Zwangstherapie- bei wem hat es was geholfen?

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Forum: Leben mit Handicaps

Stolpersteine im Leben sind manchmal überwindbar, manchmal muss man sich mit ihnen arrangieren. Hier ist der Ort, um darüber zu sprechen: Entwicklungsverzögerung beim Kind, ADHS, das Down-Syndrom, Spina Bifida, Leben im Rollstuhl ...

Beitrag von carrymil95 28.05.10 - 23:35 Uhr

Hallo,

ich wende mich heute an alle die eventuell auch eine Zwangsstörung haben oder hatten und mir vielleicht ein wenig Mut machen können!

Hier kurz meine Geschichte!

Im speziellen geht es hier um meinen Mann ( 34) ich bin 30 Jahre alt und wir haben eine Tochter die jetzt 9 Monate alt wird!

Seit ca. 6 Monaten machten sich bei ihm starke Anzeichen einer Zwangsneurose bemerkbar - wie, ständiges Händewaschen, andauerdes auf den Boden schauen ( kontrollieren ob er irgendwas verloren hat oder auf etwas getreten ist) die Hand vor die Augen halten sobald etwas rotes in Sicht ist und was das allerschlimmste ist, er kann unser Kind nicht mehr anfassen und alles was mit ihr zu tun hat sprich Kleidung, Spielsachen usw.

Bis ich ihn mal soweit hatte zu einem Neurologen zu gehen vergingen schon ewige Wochen, dann war es endlich soweit und er empfahl ihm sofort eine Tagestherapie in der Tagklinik am Münchner Westend! Hier befindet er sich nun schon seit 3 Wochen und ich habe fortwährend das Gefühl das eigentlich alles nur noch schlimmer wird! Die Zwangshandlungen werden immer intensiver und ausgeprägter und obwohl ich weiß das er ja nichts dafür kann, nervt er mich tag täglich mehr und mehr! Vor allem die Belastung mit der Kleinen, ich habe Gott sei Dank all meine Verwandschaft hier und zum Glück hat mich Gott mit einem Kind gesegnet was wirklich brav ist, aber trotz allem belastet mich die Situation ungemein zumal er seine Ängste auch auf mich überträgt! Wie z.b die ständigen Fragen : " Hast Du Dir die Hände gewaschen" oder " pass auf" mittlerweile ist es auch schon so daß an Sex gar nicht mehr zu denken ist, wahrscheinlich hat sich auch hier ein Zwang entwickelt ich weiß es nicht!

Meine spezielle Frage nun, hat jemand das gleiche Problem und gibt es vielleicht auch jemand der so eine Therapie schon mal durchgemacht hat und bei dem sie auch was geholfen hat!???

Ich bin echt am verzweifeln und bin eigentlich nur noch der Kleinen zuliebe bei ihm und weil er mir so unendlich Leid tut. Aber wielang soll man das aushalten?? Ich bin wie gesagt erst 30 und hab noch ( hoff ich doch mal) noch so einiges vor mir und möchte doch auch nur leben!

Man muss vielleicht noch dazu fügen daß wir nun schon 15 Jahre ein Paar sind und er ansich niemals Kinder wollte weil er selbst so eine schwere Kindheit hatte und immer Angst hatte genauso zu werden wie sein Vater! Die Kleine war so zu sagen ein " Unfall" auch wenn man sichtlich merkt daß er sie abgöttisch liebt und wie er selbst auch unter der Situation leidet sie nicht anfassen zu können!

Vielleicht kann mir jemand einen Rat geben oder mir Mut machen?? Das wär echt toll!"

Lieben Dank schon mal

Beitrag von kati543 29.05.10 - 09:55 Uhr

Ich bin kein Psychologe. Allerdings klingt das, was du beschreibst so, wie die Krankheit, die meine Schwiegeroma hatte (sie ist vor 1 Jahr gestorben).
Kurz vor ihrem Tod hat sie ihr Bett noch nicht einmal mehr verlassen, um auf Toilette zu gehen. Ihrer Meinung nach, war alles außerhalb ihrer Bettdecke extrem schmutzig. Allerdings gab es auch Zeiten bei ihr, wo es ihr "gut" ging. Ich hatte immer das Gefühl, sobald man sie zu "normalen" Sachen gezwungen hat, wurde die Störung weniger und sie fühlte sich auch wohler (wobei sie sich natürlich immer dagegen gewehrt hat und alle beleidigt hat). Sobald man ihr in irgendeiner Sache ihren Willen gelassen hat, wurde es schlimmer und es kamen immer mehr solcher Dinge hinzu. Es war ein ständiger Kampf. Medikamente hatte sie auch bekommen deswegen.
Erlaube es deinen Mann nicht, deine Tochter nicht zu berühren. Zwinge ihn dazu. Langsam. Bringe vielleicht erst einmal etwas für deine Tochter mit, was du gerade neu gekauft hast und sie noch nie an hatte. Lasse sie auch immer näher an ihn heran. Geholfen haben bei meiner Schwiegeroma auch immer ganz feste identische Tagesabläufe. Feste Essenszeiten mit ALLEN Personen am Tisch. Ständig wechselndes Geschirr (sie hatte ihr eigenen Teller + Tasse markiert und wollte immer nur von diesen essen)

Beitrag von fallnangel 29.05.10 - 18:18 Uhr

Ich find es gefaehrlich bei einer solch offensichtlich ausgepraegten psychischen Erkrankung herumzudoktoren und zu testen. Fuer Eigentherapie ist es ein bischen zu extrem.
Ich wuerd dir raten selbst mal einen Termin bei einem Psychologen oder Konsultanten einzuholen und ihn ueber Schritte befragen. Nur er weiss was das beste waere. Hoechstwahrscheinlich wird dein Mann nicht um eine medikamentelle Therapie herumkommen, aber oft bessern sich Zustaende so sehr schnell. Mit begleitender Therapie hoffe ich dass er die Sache irgendwann ueberkommt.
Ich wuerde dir nicht zumuten wollen weiterhin mit sowas umgehen zu muessen vorallem deiner Tochter zuliebe. Dennoch ist es oft sehr schwer einen Erkrankten, vorallem in Sachen psychologischer Stoerungen, dazu zu bewegen eine Therapie zu machen. Maenner sind oft noch schwerer davon zu ueberzeugen.
Zwangseinweisungen werden heutzutage glaube ich nurnoch gemacht, wenn der Patient eine Gefahr fuer sich selber oder andere ist und das scheint er nicht zu sein. Wie gesagt, ich wuerd mit einem Psychologen reden. Die wissen was am besten zu tun ist.
Wuensch euch alles Gute.

Beitrag von kati543 29.05.10 - 20:01 Uhr

Also so wie ich den Thread verstanden habe, ist der Mann schon in Behandlung deswegen seit 3 Wochen. Von daher kann von Eigentherapie nicht die Rede sein.

Beitrag von fallnangel 30.05.10 - 17:20 Uhr

Ups hab ich wohl ueberlesen

Beitrag von josefieni 30.05.10 - 17:33 Uhr

Hallo,

wie die meisten psych. Erkrankungen sind Zwangsstörungen nicht so ganz schnell zu beheben. Es erfordert eine lange Therapie, die aber natürlich erfolgreich sein kann. Mit ein paar Wochen ist da sicherlich nicht geholfen, da musst Du wohl in Monaten denken.
Schau doch mal, ob Du eine Selbsthilfegruppe von Angehörigen mit Zwangserkrankungen findest, vielleicht kann Dir da geholfen werden.
Viele Grüße
josefieni

Beitrag von jindabyne 30.05.10 - 20:24 Uhr

Mein Mann ist Psychotherapeut und behandelt selber auch Zwangsstörungen. Ich habe eben mit ihm über euch gesprochen und er meinte, dass Deinem Mann ein stationärer Aufenthalt in einer Klinik vielleicht mehr bringen könnte als die Tagesklinik. Es ist häufig so, dass Tagesklinikpatienten sich den ganzen Tag über in der Klinik zusammenreißen und super mitarbeiten, abends zu Hause dann aber zusammenbrechen und alles "nachholen", was sie den Tag über nicht gemacht haben. Das ist für euch als Familie natürlich eine enorme Belastung und trägt nicht gerade zum Therapieerfolg bei. Einige Zeit tags und nachts in einer Klinik und komplett außerhalb des gewohnten Umfeldes (indem ja auch die Zwangshandlungen verwurzelt sind) könnte euch alle entlasten und die Therapie vereinfachen.

Zwangsstörungen sind eine sehr schwerwiegende Erkrankung und die Therapie braucht wirklich lange, oft mehrere Jahre. Sie sollte so früh wie möglich behandelt werden, denn je länger man wartet, desto schwieriger wird es. Am schnellsten helfen würde eine Verhaltenstherapie, da Zwangshandlungen sehr stark an Gewohnheiten gekoppelt sind und Verhaltenstherapie daran arbeitet, Gewohnheiten zu verändern. Medikamente können begleitend zur Psychotherapie am Anfang helfen, da sie die Ängste nehmen. Über die Notwendigkeit müssen aber die behandelnden Ärzte entscheiden.

Lg Steffi