Lernbehinderung - 18 Jahre

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Forum: Leben mit Handicaps

Stolpersteine im Leben sind manchmal überwindbar, manchmal muss man sich mit ihnen arrangieren. Hier ist der Ort, um darüber zu sprechen: Entwicklungsverzögerung beim Kind, ADHS, das Down-Syndrom, Spina Bifida, Leben im Rollstuhl ...

Beitrag von bessi 31.05.10 - 13:55 Uhr

Hallo zusammen,

der Sohnemann meines Lebensgefährten war und ist es noch immer ein "Problemkind". Er war schon als Kleinkind auffällig in verschiedenen Bereichen. Es wurden viele viele Test, Therapien und und und mit ihm unternommen. Ein Arzt damals sagte: Was wollen Sie eigentlich, der Junge ist vollkommen normal. Ein anderer sagte: Ja, Ihr Sohn ist geistig behindert. Mit diesem Ergebnis, haben wir vor ein paar Jahren nochmal einen Psychologen zu Rate gezogen, der dann festgestellt hat, dass er lernbehindert ist. Bedingt durch diese Lernbehinderung, mußte er im Kleinkindalter schon feststellen, dass er anders ist als andere Kinder, dass ihm Dinge nicht so zufliegen, sondern das er im Gegenteil immer für etwas kämpfen musste. Die Folge Frustration, Minderwertigkeitskomplexe und geringes Sozialverhalten. Therapien folgten, die sein Selbstwertgefühl steigern sollten.

Heute ist er inzwischen 18 Jahre und fast 2m groß. Er hat sich bedingt durch Pubertät zum Positiven entwickelt, ist aber noch lange nicht soweit, dass er ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben führen kann. Er ist unserer Meinung nach vom Intellekt einem 10jährigem Kind ähnlich. Er weiß nicht mit Geld umzugehen und ist auch ansonsten so gut wie unselbstständig und kriegt ohne Anleitung nichts gebacken.

Innerhalb der Familie sehen wir unsere Grenzen...in der nächsten Woche haben wir einen Termin beim JA hinsichtlich der Möglichkeit, ihn in einer Wohngruppe unterzubringen mit der Möglichkeit eine Ausbildung zu machen. Diese Form nennt sich Hilfe für jugendliche Erwachsene und ist eine Möglichkeit die Person zu einem selbstbestimmten Leben zu führen bzw. zu befähigen.

Es geht nicht darum, dass wir ihn abschieben wollen, sondern darum ihm die notwendige Hilfe zu geben, die er braucht, um irgendwann mal alleine leben zu können, wenn das überhaupt möglich ist.

Zur Zeit geht er auf eine Art Berufskolleg - Schule und Praktika -, aber eine Ausbildungsstelle ist nicht in Aussicht...im August ist ein Jahr um, und er hat die Möglichkeit im Anschluss, sowas Ähnliches für ein weiteres Jahr auf einer anderen Schule zu machen. Seine jetzige Ansprechperson in der Schule hat sich für ihn eingesetzt. Die Frage ist, ob wir überhaupt eine Chance haben, diese HIlfe für jugendliche Erwachsene zu beantragen, wenn er ab September wieder so eine Schule besucht, von der wir glauben, dass es nicht wirklich was bringt, sondern nur ein Unterbringen ist. Wir denken einfach, dass er wirklich professionelle HIlfe braucht.

Habt Ihr damit Erfahrungen? Bin über Eure ANtworten dankbar.

LG Bessi

Beitrag von kati543 01.06.10 - 17:48 Uhr

Welche Tests wurden denn gemacht, um herauszufinden, wie sein Intellekt ist? Auf welche Schule ist er denn gegangen?
Einem 18-jährigen einen Intellekt von 10 Jahren "vorzuwerfen" ist nichts einfaches. Menschen, die eine mentale Retardierung haben, haben dann die Möglichkeit in einer Werkstatt für Behinderte zu arbeiten und dann in entsprechenden dazugehörigen Gebäuden auch betreut zu wohnen.

Beitrag von bessi 01.06.10 - 20:18 Uhr

Hallo,

Danke für Deine Antwort...

Im Verlauf der einzelnen Untersuchungen bei den unterschiedlichen Ärzten und Psychologen wurden unzählige Test durchgeführt. Diverse Therapien wurden schon im Kleinkindalter gemacht so auch Ergotherapie, Spieltherapien etc.). Zuletzt war er (mit 13) über ein Jahr bei einer Psychologin, die ihm dabei helfen sollte, sein Selbstbewußtsein zu stärken.

Von Vorwurf ist überhaupt nicht die Rede. Ich wollte damit nur zum Ausdruck bringen, dass er seinem eigentlichen Alter um Jahre hinterherhinkt.

Das ist unser Problem, mein Stiefsohn ist in dem Sinne nicht behindert...die meisten Angebote gelten für Menschen mit einer geistigen Behinderung. Man kann ihn nicht wirklich einer Kategorie zuordnen, obwohl er enorme Schwierigkeiten hat, im Leben Fuss zu fassen. Er ist antriebslos ohne jede Motivation und Interesse, lebt mehr oder weniger in den Tag hinein, ohne sich irgendwelche Gedanken über die Zukunft zu machen, er hat keinen Bezug zu Geld, weiß nicht, dass es nicht auf der Strasse liegt, sondern gibt das, was er hat sofort aus. Er traut sich nicht alleine Bus zu fahren, bzw. ist nicht in der Lage, herauszufinden, wie er von A nach B kommt. Dann geht er lieber 15 Km zu Fuss. Er geht Problemen grundsätzlich aus dem Weg. Jetzt, da er 18 ist, wurde er schon ein paar Mal betrunken ins Krankenhaus gefahren. Er trinkt aber nicht aus Frust, sondern weil er einen Freundeskreis, hat, wenn man das überhaupt so nennen kann, wo das als cool gilt. Er gibt damit sogar an...Das soll nicht heißen, dass er ein unglücklicher Mensch ist, das nicht, nein, bei ihm hat man das Gefühl, dass er meint, dass könnte jetzt immer so weiter gehen, denn 100% aller Probleme lösen sich ja von ganz alleine.

Er war im Anschluss nach der Grundschule, bei der er enorme Probleme hatte auf einer Schule für Lernbehinderte. Auf dieser Schule hat er einen Hauptschulabschluss gemacht. Ich frage mich heute noch, wie das möglich war, angeblich soll dieser Abschluss adäquat zu den normalen Hauptschulen sein...wenn man sieht wie er schreibt oder hört wie er liest, geschweige denn wie er rechnet, kann man nicht glauben, dass er wirklich einen Abschluss gemacht hat.

Jemand, der meinen Stiefsohn nicht kennt, wird nicht auf Anhieb erkennen, dass er ein Defizit hat, aber beim näheren Kennenlernen ist es offensichtlich.

Aus diesem Grund, denken wir, dass diese Hilfe für jugendliche Erwachsene, in der er in einer Wohngruppe leben könnte und wohl dazu befähigt wird, ein eigenständiges Leben zu führen, genau das Richtige wäre. Die Frage ist eben nur, welche Faktoren eine Rolle spielen, einen solchen Antrag durchzukriegen.

Darauf bezog sich meine Frage, ob das jemand hier schon mal beantragen hat müssen.




Beitrag von choirqueen 02.06.10 - 19:28 Uhr

Hallo,

ich arbeite an einer FS Lernen.

Die Sachlage ist so, wenn dein Sohn den FS Abschluss gemacht hat, dann kann er nicht in eine Maßnahme für Menschen mit geistiger Behinderung gehen. Das liegt daran, dass der Gesetzgeber der Auffassung ist, wenn ein Kind auf einer FS Lernen ist, der lebenspraktische Bereich nicht betroffen ist. Es gibt die Möglichkeit vereinfachter Ausbildungen mit Internatsunterbringung. Dort erhalten die Jugendlichen eine Berufsausbildung und eine Schulung in lebenspraktischen Dingen. Eine solche Einrichtung ist das Kolping Berufsbildungswerk in Brakel/NRW.

LG Cathrin

Beitrag von bessi 03.06.10 - 10:43 Uhr

Hallo Cathrin,

auch Dir lieben Dank für Deine Antwort.

Uns ist klar, dass er nicht in eine Maßnahme kommen kann für Menschen mit einer geistigen Behinderung. Das würden wir auch nicht wollen, da er da nicht richtig aufgehoben wäre.

Ich weiß nicht, ob Dir der § 41 SGB8 etwas sagt. Ich hatte im Internet recherchiert, um in Erfahrung zu bringen, ob es Hilfen gibt, die mein Stiefsohn in Anspruch nehmen könnte. Dieser Paragraph bezieht sich auf jugendliche Erwachsene bis zum 28 Lebensjahr so glaube ich, die Hilfe benötigen, ein eigenständiges Leben aufzubauen und zu führen.

Beim Landschaftsverband hatte ich nachgefragt und die haben mich diesbezüglich ans Jugendamt verwiesen, wo wir in der nächsten Woche dann auch einen Termin haben.

Meine Frage bezog sich im Schwerpunkt darauf, welche Kriterien erfüllt sein müssen, um diese Form der Hilfe beantragen zu können. Vielleicht ist diese Einrichtung in Brakel ja soetwas, was in diese Richtung geht.

LG Bessi

Beitrag von choirqueen 03.06.10 - 22:12 Uhr

Diese Einrichtungen werden vom Arbeitsamt bezahlt und unterhalten. Nach § 41 SGb8 sind diese Einrichtungen zuständig. Gibt es ein Berufsfeld für das sich dein Stiefsohn interessiert?

Die Jugendlichen leben in Wohngruppen mit je einem Erzieher. Tagsüber sind die Jugendlichen in den Werkstätten zur Ausbildung, nachmittags lernen sie unter Aufsicht des Erziehers. Zudem müssen die Jugendlichen ihr Zimmer aufräumen und saubermachen, sie können dort kochen und essen gemeinsam. Darüber hinaus gibt es Freizeitangebote und es ist immer jemand anwesend.

LG Cathrin

Beitrag von bessi 04.06.10 - 19:18 Uhr

Weißt Du denn, ob mein Stiefsohn hier auch unter kommen könnte, auch wenn er die Möglichkeit hat, ab August auf eine Art Berufskolleg zu gehen? Er hat dies jetzt schon ein Jahr gemacht - ohne Erfolg. Ich befürchte, dass das JA ablehnend reagiert, wenn er erst mal wieder für ein Jahr beschäftigt ist.

Denn genauso etwas, wie Du es beschreibst, wäre genau das Richtige für ihn...

LG Bessi