Verdrängung? Kaltherzig? Was ist mit mir?

Archiv des urbia-Forums Frühes Ende.

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Forum: Frühes Ende

Manche Schwangerschaft geht leider vorzeitig zu Ende. Es kann helfen, sich hier mit anderen über das Erlebte auszutauschen; aber auch Fragen zu medizinischen Themen sind willkommen. Hilfreich können auch diese urbia-Artikel sein: Fehlgeburt und Sternenkinder.

Beitrag von huhn1 24.06.10 - 20:13 Uhr

Hallo,

ich hatte am 19.05. eine AS. Ich hatte ein sog. Windei, und wurde in der 9. Woche operiert. Ich weiß nicht genau, wie ich es beschreiben soll, aber ich fühle ich, als wenn nichts passiert wäre. Also keine Schwangerschaft, keine AS.

Ich hatte von Anfang an so ein komisches Gefühl, ich konnte mir überhaupt nicht freuen, schwanger zu sein, obwohl wir es geplat hatten und auch geübt hatten. Ich habe die Temperatur gemessen usw. Und dann war ich schwanger und konnte mich nicht freuen. Und als mein Frauenarzt (er war sehr, sehr nett und einfühlsam, an ihm liegst nicht!) gemeint hat, er sehe kein Herz bzw. überhaupt nichts in der Fruchthülle, da war ich nicht mal überrascht. Ich war ganz klar, ganz realistisch. Ich habe selbst gesehen, dass da nichts ist. Enttäuscht war ich, das war das größte Gefühl, denn keiner rechnet damit dass es ihn auch treffen kann. Geweint habe ich auch, aber dann, als die AS vorbei war (am 20.05), gings sowohl köperlich als auch seelisch steil bergauf.

Nun sitze ich - gestern waren es genau 5 Wochen - mit Schmerzen durch meine 1. Mens da und fühle mich ganz normal. Nicht traurig, nicht glücklich, ich wieß gar nicht, wie ich das beschreiben soll. Als ob nichts gewesen wäre. Wir dürfen nun wieder üben anfangen, also können wir wieder von vorne beginnen.

Ich grüble nun so, weil ich Angst habe, dass ich es verdränge? Oder bin ich sogar kaltherzig? Ich sehe es halt einfach als Pech an, ich weiß, ich bin imstande, ein gesundes Kind zu bekommen, meine Tochter ist nun 5 Jahre alt. Vielleicht kommt es daher, dass ich es so "leicht" nehme? Oder aber kommt es daher, weil ich kein Kind gesehen habe, sondern wirklich nur ein schwarzes Loch? Ich denke, wenn da ein Kind gewesen wäre und kein Herzschlag, das wäre wohl schlimmer. Es bestand auch kein Gendefekt, es war also wirklich reines Pech.

Bin ich nun kaltherzig? Oder realistisch? Ich habe Angst, denn wenn ich so lese, wie ihr alle nach langer Zeit noch trauert, dann denke ich, ich bin ein kalter Mensch. Ich bin natürlich traurig, aber ich muss nicht weinen, ich kann normal drüber reden, teilweise erzähle ich es sogar nur guten Bekannten.... Ev. liegts daran? Dass ich mir das von der Seele geredet habe?

Ich hoffe, ich stoße keinen vor den Kopf hier, aber ich weiß auch nicht, mit wem ich sonst darüber reden soll. Alle sind wohl froh, dass ich mich normal benehme, aber ich mache mir mehr Sorgen darum. Kann man sowas so einfach ausblenden und nur noch nach vorne schauen? Wenn ich Babys sehe, dann wünsche ich mir, dass ich auch bald eins im Arm halten darf, aber ich sehe nicht mein verlorenes. Kommt das ev. am Entbindungstag noch?

Tut mir leid, wenn es etwas verwirrend ist, aber das schwirrt mir schon seit 3 Wochen durch den Kopf.

LG Sonja

Beitrag von aliciakommt 24.06.10 - 20:19 Uhr

Nein, du bist nicht kaltherzig, du bist aber auch nicht realistischer als andere.
Das ist halt einfach das, was du fühlst, und andere fühlen etwas anderes. Und das ist beides völlig in Ordnung.
Ich hatte eine FG in der 8 Woche, nachdem man schon das Herz hat schlagen sehen und eine Welt brach zusammen. Bin dann aber sofort wieder schwanger geworden, habe eine gesunde Tochter bekommen und gut war es. Danach hatte ich wieder eine Fehlgeburt und ich war einfach nur genervt, weil ich Zeit verloren hatte. Dieses ganze "Kerzenaufstellen" und so ist auch nicht meins. Ich wusste auch nie, wann der ET der FGs gewesen wäre, warum auch?
Meine bester Freundin hatte Anfang des Jahres ein Windei und sie hat auch nur gesagt: Weiter gehts.
Menschen sind sehr unterschiedlich und das ist in Ordnung so.
Jeder wie er möchte, kann und will.
Alles Liebe und Gute für dich #klee von Nina, die jetzt mal schnell wieder ins Schwangerschaftsforum düst

Beitrag von froehlich 24.06.10 - 23:43 Uhr

Liebes Huhn :-)

Ich gratuliere Dir (ehrlich!) zu Deiner (wie ich finde: gesunden!!) Einstellung. Nein, Du bist nicht kaltherzig - Du gehst einfach nur anders als die Sache ran als viele Frauen hier im Forum! Und ich oute mich jetzt mal als jemand, der dasselbe wie Dir passiert ist und die auch nicht ewig getrauert hat, geschweige denn heute noch von ihrem Sternchen im Himmel spricht (ich fand diese Idee noch nie besonders hilfreich, akzeptiere aber natürlich, daß es für andere so ist). Ich war in absolut derselben Situation wie Du: erstes Kind 5 Jahre alt, zweites Kind unterwegs, AS in der 12. Woche (die Schwangerschaft hatte sich aber offenbar vorher schon nicht weiterentwickelt). Natürlich war ich traurig, aber nach der OP habe ich mich relativ schnell wieder erholt. Ich habe die nicht intakte Schwangerschaft einfach als Pech empfunden - bin dann ein paar Monate später wieder schwanger geworden und habe heute (Gott sei Dank!) ein weiteres gesundes Kind (war in dieser Schwangerschaft dann allerdings doch wesentlich ängstlicher als in der ersten, da haben mich gewisse Dinge dann sicherlich eingeholt). An meine zweite Schwangerschaft denke ich praktisch nicht mehr. Ich überlege auch nicht ständig hin und her, wie mein Kind hätte sein können - aus irgendeinem Grunde konnte es sich eben nicht wirklich entwickeln - ein Windei ist ja auch kein Kind, bei aller Phantasie.......
Natürlich hängt meine "Lockerheit" auch mit der Tatsache zusammen, daß die Schwangerschaft in einem sehr frühen Stadium fehlschlug (so wie bei Dir). Zu einem späteren Zeitpunkt hätte mich das Ganze logischerweise ganz anders mitgenommen. Mir kommen ja immer die Tränen, wenn ich hier Schicksale von Frauen lese, die ihre Kleinen gegen Ende der Schwangerschaft oder gar kurz vor oder während der Geburt verlieren. DAS ist für mich wirklich eine andere Baustelle!!! Aber so früh?! Ist was anderes für mich.
Ich stelle auch oft fest, daß ich eine wesentlich pragmatischere Einstellung mitbringe, als viele Frauen, die hier schreiben: vielleicht auch deswegen, weil ich als Entwicklungshelferin über Jahre viel schlimmere Dinge gesehen habe als frühe Aborte (die nun mal einfach sehr häufig vorkommen) - da relativiert sich dann doch vieles. Also: atme tief durch, sei froh, daß es Dir gut geht, Du bist in Ordnung so wie Du bist - und viel Glück weiterhin!

Beitrag von froehlich 24.06.10 - 23:48 Uhr

....ach so, und: NEIN - ich glaube überhaupt nicht, daß Du was verdrängst und daß da noch was nachkommt....schon gar nicht am Entbindungstag!!!!! ;-)....ich habe auch NIE mein verlorenes Baby gesehen, weder während meiner Schwangerschaft mit meinem zweiten Kind noch während der Entbindung noch nachher und ich tu's auch heute nicht.....ET habe ich sofort wieder vergessen, warum sollte ich mir den auch merken?! Nein, Du: hab keine Angst! Alles o.k.!

LG

Beitrag von golm1512 25.06.10 - 09:03 Uhr

Hallo!

Ich finde deine Reaktion nicht unnormal.
Ich hatte im Januar 05 eine Fehlgeburt in der 8. Woche, nachdem aber von Anfang an irgendwie der Wurm drin war und ich das schon geahnt hatte. Damals hatte ich schon einen zweijährigen Sohn und wusste ja, dass ich grundsätzlich Kinder bekommen kann.

Ich finde, man darf da auch mal realistisch sein: Es ist schon ein großes Wunder, dass es sooo oft gut geht mit einer Schwangerschaft. Gerade in den ersten wochen passiert doch so viel. Ich finde es überhaupt nicht seltsam, dass da auch mal was schief gehen kann. Mich hat es dann eben auch einmal getroffen.

Ich war damals ein bisschen traurig, weil ich ja nun gern noch ein Kind gehabt hätte und schwanger sein wollte. Ich habe aber nicht dieses verlorene "Kind" vermisst, denn das war ja offenbar nicht lebensfähig.
Nach acht Wochen war ich dann wieder schwanger und habe nach einer unauffälligen Schwangerschaft eine lockere Hausgeburt hingelegt und noch einen gesunden Sohn bekommen.

Ich denke nur noch selten an diese FG. Nicht , weil ich es verdränge, sondern weil es mich nicht sonderlich geprägt hat. Ich finde das nicht seltsam.

Gruß
susanne

Beitrag von froehlich 25.06.10 - 15:26 Uhr

Und ich finde es SEHR gut, daß man nun auch mal solche Reaktionen hier im Forum liest.....ich finde ja immer, man muß für sich selbst auch manchmal die Perspektive gerade rücken...... . Danke!

Beitrag von juliet76 25.06.10 - 17:32 Uhr

Hallo,

natürlich ist es gut wenn man weiterhin optimistisch bleibt. Aber man muß sich auch jedes Schicksal mal näher betrachten und dann wird man auch besser verstehen, warum die ein oder andere länger trauert.

-Manch eine hat lange Kinderwunsch und wird mal grade durch künstliche Befruchtung, oder IUI, IVC keine Ahnung was es da noch gibt schwanger und erleidet eine Fehlgeburt. Ja nun schwindet ihre Hoffnung und die Trauer übrsteigt. Jedenfalls wird sie natürlich intensiver trauern als du.
- Oder eine Spätgebärende, die gegen ihre tickende Zeituhr rennt, die ein durchorganisiertes Leben geführt hat, Karriere, dann Partner des Lebens gefunden nun Wunschkindplanung und dann FG. Ja, das wär dann auch ein tiefer Schlag.
- die Patchworkfamilie -Mann oder Frau hat schon ein Kind und der andere Partner wünscht sich sehnlichst auch eins um die Familienbande näher zurücken.
- oder eine junge Frau liebt ihren Partner sehr und möchte gerne von diesem Mann ein Kind und was passiert sie erleidet eine ELSS FG und dadurch ist ihre Fruchtbarkeit noch eingeschränkt. Ja wie wird sie sich fühlen, Selbstzweifel und Verlustängste.

Ich könnte noch weiter machen mit meinen Beispielen, aber ich möchte nun klar machen das jedes Schicksal anders ist und du bist nicht kaltherzig, aber du hast noch die Option gehabt, das es wieder klappen kann ohne jegliches Risiko, deswegen war deine Verlustangst nicht so stark ausgeprägt.

Bye

Beitrag von huhn1 25.06.10 - 19:59 Uhr

Vielen lieben Dank an euch alle. Es beruhigt mich, dass ich nicht allein dastehe.

Ich denke, es ist schon ein Unterschied, bei jeder. Aber es ist schön zu wissen, dass ich mit meinen Gefühlen nicht allein dastehe - ich will aber natürlich alle anderen nicht vor den Kopf stoßen. Jede empfindet es anders, und ich habe hier viele gelesen, die sehr mit der Trauer kämpfen, daher hab ich mich beunruhigt und gedacht, irgendwas stimmt mit mir nicht.

Liebe Grüße an euch alle und auf dass wir alle bald ein gesundes Kind in den Armen halten dürfen.#liebdrueck

Beitrag von froehlich 25.06.10 - 21:08 Uhr

Das wirst Du! Viel Glück!#klee#klee#klee