Leben und Tod-so nah beieinander

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Forum: Trauer & Trost

Fehlgeburt, Tod eines geliebten Menschen, Angst, nicht enden wollende Trauer um ein Sternenkind: Leider stehen wir nicht immer auf der sonnigen Seite des Lebens, diese Erfahrung muß jeder von uns machen. Oft hilft es, mit anderen darüber zu sprechen...

Beitrag von 25092007 10.11.10 - 21:01 Uhr

Hallo Ihr Lieben,

ich weiß nicht, ob ich hier richtig bin und hoffe auf ein paar nützlich Tips oder Ideen, da ich mich im Moment im Kreis drehe. Oder ich weiß eigentlich auch nicht, ob man da überhaupt helfen kann???

Also, die Schwester meines Mannes(34) liegt mit Leukämie auf der Palliativstation. Es ist nichts mehr zu machen. Sie hat 2 Kinder (5+9)
die angeblich von nix wissen. Wie solte man den Kindern erklären, dass es zuende geht? Sollte man das überhaupt im Vorfeld machen, wer sollte es erzählen?
Meine Schwägerin würde es gern selbst machen, aber sie ist zeitweise sehr schwach und ich weiß nicht, ob sie das überhaupt schafft?

Sie hat auch gesagt, dass sie zuhaus sterben will- ist das so gut für die Kinder? Ich kann ihren Wunsch gut verstehen, nicht allein sein zu wollen.
Wie geht man mit dem Thema Tod um? Es macht mich unsicher, man kann ihr doch nach der Prognose keinen Mut mehr machen, sie weiß doch selbst, wie es um sie steht...
Der Ehemann bekommt gar nix hin, scheint total überfordert, wie gelähmt-wirkt aber irgendwie abgebrüht...so schwer einzuschätzen...
Was können wir tun? Wie sollen wir uns verhalten?

Ich versuche immer ganz normal zu sein, fällt mir aber schwer, weil mir eigentlich nach Heulen ist.....

Außerdem bin ich schwanger, ich weiß nicht, ob sie diese Nachricht überhaupt interessiert? Ich will nicht, dass sie denkt, dass ich ihr das Leben präsentiere, wo sie grad stirbt- oder kann sie das womöglich aufmuntern???
Ich weiß es nicht ...es ist alles sooo kompliziert und traurig
Habt ihr dazu ne Meinung?
Gruß Steffi

Beitrag von sina236 10.11.10 - 22:13 Uhr

der mann ist einfach fix und fertig. manche laufen rum wie der tod auf latschen, andere kapseln sich ab, wirken unterkühlt. ich denke, das kann man in der situation einfach mit hilflosigkeit gleich setzen.

was ich an deiner stelle machen würde:
nicht weiter rätsel raten. was hat man zu verlieren, wenn man weiss, dass der andere bald gehen wird? nimm dir mal ein, zwei stunden zeit, sie ALLEIN zu besuchen. dann kannst du sie all das fragen, was dir so auf der seele brennt. sterbende wissen in der regel, dass sie sterben werden. und worunter die meisten am meisten leiden, ist die sprachlosigkeit der anderen. warum geht mit mir niemand mehr normal um? warum tun alle so geheimnisvoll, wir wissen doch alle bescheid. also geh hin und setz dich mit ihr hin. frag sie, ob sie es gut findet, die kinder dabei zu haben (auch im aspekt auf das eventuelle sterben, wie die kinder das verkraften können, sie kennt ihre kids am besten und weiss, ob die abschied nehmen wollen oder eher vor vollendete tatsachen gestellt werden wollen, nur sie weiss das, sie ist die mutter).
und wenn ihr vertraut seid miteinander, dann erzähl ihr auch, dass du schwanger bist. DAS ist die normalität. die einzige ausnahme, die ich da machen würde wäre, wenn die person psychisch labil wäre, was ja ein eigenes krankheitsbild ist). ich würde versuchen, keine falschen schutzmechanismen aufzubauen. für den kranken is doch klar, dass die menschen weiter kinder kriegen, auch wenn sie selber grad am gehen sind. das hört sich jetzt alles etwas hart an, aber es ist oft genug so, dass die kranken sich nicht mehr ernst genommen fühlen, weil wir sie ausklammern aus dem leben.


lg von sina und viel kraft wünsch ich dir








Beitrag von hitgirl 10.11.10 - 22:57 Uhr

Liebe Steffi,

das ist wirklich eine heikle Situation.

Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kinder nicht Bescheid wissen. Die beiden merken doch, dass die Mami fehlt. Was für Lügengeschichten werden den beiden denn aufgetischt?
Die Mami ist im Urlaub und es gefällt ihr so gut dort, dass sie nicht mehr zurückkommt?
Und was ist mit der Beerdigung, zu der die Kinder höchstwahrscheinlich mitgehen? Ist die Tote dann irgendeine unbekannte Tante aus Buxtehude?

Keine Ahnung, wer das den Kindern dann letzten Endes mitteilen soll und wie. Gut wäre es, wenn es der Vater wäre.
Biete deinem Schwager Hilfe an. Er wird sich freuen und bestimmt auf dein Angebot zurückkommen. Mehr kannst du nicht tun!

Dass du schwanger bist - übrigens herzlichen Glückwunsch - kannst du deiner Schwägerin ruhig erzählen. Vermutlich wird sie dir sagen, dass sie sich sehr für dich freut und dir vielleicht sogar noch ein paar gute Tipps geben.
Vielleicht hast du sogar ein paar Fragen an sie - so von werdender Mutti an die erfahren Mutti. Dann habt ihr ein Gesprächsthema, das sie und dich für einige Stunden ablenken wird.

Dass sich Menschen in Gegenwart Kranker und Sterbender "unnatürlich" verhalten, ist ganz normal.
Bei meinem Opa war es auch so. Wenn ich bei ihm am Krankenbett stand, habe ich immer händeringend nach einer Sache gesucht, die ich ihm erzählen konnte. Meistens waren es total belanglose Dinge. Egal. Ich war da und er hat sich immer gefreut. Das hat er immer wieder gesagt.
Wäre ich im Sterben gelegen, wäre er sicherlich nicht gekommen. Nicht, weil ich ihm nichts bedeutete, sondern, weil er es nicht ertragen hätte, mich so zu sehen!

Tief in deinem Herzen weisst du genau, was du zu tun hast, also hör auf dein Herz!
Ich wünsche dir und deiner Familie und der Familie deines Schwagers alles Gute und viel Kraft in dieser schweren Zeit!

LG

Nicole

Beitrag von nicky131974 11.11.10 - 08:30 Uhr

Hallo, lass dich erstmal#liebdrueck.

Wir haben erst kürzlich von meiner Uromi Abschied nehmen müssen. Ich weiss, deine Schwägerin ist noch jung, kein Vergleich.

Aber wir haben es meinen Kindern erklärt und sie durften Abschied nehmen.
Mein Sohn wollte unbedingt dann nochmal mit. Kurz bevor ich gesehen habe, dass es soweit ist ging er raus und hat Nintendo gespielt. War für ihn in Ordnung(wusste auch nicht, dass es so weit war). Als sie friedlich eingeschlafen war, bin ich zu ihm und habe es ihm gesagt. Wir wollten dann alle rein zum Beten und er sagte ich will auch mit rein. Und er hat es toll gemeistert. Er hat ja gesehen, dass sie friedlich da liegt. Auch bei der Beerdigung wollten sie unbedingt ihre Ururomi nochmal angucken.

Wir haben dann viel geredet darüber. Meine Mutti hat meinen Kindern auch ein ganz tolles Buch geschenkt:Wie ist das mit der Trauer. Da werden verschiedene Situationen beschrieben. z. B. wenn ein elternteil,Opa Geschwister sterben. Ganz toll gemacht das Buch.

Klar bei Krebs kann das Sterben manchmal nicht so toll sein, aber die Kinder sollten die Möglichkeit haben sich zu verabschieden,kukscheln , reden, lachen, weinen .

Ich wünsche euch viel Kraft . Haltet alle zusammen auch wenn es nicht leicht wird.

LG Nicole

Beitrag von anyca 11.11.10 - 10:17 Uhr

Die Kinder sollten das auf jeden Fall wissen - oder will man sie von einer Sekunde auf die andere damit konfrontieren, daß die Mama jetzt tot ist und alle außer ihnen das vorher wußten? Meine beste Freundin nimmt ihren Eltern nach über 25 Jahren noch übel, daß sie nicht mit ihr über den bevorstehenden Tod des Opas (!) geredet haben, bei der Mama finde ich es um so wichtiger, daß offen mit den Kindern geredet wird.

Ob die Eltern das schaffen oder ob ihr bzw. andere Angehörige dieses Gespräch führen sollten, besprecht ihr am besten mit den Eltern.

Ich wünsche Euch viel Kraft für die kommende Zeit!

Beitrag von golm1512 11.11.10 - 15:03 Uhr

Hallo!

Das mit der Palliativstation ist doch schon mal gut. Ich habe selber mal auf einer gearbeitet.

Ja, zuhause sterben ist grundsätzlich gut. Gerade für die Kinder, wenn sie gut begleitet werden. Ich habe während meiner Arbeit die Erfahrung gemacht, dass Kinder wissen, wie Sterbebegleitung geht. Die sind da relativ unkompliziert. Und man darf doch weinen und traurig sein! Erwachsene haben das größere Problem! Ich bin mir die sicher, die Kinder wissen längst Bescheid.

He, deine Schwägerin lebt noch und ich schätze, sie ist weit davon entfernt, dir das Leben im Bauch zu missgönnen oder zu hinterfragen.

Besuch sie und guck, wie es ihr geht. Wenn du Schwierigkeiten hast, frag vorher die Schwestern der Station. Wir zumindest standen eigentlich mehr den Angehörigen als den Sterbenden zur Seite. Manchmal jedenfalls.

Versuch, dich darauf einzulassen. Dann wirst du schon merken, ob du ihr von deiner Schwangerschaft erzählen kannst oder willst. Sei einfach da. Wenn du kannst, auch für deinen Schwager und besonders für die Kinder.
Das ist traurig, kann aber auch sehr erfüllend sein. Keiner verlangt Heldentaten von dir, sondern nur Anwesenheit, wenn du magst.

Gruß
Susanne

Beitrag von derhimmelmusswarten 11.11.10 - 18:18 Uhr

Schrecklich. Was soll man dazu sagen? Mein Opa verstab letzten Mai. Meine Tochter war gerade 10 Monate alt. Er starb genau 10 Monate nachdem ich mit ihr aus dem Krankenhaus kam. An diesem Tag saß er noch bei schönstem Sonnenschein vor dem Haus und hat auf uns gewartet und 10 Monate später musste er unter entsetzlichen Bedingungen sterben. Wir wären froh gewesen, er hätte zu Hause bei uns sterben können. Aber ich denke, dass das jeder für sich entscheiden muss. Manche Leute kommen besser damit klar, wenn die Angehörigen im Krankenhaus sterben.

Jedenfalls kann man doch wohl schlecht die Mutter nach Hause holen und dort sterben lassen, wenn die Kinder es gar nicht wissen. das muss doch dann ein wirklicher Schock sein.

Beitrag von melli-4 11.11.10 - 21:24 Uhr

Ich habe leider sehr Ähnliches erleben müssen...

Ich schreibe Dir gleich mal über PN

LG Melli-4

Beitrag von cherry19.. 12.11.10 - 00:58 Uhr

Ganz ehrlich? Ich bin glaub ich einfach zu emotional fürs Leben...

Mich macht das grad total fertig. Ich weine gerade... Wie schlimmm muss DAS sein..

Wenn ich in ihrer Situation wäre, würde ich glaub ich ALLE Zeit mit meinen beiden genießen wollen. Wie ich ihnen sowas erklären würde, wäre sehr schwer, da meine Kinder sehr an mir hängen. Ich persönlich weiß es nicht. Allein, dass ich mir nicht vorstellen kann, wie ich es meinen Kindern erklären würde, zeigt doch eigentlich,wie schwer so etwas ist! Sie sind fünf und neun Jahre alt!!!
Der Mann ist am Ende.. Es ist alles so schwer, wie sich niemand zu wünschen mag.. Er hat mit sich selber zu tun.. Ich kann dir keinen Rat geben. Sie sollen versuchen, dass Mama und Kinder irgendwie Abschied nehmen können..

Es ist so schwer.. Einen Abschied kann man nie schön gestalten. Und ICH fiind es schlimmer, wenn sich so etwas zieht, als wenn es von heut auf morgen passiert! :-(

Ich wünsche euch sehr viel Kraft

Beitrag von golm1512 12.11.10 - 09:30 Uhr

Doch, man kann einen Abschied "schön" gestalten. Zumindest kann man ihn ruhig und würdevoll gestalten, so dass Angehörige hinterher nicht das Gefühl haben, sie hätten etwas versäumt oder wichtige Dinge wären ungeklärt geblieben.
Ich habe das oft genug miterlebt. Mit jungen und mit alten Menschen, mit klugen und mit dummen. Und auch mit Kindern. Große und kleine.

Ich behaupte nicht, dass es eine fröhliche Zeit ist, aber selbst das kann sie zwischendurch sein. Auch Sterbende denken nicht 24 Stunden am Tag an den Tod. Ich habe durchaus sehr witzige Situationen erlebt und mit Patienten und Angehörigen darüber gelacht.

Ja, natürlich benötigt die o.g. genannte Familie Hilfe und Unterstützung. Natürlich ist das der Oberhammer, wenn so eine junge Mutter stirbt. Die Tatsache, dass sie sterben wird, ist nicht rückgängig zu machen. Die Art, wie man als Famlie damit umgehen kann, ist allerdings vielfältig.

Ich glaube nicht, dass ein plötzlicher Tod für alle Beteiligten das Beste wäre. Ehrlich, den wünsche ich mir für mich auch nicht. Ich hätte gern etwas zeit, um Abschied zu nehmen. (Und ich wäre ziemlich "sauer", wenn sich z.B. mein Mann einfach so wegschleichen würde.)

Die Mutter meines Mannes ist sehr früh verstorben (Er war 16, die Mutter 42.) und war lange vorher krank. Er vermisst seine Mutter und es war sehr hart für ihn, diese Krankheit mitanzusehen. Trotzdem denke, dass ein plötzlicher Tod viel schwieriger gewesen wäre. Bis heute findet er es schade und schlimm, dass sie als Kinder nicht uneingeschränkt zu ihr konnten.

Sein Vater starb 20 Jahre später und immer noch recht jung. Diesmal war die Familie die ganze Zeit dabei. Besonders am Ende. Das war auch nicht "schön", aber ...vollendet.
Natürlich ist man traurig und es wird geweint, aber hinterher kann man leichter und besser damit umgehen.

Ich habe auch erlebt, dass Angehörige am Bett des Toten doch noch lachen mussten. Nicht, weil sie nicht traurig waren, sondern weil sie sich ans Leben erinnern konnten. Selbst in diesem Moment.

Viele der Angehörigen kamen uns auch immer wieder besuchen, um ein bisschen zu erzählen. Irgendwann blieben sie weg, weil es nicht mehr wichtig war.

Man kann die Zeit nutzen!

Gruß
Susanne

Beitrag von melli-4 12.11.10 - 21:19 Uhr

Das hast Du super geschrieben und wie ich finde auch aus meinen Erfahrungen (3 Sterbebegleitungen naher Familienangehörige) genau richtig!!

#pro#pro#pro

LG Melli-4

Beitrag von 25092007 13.11.10 - 14:06 Uhr

Ich danke euch allen für die Beratung, fürs Mutmachen und die Tips...
wir werden alles daran setzen, dass noch möglichst viel geregelt werden kann...
p.s. die Kinder wissen natürlch, dass die Mutter krank ist- ist sie ja schon seit 2 Jahren, nur wie ernst es um sie steht, wissen sie nicht
VLG Steffi

Beitrag von urmel09 13.11.10 - 23:09 Uhr

Hallo,

ich kann dich gut verstehen, meine Mutter ist vor 13 Tagen gestorben.
Ihr größter Wunsch war es Zuhause zu sterben, sie hat sich Donnerstags selber aus dem Krankenhaus entlassen (wir waren wenig begeistert, weil noch nicht alles vorbereitet war) und ist Sonntags friedlich Zuhause gestorben. Im nachhinein sind wir froh das sie so gehandelt hat, wahrscheinlich hat sie es geahnt oder wer weiß - wir haben nicht gedacht das es so schnell geht. Unsere Kinder haben die Oma Samstags das letzte Mal gesehen und ich denke es war wichtig - unser großer ist 6 Jahre und die Kleine ist 4 Jahre, beide haben geahnt das die Oma sterben muß und vorher immer mal eine Frage in diese Richtung gestellt. Ich denke für die Kinder seiner Schwägerin ist es wichtig nochmal ihre Mama zu haben ... bis ins Detail würde ich Ihnen allerdings nicht sagen, das die Mama stirbt. Wenn Ihre Mama wirklich Nachhause kommt, erleben sie es und können es auf Ihre Art verarbeiten. Wir haben unseren Kindern im Nachhinein noch ein kuscheliges Stofftier als Geschenk von der Oma zukommen lassen und Beide hängen an den Tieren - vor allem der Große. Vielleicht kann deine Schwägerin den Beiden noch so eine Erinnerung zu Lebzeiten erreichen, die Hinterher als stiller Tröster und Ansprechpartner da sein kann. Ein schönes Bilderbuch zu dem Thema kann auch nicht schaden. Für das größere Kind habe ich noch eine Art Erinnerungstagebuch in der Buchhandlung gesehen, hier konnte das Kind eine Menge Erinnerungen und Gefühle eintragen und ich konnte mir vorstellen das ein 9-Jähriges Kind etwas damit anfangen kann...und es auch in den folgenden Jahren noch oft in die Hand nehmen wird.

Ich hoffe dir ein bisschen damit geholfen zu haben, versuch doch mal mit deinem Schwager zu reden...wenn sie Nachhause kommt braucht ihr auf Jedenfall einen guten Arzt der Palliativmedizin anbietet und einen Pflegedienst der den Rest abfängt ggf. auch eine Haushaltshilfe die sich um den Rest kümmert.