Gibt es Kollektivschuld?

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Beitrag von nutshell 16.11.10 - 18:41 Uhr

Ich habe neulich mit einer jüdischen Bekannten über das Thema 3. Reich, Holocaust und Kollektivschuld gesprochen. Obwohl ich selbst nicht direkt Schuld auf mich genommen habe, empfinde ich doch so etwas wie eine Mitschuld, was meine Vorfahren nicht verhindert haben oder wobei sie sogar mitgemacht haben.
Meine Bekannte meinte, das würde sie nicht so sehen und es gäbe keine Kollektivschuld aber sehr wohl eine Kollektivverantwortung, das so etwas nirgednwo auf der Welt sich wiederholen dürfe (trotzdem ist es auch nach dem 2. Weltkrieg immer wieder passiert) und das das Erinnern wichtig ist um sich der Veranwortung bewusst zu sein.

Wie seht ihr das? Empfindet ihr so etwas wie Schuld oder eher Verantwortung was in Deutschland vor 70 Jahren passiert ist?

Ich war übrigens vor 4 Monaten in Israel. Die Menschen dort waren sehr nett zu mir, obwohl ich ja Deutsche bin, keine Spur von Zorn oder Hass. Ich habe mich trotzdem manchmal unwohl gefühlt. Ich musste daran denken, was für ein Glück ich habe, sehr viel später auf die Welt gekommen zu sein.

Schönen Abend noch!#winke

Beitrag von king.with.deckchair 16.11.10 - 18:43 Uhr

Deine Bekannte hat Recht: Verantwortung ja, Schuld nein.

Beitrag von dominiksmami 17.11.10 - 20:53 Uhr

sehe ich exakt so

Beitrag von similia.similibus 16.11.10 - 19:48 Uhr

Nein, ich empfinde keine Schuld. Wohl aber Verantwortung!

Beitrag von similia.similibus 16.11.10 - 19:51 Uhr

Stolz bin ich übrigens auf meinen Großvater mütterlicherseits, der ein erklärter Gegner Hitlers war und deswegen des öfteren sich und seine Familie in Schwierigkeiten oder zumindest in Angst brachte (was natürlich nicht so gut war). Bei dem bekannten Hitlergruß hielt er die Hand zwar richtig sagte aber SEINEN EIGENEN Spruch der da lautete: "so hoch liegt der Dreck!"

Beitrag von fernande 16.11.10 - 20:02 Uhr

Mutig!

Kann ich verstehen, dass Du stolz bist.

Beitrag von similia.similibus 17.11.10 - 09:33 Uhr

#danke

Beitrag von fernande 16.11.10 - 20:01 Uhr

Hallo,

ähnlich wie meine Vorrednerinnen empfinde ich keine Mitschuld, aber auch Verantwortung.

Wovon ich mich aber auch nicht freimachen kann, ist dieses Gefühl des Unwohlseins, wenn man im Ausland mit seiner Geschichte konfrontiert wird.
Bisher hatte ich das nicht, wenn ich Israelis begegnet bin (vielleicht weil ich selbst nie in Israel war und sie nur in Ägypten getroffen habe).

Aber ich war mit einem jungen jüdischen Amerikaner, dessen Großeltern in die USA geflohen waren, im Holocaustmuseum in Washington und habe mich da in Erklärungsnot und sehr unwohl gefühlt. Er hatte da gar kein Problem mit.

Grüße
f

Beitrag von flitzkacke 17.11.10 - 00:55 Uhr

ich empfinde Mitschuld. Ich kann die Ereignisse von damals nicht ändern, aber ich leide mit, wenn ich versuche, mich in damals verfolgte Menschen zu versetzen...
So ein bisschen Leiden und Schuldempfinden finde ich dann auch immer noch angemessen, auch nach 70 Jahren und auch, wenn wir Deutschen doch endlich mal wieder frei atmen können dürfen.
Einen Stein lege ich trotzdem in diese Diskussion, wer weiß, wofür er gut ist..

Beitrag von gunillina 17.11.10 - 08:22 Uhr

Sie hat Recht, finde ich.
Dennoch habe ich mich furchtbar geschämt, als herauskam, welche Rolle mein Opa im Krieg gespielt hat. Und wütend war ich auf ihn.
Also, wir sollten unsere eigene Verantwortung niemals vergessen, aber die Schuld unseren sterbenden Grosseltern überlassen.
Auch, wenn es schwer fällt.

Beitrag von marion2 17.11.10 - 17:01 Uhr

Hallo,

das was du meinst, ist keine Kollektivschuld sondern eine Erbschuld.

Schuld kann man nicht erben.

Wie ist das denn in Israel? Fühlt sich da jemand schuldig? So ganz ohne sind die Israelis ja auch nicht...

Gruß Marion

Beitrag von roll-over-beethoven 17.11.10 - 17:29 Uhr

Selbstverständlich kann man Schuld vererben. Siehe BGB Erbschaftgesetz.

Und so wie hier jemand stolz auf das Handeln seines Ahnen ist, kann man sich auch moralisch schuldig fühlen für seine Vorfahren. Die Tür schwingt schließlich in beiden Richtungen.

Dein Aufrechnen a la "...aber die oder die haben doch auch..." ist typisch für die, die aus Furcht vor Verantwortung erstmal auf andere zeigen.

@TE: Verantwortung in jedem Fall (hier ist D auch vorbildlich, was die Bekenntnisse zu seiner Vergangenheit angeht), Schuld dagegen ist sehr individuell und die empfindet jeder anders.

Juristisch trifft mich zwar keine Schuld, sehr wohl aber fühle ich Mitschuld für das kollektive Versagen meiner Vorfahren - auch in Kenntnis darüber, dass ich wohl an ihrer Stelle, im Wissen, dass ich schwach bin, auch nicht den Mut gehabt hätte, aufzubegehren.

Beitrag von dominiksmami 17.11.10 - 20:56 Uhr

>>Dein Aufrechnen a la "...aber die oder die haben doch auch..." ist typisch für die, die aus Furcht vor Verantwortung erstmal auf andere zeigen. <<

#pro#pro

Beitrag von marion2 18.11.10 - 22:54 Uhr

Ich fürchte mich nicht vor Verantwortung, finde dieses deutschtypische schuldigfühlen jedocht maßlos übertrieben.

Ich rechne übrigens nichts auf.

Beitrag von zeitblom 17.11.10 - 17:34 Uhr

"Schuld kann man nicht erben."

Schulden aber schon.

Von Erbschuld habe ich noch nie gehoert, allenfalls von Erbsuende.

Warum nennst Du ausgerechnet Israel, wenn Russland und China doch weit eher an die Groessenordnung deutscher Toetungskunst heranreicht?

Beitrag von marion2 18.11.10 - 22:52 Uhr

es geht hier nicht um chinesen oder russen

Beitrag von zeitblom 19.11.10 - 09:02 Uhr

dann auch nicht um Israel

Beitrag von leopoldina1971 19.11.10 - 09:28 Uhr

<<...das was du meinst, ist keine Kollektivschuld sondern eine Erbschuld...>>



http://de.wikipedia.org/wiki/Kollektivschuld



LG

Beitrag von marion2 20.11.10 - 13:06 Uhr

Ich weiß, was ein Kollektiv ist.

Zu besagtem Kollektiv gehöre ich nicht dazu. Wohl aber zu den "Erben".

Beitrag von zeitblom 17.11.10 - 18:14 Uhr

Vielleicht gibt es eine Kollektivschuld im Sinne, dass wir alle direkt oder indirekt fuer alles Leiden auf der Erde ursaechlich sind. Mir ginge diese Interpretation zu weit. Auf sie kann sich die Anforderung berufen, dass wir Solidaritaet nicht nur fuer unseren engsten Familienkreis ueben sollten, sondern ausweiten sollten ueber Stadt- und Landesgrenzen.

Dass der Nachfolgestaat des Dritten Reiches (und damit seine Steuerzahler) eine besondere Verantwortung tragen muss, halte ich fuer selbstverstaendlich.
Als Individium empfinde ich keine Schuld, auch nicht unbedingt Verantwortung (die sollte man empfinden, auch wenn diese menschliche Katastrophe uns erspart geblieben waere), aber tiefe Trauer und Hass: auf den Perfektionismus, der noch immer bewundert wird; auf den Totalitarismus, der immer noch tendenziell in vielen Koepfen als etwas Positives herumschwirrt; auf die unbeirrte Selbstgerechtigkeit, von der noch immer breite Schichten beherrscht scheinen. Und dabei hat beethoven ja recht: das offizielle Deutschland und eine (grosse?) Mehrheit in Dtl. ist sich seiner Verantwortung gerecht geworden, ganz im Gegensatz zu anderen Nationen... und doch: in 70 Jahren haben wir im Ausland den Ruf des SS-Sturmbannfuehrers, kalt und effektiv (panzermaessig), nicht verloren. Ist dies nur der Beharrlichkeit eines Vorurteils zu verdanken ?

Beitrag von elli2803 17.11.10 - 21:51 Uhr

Hallo,

ich persönlich fühle mich weder schuldig noch verantwortlich. Warum auch? Weil noch Zeitzeugen leben? Fühlen die Juden sich schuldig und/oder verantwortlich weil sie die Christen verfolgt haben?

Ich kann nichts dafür was miene Vorfahren getan oder gelassen haben. Warum also sollte ich mich schuldig fühlen? Ich habe nichts getan und konnte es mir auhc nicht aussuchen wann und/oder als was ich geboren wurde.



Lg Elli

Beitrag von radiocontrolled 18.11.10 - 08:16 Uhr

"Fühlen die Juden sich schuldig und/oder verantwortlich weil sie die Christen verfolgt haben? "


Klingt interessant. Erzähl mal, wann war das denn ?

Beitrag von jella87 19.11.10 - 17:27 Uhr

Ich denke mal, sie meint die Anfänge des Christentums, als die ersten Christen erst von den Juden, dann auch von den Römern verfolgt wurden. Jesus ist ja auch von den Juden gekreuzigt worden.

Aber ich denke nicht, dass man das vergleichen kann mit dem, was im 3. Reich passiert ist.

Beitrag von marion2 19.11.10 - 17:39 Uhr

Stimmt, man kann das Leid von Menschen nicht miteinander vergleichen und festlegen, wer mehr gelitten hat.

Beitrag von elli2803 20.11.10 - 15:24 Uhr

Warum nicht? #kratz