hochschulen kein Geld ausgegeben werden soll, gibt es zusätzlich Zulassungsbeschränkungen (Beispiel Hessen: Mathe, Englisch, Deutsch + 1 Naturwissenschaft mindestens Durchschnitt 2,75!) für Realschüler für die Oberstufen, die - wenn überhapt - nur auf berufliche! Gymnasien gehen können. Eine humanistische Bildung fällt somit flach.

Die Gefahr, dass die Schüler keine Arbeit bekommen beteht auf kurze Sicht nicht. Wir haben mehr Ausbildungsplätze als Bewerber. Das Problem ist, dass sie hinterher keine/keine ausreichend bezahlte Arbeit finden...

Ein Schelm, wer böses dabei denkt.

Als ich in die Schule ging (70er und 80er Jahre), da konnte jeder - unabhängig von der Bildung der Eltern - Abitur machen und studieren. Sofern man das wollte. Ich gehörte auch dazu. Niemand in meiner Familie hatte ein Abitur und meine Lehrer haben mich (gerade in der Oberstufe) ermuntert und gefördert.

Heute wird Bildung (wieder, d. h. wie vor den 68ern) "vererbt", wenn mal jemand Abi macht wo die Eltern keines hatten, dann wird (Optionslogik) ein nicht-lukratives Fach gewählt.

Das ist alles mit Studien und aktuellen Zahlen belegt. Man muss nur die Bildungsberichte lesen. Guter Einstieg ins Thema ist auch Bourdieu, z. B. sein Buch "die Erben".

Der Betroffene glaubt auch noch, selbst schuld zu sein, wenn er es nicht schafft.

Ich könnte hier noch endlos weiterschreiben, wobei ich sagen muss, dass mich die Naivität der Eltern doch sehr erstaunt. Sie suchen die Ursachen für das Scheitern ihrer Kinder bei sich oder bei einem einzelnen Lehrer/einer einzelnen Schule, ohne die polititsche Brisanz zu sehen und konsequent die Herrschenden bei der nächsten Wahl abzuwählen.

Gruß

Manavgat

Beitrag von lisasimpson 18.05.10 - 11:13 Uhr

Hallo Manavgad,

Darf ich dich fragen, worauf du deine Angabe stützt, daß "als ich in die Schule ging (70er und 80er Jahre), da konnte jeder - unabhängig von der Bildung der Eltern - Abitur machen und studieren."?

lisasimpson

p.s. danke für den bourdieu-tip, kommt gleich auf meine "wieder mal lesen-liste"

Beitrag von manavgat 18.05.10 - 11:36 Uhr

Von der gelebten Erfahrung abgesehen, die nichts aussagt, geben Bildungsstudien Auskunft. Eine meiner damaligen Freundinnen: Eltern türkisch, kein Deutsch!, Mutter Hausfrau, Vater Schneider, ist heute Anwältin mit eigener Kanzlei. Ihr Mann, auch Türke, selbe Generation ist Lehrer. Beide sagen: wären wir heute mit der gleichen Herkunft/dem gleichen Umfeld in der Schule, wir würden nichts werden!

Sie sagen auch: unserer Kinder werden in der Schule diskriminiert, das kennen wir aus unserer Schulzeit nicht.

Such sie Dir die Studien bitte selbst, sie sind bei mir im Keller in einem Karton...

Untersucht wurde z. b. Schulabschluss und Bildungsabschluss von Vater/Mutter.

In meiner Generation (Baby-Boomer 1964) waren die meisten Mütter Hausfrauen, d. h. ohne eigenes Einkommen. Von meinem Jahrgang haben viele Abitur (genaue Prozentzahlen bitte selbst googlen), obwohl die Väter Handwerker oder Arbeiter waren. Auffällig ist auch, dass es damals mehr Migrantenkinder geschafft haben (in Prozent) ein Abitur oder gar ein Hochschulstudium zu erlangen.

Seit einiger Zeit ist der Trend wieder umgekehrt. Es gibt Organisationen/Initativen die sich dagegen einsetzen. Z. b.: www.arbeiterkind.de

Auffällig ist auch, dass Stipendien nach Noten vergeben werden. Daher erhalten Kinder aus Bildungsfamilien, d. h. meist ohnehin mit Geld, eher Stipendien, als die, die neben der Schule dem Studium (ganz oder zum Teil) ihren Lebensunterhalt verdienen müssen...

Ich kenne mich aus, das sind keine gefühlten Wahrheiten. Auch wenn es punktuell irgendwo mal anderes läuft, so sagt das nichts über den Trend (der negativ ist) aus.

Gruß

Manavgat

Beitrag von zeitblom 18.05.10 - 14:15 Uhr

Die Aussage, dass früher (in den 70er-80er) mehr Migrantenkinder das Abitur oder Studium geschafft hätten als heute, mag vielleicht sogar richtig sein, aber ob dies auf das Konto des Schulsystem geht?
(Ansonsten fällt dies alles für mich unter: früher war alles besser)

Wie sollten Stipendien sonst vergeben werden?

Wie kommst Du darauf, dass Kinder aus Bildungsfamilien meist ohnehin mit Geld ausgestattet sind? Es ist allenfalls das Geld ihrer Eltern.

Beitrag von sassi31 19.05.10 - 02:28 Uhr

"Wie sollten Stipendien sonst vergeben werden? "

An die Schüler, deren Eltern nicht die finanziellen Möglichkeiten haben, ihre Kinder zu unterstützen. Und nicht an die Schüler, deren Eltern finanziell in der Lage sind, für die Bildung ihrer Kinder selber aufzukommen.

Beitrag von ayshe 19.05.10 - 08:05 Uhr

stimmt, das war jedenfalls beim BaföG damals eben immer so.
ja, ich hatte auch den vollen satz bekommen und ich brauchte ihn auch.

Beitrag von zeitblom 19.05.10 - 10:31 Uhr

Bafög war und ist kein Stipendium.

Beitrag von ayshe 19.05.10 - 10:51 Uhr

ich weiß.

Beitrag von zeitblom 19.05.10 - 10:30 Uhr

Du meinst also: Herkunft geht vor Verdienst?

Beitrag von sassi31 19.05.10 - 14:28 Uhr

Das kommt darauf an, wie du deine Aussage interpretieren möchtest.

Beitrag von zeitblom 19.05.10 - 14:48 Uhr

Welche Aussage? Ich stellte eine Frage: findest Du, dass Herkunft wichtiger als Verdienst ist?

Beitrag von sassi31 20.05.10 - 02:15 Uhr

Ich finde, dass man das Eine vom Anderen nicht trennen kann.

Beitrag von ayshe 19.05.10 - 08:04 Uhr

ich habe bisher keine zahlen zusammengesucht, aber wenn manavgat diesen trend so angibt, wird es auch stimmen.

was nun die genaue ursache dieser traurigen entwicklung ist,
wird man vllt nicht so schnell nachweisen können.

aber ich kann auch nur sagen, daß man zu dieser zeit zumindest in den schulen, die ich kenne, sehr viele ausländische abiturienten hatte
und auch viele aus arbeiterfamilien, bei denen, genau wie sie sagt, die mutter reine hausfrau war.
genau zu denen gehören zb mein bruder und ich auch.
unser vater war handwerker, mutter hausfrau.
und wir haben abi und studiert.

man konnte sich jedenfalls das studium bzw. eben auch den nötigen umzug, wohnung, lebenskosten mit BaföG und eigenarbeit finanzieren.


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Wie kommst Du darauf, dass Kinder aus Bildungsfamilien meist ohnehin mit Geld ausgestattet sind? Es ist allenfalls das Geld ihrer Eltern.
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glaubst du im ernst, daß die eltern ihre kinder nicht finanzieren???
bei uns gab es auch diverse arztkinder u.ä.
ja, manche bekamen wenier taschengeld als ich, weil die eltern ihren kindern zeigen wollten, daß man auch als schüler jobben kann, ihnen nicht alles in den hintern pusten wollten.
aber was das studium betraf, haben sie sie natürlich komplett finanziert.
und wie viele medizinstudenten habe ich kennengelernt, deren eltern ihnen ein neues cabrio hinstellten, den schönen urlaub bezahlten, die wohnung.
ach hör auf.

Beitrag von zeitblom 19.05.10 - 11:28 Uhr

"man konnte sich jedenfalls das studium bzw. eben auch den nötigen umzug, wohnung, lebenskosten mit BaföG und eigenarbeit finanzieren. "

Das ist auch heute möglich oder nicht? Vorausgesetzt, das Einkommen ist niedrig genug.

"glaubst du im ernst, daß die eltern ihre kinder nicht finanzieren??? "
Keine Ahnung, aber ich finde diese Abfälligkeit, wie über die Selbstverständlichkeit solcher Finanzierung (oder mit Deinen Worten: alles in den hintern pusten ), geschrieben wird ehm...ja: schäbig.

Hier wird offensichtlich aus Sicht der kleinbürgerlichen Mittelschicht gejammert, der es nämlich zu gut geht, um bestimmte Sozialleistungen zu erhalten....

Beitrag von nele27 19.05.10 - 11:42 Uhr

***Das ist auch heute möglich oder nicht? Vorausgesetzt, das Einkommen ist niedrig genug***

Nicht unbedingt. Die Studenpläne der Bachelor- und Masterstudiengänge lassen viel weniger Luft zum Arbeiten... das ganze System ist sehr verschult. Das Niveau ist mM nach dadurch nicht unbedingt gestiegen, wohl aber die Dichte des Studiums.

Zu meiner Zeit konnte man sich in vielen Studiengängen die Seminare so legen, dass man z.B. einen Tag in der Woche frei hatte zum Arbeiten.
Oft gab es auch keine Anwesenheitspflicht (oder neu: Credit Points) sodass man überlegen konnte, welche Stunde evtl. nicht so wichtig ist oder was man sich zu Hause abends schneller selbst beibringen kann.
So verschafft man sich Luft zum Arbeiten, denn nur mit BaföG allein konnte man noch nicht mal in Zeiten ohne Studiengebühren überleben.

Nachteil war natürlich, dass man sehr selbstständig denken und arbeiten musste, denn wer nichts tat und sich nur über "keine Anwesenheitspflicht" freute, fiel schnell hinten runter.

LG, Nele

Beitrag von zeitblom 19.05.10 - 12:38 Uhr

Zugegen: die Bachelor-Studiengänge sind wirklich nicht das, was ich mir als Studium gewünscht hätte. Aber ist denn die vorlesungsfreie Zeit kürzer geworden?

Wer sich nur aus finanziellen Gründen gegen ein Studium entscheidet, der ist vielleicht wirklich nicht für eine entsprechende spätere Arbeitsstelle die richtige Person.

Beitrag von nele27 19.05.10 - 16:49 Uhr

Es geht ja nicht drum, ob man in Studentenzeiten mit etwas weniger auskommen möchte oder nicht.

Ich hätte definitiv ohne BaföG UND ohne die Möglichkeit zu arbeiten nicht studieren können... es gab von meinem Vater 150 Euro, das wars (sein Pflichtanteil laut Amt).

Kürzer sind die Semesterferien nicht geworden, aber damals konnte man viele Hausarbeiten im Semester schon nebenbei schreiben, weil die Zeit eben nicht so knapp war. In den Ferien hatte man dann Zeit, wirklich mal zwei Monate am Stück zu arbeiten. Ich persönlich brauchte diese Zeit bzw. das Geld auch, um die nächsten Semester wieder weiter finanzieren zu können.

Wenn man selbst aus gut situiertem Hause kommt, stellt man sich das immer so easy vor. Halt mal kürzer treten und so... aber auch das Studentenleben kostet zumindest ein bisschen Geld.

Beitrag von ayshe 19.05.10 - 12:38 Uhr

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Nicht unbedingt. Die Studenpläne der Bachelor- und Masterstudiengänge lassen viel weniger Luft zum Arbeiten... das ganze System ist sehr verschult. Das Niveau ist mM nach dadurch nicht unbedingt gestiegen, wohl aber die Dichte des Studiums.
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ja, das wurde mir von studenten auch schon so erzählt.

allerdings konnte ich mir auch nie einen ganzen tag pro woche freischaufeln.
ich hatte nur das glück, daß ich in meinem gelernten beruf für einen wirklich guten stundenlohn auch samstags arbeiten konnte oder auch einfach spät abends allein die ganze werkstatt erledigen.
also ich war zeitlich recht unabhängig.

Beitrag von nele27 19.05.10 - 16:53 Uhr

Ich habe mittwochs freigeschaufelt und hatte dann Mittwoch und einige Samstage zum Arbeiten. Inklusive Hausarbeiten schreiben und Co. war dann die Woche recht voll.

Dafür habe ich die Semesterferien recht frei gehalten, da konnte ich dann mal ein paar Tausender ranschaffen fürs nächste Semester #huepf

Man muss ja auch dran denken, dass ohne Unterstützung der Eltern auch ein Notgroschen da sein muss, falls in der Wohnung mal was kaputt geht (Herd, Kühlschrank etc.) Da kommt dann ja auch nicht Papi mit nem Hunni in der Hand.... aber Du warst ja in derselben Lage.

LG

Beitrag von ayshe 19.05.10 - 21:55 Uhr

ja, so in etwa habe ich das auch auch gemacht, eben nur die arbeitzeitlich anders verteilt.
aber ich muß auch sagen, daßich echt unheimlich viel verdient habe.
ich konnte bei meinem alten chef im laden arbeiten.

allerdings waren eben die ferien gar nicht soooo lang und ich hatte immer gleich in der woche vor semesterbeginn die erste klausurwoche.

Beitrag von ayshe 19.05.10 - 12:35 Uhr

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"man konnte sich jedenfalls das studium bzw. eben auch den nötigen umzug, wohnung, lebenskosten mit BaföG und eigenarbeit finanzieren. "

Das ist auch heute möglich oder nicht? Vorausgesetzt, das Einkommen ist niedrig genug.
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scheinbar ja nicht, was ich bisher auch noch nicht verstanden habe, es die zahlen aber angeblich so aussagen.



zum rest:
ist mir egal, wie du es findest, wenn sich eben kinder einfach nur bequem aushalten lassen.
gut, manche lehnen sich bequem zurück und freuen sich nur über die kohle von papi,
andere müssen sich ihren lebensunterhalt eben selbst verdienen.

ich bin nur dafür, daß es möglich sein sollte, daß jeder irgendwie ein sutdium finanzieren kann und nicht nur diejenigen die möglichkeit haben, deren papi alles zahlen kann.
mehr nicht.

Beitrag von lisasimpson 18.05.10 - 14:19 Uhr

ups- hab mir selbst geantwortet- hier nochmal
http://www.urbia.de/forum/index.html?area=thread&tid=2637119&pid=16722030&bid=64

lisasimpson

Beitrag von .doctor-avalanche. 18.05.10 - 14:42 Uhr

Leider waren es gerade SPD-geführte Länder, wie seinerzeit Hessen und NRW, die mit dem Motto "Bildung für alle", das System finanzunanbhängig halten wollten, die aber gleichzeitig durch einen ständige Verwässerung der Leistungskriterien immer mehr Abiturienten heranzüchteten, die 30 Jahre zuvor diese Abitur nicht bekommen hätten. Man muss die messlatte nur niedrig genug legen, irgendwann schafft jeder den Sprung.

Ich bin wie Du, Jahrgang 64 und haben mein Abi in den 80ern gemacht. Bis auf ein einziges Fach war das abgefragte Wissen ein schlechter Scherz.

Dies nur als Ergänzung, Deinem restlichen Beitrag kann ich nur zustimmen.

Ich bin sehr gespannt, wie zügig hier in NRW das Schulsystem reformiert werden kann und man sich nun endlich vom leidigen Thema des dreigliedrigen Schulsystems verabschiedet.

Beitrag von valentina.wien 19.05.10 - 20:25 Uhr

"Auffällig ist auch, dass es damals mehr Migrantenkinder geschafft haben (in Prozent) ein Abitur oder gar ein Hochschulstudium zu erlangen. "

Die Studien die ich kenne sagen was anderes.
Zum Beispiel belegt von Hartmann (Der Mythos von den Leistungseliten).