Viertklässler & Schulhofprügelei

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Forum: Kids & Schule

Kleine Kinder, kleine Sorgen - große Kinder, große Sorgen? Schulschwierigkeiten oder anstrengender Streit ums Aufräumen: Lest und diskutiert mit. Und da die Vorbereitung der Einschulung ansteht: Hier begleitet urbia-TV Vater und Tochter beim Schulranzenkauf.

Beitrag von lucky00 08.10.10 - 10:39 Uhr

Hallo zusammen,

mein Sohn (gerade 10 geworden) hat sich heute auf dem Schulhof geprügelt - er hat sogar getreten als das andere Kind auf dem Boden lag?!?!?

Er ist aufmüpfig...diskussionsfreudig und nicht immer leicht in der Spur zu halten.
Allerdings ist er bisher nicht durch aggressives Verhalten gegenüber anderen Kids aufgefallen. Außer normale Rangeleien...

Wie würdet Ihr denn reagieren?
Wir reden öfter über solche Themen und meine Meinung ist von jeher gewesen, dass ich sich wehren soll aber nicht in Form von Schlägen etc. Wegschubsen...ok aber ansonsten raus aus d. Situation oder Aufsichtsperson zu Hilfe holen.

Ich bin echt geschockt - auf jemanden eintreten, der am Boden liegt geht überhaupt nicht.
Was würdet Ihr tun???

LG,

lucky00

Beitrag von jazzbassist 08.10.10 - 12:02 Uhr

Also rein gefühlsmäßig klingt das Wort "Prügelei" bei Kindern in diesem Alter immer wesentlich dramatischer, als es letzten Endes war. Ich denke, wir Erwachsenen denken da sofort an Jugendliche - die in U-Bahn Stationen Renter halb tot treten; bei Kindern ist das eher mangelnde Artikulationsfährigkeit und Problemlösungskompetenz. Da fängt das mit einer Kleinigkeit an, dann beleidigt man sich, dann schuppst man sich gegenseitig weg und - ehe man sich versieht - springen die sich an die Gurgel (würden sich dabei ab er nicht ernsthaft verletzen); weil die es halt anders oftmals noch nicht können, sondern erst erlernen müssen (wie alles in Leben).

Von daher würde ich meinem Sohn erstmal fragen, was eigentlich wirklich vorgefallen ist und, vor allem auch, warum das überhaupt vorgefallen ist. Und - wie er selbst das, was vorgefallen ist, bewertet. Fand er das in Ordnung; fand er das nicht in Ordnung; wie fand er die Reaktion des Anderen Kindes; wie seine Eigene? Hätte er es doch anders lösen können? Hätte man das - als gerade-10-gewordener überhaupt anders lösen können? Klar klingt die mütterliche Ansicht "Raus aus der Situation oder eine Aufsichtsperson zu Hilfe holen" (ist auch Meine [wohlgemerkt]) total verknüpftig. Dafür müssen in dieser Situation aber auch alle beteiligten Kinder halbwegs vernümpftig sein; wenn eins dabei ist, dass einfach weiter macht, kann man die Situation schlecht verlassen - das dieses Kind halt gerade auf einen drauf sitzt und einem maltretiert. Bei Kindern sind das Situationen, die erst dann aufhören, wenn ein Kind lautstark weint, oder, ein Erwachsener dazwischengeht. Da Kinder mit der Ausschüttung von Adrenalin in so einer Situation noch völlig überfordert sind.

Wissen Sie denn, was die Schule mit den beiden Streithähnen gemacht hat? In der Schule meines Sohnes wäre das im Regelfall gewesen, dass die sich wieder hätten entschuldigen müssen, und, dann wären die zusammen bestraft worden. Irgendwas, was die "zusammen" machen können - z.B. Hofdienst o.ä. Das schweißt oftmals zusammen. Damit wäre für mich als Vater der Vorfall dann aber auch erleidigt - und - würde mit meinem Sohn einfach nur noch über die Situation reden; denn ich bin mir eigentlich sehr sicher, dass Er sehr genau weiß, wie Ich mit so eine "Wunsch-Konflikt-Lösung" eines Streits vorstelle. Und - dann würde ich mir einfach anschauen, wie sich das entwickelt. Ich müsste ihn dafür kein 2. Mal bestrafen, wenn er mir verspricht, dass er versucht, es das nächste Mal besser hinzubekommen.

Wenn die beiden Streithähne schon immer Streithähne waren, würde ich - zumindest in der Grundschule - die Eltern des anderen Kindes (und das Kind selbst) einfach mal am Wochenende zu Kaffee und Kuchen einladen - und die Kids (mehr oder minder) dazu nötigen, dass die mal einen Nachmittag zusammen spielen müssen. Wer weiß - wie sich das entwickelt. Mein Sohn hat seinen (seit 6 Jahren) besten Freund dadurch kennengelernt, dass dieser ihm im Sandkasten mit einer Plastikschüppe die Lippe blutig geschlagen hat. Meine Frau kannte die Mutter des anderen Kindes, so hatten wir uns zum Wochenende mal mit den Familien verabredet, und, irgendwann saßen die Kids im Garten gegenüber und grimmten sich an, dann spielten die alleine, dann spielten die plötzlich zusammen und, irgendwann verschwanden die ins Haus im Kinderzimmer. Am Mittag noch hatte sich meiner mit Händen und Füßen gewehrt, dass wir überhaupt dahin gehen; am Abend hatte er sich mit Händen und Füßen gewehrt, dass wir wieder nach Hause gehen. So kann's manchmal gehen - wie im Märchen :-p

Beitrag von lucky00 08.10.10 - 12:28 Uhr

Hallo Jazzbassist und lieben Dank für Deine Antwort!

Jetzt weiß ich auch wie es losging - diese Situation in der Schule.

Sie haben sich wohl beschimpft (können sich ohnehin nicht allzu gut leiden). Der andere Junge hat meinem Sohn arg auf die Nase gehauen (die ist jetzt supergeschwollen und blitzeblau) und daraufhin ist mein Sohn ausgeflippt und hat dem anderen Kind - als es schon auf dem Boden lag mit voller Wucht in die Rippen getreten, dass er eine Zeit lang garkeine Luft bekam.

Klar - aus kindlicher Sicht nachvollziehbar - denn mit Worten kommt man da leider noch nicht weit.

Reaktion der Lehrer war folgende:
mein Sohn hat nen Riesenanpfiff kassiert (er ist ohnehin aufmüpfig - fordernd und nicht einfach für die Lehrer ... den Stempel hat er leider) und für die Lehrer ist es völlig irrelevant WER angefangen hat - Fakt sei für sie, dass mein Sohn völlig überzogen und total unangemessen reagiert hat.
Er wird jetzt als hochgradig aggressiv eingestuft und sein Stempel wird wohl noch größer.
Klar ist er nicht einfach - er ist nicht die Norm... aber er ist dennoch ein prima Kerl. Man kann halt nicht jedes Kind gleich behandeln - was aber bei der Masse an Kindern in den Klassen leider doch so passiert.
Insofern eilt ihm sein Ruf voraus und sobald was ist wird nicht lange überlegt - dann ist klar, wer "Schuld" hat.

Ich bin mir halt unsicher wie ich reagieren werde.
Er weiß genau was ich mir wünsche wie er reagieren sollte in einer solchen Situation.
Er streitet leider grundsätzlich jegliche Schuld ab und ist felsenfest davon überzeugt üüüüüüberhaupt nichts dafür zu können auch wenn es sich um andere Dinge handelt.

Aber jetzt bin ich echt am Grübeln - es wird leider eine Gratwanderung.
ICH weiß wie er ist weil ich ihn halt auch anders kenne... die Lehrer merken sich leider nur die negativen Situationen.

Och menno :-(

Beitrag von leiahenny 08.10.10 - 13:21 Uhr

Na dann sind die Kids ja quit ;-).
Würde aber falls die Lehrerin dich ansprciht ganz klar mal nachfragen:
a) ob die Aktion des anderen Kindes bestraft wurde ?
b) Und ob die Nase deines Sohnes auch "ihrem Schutz untersteht"

Äh ,wie wünscht Du Dir denn, dass er sich verhält ?
Nachtreten war sicher nicht okay - aber zurückschlagen - find ich nun nicht so problematisch, oder ?

Beitrag von lucky00 08.10.10 - 13:59 Uhr

In der Theorie wäre die "Flucht" wohl das Beste - zumindest wenn man die Konsequenzen denkt für ihn.... reden bringt da nix. Und mein Gott - wenn mir einer eine reindonnern würde - Gott weiß was ich da machen würde.

Ok wo Du mich so fragst.... nein treten wenn jemand schon am Boden liegt - tabu! Aber ansonsten.... ok ...ja Du hast recht! Danke!

Beitrag von jazzbassist 08.10.10 - 13:39 Uhr

Also das mit den Lehrern würde ich einem Kind einfach erklären; mit dem Hintergrund, da er ja nächstes Jahr auf die weiterführende Schule wechselt und dort wirklich wieder neu anfangen kann. Und ein dann ja dann (fast) schon 11-Jähriger hat dort durchaus die Möglichkeit, diese Chance zu nutzen (wenn er weiß, dass das eine Chance ist).

Mir persönlich war es aber eigentlich immer egal, wer angefangen hat; denn, eigentlich gibt es nie einen, der angefangen hat. Das fängt mit einem falschen Tag an (1. Angefangener); dann blickt man sich im falschen Moment an (2. Angefangener); dann zieht man eine Grimasse (3. Angefangener); dann provoziert man (4. Angefangener); dann kämpft man mit Worten (5. Angefangener); dann schuppst man sich (6. Angefangener), und, dieser Übergang von Schuppsen zu handgreiflich werden ist dann eher fließend. Und - irgendwann gehen dann die Lichter aus, und, die Erwachen erst wieder, wenn ein Erwachsener kommt und die auseinander reißt. Dazwischen ist eher Blaupause.

Aber - meiner war auch immer unschuldig :-p; die Kinder wissen selbst nicht, wer Angefangen hat, weil die Kette (wie oben aufgezeigt) gigantisch lang sein kann; jeder weiß zwar, wo der "Andere" angefangen hat; aber, sieht halt nicht, welches Verhalten dazu beigetragen hat, dass er "für den Anderen" angefangen hat. Das unterscheidet sich dann auch eher von jugendlichen - wo es oftmals nur noch um Mobbing geht (wo man also ganz genau sagen kann, wer angefangen ist).

Was ich aus dieser Situation mitnehmen würde, wäre, dass ich mal gucken würde, ob dieses Kind nicht interesse an einer Kampfsportart oder einem Selbstverteidigungskurs hat. Das klingt zwar eher so, wie einem Kind, dass gerne mit Dynamit spielt, ein Feuerzeug in die Hand zu geben, aber, bei Kindern hat das einen komplett gegenteiligen Effekt. Die lernen dort nämlich Grenzen der anderen Kinder kennen (also, wo muss Schluss sein). Wo genau die Grenzen sind. Die lernen dort Distziplin und auch Selbstbeherrschung. Die lernen, mit solchen Situationen umzugehen (und nicht nur das Kämpfen). Und - da Kinder dort - natürlich - auch gegeneinder Kämpfen (wenn auch unter klaren Regeln) - gibt es dort natürlich immer mal wieder Situationen, wo Kinder sich - wenn auch unabsichtlich - verletzen. Und - dabei lernt man dann auch - eben nicht "auszuticken". Zumal hier so ein normaler Jugendtrainer Kids in diesem Alter eigentlich ziemlich genau kennt und mit denen gut umgehen kann. Was Eltern oder Lehrer eben - was solche Situationen angeht - nur bedingt gut können.

Denn - so ganz von alleine - nur durch reden oder bestrafen - wäre es mir ehrlich gesagt zu riskant, dass beim nächsten mal genau so eine Situationen sich genau wieder so entwickelt; wenn ich selbst eher das Gefühl hätte, dass mein Sohn dort noch seine Schwierigkeiten hat. Dem kann man aber - wie oben z.B. beschrieben - sehr gut entgegenwirken. Und - den meisten Kindern macht das sogar noch ungemeinen Spass.

Beitrag von lucky00 08.10.10 - 14:04 Uhr

Hallo Jazzbassist,

ein guter Tip - vielen Dank.

Ich mache mich mal schlau und rede mal mit ihm drüber.

Es gibt sogar Angebot ziemlich bei uns in der Nähe..... stimmt - das ganze lernen zu kontrollieren ist ein super Ansatz.

Vielen Dank!

Lucky00

Beitrag von froehlich 08.10.10 - 17:04 Uhr

Naja, weisste....also so ein Schlag auf die Nase tut schon verdammt weh, uhhhh - da schießen mir ja beim Lesen schon die Tränen in die Augen....; da finde ich's jetzt ehrlich gesagt kein Wunder, daß Dein Sohn überreagiert hat. Klar ist es tabu, auf jemanden, der am Boden liegt zu treten, aber ich wette mit Dir, Deinem Sohn ist da einfach der Gaul durchgegangen vor Schmerz. Will das jetzt nicht entschuldigen - aber wenn er sonst nicht durch gemeine Aggressionen anderen Kindern gegenüber auffällt, würde ich den Vorfall nicht so hoch hängen. Lehrer schießen sich leider manchmal auf bestimmte Kids ein, den "Stempel" wird Dein Sohn wohl eher nicht mehr los, stimmt. Aber wie jazzbassist schon sagt: ab nächstem Jahr werden die Karten neu gemischt.

Beitrag von bambolina 09.10.10 - 15:44 Uhr

Hm, zuerst mal mein Sohn (Sep. 9 Jahre, 4. Klasse) ist auch so ein "Stempel-Kind" - ob er angefangen hat oder nicht, manchmal stand er auch nur daneben - aber er hat zu 99% Schuld oder zumindest Mitschuld.

Er ist zwar kein Prügelkind (war mal eines, zu Schulbeginn) aber er wehrt sich auch, was ich ok finde. Wenn die lieben Kleinen nämlich rausfinden, dass er sich nicht wehren kann, wird er schnell zum Sandsack... Wir haben das schon im Kindergarten erlebt und ich bin froh, dass er soweit in seinem Selbstbewußtsein gestärkt ist, dass er sich nimmer alles gefallen lässt.

So ein Schwinger auf die Nase tut verdammt weh und dass er sich gewehrt hat, fand ich auch ok. Gut, dass er noch nachgetreten hat, als der andere schon am Boden lag ist natürlich nicht so toll und das würde ich ihm auch erklären, bzw. mit ihm reden.
Wenn dass "überreagieren" (wie der Lehrer formuliert hat) nur ein einmaliger Ausrutscher war, würde ich es nicht überbewerten.

lg bambolina

Beitrag von lucky00 11.10.10 - 09:26 Uhr

Vielen Dank Euch für die Antworten!

Ich kann seine impulsive Reaktion mittlerweile nachvollziehen und hab´s abgehakt.

Das mti dem Nachtreten haben wir mal durchgesprochen... er hat gemeint er war so sauer und es hätte so weh getan, dass er ausgeflippt wäre ;-)

Vielen Dank Euch allen - Eure Sichtweisen haben wir wahnsinnig geholfen