Hausgeburt von Annemarie (09.10.2010) - sehr lang

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Herzlichen Glückwunsch zur Geburt! Egal ob spontan, mit Einleitung oder Kaiserschnitt, im Wasser oder in der Hocke - hier sind alle Geburtsberichte willkommen!

Beitrag von elaschnela 16.10.10 - 15:54 Uhr

Die Schwangerschaft mit Annemarie war unkompliziert und schön. Zwar hatte ich vor allem in den letzten Wochen immer wieder mit viel, viel Wasser in Händen und Beinen zu kämpfen, im Großen und Ganzen jedoch fühlte ich mich wohl und durch die Hebammenbetreuung zu Hause sicher und gut aufgehoben. Mein Frauenarzt war von der Idee einer Hausgeburt wenig begeistert und ließ mich das auch mehr als deutlich spüren. B., meine liebe Hebamme machte mir jedoch immer wieder Mut und unsere Entscheidung stand felsenfest: Unser 2. Kind sollte zu Hause zur Welt kommen.

Der 4.10.2010 war der eigentlich errechnete Entbindungstermin für unser Kind. Da mein Zyklus jedoch länger als die „normalen“ 28 Tage dauert, rechneten B. und ich eigentlich nicht damit, dass sich mein Kind an diesem Tag auf den Weg machen würde. Die Tage vergingen mit Wehen an jedem Abend, die mal mehr, mal weniger regelmäßig kamen und sich leicht und dennoch kraftvoll anfühlten. B. kam alle 2 Tage zum Nachschauen, schrieb CTG oder horchte und tastete vorsichtig. Mein Kind lag tief im Becken und war in Startposition für die Geburt.

Insgeheim wartete ich auf das Wochenende, an dem meine Schwester uns besuchen wollte. Sie sollte auch die Betreuung von K. übernehmen. Alles passte irgendwie und vielleicht war das auch der Grund, warum ca. 6 Stunden nach Sisters Ankunft bei uns zu Hause nachts gegen 3:00 Uhr Wehen einsetzten, die ich fast augenblicklich veratmen musste. Sie kamen kräftig und in regelmäßigen Abständen von 10-12 Minuten. Bis zum Morgen gegen 7:00 Uhr verkürzten sich die Abstände auf 9-10 Minuten. Inzwischen mußte ich schon ein wenig mittönen, um die Wehen besser aushalten zu können. Gegen 7:00 Uhr habe ich dann B. angerufen und ihr die Wehen geschildert, sie machte sich gleich auf den Weg und war um 8:00 Uhr bei uns zu Hause – frisch und munter. M. (Schwester) und K. gingen einkaufen und zum Bäcker, J. (mein Mann) deckte drüben in der Küche den Frühstückstisch und B. schaute mir beim Veratmen der Wehen zu. Kurze Zeit darauf kontrollierte sie den Muttermund, der 3-4 cm geöffnet war – die Wehen in der Nacht waren also kräftig genug gewesen.

Ewig dauerte es, ehe M. und K. wieder da waren. Die beiden frühstückten gemütlich mit J. in der Küche. B. und ich kamen dazu - Hunger hatte ich aber keinen, eher wurde mir schlecht. Britta freute sich darüber… „Da geht der Muttermund schön auf, wenn dir schlecht ist!“. Toll! Am Frühstückstisch hatte ich eine kleine Wehenpause von ca. 15 Minuten – nichts, keine Wehe mehr. Doch kurze Zeit darauf setzten sie umso heftiger wieder ein und der Abstand zwischen den Kontraktionen lag plötzlich bei nur noch 3-4 Minuten.

Ein bißchen frische Luft tut gut – auch unter den Wehen. So gingen wir raus in den Garten. Es war ein strahlend sonniger Tag, aber sehr, sehr kalt. Wehe am Gartenzaun veratmen ist auch nicht schlecht. B. massierte meinen Rücken. Noch ein paar Schritte, wieder eine Wehe. .. und noch eine…

Wieder im Haus machte ich es mir mit einem großen Körnerkissen im Rücken in der Stube auf der Couch bequem. Doch schon bald hatte ich den Wunsch, in die Badewanne zu gehen. Dort saß ich sicher 1 h im Wasser und veratmete die Wehen, die sich nun schon über eine längere Zeit hinzogen. Zwischendurch musste ich dringend aufs Klo und schicke erstmal alle raus. Ich hatte Durst – Orangensaft (den ich während der Schwangerschaft literweise getrunken habe) tut sooo gut! K. guckt „Pettersson und Findus“ und wir gucken alle mit. Ich veratme laut die Wehen, aber das stört ihn gar nicht.

Zurück in der Stube sitze ich eine ganze Weile auf der Couch und dem Hocker, bis B. den Vorschlag macht, die Fruchtblase zu öffnen. Ich empfinde dies als sehr, sehr schmerzhaft und es dauert auch eine ganze Weile, da die Haut sehr fest und derb ist. Ab diesem Zeitpunkt geht unter jeder Wehe Fruchtwasser ab, anfangs mehr, später immer weniger. Es fühlt sich komisch an, wenn das Wasser einfach so aus einem herausläuft.

Gegen 14:00 Uhr geht es nicht mehr vor und zurück – die Tränen laufen bei jeder Wehe und noch heute im Nachhinein empfinde ich ein großes Verlassenheitsgefühl, wenn ich an diese Zeitspanne denke. Den Wehen, den Schmerzen, dem Vorgang der Geburt so ausgeliefert zu sein, war sehr, sehr schwer für mich. Trotz der liebevollen Betreuung durch B. und Jörg fühlte ich mich in dieser Phase unglaublich allein und verlassen. B. kontrollierte den Stand des Kopfes – Annemarie war noch nicht tiefer gerutscht, der Muttermund noch nicht vollständig eröffnet. Immer wieder frage ich B. „Wie lange noch?“ Ich habe das Gefühl, es nicht mehr länger aushalten zu können. Ich war verzweifelt, B. jedoch machte den Vorschlag, noch einmal in die Badewanne zu gehen oder etwas zu laufen. Mehr als 3 Meter ohne Wehen konnte ich jedoch nicht mehr gehen und krallte mich auf dem Weg ins Bad am Treppengeländer, J. und den Türrahmen fest. Ich brauchte sicher 5 Minuten, um von der Stube bis ins Bad zu laufen.

B. gibt mit Globuli und eine Spritze mit Buscopan. Ich selbst kann keine Wirkung feststellen… In der Badewanne setzt sich J. hinter mich und gibt mir Halt unter den Wehen. Die Wehen verstärken sich nochmals, machen aber öfters Pausen, um danach umso heftiger zu kommen und ewig anzuhalten. Mein Körper ist nur noch Schmerz, ich zittere unter den Wehen sehr stark, habe einen Krampf im Unterschenkel. Mein Zeitgefühl ist völlig weg. J. erzählt mir später, ich hätte ewig in der Wanne gesessen, das Wasser wäre schon kalt gewesen – ich habe das gar nicht so empfunden. Mir war unheimlich warm und ich empfand die hohe Luftfeuchtigkeit im Bad als sehr unangenehm. Ich sollte mich nun in der Wanne hinknien, um die Schwerkraft besser nutzen zu können, ich bekomme jedoch einen Krampf im Oberschenkel und lasse mich gleich wieder fallen – es geht einfach nicht.

Raus aus der Wanne und auf den Hocker. Dort tun mir jedoch die Beine auch so weh, dass ich mich lieber am Handtuchhalter (der aussieht wie eine Sprossenwand) festhalte. J. hat Angst, ich reiße ihn aus der Wand, dabei halte ich mich nur fest und hänge mich nicht dran. Inzwischen habe ich bei jeder Wehe das Gefühl, mein Po reißt auseinander.

Wehe, in die Knie gehen, schreien, jammern, beten – alles ist eins und ich mittendrin. Ich werde wütend, weil es im Bad so schrecklich warm ist. B. besteht jedoch darauf, die Tür zu zu lassen, schließlich bin ich ganz nackt und im Flur ist es kalt. Irgendwann interessiert es mich nicht mehr, es wird egal, wie warm es ist.

Gegen 17:00 Uhr setzen die Presswehen ein. Es ist eine Urgewalt, die mich mitreißt. Ich kann mich nicht dagegen stellen, es überrollt mich. Ich wechsle ständig zwischen Handtuchhalter und Hocker. Ich zittere am ganzen Körper und habe Angst, dass meine Beine nachgeben. Auf dem Hocker halte ich es aber auch nicht lange aus, da mein Oberschenkel von dem Krampf noch so weh tut…
B. legt immer wieder ihren Finger auf die Stelle, zu der ich hin pressen soll. Es ist gar nicht so einfach, sich darauf zu konzentrieren. Minutenlang dauern die Wehen – so empfinde ich es zumindest. Der Kopf steht am Scheideneingang und rutscht einfach nicht tiefer. B. muss am Damm unterstützen, damit sie nicht immer wieder zurück rutscht.


Zwischendurch immer wieder die gleichen Fragen:
„B., wie lange denn noch?“
„Warum kommt sie nicht?“
„Wie lange noch???“

Die letzten Presswehen sind nur noch eines: Schmerz! Ich schreie, presse, schreie, presse - J. immer hinter mir auf dem kleinen Stuhl, meine Hände fest in seinen. Plötzlich ein einziger großer Schmerz und ein warmes Gefühl zwischen meinen Beinen:

Sie ist da! Mit einer Hand am Kopf und der anderen fest um die Nabelschnur kommt unsere Tochter Annemarie um 18:24 Uhr am 09.10.2010 auf die Welt.

B. legt sie mir rasch in den Arm, verpackt in ein dunkelrotes Handtuch. J. flitzt schnell in die Küche, wo M. und K. grade Nudeln kochen. M. kommt mit K. auf dem Arm ins Bad und weint gleich los. Ich kann immer nur wieder sagen „Ich hab‘s geschafft!“ – „Mein Baby!“ – „Ich hab‘s geschafft!“. Ich halte sie im Arm und schaue vorsichtig nach, ob sie tatsächlich ein Mädchen geworden ist. Die Nabelschnur sieht blau aus und pulsiert. Eine komische Farbe - wie ein Bergsee, türkis und ganz glatt ist diese Schnur, die uns verbunden hat. B. schaut vorsichtig nach, saugt etwas Schleim aus Annemaries Mund ab. Die Nabelschnur pulsiert noch, als ich eigentlich gern aufstehen will vom Hocker. B. jedoch mahnt, auf die Plazenta zu warten. Kurz darauf landet sie mit einem Platsch in dem Eimer, den mir B. unter den Hocker geschoben hat. Wir schauen sie gemeinsam an, sie ist groß und vollkommen intakt, die Fruchtblase hat nur eine ganz kleine Öffnung, wo sich mein wunderbares Kind durchgeschoben hat. Ich gebe Annemarie an J. weiter, weil meine Arme so schwer sind und ich gern aufstehen möchte.

Plötzlich wird mir schlecht, B. muss mich halten und ich rutsche fast vom Hocker. M. bringt schnell aufgelösten Traubenzucker. Ich hatte den ganzen Tag nichts gegessen und bis auf ein Glas Orangensaft und 2 Gläser Wasser auch nichts getrunken. Ich hatte einfach keinen Durst. Das rächt sich nun. Ich liege auf dem Boden im Bad, B. hält meine Beine hoch. Hoch lebe die Fußbodenheizung. Noch ein Glas Traubenzuckerwasser muss her. Kurz darauf fühle ich mich besser, dusche und wasche mir die Haare. B. hat inzwischen das Bett vorbereitet. M. und K. mampfen Nudeln im Esszimmer.

Was für ein herrliches Gefühl, sich in das kühle, frische Bett legen zu können. Ich lege Annemarie zum ersten Mal an und die nuckelt und schluckt, als hätte sie nie etwas anderes getan. Leider bin ich gerissen und B. muss in 2 Schichten einen großen Dammriss nähen. M. hält meine Hand, denn das Nähen tut sehr weh. Eine Hämorride habe ich mir beim Pressen auch geholt.

Während B. Annemarie wiegt und vermisst, sitzt der große Bruder frisch gewaschen im Bett neben mir und beobachtet alles ganz genau. Auch für ihn war es ein langer, aber schöner Tag mit seiner Tante. Annemarie bringt stolze 4200g auf die Waage und ist 55 cm groß. Ihr Kopfumfang beträgt 37cm. J. und M. ziehen Annemarie unter viel Gelächter ihre ersten Anziehsachen an. Das ist schon etwas anderes, als unser großer Junge.

Bald darauf verabschiedet sich B. Sie war 12 Stunden da und ist geschafft. In der Zwischenzeit verschicken wir SMS an ganz viele Menschen, rufen die stolzen Großeltern an und essen etwas. Ich möchte auf die Toilette gehen, schaffe es aber nur bis zum Esstisch. Dann saust und rauscht es in meinen Ohren und ich muss mich hinsetzen. Mirka baut mir aus Konrads Töpfchen und einem Stuhl eine Toilette. So geht es auch. Erst gegen 23:00 Uhr komme ich zur Ruhe und kann etwas schlafen.

Das war also der Geburtsbericht zur Hausgeburt unserer Tochter Annemarie.

Habt vielen Dank fürs Lesen!


LG, Ela

Beitrag von aliciakommt 16.10.10 - 17:04 Uhr

Wunderschön. Danke, dass du das geteilt hast.#herzlich

Ich habe heute Termin und wünsche mir auch von Herzen eine Hausgeburt..

Dir und deiner Familie alles Liebe und Gute von Aliciakommt

Beitrag von latonia 16.10.10 - 19:18 Uhr

Liebe Ela

Danke das du deine Geburt mit uns geteilt hast. WUNDERSCHÖN

LG Iris

Beitrag von matsel 16.10.10 - 19:35 Uhr

...hat mich sehr an die geburt meines ersten kindes erinnert.
alles gute für euch.
lg

Beitrag von babys0609 16.10.10 - 19:39 Uhr

Ich finde deine Entscheidung zur Hausgeburt echt Mutig und ich habe in deinem Bericht richtig mitgefiebert!

Sehr real geschrieben!

Wünsche dir und diener Familie alles liebe und ne tolle kennen lern Zeit !

LG Maria #ei 9.SSW

Beitrag von tekelek 16.10.10 - 20:55 Uhr

Hallo Ela !

Schön geschriebener Bericht ! Er hat mich an meine eigenen zwei Hausgeburten erinnert und schürt jetzt schon die Vorfreude auf die dritte :-)
Obwohl es jedes Mal während der Übergangswehen so ist, daß ich denke, es geht nicht mehr und ich kann nicht mehr (ich habe genau wie Du ständig nachgefragt ;-)), ist es doch ein gewaltiges, wunderschönes Erlebnis, das Lust auf mehr macht ...
Herzlichen Glückwunsch zu Eurer Tochter ! Unser zweites Kind hatte ähnliche Maße, 200 g mehr Gewicht, 1 cm mehr Länge, gleicher Kopfumfang - ich hoffe nun auf ein etwas zarteres Wesen #schein

Liebe Grüße,

Katrin mit Emilia-Sofie (5), Nevio (4), beide zu Hause geboren, und Sohn Nr.2 (28.SSW), der hoffentlich auch hier das Licht der Welt erblicken darf ...

Beitrag von urmele111 17.10.10 - 18:57 Uhr

Herzlichen Glückwunsch.
Ein tolles Datum habt ihr euch ausgesucht. Eure Tocher ist genau 95 Jahre jünger wie mein Opa.

Grüßle
urmele111 mit Rebecca (8) und Patrick (2), leider beide mit KS geboren