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Forum: Kleinkind

Das Leben mit kleinen Kindern ist wunderschön, nie langweilig aber auch ziemlich anstrengend. Da können Tipps von anderen Müttern oder Vätern viel Erleichterung und Hilfe in den Alltag bringen. Viele Infos rund um Ihr Kleinkind  (z.B. Kinderkrankheiten) findet ihr auch in unserem Magazin.

Beitrag von madlen784 23.06.10 - 19:27 Uhr

Ich habe mir aus der Bibliothek die neueste Auflage (20. erweiterte und bearbeitete Auflage, 2004) ausgeliehen, um zu sehen, was sich zum Buch von 1997 (4. Auflage) geändert hat. Entsprechend habe ich meinen Bericht nun überarbeitet.

Um es gleich zu sagen: Dieses Buch und diese Autoren sind ein rotes Tuch für mich. Das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ ist eines der schlimmsten Ratgeberbücher, die ich kenne. Es widerspricht sich nämlich an allen Ecken und Enden und strotzt nur so vor Selbstbeweihräucherung und „Grausamkeiten“. Aber der Reihe nach...
Ich habe hier die aktuellste Ausgabe des Buches aus 2004 vor mir liegen (ausgeliehen aus der Bücherei, kaufen würde ich es mir niemals). Ich habe durch viel Recherche im Internet, aber auch durch einen Erfahrungsbericht hier bei ciao, schon sehr viel Negatives über „Jedes Kind kann schlafen lernen“ gelesen. Es widerstrebte mir schon zu diesem Zeitpunkt, und ich war da schon gegen dieses Buch. Nun habe ich es mir mal ausgeliehen, um mir persönlich ein Bild davon machen zu können. Und meine schon früher gebildete Meinung hat sich voll und ganz bestätigt.


>>> „Das **Ein- und Durchschlaf-Buch**“ oder auch DIE Schlaf-BIBEL (haha) genannt:
Das Buch ist in neun große Überthemen aufgebaut, die wiederum in mehrere Unterthemen eingeteilt sind. Am Anfang eines großen Bereichs gibt es immer ein nettes Foto und eine sehr kurze Übersicht, was einem in diesem Kapitel erwartet. Dann folgen der Inhalt des Kapitels mit Fallbeispielen (kursiv gedruckt) und am Ende dann noch mal eine stichpunktartige Zusammenfassung („Das Wichtigste in Kürze“).
Der Leser bzw. die Leserin wird gleich mit Erfahrungen der Autoren „bombadiert“ – natürlich negativen Erfahrungen. Dr. Morgenroth erzählt aus seiner Kinderarzt-Praxis, z. B. von einem Zwillingspärchen, das 17 Flaschen in einer Nacht trank. Die armen Eltern schreckten jede Stunde hoch und mussten die Flaschen zubereiten. Auch Beruhigungsmittel halfen nicht... (Seite 12)

Oder die arme Frau Kast-Zahn: ihre Tochter (sieben Monate zu dem Zeitpunkt alt) wollte in der Nacht bis zu sieben Mal gestillt werden. Ab 4 Uhr nachts schreckte sie alle 15 – 30 Minuten hoch... sie lag mit im Ehebett, was dem Ehemann aber nicht passte... Zitat: „Es schien ein besonders ungerechtes Schicksal zu sein, als Mutter wieder mit einem Baby gestraft zu sein, das offensichtlich ein ‚schlechter Schläfer’ war, trotz aller liebevollen Zuwendung.“ (Sie empfindet ihr Kind also als Strafe und ungerechtes Schicksal???) Frau Kast-Zahn klagte ihrem Kinderarzt bei einer Vorsorgeuntersuchung (U5, im Alter von 5 – 7 Monaten) ihr Leid... und dreimal dürft ihr raten, wer ihr Kinderarzt war... Jaaaa genau! Dr. med. Morgenroth... Der erzählte ihr von der Ferber-Methode, Frau Kast-Zahns Tochter wurde zum Versuchskaninchen umfunktioniert – sie lernte innerhalb zwei Wochen durchzuschlafen – alles super, Friede, Freude, Eierkuchen! Hach, alles ist so einfach, dieses Patentrezept muss unter die Leute gebracht werden! Und so kam das Buch für 29,80 DM (heute 17,80 Euro) auf den Markt... (Seite 14 – 16) Ohne nach den Gründen zu fragen, warum ihre Tochter alle 15 - 30 Minuten aufwachte oder zu überlegen: "Was können wir als Familie ändern, ohne das Baby schreien zu lassen" übernahm Frau Kast-Zahn den Behandlungsplan und wendete ihn zwei Wochen 14 Tage und 14 Nächte!) bei ihrer Tochter an...

In Kapitel 2 wird erklärt, wie der Schlaf von Babys und Kindern abläuft. Traumphasen, Tiefschlafphasen, die sich abwechseln – ganz wie bei uns Erwachsenen. Allerdings dauern diese Phasen bei einem Kind nicht so lange wie bei uns. Schlafmuster werden besprochen, dazwischen gibt es viele Fallbeispiele von kleinen Kindern (Alter von 6 Monaten bis 4 Jahren), die „schlechte Schläfer“ sind und „schlechte Einschlafgewohnheiten“ haben. Theoretisch interessant, aber das steht auch in vielen anderen (besseren) "Schlaflern"-Büchern.
Es werden mehrere Fallbeispiele aufgeführt, in denen betont wird, dass die (stillende) Mutter durch das Einschlafstillen dem Baby die Chance nimmt, "zu lernen: Auch ohne Hilfe einschlafen ist vollkommen in Ordnung. Wenn [das Baby] das gelernt hätte, könnte auch [das Baby] durchschlafen." (Seite 36)

Und nun geht es los... ab dem folgenden Kapitel wird erklärt, wie aus einem „schlechten Schläfer“ ein „guter Schläfer“ wird. Schon einen jungen Säugling (jünger als 6 Monate) kann man – laut Kast-Zahn/Morgenroth – schon „regelmäßig wach ins Bett legen. Es kann schon lernen, allein einzuschlafen.“ Stillen (oder Flasche) nach Bedarf wird dem Baby hier noch zugestanden, auch nachts. Leise Misstöne werden hier über das Familienbett hörbar: Eigentlich wäre nichts dagegen einzuwenden, wenn... ja, wenn die "Sicherheitsexperten" (welche?) nicht sagen würden, dass das Risiko der Überhitzung (die wiederum zum Plötzlichen Kindstod führen kann) steigen würde...
Aber ab dem Alter von sechs Monaten ist damit Schluss mit der nächtlichen Nahrung. Denn nun können und müssen(!) laut Kast-Zahn/Morgenroth Babys 11 Stunden am Stück in der Nacht durchschlafen – ohne Essen und Trinken (wird mehrmals in dem Buch erwähnt). Aber nirgends im Buch wird erklärt, wieso, weshalb, warum das denn nun so ist - es wird einfach als "normal" abgetan (Seite 23). Normal ist es aber, dass Kinder in den ersten Lebensjahren eben nicht durchschlafen! Essen oder Trinken in der Nacht sei „erlernter Hunger“ und deshalb ist der „abzutrainieren“ (meine eigene Formulierung). Dazu werden hier auch noch falsche Tipps zum Stillen gegeben, die absolut NICHT förderlich für die ausgeglichene Milchproduktion sind.

Heftig finde ich den Satz "Kennen Sie den Erziehungs-Grundsatz "Hilf mir, es selbst zu tun"? Das Schlafen gehört zu den Dingen, die Ihr Baby selbst tun kann." (Seite 53) - Dieser Satz stammt von Maria Montessori, einer italienischen Pädagogin. Und ich finde es schon fast arrogant von Frau Kast-Zahn, ihre Erziehungsidee in diesem Zusammenhang mit dem "kontrollieren Schreienlassen" zu erwähnen.
Durch die unterschiedlichen Schlafphasen kommt jeder Mensch im Schlaf in einen Bereich, in dem er leicht aufwachen bzw. im leichten Halbschlaf ist. Wir Erwachsenen gucken vielleicht auf den Wecker, freuen uns, dass es noch nicht Aufstehzeit ist, drehen uns um und pennen weiter. Kleine Babys und auch junge Kinder wachen auf, finden nicht „die gewohnte Schlafumgebung“ vor und weinen bzw. fangen an zu schreien. So weit, so gut – klingt einleuchtend.

Damit aber das Baby nun die „gewohnte Schlafumgebung“ vorfindet, wenn es aufwacht, kommt nun der „Behandlungsplan“ ins Spiel... Erstmal werden alle üblichen Einschlafhilfen wie Schnuller, auf dem Arm (herumtragen), Brust/Flasche, Elternbett als eigentliche Problem-Macher dargestellt. Gerade noch ein Schnuffeltuch oder ein Kuscheltier ist erlaubt, denn die Sachen kann ein Säugling eventuell noch selber wieder finden im Bett – alles andere ist ja „nicht mehr da“, wenn es allein aufwacht. Also: weg mit Nuckel & Co., ab mit dem Kind nach einem „liebevoll gestalteten Abend- und Schlafengeh-Ritual“ wach ins Bett. Das Baby wird protestieren und erwarten, dass die „gewöhnten Einschlaf-Bedingungen schnell“ wiederhergestellt werden. Aber das soll man nicht machen, sondern... man soll das Baby nach einem Zeitplan (der von den Eltern in einem bestimmten Rahmen noch individuell abgeändert werden darf) schreien lassen.
Das sieht laut Buch folgendermaßen aus: Am 1. „Behandlungstag“: 3 Minuten schreien lassen – für höchstens 2 Minuten zum Baby gehen, beruhigend auf das Kind einsprechen, trösten und streicheln, es aber nicht hochnehmen. Es darf aber auch nicht während der Elternanwesenheit einschlafen (hier stellte ich mir beim Lesen schon die Frage: Und was ist, wenn es doch einschläft? Soll man es dann wieder wecken? Es darf ja laut Buch ja nicht während meiner Anwesenheit einschlafen!) – 5 Minuten schreien lassen – wieder für 2 Minuten trösten – 7 Minuten schreien lassen – 2 Minuten trösten – und beim jeden weiteren Mal wieder 7 Minuten schreien lassen – bis es dann irgendwann vor Erschöpfung und vor Resignation dann tatsächlich eingeschlafen ist. Am 2. „Behandlungstag“ fängt man dann mit 5 Minuten schreien lassen an und steigert dann auf 7 bzw. 9 Minuten. Am 3. Tag beginnt man mit 7 Minuten, Steigerung auf 9 bzw. 10 Minuten. Und ab dem 4. Tag lässt man das Baby dann immer 10 Minuten schreien.

Laut Kast-Zahn/Morgenroth „verlernt“ das Baby bei dieser Methode das Schreien sozusagen. Wie heißt es so „schön“ in dem Buch: „Die allmähliche Steigerung der Wartezeit hat zur Folge, dass das Kind lernt: ‚Länger zu schreien bringt auch nicht mehr. Meine Eltern machen mit mir trotzdem nicht genau das, was ich will.’“ (Seite 91)
Ein weiterer Kritikpunkt von mir: Laut Buch wird von das Schreien eines Babys als „Willen aufzwängen“/“tyrannisieren der Eltern“/“Erpressungsmittel“ eingesetzt. – Und, was ich besonders grausam und schrecklich finde: Das Erbrechen von manchen Kindern nach heftigem Schreien wird als „normal“ und sogar als weiterer „Erpressungsversuch“ angesehen: Als Beispiel wird im Buch ein 12 Monate alter Junge genannt, der tatsächlich so „dreist“ war und absichtlich wie ein magersüchtiger Mensch (mit Finger in den Hals) erbrechen konnte. „Offensichtlich hatte er sein Erbrechen als Mittel eingesetzt, um seinen Willen zu bekommen. Hätte er damit Erfolg gehabt, wäre die Versuchung groß gewesen, es auch in Zukunft auf diese Weise zu versuchen. Statt dessen machte er die Erfahrung: ‚Auch wenn ich mich übergebe, kommt Mama nur herein und macht mich sauber.’“ (Seite 99). – Unfassbar! Was muss da in der Eltern-Kind-Beziehung falsch gelaufen sein, dass ein zwölf Monate altes Baby sich absichtlich erbrechen kann? Was ist da mit der Kinderseele geschehen? da hilft es auch nichts, wenn die Autoren gleich "beschwichtigend" schreiben, dass dieser Junge ein Extremfall sei (und die Mutter litt vor dem Schlafprogramm ja so sehr unter starkem Stress... - das Kind etwa nicht??? Aber anstatt hier an den Gründen zu arbeiten, wird nur das Kind therapiert. Schrecklich!)

So in der Art geht es dann noch munter weiter im Buch. Für ältere Kinder, die nachts immer wieder ins Elternbett kommen, bringen Kast-Zahn/Morgenroth die „Auszeit“ bzw. „Tür auf – Tür zu“-Methode ins Spiel. Nach einem festgelegten Plan wird die Zimmertür geschlossen (nicht abgeschlossen - aber zugehalten!!!), wenn das Kind nicht in seinem Bett bleibt. Der Plan ist ähnlich dem „Schreilassen-Plan“, aber mit kürzeren Zeiten. Wenn das Kind dann in seinem Bett bleibt, wird die Tür aufgelassen (Kapitel 5). Die "Auszeit" wird auch als eigentlich einzig zumutbare Erziehungsmöglichkeit angepriesen (Seite 113) - in meinen Augen ein absolutes Armutszeugnis für Frau Kast-Zahn und Herrn Morgenroth!
In den nächsten beiden großen Kapiteln werden Schlafstörungen wie z.B. Alpträume und „Nachtschreck“ und besondere Probleme wie Schmerzen, geistige Behinderung und den Einsatz von Medikamenten angesprochen. Kast-Zahn/Morgenroth dazu: „Wenn die Eltern den begründeten Verdacht haben, dass das Kind wegen Schmerzen nicht schlafen kann, aber noch nicht so krank erscheint, dem Kinderarzt vorgestellt zu werden, empfehlen wir, dem Kind ein Fieber-Zäpfchen zu geben, weil dieses gleichzeitig auch die Schmerzen lindert.“ (Seite 140) – Da werden dann schon die ersten Weichen gelegt, gleich zu Tabletten zu greifen anstatt zu Hausmitteln wie z. B. kalten Umschlägen oder ähnliches.

Im achten Kapitel kommen dann noch „Fragen und Antworten“, im neunten (dem letzten) Kapitel ist ein Schlafprotokoll als Vorlage zum Selberausfüllen abgedruckt.

>>> Meine Meinung:
Was ich von diesem Buch halte, wisst Ihr ja schon. Ich halte nämlich absolut nichts von diesem Kram, weniger als nichts.

Erstmal: woher nehmen die Autoren das „Wissen“, dass sechs Monate alte Babys schon 11 Stunden am Stück durchschlafen können? Schlafexperten sprechen von „Durchschlafen“ bei Babys in diesem Alter, wenn sie 5 – 6 Stunden am Stück schlafen. Also scheinen die 11 Stunden wohl mehr der Wunsch der Eltern zu sein... klingt ja auch so gut: „Mein Baby schläft schon durch – von 20 Uhr bis 7 Uhr morgens“...
Und weshalb braucht ein sechs Monate altes Baby nachts nichts mehr zu trinken? Ob Frau Kast-Zahn und Herr Dr. Morgenroth wohl nachts wach werden, weil sie Durst haben? Und wenn ja, was werden sie dann wohl machen? Grübelgrübel...

Dann: das „kontrollierte Schreienlassen“... Erstmal geben Kast-Zahn/Morgenroth in ihrem “Behandlungsplan“ folgende Zeiten als Vorlage: 3 – 5 – 7 Minuten bis 9 und später 10 Minuten „Schreienlassen“. Diese Zeiten gelten schon für ein 6 Monate altes (oder junges?) Baby (Seite 88 - 91). Später – wenn von der „Auszeit“ die Rede ist - heißt es: „Nie sollte die ‚Auszeit’ in Minuten länger sein, als das Alter Ihres Kindes in Jahren: 2 Jahre = höchstens 2 Minuten, 4 Jahre = höchstens 4 Minuten.“ (Seite 113) – Und weshalb soll man bei einem 0,5 Jahre alten Säugling bis zu 10(!!!!!!!) Minuten eine Auszeit haben? Wo sie laut oben genanntem Satz höchstens 0,5 Minuten = 30 Sekunden betragen müsste? Mal hüh – mal hott, Frau Kast-Zahn, Herr Dr. Morgenroth: Was denn nun?
Überhaupt: Im Buch wird den Eltern ständig eingeredet, dass Säuglinge aus purer Berechnung schreien, damit ihre Eltern wissen, wo es lang geht. Schreien wird als Tyrannerei der Eltern beschrieben, als Manipulationsmittel der Babys, als Erpressungsmittel wird ja sogar das Erbrechen erwähnt. Alles Schwachsinn! Das Baby liebt seine Eltern bedingungslos, es ist auf sie angewiesen – weshalb sollte es sie dann durch Schreien „ärgern“ wollen?

Babys schreien, wenn es ihnen nicht gut geht! Schreien ist für Säuglinge die letzte Möglichkeit, mitzuteilen, dass etwas nicht in Ordnung ist, dass ihnen etwas fehlt. Dass sie sich alleine und fühlen und Angst haben. Wenn man nicht sofort reagiert, dann stehen Babys Todesängste aus – in ihren biologischen Genen steckt noch drin: „Alleinsein = Gefahr = Tod“ – wenn früher ein Baby von seiner Familie/Mutter/Vater getrennt wurde, bedeutete das auch immer den Tod. Ein Baby ist hilflos, es kann nicht für sich selbst sorgen. Durch Körpersprache und Lautäußerungen (Wimmern, Ächzen, Weinen, Schreien) teilt es aber mit: Etwas stimmt nicht, mir geht es nicht gut, ich habe Hunger, ich bin müde, ich möchte nicht allein sein, ich möchte mit dir spielen. Ein Baby kann man auch nicht verwöhnen.
Das „Schlafprogramm“ ist einfach nur rigoroses Konditionieren. Ein Baby weiß nicht, dass die Mutter noch da ist, wenn sie nicht bei ihm ist. Es begreift mit neun Monaten vielleicht, dass der Holzstein unter einem Becher nicht verschwindet – aber das kann es noch nicht auf die Mutter bzw. den Vater übertragen, und besonders dann nicht, wenn es müde ist. Es hat auch kein Zeitgefühl, weiß nicht, dass die Mutter ja in drei Minuten wieder da ist. Eine Minute oder zehn Minuten... für Babys sind beides Ewigkeiten, in denen sie allein gelassen werden und hilflos sind.

Babys, die durch „kontrolliertes Schreienlassen“ zum Durchschlafen konditioniert werden, schlafen vielleicht zur Freude der Eltern tief – aber um was für einen Preis? Die Babys schlafen irgendwann aus Erschöpfung ein und lernen dabei nur, zu resignieren. Viele Babys verlieren das Vertrauen zu ihren Eltern, sie werden vielleicht ängstlicher, wollen vielleicht nur noch in ihrem Bett schlafen (was ist mit Urlaub? Ist ja nicht mehr das eigene Bett... sie haben ja gelernt, dass sie nur in ihrem eigenen Bett einschlafen sollen...)
Häufig wird von Eltern berichtet, die dieses Programm "erfolgreich" anwendeten, dass ihre Babys auch tagsüber ausgeglichener und ruhiger, "lieber" und "braver" geworden seien. Für mich logisch, da die Babys nun tagsüber mehr um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern "heischen" müssen - als Ausgleich zu den einsamen Nächten. Die Eltern freuen sich und klopfen sich auf die Schulter, als Eigenlob, "konsequent" geblieben zu sein und "es geschafft zu haben". Aber - um welchen Preis? Das wird sich vielleicht erst im Erwachsenenalter herausstellen, wenn die geferberten Kinder später Schwierigkeiten in der Partnerschaft haben, Probleme bei Bindungen zu anderen Menschen (Freunde oder Partner, Bekannte oder Arbeitskollegen).

In diesem Buch geht es nicht um das Wohl des Babys, sondern einzig und allein um das Wohl der Eltern.
Was aber geschieht nun, wenn es dem Baby durch diese Behandlung schlecht geht? Wenn es ängstlicher wird? Wenn es Schäden davon getragen hat? Da wird in dem Buch kein Wort drüber geschrieben. Laut „Jedes Kind kann schlafen lernen“ lernt auch wirklich JEDES Kind mit dieser Brachialmethode schlafen. Lass es „kontrolliert schreien“, irgendwann wird es schon kapieren, dass es damit nicht weit kommt. Babys sind aber Individuen, es gibt kein Patentrezept, wie es uns das Buch weismachen will.

Es wird ständig betont, dass Eltern, die diese Methode anwenden, ja immer besonders lieb und verständnisvoll, aufopferungsvoll und dem Baby Zuwendung geben. Das machen wohl fast alle Eltern (Ausnahmen gibt es ja leider auch). Aber hier kommt mir diese ständige „Litanei“ schon fast wie Selbstschutz vor. Oder Verteidigung vor Gegnern dieser Methode?
Jedes Kind kann schlafen lernen – schon allein der Titel des Buches ist falsch. Babys und Kinder können schlafen, von Anfang an. Das brauchen sie nicht erst zu „lernen“. „Jedes Kind kann das Durchschlafen lernen“ träfe den Buchtitel wohl schon eher. Alle Kinder „lernen“ das Durchschlafen dann von ganz alleine, wenn sie selbst reif dafür sind.

"Durch die Blume" geschrieben schlecht kommt auch das Familienbett weg. So heißt es auf Seite 67: "Nur unter bestimmten Voraussetzungen [Krankheit, Albträume, Panikattacken] ist es sinnvoll, sein Kind mit im Elternbett schlafen zu lassen."
"Schlechte Einschlafgewohnheiten" wie Stillen, Herumtragen, mit ins Elternbett nehmen etc. werden von den Autoren mit "Schokolade-im-Supermarkt-haben-wollen" verglichen. (Seite 123). Ich meine, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Bei der Schokolade-haben-wollen handelt es sich nämlich um kein Grundbedürfnis (nach Körperkontakt, liebevolle Einschlafbegleitung), sondern um einen Wunsch - und Wünsche sind aufschiebbar. Bedürfnisse nicht.


>>> Weiteres zum Buch:
Der Schreibstil von „Jedes Kind kann schlafen lernen“ erinnert mich sehr an den der BILD-Zeitung: Kurze, leichte Sätze, die wirklich für jedermann verständlich und auf den ersten Blick einleuchtend sind (wenn man das Buch dann aber mal kritisch hinterfragt, bricht das alles wie ein Kartenhäuschen in sich zusammen), die Sätze in dem Buch sind so aufgebaut, dass man automatisch denken muss: „Ja, das stimmt. Das klingt logisch. Das kenne ich auch so oder ähnlich.“ Der Leser bzw. die Leserin wird manipuliert. Dazu kommen dann noch die vielen Fallbeispiele, die sehr extrem sind, aber es wird angenommen, dass das bei den meisten Babys so ist oder, bei Neugeborenen, später sein wird!) – und dass ein solches Verhalten natürlich „behandelt“ werden muss.

>>> Fazit:
Das Buch ist Schwund und gehört in die Mülltonne. Wer sich für ein Baby entscheidet, muss viele schlaflose Nächte in Kauf nehmen. Das gehört einfach dazu. Babys sind keine „kleinen Erwachsenen“, die sich uns willenlos anzupassen haben. Babys haben Bedürfnisse und das Recht, dass diese befriedigt werden. Babys brauchen den Körperkontakt zu ihren Eltern rund um die Uhr, nicht nur, wenn die Sonne scheint – das steckt tief und fest in ihren Genen drin.

Meine Tochter schläft bei mir im Bett auf meinem Bauch. Sie kann nachts an die Brust und was trinken. Ich kann auf sie so auch schnell reagieren, ich weiß immer, wie es ihr geht. Und ich bin nicht ständig übermüdet oder erschöpft. Mittlerweile ist sie nun 18 Monate alt, und wird noch immer in den Schlaf begleitet (bzw. gestillt). Aber: sie schläft nicht nur ein, wenn sie gestillt wird, sondern sie schläft ein, wenn sie müde ist (egal, ob tagsüber im Auto, im Ergo bei mir auf dem Rücken oder beim Papa auf dem Arm). Sie schläft unkompliziert, in der Nacht gute 7 Stunden am Stück - von ganz alleine, ohne dass ich etwas forciert habe - weil sie selbst ihr "Schlaflerntempo" bestimmen kann - und ich ihr die Chance dazu gegeben habe, ohne von vornherein in ihren Rhythmus reinzupfuschen - das wird nämlich von Kast-Zahn und Morgenroth in dem Buch auch empfohlen.

Quelle: www.ciao.de geschrieben von Beavi

#pro#pro#pro

Beitrag von ayshe 23.06.10 - 19:37 Uhr

Ja, Beavi ;-)
Ich kenne sie aus einem anderen Forum, der ist aber sicher schon sehr alt.

Beitrag von susa31 23.06.10 - 19:41 Uhr

wieso muss man pausenlos aus einem buch einen glaubenskrieg machen? wers benutzen will, soll das machen - und wer nicht, der halt nicht.
man ist nicht automatisch die bessere mutter, wenn man das kind die ganze nacht auf dem bauch hat - aber in diesen ganzen jkksl-kritischen beiträgen scheint es mir nur darum zu gehen, diesen eindruck zu forcieren.

Beitrag von ayshe 23.06.10 - 19:45 Uhr

Wer es anwenden will, soll aber auch mal die Augen aufmachen und soll auch begreifen, WAS er da tut.

Wer es trotzdem machen will, ist eben nicht zu retten, soll aber dazu stehen und es sich nicht schönreden .

Beitrag von susa31 23.06.10 - 20:05 Uhr

ich bin immer wieder verblüfft darüber, wie viele leute sich hier tummeln, die im besitz der einzigen und alleingültigen wahrheit sind. wenn die kausalketten im umgang mit kindern wirklich so simpel wären, wärs ja schön - ich habe aber meine zweifel.
man muss doch mal anerkennen, dass etwas, was für ein kind gut oder schrecklich ist, bei einem zweiten ganz anders wirken kann.

Beitrag von ayshe 23.06.10 - 20:09 Uhr

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man muss doch mal anerkennen, dass etwas, was für ein kind gut oder schrecklich ist, bei einem zweiten ganz anders wirken kann.
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Du hast dich nie wirklich informiert, was und wie beim Ferbern funktioniert.
Schade.

Beitrag von susa31 23.06.10 - 21:21 Uhr

und das weißt du genau woher?

Beitrag von ayshe 23.06.10 - 21:35 Uhr

Deine Aussage.

Das reine Wirkprinzip des Ferberns ist ja klar für alle Psychologen.
Das Wirkprinzip ist gleich, das hat nichts mit verschiedenen Kindern zutun.
Sie zeigen nur verschiedene Reaktionen nach außen, mehr nicht.

Beitrag von mel-t 23.06.10 - 19:56 Uhr

Ich find beides extrem einseitig. Habe meine Kinder auch nie geferbert, da ich auch vieles als recht grausam ansehe. Aber in der Buchkritik wird ebenso unsachlich alles als falsch tituliert.

Ich kenne z.B. eins von diesen Kindern, dass in der Trotzphase Schreien bis zum Erbrechen als Methode genutzt hat, solange bis die Eltern genau das hier beschriebene machten. Nur Saubermachen ,aber nicht dem Kindeswillen nachgehen....und das war die einzige Lösung den Kleinen von der für ihn sehr gut funktionierenden Methode abzubringen. Also nicht ganz verkehrt...

Und das eventuell ein gut ausgeschlafenes Kind am Tage ausgeglichener ist (ebenso wie seine Eltern), halte ich auch nicht für soooooo abwegig, und das hat ja nun nix mit Aufmerksamkeit heischen zu tun, dass geht nämlich mit Blödsinn und Quengelei viel besser.

Auch würde ich mich echt bedanken, wenn meine Eineinhalbjährige nachts auf mir drauf schlafen würde, dann würde ich das nicht können und wäre bestimmt tagsüber nicht gerade die netteste Mama.

Mel-t
(deren beiden Kinder inzwischen auch ohne ferbern oder 10 mal nächtliches Stillen super schlafend).