Der Tod meines Bruders

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Forum: Trauer & Trost

Fehlgeburt, Tod eines geliebten Menschen, Angst, nicht enden wollende Trauer um ein Sternenkind: Leider stehen wir nicht immer auf der sonnigen Seite des Lebens, diese Erfahrung muss jeder von uns machen. Oft hilft es, mit anderen darüber zu sprechen...

Beitrag von hannelore1 26.05.10 - 13:06 Uhr

Hallo Ihr,
ich habe hier lange nicht reingeschaut. Doch nun habe ich so große Sorgen, dass ich nicht weiss, wie es weitergehen soll...

Am 01.02.2010 hat sich mein zwei Jahre älterer Bruder (40) das Leben genommen. Er hat sich erhängt. Dazu muss ich ein wenig weiter ausholen. Mein Bruder war Landwirt, er hatte den Hof vor knapp drei Jahren erst von unserem Vater übernommen. Er war sein Leben lang gern Landwirt und hat dies auch immer gesagt, dass er wahnsinnige Lust zu diesem Beruf hätte. Ok, vielleicht wissen auch die größten Laien unter Euch, dass man in der Landwirtschaft finanziell nicht so große Sprünge machen kann. Entweder man zieht sie total groß auf oder man ist einer von den Kleinen. Mein Bruder war so das Mittelding. Er war zufrieden, so schien es. Ich habe immer seine Buchhaltung gemacht und auch sonst haben wir uns gut verstanden.

Als es passierte, war ich gerade im Urlaub in Asien, ich war also weit weg von ihm. Meine Mutter hat ihn morgens gefunden. Mein Vater und mein Onkel haben ihn dann losgebunden. Von all diesen Sachen habe ich natürlich nicht ganz viel mitbekommen, weil ich - wie gesagt - so weit weg war. Da er sich im Stall erhängt hat, gingen wir alle zusammen sofort davon aus, dass er in seinem Beruf vielleicht keine Perspektive mehr gesehen hat. Bevor ich nämlich in den Urlaub geflogen bin, habe ich noch seine Buchhaltung gemacht und er hat danach mit seinem Steuerberater gesprochen, der ihm geraten hatte, vielleicht auch einfach etwas anderes zu machen, den Hof oder Teile davon einfach zu verkaufen oder zu verpachten, davon könnte er gut leben. Ob er sich damit beschäftigt hat?

Dann kam jetzt im April, also einiges an Zeit später, die Mutter einer seiner besten Freunde zu meiner Mutter und sie kamen eben auf die beiden Söhne (ihren und eben meinen Bruder) zu sprechen. Da meinte diese Frau zu meiner Mutter, dass sie es doch gewusst hätte, dass ihr Sohn (also mein Bruder) etwas mit der Freundin des Freundes hatte. Meine Mutter wäre fast vom Stuhl gefallen, sie hat nichts gewusst. Nun hatte ich allerdings letztes Jahr im Herbst schon mal eine Vorahnung gehabt, ich hatte - nur aus reiner Neugier - mal in sen Handy geschaut und da war eine etwas verdächtige SMS von dieser Freundin. Etwas stutzig machte mich das ganze schon, aber ich bin nicht der Typ, der seinem Bruder (er ist mein einziger Bruder gewesen) in den Rücken fällt und ihn bei den Eltern verpetzt. Jedenfalls kam das jetzt aber wieder zur Sprache und ich habe meiner Mutter erzählt, was ich eben im letzten Jahr gelesen hatte. Meine Mutter konnte sich gar nicht mehr einkriegen, sie hält sich für zu oberflächlich, ist der Ansicht, dass sie was hätte merken müssen. Nur, es ist nichts vorausgegangen an dem Verhalten meines Bruders, das hätte darauf schließen lassen, dass er sich das Leben nimmt.

Auf dem Handy meines Bruders war im Januar (sechs Tage vor seinem Tod) noch eine SMS von ihr, wo sie schreibt "Gute Nacht, Du Süßer". Das hatte meine Mutter zuerst auch nur für Spaß gehalten, sieht es jetzt allerdings auch anders.

Der beste Freund und seine Freundin waren auch bei meiner Mutter, ich war in dem Moment auch gerade da und fast nur sie hat gesprochen, dass es sich um Gerüchte handeln würde, sie hätte meinem Bruder auch gesagt, dass sie einen Freund hätte. Aber gieße ich dann noch Öl ins Feuer, indem ich solche SMS schreibe??? Mache ich damit nicht einem sehr sensiblen Menschen (das war mein Bruder) Hoffnung??? Ich habe ihr geschrieben, dass ich die SMS aus dem letzten Jahr kenne und dass wir eben auch die SMS vom Januar gelesen hätten und dass ich sie für unehrlich halte. Ihr Freund war ja dabei. Er weiß aber angeblich von dem "Techtelmechtel" im Sommer letzten Jahres (beide sollen wohl angeblich betrunken gewesen sein). Jedenfalls kann man natürlich im Beisein des Freundes nichts "beichten", wenn´s angeblich nur Gerüchte sind.

Mein Vater hat sich auch so verändert, er kriegt die einfachsten Sachen nicht hin, einfacher Papierkrieg ruft bei ihm schon Panik hervor. Meine Mutter fängt sich manchmal immer wieder, aber dennoch kommt auch sie immer wieder dahin, zu der Frage, warum er dies getan hat. Die Ungewissheit mischt sich immer wieder mit Trauer. Wut ist nicht da. Das war sie auch noch nie. Wir können auch keine Wut für ihn empfinden, dafür hatten wir ihn viel zu lieb und er fehlt uns so unendlich. Wut wäre nur auf diese Freundin, die vielleicht mehr weiß, als sie zugibt und uns im Ungewissen läßt. Allerdings ist dieses "Techtelmechtel" im Sommer letzten Jahres (war wohl eine Zeltfete) wohl einigen nicht verborgen geblieben. Sie ist jedenfalls gefragt worden, ob sie Schuld hat an seinem Tod.

Ich weiß, das Suchen nach Antworten, das Zermartern, warum er zu so einem grausamen Schritt fähig war, nicht zu wissen, wie lange er sich mit dem Gedanken herumgequält hat, macht ihn nicht wieder lebendig. Aber man kommt damit so schlecht zurecht. Kann mir nicht jemand helfen, geht es einigen von Euch ähnlich? Ich weiß, ein "Patentrezept" für so einen grausamen Todesfall gibt es sicherlich nicht. Wenn nur die Zeit alle Wunden heilen würde, aber ich glaube nicht daran, weil mich und auch meine Eltern die Trauer immer wieder so heftig überkommt.

Vielleicht weiß einer Rat????
LG
Hannelore

Beitrag von maxundjan 26.05.10 - 13:29 Uhr

Liebe Hannelore,

es tut mir sehr leid das du deinen Bruder verloren hast. Mein Rat an dich: such dir Hilfe bei einem Trauerbegleiter, einem Psychologen der sich auch mit Trauer auskennt (das ist wichtig!). Auch deine Eltern brauchen Hilfe. Hilfe, die du ihnen aber nicht geben kannst. Ihr seid alle drei für euch ganz persönlich betroffen. Es gibt auch Trauergruppen für verwaiste Geschwister (und da ist das Alter der Geschwister ganz egal). Deine Eltern können zu den verwaisten Eltern gehen.
Sicher gibt es Menschen die so einen schweren Verlust auch allein bearbeiten können, aber längst nicht alle und es ist ´keine Schande sich Hilfe zu holen!

Ich wünsch dir und deiner Familie alles Gute!
Bei Fragen kannst du dich gerne melden!

Grüße,
Sandra

Beitrag von mellika 26.05.10 - 14:25 Uhr

Hallo Hannelore,

das sich dein Bruder entschieden hat selbst aus dem Leben zu treten, tut mir sehr leid.
Ich habe leider kein großes Patentrezept, aber als mein Bruder vor 6,5 Jahren tödlich verunglückt ist und zwischen Todeszeitpunkt und Findetag 6 Wochen dazwischen lagen, bin ich völlig verzweifelt an Svenis Tod.

Ich habe mich damals den Verwaisten Geschwistern angeschlossen und auch noch eine Psychologin über 6 Monate besucht. Das hat mir geholfen, Svenis unnützen Tod zu begreifen und zu verarbeiten.
Heute bin ich soweit, dass ich über schöne zusammen erlebte Lachen und mich freuen kann, dass wir das zusammen erleben durften.

Ganz liebe Grüße

Melanie

#kerze für deinen Bruder

#kerze für meinen Sveni

Beitrag von parzifal 27.05.10 - 00:09 Uhr

"Sie ist jedenfalls gefragt worden, ob sie Schuld hat an seinem Tod. "

Dies ist mit Sicherheit die falsche herangehensweise und auch unangebracht. Weshalb soll jemand anders Schuld haben?

Beitrag von maxundjan 27.05.10 - 06:59 Uhr

Diese Fragen gehören nun aber mal zur Trauer dazu und werden gestellt, weil die Antwort manchmal helfen kann.
Ob und wer Schuld hat, ist doch die Frage, die sich eigentlich jeder stellt. Egal ob begründet oder nicht. Daher also nicht wirklich unangebracht.

Grüße,
Sandra

Beitrag von parzifal 27.05.10 - 08:49 Uhr

Man kann sich die Frage stellen weshalb es soweit gekommen ist. Das ist normal.

Man kann andere Fragen, ob sie eine Erklärung dafür haben wie es dazu gekommen ist.

Falsche Anschuldigungen zu erheben bzw. zu unterstellen geht aber deutlich zu weit und ist mit Trauer allein nicht zu entschuldigen.

Trauer rechtfertigt nicht jedes Fehlverhalten.

Beitrag von hannelore1 27.05.10 - 08:23 Uhr

Versteh mich nicht falsch, nicht WIR haben sie gefragt, ob sie schuld ist am Tod meines Bruders, sondern irgendwelche andere Personen, so habe ich es nur gehört. Ich gebe niemandem die Schuld. Es war SEIN freier Wille, sich das Leben zu nehmen.

Beitrag von parzifal 27.05.10 - 08:52 Uhr

Für Fehlverhalten anderer kann man natürlich nichts.Es las sich zunächst für mich so, als wenn die Frage aus Eurer Familie kam.

Beitrag von hannelore1 27.05.10 - 10:55 Uhr

Solche Fragen, wer schuld ist, stellen wir uns nicht. Niemand hat Schuld.

Ich denke nur bei ihr, sie weiß mehr, als sie uns (im Beisein ihres Freundes, den sie vielleicht nicht verletzen wollte) sagen konnte. Ich habe ihr auch nach diesem Gespräch zwischen den beiden, meiner Mutter und mir einen Brief an ihre Privatanschrift geschrieben, sie wohnt nicht mit ihrem Freund zusammen und auch kilometermäßig weiter weg, so dass ich ihr meine Vermutung natürlich geschrieben habe. Dass ich aber niemandem die Schuld gebe. Ich habe auch geschrieben, was da zwischen den beiden gelaufen ist (oder nicht), ist deren Sache, nur wir sind auf der Suche nach den Gründen für das Handeln meines Bruders. Sie könnte mir ja auch (ohne, dass es jemand mitbekommt, meine Mutter weiss auch nichts von meinem Brief) zurückschreiben oder mich anrufen, ich bin mir jetzt natürlich nicht sicher, ob sie sich nicht traut oder einfach so zur Tagesordnung übergeht. Ich meine nur, ich hätte, wenn ich einen festen Freund habe, nicht einem weiteren irgendwelche hoffnungsvollen SMS geschrieben und ihn auch nichts unbedingt nachts angerufen. Klingt jetzt sicherlich nach so einer Art Schuldzuweisung. Nur wir stehen vor einem Rätsel, mein Bruder hat nichts hinterlassen, keinen Brief, keinen Zettel, um uns seinen Entschluss zu erklären und sie weiss vielleicht mehr, man kann doch darüber reden, und wenn es ihr vielleicht peinlich ist, im Beisein ihres Freundes darüber zu reden, dann kann sie es ja auch machen, wenn er nicht dabei ist. Die sehen sich nur am Wochenende, es wäre also keine Schande, sein Herz auszuschütten. Ich beiße nicht und meine Eltern schon gar nicht. Wir werden nur unser Leben lang nach Gründen suchen und so etwas zermürbt einen...

Beitrag von parzifal 27.05.10 - 11:17 Uhr

Wenn man aber ehrlich ist, kann der vermutete Vorfall keine Schuld an einem Selbstmord begründen. Ansonsten wäre Selbstmord die Todesursache Nummer 1.

Letztlich hilft es auch nicht weiter zu erfahren, dass dies tatsächlich der Grund gewesen war, weil man gleichzeitig zur Kenntnis nehmen muss, dass dies kein nachvollziehbarer Grund für einen Selbstmord war.

Einzig die Frage, ob er zu verhindern gewesen wäre ist m.E. relevant.

Wenn er Selbstmordgedanken geäußert hat und diese ignoriert wurden oder ähnliches kann ein Anlass für Vorwürfe bestehen (auch wenn sich nichts mehr ändern lässt).

Ohne solche Anzeichen kann man aber niemanden einen Vorwurf machen dies nicht kommen gesehen zu haben (wie denn auch ohne Hinweise).

Beitrag von hannelore1 27.05.10 - 11:33 Uhr

Das ist es ja auch, was einen so fertig macht. Es gab überhaupt keine Anzeichen. Im Gegenteil, er war immer und überall mit dabei, hatte so viele Freunde, die auch nichts gemerkt haben, er hat nichts erzählt, auch den beiden Freunden nicht. Wenn er sich ihnen geöffnet hätte, dann hätte sie das wenigstens erzählt, aber sie hatte noch gemeint, sie haben nichts mitbekommen. Es muss sich wohl um eine Kurzschlussreaktion gehandelt haben. Der Bestatter hatte gesagt, er hätte mal - allgemein - mit der Polizei gesprochen und die haben gesagt, Menschen, die so etwas tun, gehen zur Tür raus und wissen fünf Minuten vorher noch gar nicht, dass sie es tun, da kommt dann irgendwas zusammen und es geschieht ein "Blackout".

Also schlechte Gedanken hat er nie geäußert, überhaupt nicht. Im Gegenteil, er hat viel davon gesprochen, was er, wenn der Winter vorbei wäre, noch alles so machen wollte.

Beitrag von parzifal 27.05.10 - 16:22 Uhr

Dann gibt es zumindest keinen Grund sich persönlich einen Vorwurf zu machen.