Wie mit depressiver Freundin umgehen?

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Forum: Partnerschaft

Eine dauerhafte Partnerschaft ist eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Lust und Frust liegen da oft nah beieinander. Hier könnt ihr offen ausdrücken, was euch innerlich bewegt.

Beitrag von besorgte 29.06.10 - 14:51 Uhr

Hallo zusammen,

es geht um eine gute Freundin von mir. Wir sind circa 10 Jahre schon sehr gut befreundet. Sie hatte schon immer Probleme mit sich bzw. war fast die ganze Zeit, wo ich sie kenne, in Behandlung bei einem Psychotherapeuten.
Sie hat ein sehr starkes Bedürfnis nach Vertrauen, menschlichen Eckpfeilern in ihrem Leben und noch so ein paar Nebenbaustellen.
Die letzten 2-3 Jahre fand ich wirklich, dass es sehr aufwärts geht bei ihr. Sie stabilisierte sich in einer Beziehung, blühte wieder auf, hatte Pläne mit dem Mann (Heirat, Kinder etc.).
Jetzt ist die Beziehung zerbrochen, aus Gründen, die jetzt hier zu lang wären, um sie aufzuzählen. Beide haben dazu beigetragen. Sie ist aufgrund eines Fehlverhaltens von ihm (kein Betrug, aber eine ziemlich fette Lüge) "ausgerastet", hat ihm -in alte Schema zurückfallend- wochenlang das Leben zur Hölle gemacht, bis er sagte: Geht nicht mehr, so will ich nicht leben und die Beziehung beendet hat.
Jetzt ist sie am Boden zerstört und um Jahre zurück geworfen. Sie hatte erwartet, dass er um sie kämpft, um ihr Vertrauen wieder herzustellen. Er hat aus verschiedenen Gründen, über die ich gar nicht urteilen und die ich zum Teil auch verstehen kann, entschieden, den "leichteren" Weg der Trennung zu gehen.
Sie ist jetzt hochgradig depressiv dadurch (biologische Uhr tickt). Denkt wieder, nie einem Menschen vollständig vertrauen zu können. Hinzu kommen Probleme, dass sie eigentlich keine Möbel hat, noch ein paar Schulden aus dem Studium etc.pp.
Nun läßt sie sich total hängen. Vernachlässigt ihren Job, der nur befristet ist (verlängert würde, wenn sie da wäre), läßt sich Psychopharmaka verschreiben, ist an der Grenze zur Selbstmordgefährdung.

Und ich muß ehrlich sagen, ich bin damit überfordert.
Anfangs, als die Beziehung noch bestand, habe ich sie schon gewarnt, dass sie zu weit geht. Dass ich fürchte, sie macht einen Fehler, den sie bereuen wird etc.pp.
Das tut sie jetzt.
Habe ihr angeboten, dass sie erstmal länger bei mir wohnen kann (habe ausreichend Räumlichkeiten), um (auch finanziell) wieder auf die Beine zu kommen.
Weil ich um ihre Art, jemanden voll für sich zu vereinnahmen weiß, habe ich ihr aber auch klar gesagt, dass ich, wenn sie hier lebt, auch noch MEIN Leben leben will und nicht tagein tagaus immer wieder ihre Probleme durchgehen. War das jetzt egoistisch?
Ich habe schließlich auch einen Job, Hobbys, Freunde, Verpflichtungen, es steht nicht einfach alles still wegen ihr.
Sie will mal kommen, dann wieder nicht (zu weit zur Arbeit, die sie wohl bald sowieso nicht mehr hat), dann will sie in eine Tagesklinik.

Ehrlich, ich weiß inzwischen nicht mehr, was ich ihr sagen soll.
Ich bin nun auch ein ganz anderer Typ Mensch. Ich halte nichts von Psycho-Docs, denke jeder muß mit sich selbst klar kommen (von echten Traumata wie Vergewaltigungen etc. mal abgesehen), will nicht ständig das Unrecht der Welt zu Tode analysieren und glaube auch nicht, dass man es ändern kann.
Was soll ich ihr noch sagen?
Gibts überhaupt etwas, das ich tun kann, um ihr da raus zu helfen??

Beitrag von xbienchenx 29.06.10 - 15:16 Uhr

Du bietest mehr als genug Hilfe an. Ich denke nicht das du da noch mehr tun kannst. Du bist für sie da, das ist okay. Aber aufopfern und mich selbst vernachlässigen würde ich nicht.

Beitrag von witch71 29.06.10 - 15:21 Uhr

Da Du nicht ihre Psycho-Tante sein willst, wäre es doch eigentlich genau dann richtig, von Psycho-Docs etwas zu halten, oder? Deren Beruf(ung) ist ja genau das, was Du nicht tun willst - ein offenes Ohr zu haben und sich jedes noch so verrückte Unrecht anzuhören und dazu eventuell auch Stellung zu nehmen.

Es ist auch gar nicht falsch, ihr zu sagen, dass Du sie zwar unterstützen wirst, so weit es möglich ist, dass Du aber keine Therapiearbeit leisten kannst. Das darf sie nicht beleidigen - kann aber bei einem depressiven Menschen durchaus wie eine Zurückweisung wirken.

Die Tagesklinik hört sich super an. Sie bietet ein Ziel, die Verpflichtung täglich anzutreten und auf jeden Fall fundierte Hilfe. Sprich das nochmal mit ihr durch, informier Dich vielleicht selbst mal über die Arbeit dort und wenn sie nochmal meint, dort wäre sie gut aufgehoben dann rate ihr zu.

Beitrag von besorgte 29.06.10 - 15:39 Uhr

Sie war vor ein paar Jahren schonmal in einer Tagesklinik. Ich fand damals nicht, dass das wirklich etwas gebracht hätte.
Aber vielleicht ist das zu rational von mir betrachtet. Ich habe halt mehr Angst um ihren Job und dass ihr jetzt noch der letzte Pfeiler wegbricht.

Beitrag von witch71 29.06.10 - 15:48 Uhr

Für einen depressiven Menschen ist es äusserst schwierig, einem geregelten Job nachzugehen. Das liegt schon daran, dass man unter Depressionen echt krasse Schlafprobleme hat, beispielsweise sehr lange wach liegt oder mitten in der Nacht aufwacht und grübelt/weint statt zu schlafen. Oft lassen sich diese Menschen auch nicht krank schreiben, sondern melden sich einfach häufig tageweise ab.
Lässt sich schlecht nachvollziehen, wenn man das nie hatte. Kennst Du selbst vielleicht von früher noch ganz schlimmen Liebeskummer? So in etwa fühlt sich das an, einfach nur todtraurig und alles ist einem irgendwie egal.

Sollte sie eben ihren Job verlieren, dann wäre die Tagesklinik dahingehend wenigstens noch ein Zielpunkt. Was hat sie denn sonst noch, wo sie sich täglich hinorientieren müsste? Arbeitslosigkeit verstärkt Depressionen leider nur noch mehr, denn man hat ja dann noch nichtmal eine Aufgabe, für die man wenigstens ein paar Stunden am Tag ein freundliches Gesicht machen muss. Überspitzt gesagt.

Beitrag von seelenspiegel 29.06.10 - 17:47 Uhr

Um ihr in den Allerwertesten zu treten ist sie im Moment zu labil, und das was Du als Freundin angeboten hast, ist schon mehr als viele andere gemacht hätten.

Insofern bist Du leider an der Grenze der Dinge angelangt, die Du selbst machen kannst, der Rest liegt bei ihr, und da sie da alleine überfordert sein dürfte, ist die Idee mit der Tagesklink nicht die schlechteste.

<<<Weil ich um ihre Art, jemanden voll für sich zu vereinnahmen weiß, habe ich ihr aber auch klar gesagt, dass ich, wenn sie hier lebt, auch noch MEIN Leben leben will und nicht tagein tagaus immer wieder ihre Probleme durchgehen. War das jetzt egoistisch? >>>

Nein....klare Grenzen zu setzen und im Voraus schon versuchen zu erwartende Problempunkte "abzupolstern" ist absolut klasse !! An Deiner Stelle würde ich versuchen, da evtl. bei der Klinik zu vermitteln, und anfänglich die Termine für sie auszumachen....oder es ihr zumindest anbieten, sonst kommt sie wahrscheinlich nicht in die Pötte.

<<<Gibts überhaupt etwas, das ich tun kann, um ihr da raus zu helfen??>>>

Das wird nicht einfach werden, da Du recht viel abbekommen wirst, und wie gut Du damit klarkommst, kann ich leider nicht beurteilen.

Sie muss erst wieder lernen zu wollen, denn im Moment ist erst mal "alles Scheisse", und Vernunft und miteinander reden schlägt da noch nicht wirklich an.

Hilfreich ist am Anfang präsent seint, reden LASSEN und zuhören, und ehrlich zu ihr sein, auch wenn es sicher dann ab und an Tränen geben wird....aber da muss sie durch, denn schönreden hilft nicht.

Wünsche Dir alles Gute

Beitrag von besorgte 29.06.10 - 18:18 Uhr

Danke, hatte schon Sorge, ich wäre da zu hart gewesen.
Aber ich kenne sie. Sie wäre wie eine "Zecke" (mein ich nicht böse), die sich dann irgendwie auf mich als Eckpfeiler stürzt und meine gesamte Energie absaugt. Dem wollte ich vorbeugen. Ich hör mir gerne 'ne Menge an, aber nicht ausschließlich.
Klar kommen tue ich mit all dem schon gut, ich bin ja nicht betroffen, sondern nur Beobachter. Ich bin auch grundsätzlich niemand, der stark mit anderen "mitleidet". Ich verstehe, dass sie traurig sind, aber das Empathie-Gen ist bei mir nicht stark. Auf persönlicher Ebene greift mich das daher nicht an.

"In den Arsch treten" und ihr sagen, sie soll sich mal "zusammen reißen" wäre in der Tat das, was ich jetzt am liebsten täte. Ich weiß, dass das auch nicht hilft, deshalb spare ich es mir. Sie wäre nur noch mehr von ihrer eigenen Unzulänglichkeit überzeugt. Mich macht nur dieses komplette Leiden ohne Anzeichen, einen Fahrplan für die Zukunft aufnehmen zu wollen, irre. Ich wäre anders.
Klar, fällt man erstmal und bedauert sich. Gehört für mich auch zum normalen Prozess, aber ganz, ganz tief drin habe ich dann doch vom ersten Tag an immer irgendwie angefangen zu denken, wie ich denn jetzt meine Zukunft gestalten könnte. Bis ich angefangen habe, zu handeln, konnten dann auch nochmal Wochen ins Land gehen, aber ich wußte, es geht weiter.
Sie weiß gar nichts.

Beitrag von könnte ich sein 29.06.10 - 18:13 Uhr

Hallo

Deine Freundin könnte ich sein. Hab im moment auch sehr schlimm mit Depressionen zu kämpfen :-(

Wie alt ist sie denn?

LG