Ich komme damit so schlecht zurecht ...

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Forum: Kleinkind

Das Leben mit kleinen Kindern ist wunderschön, nie langweilig aber auch ziemlich anstrengend. Da können Tipps von anderen Müttern oder Vätern viel Erleichterung und Hilfe in den Alltag bringen. Viele Infos rund um Ihr Kleinkind  (z.B. Kinderkrankheiten) findet ihr auch in unserem Magazin.

Beitrag von lilayakima 20.10.10 - 14:52 Uhr

... hallo liebe Ubria- Mamas,

ich muss mir heute mal was vom Herzen schreiben und habe mich für dieses Forum entschieden, da ich hoffe, ihr könnt das am besten nachvollziehen und tröstet mich ein wenig.

Mein Kleiner (16 Monate) geht seit August zu einer ganz netten Tagesmutter, die gleichzeitig auch Pflegemutter ist. Kurz nach uns kam ein Geschwisterpäarchen zu ihr (3 Wochen und ca 2 Jahre alt), das aus einer völlig verwahrlosten Umgebung herausgeholt wurde. Sie betreut die beiden jetzt bis eine geeignete Pflegefamilie gefunden wird. Ich komme emotional gerade gar nicht damit klar, vor allem, weil ich den Älteren jetzt schon ein paar mal gekuschelt habe und merke, was für einen Schaden bei ihm angerichtet wurde.

Er kann mit seinen 2 Jahren sich kaum fortbewegen (da er nur im Bettchen war), ist motorisch und auch sprachlich vollkommen hilflos (sagt nichts und wenn er sich nun schon mal versucht zu bewegen, dann fällt er ganz oft, weil er gar kein Körpergefühl hat - dadurch verletzt er sich auch dauernd). Wahrscheinlich hat er auch eine Rachitis (muss jetzt geklärt werden), da er Schmerzen beim Aufrichten hat und gekrümmte Füsse. Aber was mir am meisten wehtut - er hat kein Urvertrauen. Er kauert ganz oft mit Daumen im Mund da, schaut ganz traurig und weint und zittert viel. Die Tagesmutti geht ganz ruhig mit ihm um (und auch nicht zu emotional), aber ich weiss manchmal nicht, ob er nicht einfach immer ganz fest an jemandem dran sein muss, damit er wieder Wärme spürt. Natürlich kann sie das als Tamu nicht (und sie hat ja noch weitere Kinder zu betreuen u.a. auch ein Langzeitpflegekind). Sie sieht wie ich leide und versucht mir immer durch ihre Erfahrung zu zeigen, dass auch dieser kleine Knopf eine Chance hat (ihr Pflegekind kam mit Störungen, die durch Alk in der SS ihr zugefügt wurden und sie hat es bis auf die Regelschule geschafft - trotz anderer Prognosen). Aber ich habe so eine Angst, dass er irgendwann wieder dahin zurück muss und es vielleicht nie schafft eine normale und glückliche Beziehung zu seiner Umwelt aufzubauen, dass mir ganz anders wird. Ich weiss, dass er Angst vor seinen Eltern hat (sie sagt mir keine Namen oder so) und auch sie hofft, dass er in eine Familie mit spezieller psycho- und physiologischer Schulung kommt. Ich bin so verstört, wie jemand das einem Kind antun kann (die hatten 5 Kinder!!!) und heule deswegen ganz viel.

Ich weiss, ich würde mit diesem Verhalten keine gute Mutter für ihn sein - er braucht ein feste und berechenbare Umwelt, aber innerlich fühle ich, wie sehr auch eine ganz warme liebevolle Anbindung braucht, die das heilt, was ihm angetan wurde. Ach Mensch, ich heule schon wieder.

Wisst ihr, ich arbeite selbst mit großen Kindern und sehe da auch einiges. Ich verurteile auch nicht pauschal die Eltern, da ich denke unsere Gesellschaft macht sich ganz viele Dinge so wie sie sind. Aber ich frage mich, wie kann der Staat sowas zulassen, seine nächste Generation so verwahrlosen zu lassen? Warum stellt er nicht mehr Leute ein, die den Eltern und den Kindern helfen. Die Tamu hat mir erzählt, dass früher (DDR), als sie Krippenerzieherinnen war, bestimmte Eltern (denn auch damals gab es Leute, die nicht zurecht kamen), wenn sie ihr Kind nicht zu einer bestimmten Zeit gebracht hatten, von den Erzieherinnen aufgesucht wurden und die Kinder geholt, damit sie einen geregelten Tagesablauf und zu Essen hatten. Heute gibt es dafür keine Kapazitäten mehr. Sowas ist doch Hilfe (auch wenn ich mir über den Missbrauch der DDR Erziehung in Klaren bin, manche standen auf der Liste sicher zu Unrecht) ABER: es wurde Interesse gezeigt - sowohl an den Kindern, als auch an den Eltern und geholfen. Ich komme als Lehrerin auch nicht damit klar, dass es keine Kapazitäten für kostenlose Lehrmittel und Essen gibt. Auch Kultur müsste für alle zugänglich sein - Sport, Musik, Kunst, Lernen (10 Euro im Monat ist ja ein Witz Fr. vdL).

Ich bin mittlerweile soweit auf jegliches Kindergeld zu verzichten, wenn solche Dinge damit finanziert werden für alle Kinder (keine Gutscheine oder so) und man hat mal ausgerechnet, das ginge.

Politiker macht endlich was für unsere Kinder und zwar für alle! (Vielleicht sollte ich selbst an diesem Bereich kämpfen). Ich bin so enttäuscht, traurig und desillusioniert. Ach Mensch - eigentlich sollte ich froh sein über mein eigenes Glück, aber im Moment kann ich das irgendwie nicht (der Herbst tut sein übriges). So Schluss jetzt! Danke für den Kummerkasten hier!

LG Katja

Beitrag von karamalz 20.10.10 - 15:10 Uhr

hi,

kann dich sehr gut nachvollziehen. die pflemu ist denke ich richtig eingestellt. weil, sie wird den kleinen in eine andere familie abgeben und dann wäre der schaden wohl immenser, weil er dann zum 2ten mal verlassen wird. dich macht das sicher noch zusätzlich ohnmächtig, weil du direkten kontakt hast. es gibt soviel auf dieser welt, was der mensch anderen antut, das man es eigentlich besser alles gar nicht will. zum thema ddr. ich bin auch so ein ddr-kind und insofern gebe ich dir recht, das das netz da engmaschiger war. es begann schon damit, das im ersten lebensjahr monatliche eine mütterberatung stattfand, wo das baby einem arzt vorgestellt wurde. auch die anschliessende betreuung in krippe und kindergarten wären wohl heutzutage für manches kind der himmel auf erden. kinder haben in dieser gesellschaft keinen hohen stellenwert. schau dir doch die gesetze an. noch schert uns das ganze nicht, aber wir werden ernten, was wir säen.
kopf hoch und auch dieses kind wird hoffentlich bald eine liebevolle familie finden

Beitrag von scura 20.10.10 - 15:34 Uhr

Hallo,
es ist schlimm so etwas zu sehen. Mein Mann arbeitet in einer sozialen Beratungsstelle für Obdachlose. Oft kommen Junkies, Menschen mit psychichen Auffälligkeiten, Obdachlose etc. Die haben auch Kinder. Oft sieht man schon im Kleinkindalter, das der Weg im Leben für sie schon klar verbaut ist. Oft suchen die Leute über diese Stelle Hilfe auch übers Jugendamt. Oft wird ihnen gar nicht geholfen, da es ja noch nicht sooo schlimm ist. Na klar, diese Menschen schaffen es ja noch in eine Beratungsstelle zu gehen und Hilfe zu holen. Sie wissen also das es bei Ihnen falsch läuft.

Ich finde es sehr schwierig über das Thema zu reden. Zum einem geht es um die Selbstverantwortung der Eltern zum Kind. Möchtest Du Zwangskontrollen über Deine Art der Kinderbetreuung? Ist es richtig alle Eltern unter Generalverdacht zu stellen?
"...Die Tamu hat mir erzählt, dass früher (DDR), als sie Krippenerzieherinnen war, bestimmte Eltern (denn auch damals gab es Leute, die nicht zurecht kamen), wenn sie ihr Kind nicht zu einer bestimmten Zeit gebracht hatten, von den Erzieherinnen aufgesucht wurden und die Kinder geholt, damit sie einen geregelten Tagesablauf und zu Essen hatten...."

Ich komme aus der DDR. Meine Oma hat eine Kinderkrippe geleitet.
Es gab auch Wochenkrippen, für Schichtarbeiterinnen. Da konntest Du Dein Kind in der Woche, in der man Nachtschicht hatte, die ganzen Tage lassen.
Eine Chance auf eine andere Art des Lebens, hatte man nicht. Wenn man als Mutter zu Hause bleiben wollte, führte das schnell zum Ruf der "asozialen Arbeitsverweigerung."
Ist so ein Weg richtig? Nur um eine Kontrolle über das Kindeswohl zu erlangen?

Natürlich kann für Kinder immer mehr gemacht werden. Ich würde auch aufs Kindergeld verzichten, damit Betreungsmöglichkeiten für unter 3 geschaffen werden könnten. Ich bin für eine Schulpflicht ab 3 Jahren. (dann ja noch Kiga) So wie in Spanien.
Allerdings bin ich nicht für eine Staatserziehung.

Verwahrlosung bei Kindern wird es immer geben. Kinder passieren halt oft gerade den Leuten, die keine Kinder bekommen sollten.

Gräm Dich nicht über den Zustand des Kleinen, denn es kann ihm jetzt nur noch besser gehen. Er ist ja nicht mehr in der Familie.

Beitrag von lilayakima 20.10.10 - 17:36 Uhr

Das Problem des Generalverdachts ist mir bekannt und den wollte ich auch unbedingt ausschließen, aber es ist Fakt, dass es schon vor dem 3 Lebensjahr eine Instanz geben muss, die im Versagen eingreifen kann und die Eltern anleitet (die Trennung muss immer am Ende der Kette stehen). Die verpflichtenden U Untersuchungen halte ich deshalb für richtig. Falls der Verdacht jedoch aufkeimt, es ist eine Überforderung vorhanden, dann sollte auch ein verpflichtender Krippenbesuch erwogen werden. Es ist so schwierig, da eine Richtlinie zu finden, die allen gerecht wird.

Im Übrigen kenne ich einige, die in der DDR drei Jahre daheim geblieben sind, ohne dass es zu Diskriminierung kam, aber auch hier kommt es wieder auf die Umgebung etc. an (bei uns auf dem Dorf waren ältere Strukturen da wohl gängiger).

Nun ja, alles Gute dir! Katja

Beitrag von mama0102 20.10.10 - 17:48 Uhr

Huhu!!

Ich kann Dich wirklich sher gut verstehen, sowas ist einfach nur grausam!! Dass es immer wieder solche Fälle geben muss, macht mich auch immer schrecklich betroffen. Ich schätze mal, dass unser einer da leider wenig machen kann, außer natürlich, hinsehen! Ich hatte mal Nachbarn, da war der Vater Alkoholiker und die Mutter arbeitete oft bis sehr spät in der Nacht. Die Kleine Tochter weinte oft Stunden am Stück, hatte auch ein, zweimal merkwürdige Verletzungen und alles wurde immer auf ihr zu starkes Temperament geschoben. Eines nachts dann schrie die Kleine sowas von erbärmlich, dass meine Nachbarin, die direkt darüber wohnte, bei uns klingelte und wissen wollte, was wir tun könnten. Wir haben unten geklopft und geklingelt, gerufen und sonst was, aber weder der Vater noch die beiden Geschwister reagierten irgendwie. Da habe ich die Polizei gerufen. Die waren dann auch 5 Minuten später schon da und haben die Wohnung aufn Kopf gestellt, am nächsten Morgen kam das Jugendamt und Du kannst Dir sicher vorstellen, dass die Mutter total wütend auf uns war. Allerdings flog kurz darauf der Mann raus und die Kleine weinte nie mehr. Mag sein, dass manche das für überzogen hielten und halten aber ich sage mir, ich rufe lieber einmal zuviel an, als dass ich irgendwann eine Kerze vor die Tür stelle und heulend behaupte, ich hätte es nicht bemerkt...
Dass Du als Mutter mit diesem Kind mitfühlst kann ich natürlich verstehen, aber auch wenn man den Eindruck hat, diese Kinder bräuchten so viel emotionale Nähe, ist das meist garnicht wirklich so. Sie holen sie sich, wenn sie das wollen und auch bereit dazu sind, ansonsten ist es wirklich das Beste, einfach ruhig und ein wenig distanziert, aber mit viel Vertrauen an die Kleinen ran zu gehen. Meine Stieftochter war auch entwicklungsverzögert, kannte kaum Emotionen und war einfach für ihr Alter 3 Jahre zurück, als sie mit 7 zu uns kam. Bei ihr sind wir "vorgegangen", wie Du es schilderst und hatten einen riesen Erfolg damit. Irgendwann konnte sie auch Nähe einfordern und bekam Vertrauen in ihre Umwelt, die Entwicklungsverzögerung ist bis auf einige motorische Kleinigkeiten aufgeholt und wir hoffen, dass da nicht irgendwann noch wieder was aufbricht, zum Beispiel in der Pubertät oder so ( da hat man uns vor gewarnt)
Ich denke für den Kleinen ist es erstmal wichtig, aus seiner Ursprungsfamilie raus zu sein und es woanders besser zu haben. Alles andere wird sciher mindestens viel besser werden.

Liebe Grüße, Sandra, der solche Dinge auch immer die Tränen in die Augen treiben :-(

Beitrag von babylona 20.10.10 - 23:13 Uhr

Liebe Katja,
meine Güte, du triffst mich mitten ins Herz mit deinem Thread. Ich muss sagen, ich war früher schon sensibel für solche Geschichten, aber seit ich selbst ein Kind habe, ist es wirklich ein Vielfaches stärker geworden. Mir selbst ist es auch unbegreiflich, wie man einem Kind so etwas antun kann. Wie man so achtlos sein kann. Zumindest die Mütter, die die Kinder ja auch in ihrem Bauch ausgetragen haben, sie neugeboren im Arm hielten usw... Aber Menschen, die so etwas tun, haben offenbar einfach keinen Realitätsbezug mehr, wissen nichts über ihr handeln. Oder wie soll man diesen Gedanken sonst ertragen?
Ich muss sagen, seit ich Mama bin, kann ich mir all solche Gruselgeschichten, Nachrichten über Kindesmissbrauch, verwahrloste Kinder usw. einfach überhaupt gar nicht mehr ansehen. Ich verzweifle dann innerlich und bin fassungslos über diese Welt.
Ich hatte das ganz besonders schlimm in der Stillzeit. Immer wenn ich die Kleine, so zart, verletzlich, und letztlich "ausgeliefert" an meiner Brust hatte, schoss mir in den Sinn, was manche Menschen mit diesen hilflosen kleinen Geschöpfen anstellen und anstellen können. Ich habe dann oft geweint beim Stillen - sicher natürlich bestärkt durch die Hormonflut. Aber auch heute habe ich noch so Momente, in denen ich spüre, wie sehr meine Kleine auf mich zählt, wie sehr sie mich braucht, wie wichtig ich für ihre Entwicklung bin. Und wieviele Menschen sich dessen nicht bewusst sind und es ihnen auch egal ist. Und wieviele kleine Menschlein in Angst und zurückgelassen aufwachsen müssen. Wie schrecklich ist das nur?
Ich weiß dir insofern auch leider keinen Rat zu geben. Aber ich will dir damit sagen, dass deine Reaktionen eben die "wünschenswerte", normale, mütterliche Reaktion ist. Und Gott sei Dank hat der Junge ab jetzt eine (bessere) Chance. Ihm kann jetzt geholfen werden.
Für mich habe ich ins Auge gefasst, dass wenn es meine familiären Umstände erlauben, auch irgendwann auch ein Pflegekind aufzunehmen. Sicher ist das unheimlich schwierig, aber mit der entsprechenden pädagogischen Untersützung ist das sicher das Sinnvollste, was man in diesem Zusammenhang beitragen kann. Und natürlich immer Augen und Ohren für sein Umfeld offen zu halten.
Vielleicht gelingt es dir ja, in Gegenwart des Jungen ein wenig Zuversicht und Vertrauen auszustrahlen. Verwandle deine Besorgnis und dein Mitleid in ein beherztes Lächeln. Sicher tut ihm das wohl. Denn auch er wird deine Unsicherheit spüren.
Alles Gute und liebe Grüße,
babylona