Zeugnis erste Klasse "übersetzen"

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Beitrag von zoezoe2000 30.09.10 - 12:13 Uhr

Hallo,

die Oma ist aus einem längeren Urlaub zurück und hat nun das Zeugnis meines Sohnes in die Finger gekriegt.
In der ersten Klasse gibt es ja nur einen Bericht aus Textbausteinen.

Jetzt meinte Schwimu, sie könne diese Textbausteine in Noten "übersetzen" (sie war in der Steinzeit Lehrerin) und behauptet, die Formulierung

"er bemühte sich, klar und deutlich zu sprechen" und "er las kurze Texte mit wenigen Fehlern"

wäre mit einer 5 in Deutsch gleichzusetzen. Jetzt bin ich echt verunsichert, denn sooo schlecht hört sich das Zeugnis nicht an, vor allem, wenn man bedenkt, dass vor einem Jahr noch die Sprachheilschule zur Diskussion stand. Auch die Lehrerin hat im Gespräch (das war allerdings vor der Zeugnisausgabe) betont, dass seine Sprache große Fortschritte machen würde.

Ist vielleicht jemand hier, der sich mit diesen Formulierungen auskennt?

Danke!

Beitrag von delfinchen 30.09.10 - 12:16 Uhr

Hallo,

bin zwar keine GS-Lehrerin, aber n bisschen kenne ich mich schon aus.
Im Bereich sprechen würde ich ne 4 sehen, im Bereich Lesen ebenfalls.
Ne 5 dürfte das auf keinen Fall sein, dann würde was dabei stehen von wegen. weisen noch erhebliche Mängel auf ...

LG

Beitrag von knutschka 30.09.10 - 12:20 Uhr

Hallo,

es ist ja so, dass in den Zeugnissen nichts Negatives stehen darf. Aus diesem Grund lesen sich die meisten Zeugnisse auf den ersten Blick nicht schlecht. Wenn es dich interessiert, kannst du das Zeugnis mit Formulierungen von Arbeitszeugnissen abgleichen. Aber auch ich würde sagen, dass es keine sonderlich gute Beurteilung ist und mit einer 4 gleichzusetzen ist. Allerdings hat es seinen guten Grund, dass die Kinder in der 1. Klasse nicht benotet werden. Sie kommen mit derart unterschiedlichen Voraussetzungen in die Schule, dass erstmal eine passable Ausgangsbasis, von der alle profitieren können, erarbeitet werden muss. Dein Sohn hatte anscheinend einmal starke Defizite und ist nun auf einem guten Weg. Deshalb kann er, gemessen an den Fähigkeiten eines durchschnittlichen Kindes (Leistung 2-3) noch immer kleine Defizite ausweisen.

Deine Enttäuschung fasst die wesentliche Kritik an der gängigen Ziffernbenotung zusammen: sie berücksichtigt nicht den individuellen Schülerfortschritt.

Sie es positiv: dein Kind kann die Leistungen der Regelschule erfüllen und hat noch viel Steigerungspotential - vielleicht macht sich das schon auf dem nächsten Zeugnis sichtbar.

LG Berna

Beitrag von tagpfauenauge 30.09.10 - 13:03 Uhr

Hi,

man soll das nicht übersetzen, #nanana das ist aus gutem Grunde so.

Du musst das mal so sehen: Bei Austritt aus dem Kindergarten haben die Kinder unterschiedliche Sprachstände, als Beispiel gesehen. Die werden in der Schule festgestellt, ich wiederholfe festgestellt. Stellen wir einfach mal 6 fiktive Kinder auf:

1. Kind: Sprachstand C
2. Kind: Sprachstand C
3. Kind: Sprachstand D
4. Kind: Sprachstand G
5. Kind: Sprachstand B
6. Kind: Sprachstand C

C ist völlig zeitgemäße Entwicklung. A und B wäre in dem Beispiel dann etwas besser und bei D aufwärts besteht also noch Förderbedarf - das ist ja auf gar keinen Fall etwas Schlimmes! Die sind ja noch sooo klein.

So nun ist ein Jahr rum und es sieht nun so aus:

1. Kind: Sprachstand C
2. Kind: Sprachstand C
3. Kind: Sprachstand C
4. Kind: Sprachstand E
5. Kind: Sprachstand B
6. Kind: Sprachstand B

In Noten wäre das 1. Kind Note 2, 2. =2, 3. = 2, 4. = 4, 5. = 1, 6. = 1.

Aber wenn du genau hinguckst, erkennst du, dass Kind 4 am meisten geleistet, bzw. sich verbessert hat. Und deshalb sollen dort auch (noch) keine Noten stehen.

Dein Kind macht das schon gut - lass dich nicht verunsichern.

vg

Beitrag von sriver 30.09.10 - 13:46 Uhr

Hallo,

die Lehrerin meines Sohnes hatte im letzten Elternabend auf die Formulierungen des ersten Zeugnisses hingewiesen. Sie hat deutlich gesagt, dass man diese NICHT mit den Arbeitszeugnissen vergleichen soll. Eine Notengebung wäre hier noch gar nicht drin.

Außerdem hat sie deutlich gemacht, dass Formulierungen wie " er hat sich bemüht" positiv gemeint sind, sie honoriert auch, dass sich der Schüler angestrengt hat, obwohl es ihm vielleicht nicht leicht gefallen ist. Das wäre immer ein Pluspunkt.

LG Sriver

Beitrag von zoezoe2000 30.09.10 - 14:29 Uhr

Hallo nochmal,

vielen Dank für Eure Antworten.
Ich habe mal das Zeugnis meiner Großen rausgekramt- da steht kein einziges Mal was von "bemühen", sondern "liest ungeübte Texte sicher" und "lernt stets eifrig".

Mich frustriert das nur, weil ich sehe, dass die Große sich nie viel Mühe geben musste. Ihr fliegt alles zu. Der Kleine strampelt sich wirklich ab, wir üben jeden Tag, vergesse ich es, erinnert er mich daran, weil er selbst unbedingt besser werden will.

Er strengt sich viel mehr an als manche andere Kinder, das zeigt sich aber im Zeugnis nicht. Und das finde ich schade. Aber das ist nun mal die Crux unseres Schulsystems...

Liebe Grüße!

Beitrag von gismomo 01.10.10 - 21:24 Uhr

Ich kann dich wirklich sehr gut verstehen!!!

Du hast absolut recht mit deiner Aussage. Ich bin Lehrerin und ich habe ab und an Schüler, die sich wirklich bemühen, denen aber nichts zufliegt und die sich einfach sehr schwer tun mit dem Lernen. Ich kann da nicht so abgebrüht sein, mir tun die Kinder jedes Mal leid, weil sie immer wieder frustriert werden. Ich bemühe mich natürlich, ihnen etwas Aufmunterndes zu sagen, aber ich müsste das viel häufiger tun (und das geht zeitlich und organisatorisch nicht), und außerdem ist unser Schulsystem nicht darauf ausgelegt - ich kann mich noch so sehr bemühen, etwas Positives zu sagen, die Noten sprechen eine andere Sprache, und die Kinder wissen sehr genau dass eine Vier immer noch keine gute Note ist, egal ob das nun schon besser ist als eine Fünf oder nicht.

Mir tun diese Kinder wirklich leid, und ganz ehrlich -wenn ich dann andere sehe, die mit ein bisschen Lerneifer auch aufs Gymnasium hätten gehen können und eben zu uns auf die Realschule gehen, weil sie dann nichts für die Schule tun müssen und auch ohne Lernen einigermaßen gut durchkommen und ein "lockeres Leben" haben - tja, dann merke ich deutlich, dass unser Schulsystem mit Gerechtigkeit nichts zu tun hat. Das Leben nun mal leider auch nicht, aber dass schon Kinder diese Erfahrung machen müssen, tut weh und ich wünschte, es wäre nicht so, sondern es würde die individuelle Anstrengung mehr belohnt werden.

Meine Kinder sind auch ein bisschen so wie deine - meinem ältesten Sohn fliegt alles zu, er hat einfach ein fotografisches Gedächtnis, während mein kleiner Sohn sich ohne Ende bemüht und sich verbessern will, aber es fällt ihm alles viel schwerer. Er setzt sich dann selber unter Druck und übt bis er fast nicht mehr kann, weil er es recht machen will. Mir kommen manchmal fast die Tränen, wenn ich das sehe. Manchmal denke ich aber auch, auf lange Sicht gesehen wird er es vielleicht mal einfacher haben als mein ältester Sohn - er lernt nämlich jetzt schon, dass es darauf ankommt, nicht aufzugeben und sich selber etwas abzuverlangen. Wenn die Schulzeit überstanden ist, wird er es im Berufsleben in dieser Hinsicht sicher mal leichter haben als mein Ältester. Sind nur so meine Gedanken, aber ich denke, zumindest ein kleines Körnchen Wahrheit steckt drin...

lg
K.

Beitrag von lena10 30.09.10 - 15:20 Uhr

Hallo!

Ich bin Grundschullehrerin und ICH schreibe keine Arbeitszeugnisse!

Das, was ich schreibe, ist genau so gemeint, wie es da steht. Wenn ich schreibe "Er bemüht sich.....", dann hat er sich bemüht - nicht mehr und nicht weniger - Punkt!

Allerdings sage ich den Eltern auch grundsätzlich immer, dass sie nicht versuchen sollen, irgendetwas zwischen den Zeilen zu lesen und schonmal überhaupt nicht, eine Note in das Geschriebene zu interpretieren.
Wenn wir Noten geben wollten, würden wir das tun!

Gruß, Lena

Beitrag von luka22 30.09.10 - 21:38 Uhr

Als Mutter würde ich da überhaupt keine Noten sehen, sondern es so lesen wie es da steht. Und angesichts der Tatsache, dass er fast nicht in die REgelschule eingeschult worden wäre, hört es sich doch super an!

Grüße
Luka

Beitrag von cassidy 30.09.10 - 22:18 Uhr

Hi,

"er bemühte sich,..." bedeutet "er versucht es, aber es gelingt ihm nicht (100%)" und "er las kurze Texte" sagt aus, das "er (selbst) in kurzen Texten Fehler macht".

Das klingt hart und in einem Arbeitszeugnis wäre das echt mies! (So mies das man es anfechten könnte)

Aber es handelt sich ja um ein GS-Zeugnis und wie ich heraus gelesen habe, scheint dein Kind Probleme mit dem Sprechen zu haben und dieses ist bekannt und wird somit sicher besonders gehandelt. Von daher würde ich ich das Zeugnis nicht negativ werten. Bespreche dich doch mal mit der Lehrerin.

Und zur Schwimu: Sorry, aber die wissen doch meist immer alles besser!

Mach dich nicht verrückt!

Liebe Grüße,

cassidy

Beitrag von joulins 01.10.10 - 11:03 Uhr

Hallo Zoe,

ich würde mit dem Zeugnis zur Lehrerin gehen, und sie bitten, mal Klartext zu reden. Ich könnte mit diesen Formulierungen auch nichts anfangen, und ehe man sich mit Interpretationen verrückt macht, sollte man besser nachfragen.

In unserer Schule gibt es ab der ersten Klasse Zensuren, und ich bin sehr froh drüber - nicht nur, weil damit die Sachlage eindeutig klargestellt ist, sondern weil das Kind mit seinem Zeugnis ein (für ihn verständliches) echtes Erfolgserlebnis hat! Was können Kinder schon mit diesen Wischiwaschi-Formulierungen anfangen?

Frag nach! Im Interesse deines Kindes, dann weißt du, wo die Schwächen liegen, und wo ihr üben müsst.

Alles Gute!
Joulins