darf man nicht mehr traurig/schlecht drauf sein?

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Forum: Trauer & Trost

Fehlgeburt, Tod eines geliebten Menschen, Angst, nicht enden wollende Trauer um ein Sternenkind: Leider stehen wir nicht immer auf der sonnigen Seite des Lebens, diese Erfahrung muß jeder von uns machen. Oft hilft es, mit anderen darüber zu sprechen...

Beitrag von fee166 28.11.10 - 21:19 Uhr

huhu,

seit august 2009 geht bei uns so einiges schief.

wenige tage vor der geburt unseres zweiten sohnes erlitt mein mann auf einem auge eine netzhautablösung. er wurde sofort operiert und kam glücklicherweise rechtzeitig wieder nach hause, um zur geburt unseres zweiten sohnes dabei zu sein.

die geburt verlief anders als geplant. es wurde ein notkaiserschnitt, nachdem die herztöne bei einer abendlichen kontrolle sehr schlecht waren. später wurde uns gesagt, er hätte die nacht im bauch nicht überlebt. der fast-tod und der schock des notkaiserschnittes haben mich fast ein jahr lang belastet. zudem musste mein sohn nach 5 tagen auf die kinderstation, da die blutwerte sehr schlecht waren, es bestand der verdacht auf innere blutungen im gehirn oder anderswo. nach langen 5 weiteren tagen durften wir endlich nach hause.

im februar 2010 gabs dann eine notwendige folgeoperation bei meinem mann m auge, leider löste sich die netzhaut nach einer woche erneut, also wieder eine op. jetzt im november wieder eine folge-op und wieder ablösung der netzhaut eine woche nach der op, also erneut, zum 5. mal op am auge.

wir alle sind mit den nerven am ende.

mein mann kämpft nun gegen die erblindung des auges und hofft zudem, dass das andere auge gesund bleibt. er darf sich nicht belasten, nichts heben, nicht mal unsere kinder. alltägliche sachen wie gerade jetzt schlitten fahren, mit den kindern herumtoben, die kinder hochheben...gehen nicht mehr.

er ist dementsprechend traurig und verbittert. wie es mit der arbeit weitergehen soll, wissen wir ebenso nicht. der ausbau unseres hauses liegt auf eis.

meine schwiegermutter meinte zum "geburtsdrama" unseres sohnes "so schlimm wird es wohl nicht gewesen sein".

in all der zeit haben gerade mal zwei unserer freunde nachgefragt, wie es uns geht. aber sie wollten nur hören, dass es uns gut geht. wenn man anfängt zu sagen, dass es nicht gut geht, dann blocken sie ab und wechseln das thema.

als mein mann nun im novenber in der klinik war, rief eine freundin an und erkundigte sich nach ihm, aber ich konnte gar nicht antworten, sie erzählte mir doch von ihren augen-"problemen". ich war fassungslos.

bei der kindergartenweihnachtsfeier gestern fragte mich eine mutter, wie es meinem mann geht, ich sagte, dass es wieder schief gegangen ist und was meint sie: er hat ja noch ein gesundes auge :-[

keiner macht sich eine vorstellung, wie es ist, mit nur einem auge sehen zu können und sich von einer op zur nächsten zu hangeln. keiner ahnt, wie wir jedesmal zusammen geweint haben, als sich die netzhaut wieder abgelöst hat.

keiner ahnt oder versteht, wie ich gelitten habe unter dem notkaiserschnitt und dem nur knappen überleben unseres sohnes.

warum haben die leute entweder kein interesse am wahren befinden oder aber haben nur doofe sprüche auf lager? kann man nicht einfach mal in den arm genommen werden und gesagt bekommen, ja es ist scheiße im moment, aber wir stehen euch bei???

sorry für den langen text. aber mir geht das so auf den keks.

ach ja, noch so ein toller spruch: "lasst euch doch auf die transplantationsliste setzen". super, netzhaut kann noch nicht transplantiert werden und wenn es möglich wäre, würde er sicher schon das notwendige getan haben.

was macht ihr mit ignoranten freunden?

ich hab mir abgewöhnt, eine ehrliche antwort auf die frage, wie es uns geht, zu geben. aber das ist sowas von traurig.

lg fee166

Beitrag von arkti 28.11.10 - 22:01 Uhr

Sorry aber man darf auch nicht aus allem ein Drama machen.
Kann deine Schwiegermutter verstehen.

Ich selber hatte bei meiner Tochter auch einen Notkaiserschnitt.
Ist auch nur aufgefallen weil ich an dem Freitag einen normalen Kontrolltermin beim Frauenarzt hatte.
Aber warum ein Drama aus Dingen machen die gut gegangen sind anstatt sich an dem Kind zu erfreuen?

Man darf auch nicht alles auf die Goldwaage legen.
Klar ist ein Auge nicht toll, aber trotzdem darf man die Aussagen von Freunden/Bekannten nicht immer negativ auslegen.
Würden sie gar nicht fragen würdest du auch meckern.

Es ist einfach so das Menschen die irgendwas selber nicht erlebt haben sich nicht richtig da hinein versetzen können.
Also wissen sie auch nicht wie sie damit umgehen sollen.


Beitrag von nila76 28.11.10 - 22:42 Uhr

"Man darf auch nicht alles auf die Goldwaage legen.
Klar ist ein Auge nicht toll, aber trotzdem darf man die Aussagen von Freunden/Bekannten nicht immer negativ auslegen.
Würden sie gar nicht fragen würdest du auch meckern."

Ich glaube sowas kann nur jemand sagen, der keine Ahnung davon hat, wie schwierig alles ist, wenn man dabei ist, sein Augenlicht zu verlieren...


"Es ist einfach so das Menschen die irgendwas selber nicht erlebt haben sich nicht richtig da hinein versetzen können. "

Genau das ist es eben..wenn man etwas nicht selbst erlebt hat, darf man sich nicht anmaßen darüber abwertend zu urteilen, nach dem Motto.."Ach ist doch alles nicht so schlimm."

Und grade von Freunden und Familie erwarte ich in solchen Situationen Beistand und dass sie mir auch zuhören, meine Ängste warnehmen und es nicht abtun als Lapalie.

LG Nicole

Beitrag von arkti 28.11.10 - 23:24 Uhr

Ich weiß wie das ist denn ich habe so einen Fall auch in der Familie und überlege jetzt schon wieder was man dieser Frau zu Weihnachten schenken kann, denn alles was ihr immer Freude bereitet hat geht nicht mehr.
Sie ist fast ganz blind.

Menschen die sagen "er hat doch noch ein anderes Auge" meinen das aber nicht unbedingt abwertend, sondern eher so nach dem Motto " Er kann ja dann wenigstens noch was sehen, ist besser als gar nichts mehr zu sehen"

Beistand?
Was sollen sie denn tun?
Da ist auch jeder Mensch anders.
Viele Freunde sprechen sowas auch extra nicht an um Betroffene auf andere Gedanken zu bringen.





Beitrag von tina280 28.11.10 - 22:23 Uhr

Freunde sollten eigentlich gerade in schlechten Zeiten für einen da sein. Warum sind das die meisten nicht? Weil sie Angst haben sich mit runterziehen zu lassen. Menschen heften sich meistens an die, die gut drauf sind und gute Laune versprühen. Dann können sie ihre eigenen Probleme vergessen. Ich habe auch solche Freunde in meinem Umkreis, denen es nicht ganz soviel interessiert wie es mir geht. Sind das wirklich Freunde? Ich glaube nicht. Es ist natürlich auch wichtig, für andere dazusein und nicht immer nur das eigene Leid sehen.
Das mit deinem Mann tut mir leid! Mit nur einem Auge sehen zu können ist eine arge Beeinträchtigung.

Wie gesagt, wenn du von dir selber sagen kannst, dass du für deine Freunde da bist und nicht nur über deine eigenen Probleme reden möchtest, dann würde ich diese Leute in den Wind schiessen. Ist vergeudete Zeit.

Alles Gute für deinen Mann!

Beitrag von nila76 28.11.10 - 22:58 Uhr

Hallo Fee,
ich kann zwar nicht nachvollziehen, wie schwierig eine Verarbeitung eines Notkaiserschnittes ist, aber ich weiß wie es ist, wenn man Angst um sein neugeborenes Kind hat.

Genauso weiß ich, wie es sich anfühlt, wenn nach und nach das Augenlicht schwächer wird, habe selber tierische Angst davor.
Dennoch darf ich den Kopf nicht in den Sand stecken.

Freunde können in der Regel die Ängste die damit zusammenhängen nur schwer verstehen, weil sie selber eben nicht in der Situation sind. Dennoch sind "richtige" Freunde für einen da und hören zu, nehmen in den Arm, und sind einfach da.
Dennoch kann ich verstehen, wenn es den Freunden dann irgendwann auch ein wenig auf die Nerven geht, wenn man immer und immer wieder von den selben Problem spricht.
Ich denke es ist wichtig, das man auch selber versucht, aus diesem Loch wieder rauszukommen, Hilfe, soweit sie angeboten wird, annimmt.
Das Falscheste ist aber, so meine Meinung, nicht ehrlich auf "Wie gehts"-Fragen zu antworten. Denn dann können auch echte Freunde auch nicht helfen!

Ich wünsche Euch alles erdenklich Gute, dass du deine Geburtserlebnisse gut verarbeiten kannst und Dein Mann nicht ganz sein Augenlicht verliert.

Liebe Grüße
Nicole

Beitrag von verzweifelte04 29.11.10 - 19:32 Uhr

Hallo!

mir gings/ gehts auch wie dir!

allerdings läuft bei uns seit jahren irgendwie alles schief, will jetzt nicht weiter darauf eingehen.

am 19.08.2010 hab ich unseren Raphael still geboren (31. ssw) und ich fiel wieder in ein loch - ich hab mich vom pech verfolgt gefühlt.

aber jetzt sehe ich vieles anders - ich versuch mich auf die schönen seiten zu konzentrieren.
mein dad hatte mehrere schwere operationen an der wirbelsäule, bei der letzten op sagte man uns dass er zu 85% im rollstuhl sitzen wird - aber er tut es nicht. ..die ops sind tragisch, aber mein vater kann noch gehen!!

meine mum war monatelang im krankenhaus, die ärzte wussten nicht mehr was sie machen sollten, wir hatten so angst sie zu verlieren - ABER es geht ihr wieder gut!

mein Sohn ist gestorben bevor er geboren wurde - ABER ich bin dankbar für die Zeit die wir mit ihm hatten!!

ich könnte jetzt noch seitenweise so weitermachen.. aber im grunde will ich dir nur sagen, versuch die positiven seiten zu sehen!

dein mann hatte schon so viele ops am auge und er kann noch immer sehen!!! ..dein sohn kam per notkaiserschnitt und lag auf der kinderstation - ABER es geht ihm gut!!!

zu den freunden möchte ich nur sagen - ich hab nur mehr ganz wenige, weil sich seit dem tod von Raphael viele abgewandt haben, sich einfach ned gemeldet haben oder sich dumm verhalten haben.
ich ärger mich nicht mehr darüber, ich freu mich über die, die sich gemeldet haben, die mir beistanden! ..ich freu mich darüber, dass sich leute gemeldet haben, mit denen ich lange keinen kontakt mehr hatte.

das leben ist hart und ungerecht - aber wir müssen versuchen das beste daraus zu machen!

soll nur eine kleine anregung sein, vielleicht denkst du einfach mal darüber nach!

wünsch deinem mann alles gute, ihr schafft das schon!

lg
Claudia

Beitrag von fee166 29.11.10 - 21:38 Uhr

huhu,

vielen dank für deine lieben worte.

ja ich bin eigentlich auch ein positiv denkender mensch. es sollte auch nicht der eindruck entstehen, dass ich meinem umfeld nur die ohren volljammere.

eine antwort hier hat mich echt erschüttert. aber die war ebenso, wie die reaktionen aus meinem umfeld in der vergangenheit.

ich würde mich einfach nur freuen, wenn mal EINER mich zum beispiel nur mal in den arm nehmen würde.

seit august 2009 muss ich die starke sein für die beiden kinder und für meinen mann, dabei ging es mir selbst oft sehr schlecht. im februar durchlief ich in zwei wochen eine angina, kehlkopfentzündung, nasennebenhöhlenvereiterung und rippenfellentzündung. das alles mit zwei ebenfalls sehr kranken kindern und einem mann im krankenhaus. der winter war fies und ich musste ewig schnee schippen, um vom grundstück zu kommen, um zum doc zu fahren...

klar bin ich dankbar, dass mein sohn am leben ist, keine frage und es tut mir unendlich leid, wenn ich lese, dass euer sohn verstorben ist.

du kennst sicher auch dumme ratschläge von bekannten und freunden und sicher verletzen sich dich ebenso (?)

mir ist eine einzige freundin geblieben, mit der ich per email kontakt habe. sie tröstet mich, wann immer es nötig ist. sie hört mir einfach nur zu und hat keine dummen sprüche auf lager.

ich habe fast ein jahr gebraucht, um den fast-tod meines sohnes und den notkaiserschnitt zu verarbeiten. auch dabei hatte ich keine unterstützung, keiner hat verstanden, warum ich traurig war, aber es war eben so. vielleicht waren es auch wochenbettdepressionen, keine ahnung. meine kinder und mein mann haben mich gebraucht und so hab ich da herausgefunden.

ich freue mich am leben, meine kinder machen uns viel spaß und für meinen mann bin ich stark, aber es muss einem doch auch mal gegönnt sein, traurig und mutlos zu sein.

nochmals lieben dank und alles gute für euch!

fee166

Beitrag von verzweifelte04 29.11.10 - 21:48 Uhr

glaub mir, ich versteh dich total gut!!

ich bin oft traurig und mutlos.. ich geh seit 2 wochen wieder arbeiten und ich muss rücksicht auf meine kollegen nehmen, weil die nicht wissen wie sie mit mir umgehen sollen!?!!!!?

ich soll auf alle rücksicht nehmen, soll funktionieren, tun als wär nix gewesen!

meine beste freundin hat 6 tage nach dem ich sie über den Tod von Raphael informiert hab per sms gemeldet "ich hoffe du kommst einigermaßen zurecht..." ..klar, hab mir ja nur ein bein gebrochen.. oder wie??? ..ich hätt mir erwartet, dass sie mich besucht, mich tröstet..
tja, erwarte nichts von anderen, dann wirst du auch nicht enttäuscht, sondern kannst nur überrascht werden.

ich versuch seit wochen die starke zu sein, ich kanns nicht sehen wenn meine familie traurig ist und wenn ich anfang zu weinen, dann gehts ihnen auch schlecht.

das einzige was mich aus dem loch zieht sind positive gedanken und natürlich auch meine familie!

und ja, es gibt genügend dumme ratschläge.. aber über sowas denk ich einfach gar nicht mehr nach.
solche sprüche, solche leute haben einfach keinen platz mehr in meinem leben!

du darfst soviel jammern wie du willst, aber pass auf, das endet schnell in einer depression und davon hast weder du was, noch sonst jemand!

kopf hoch.. das leben ist hart und ungerecht, da müssen wir durch!

alles alles liebe

Beitrag von maxundjan 30.11.10 - 07:40 Uhr

Warum sagt man seinen Freunden denn nicht was man von Ihnen erwartet?

Wenn man es einmal gemacht hat, bzw. damit angefangen hat ist es gar nicht schwer seine Wünsche und Bedürfnisse zu äußern.

Andere Menschen können nun mal nicht in uns hineinsehen und oft auch nicht hineinversetzen (was auch gut so ist).

Oft wird etwas gesagt, nur um etwas zu sagen, da wo eigentlich Sprachlosigkeit ist...........aber das passt uns auch nicht................wie macht man es denn richtig?

Ich kenne diese Situationen, wo (auch meine beste Freundin - wir kennen uns seit 20 Jahren und als ich mit ihr über meinen Sohn reden wollte bzw. über sein sterben, da kam sie mit ihrer Tochter zu mir - einfach aus Angst meine Trauer und meine Worte nicht auszuhalten) Menschen Müll erzählen, wo Menschen gar nichts sagen..............

Aber mir war vieles nicht Recht, einfach weil ich es oft nicht wußte was ich wollte - und wenn ich es schon nicht weiß, wie sollen es die anderen wissen?

Wenn mich jetzt jemand fragt wie es mir geht, und mir gehts grad nicht gut, dann frag ich: willst du das wirklich wissen............. und dann bekomst du auch eine Antwort.....

Wenn dich jemand zutextet, dann sag einfach: Stopp, mir gehts auch nicht gut.............

Ich hoffe du verstehst was ich meine.
Dazu fällt mir ein Sprichwort/eine Weisheit ein

"Heimliche Wünsche, werden unheimlich selten erfüllt!"


Alles Gute für euch und wenn du Hilfe brauchst, dann such dir Hilfe, es gibt bestimmt auch andere Betroffene mit derselben Augenerkrankung wie dein Mann. Für dein Geburtstraume gibts Therapeuten, das können Freunde und Angehörige gar nicht leisten.

Sandra

Beitrag von fee166 30.11.10 - 20:34 Uhr

huhu,

lieben dank für deine antwort.

eine therapie würde ich gern machen oder wenigstens mal eine kur oder einen urlaub, um mal abzuschalten und nicht mehr die starke für zwei kinder und einen mann zu sein.

aber ich kann die drei doch nicht alleine lassen und für eine therapie hab ich keine zeit, so doof das klingt. die familie fordert mich sehr und ich möchte für sie stark sein.

wir versuchen, positiv zu denken, aber es ist schwer, wenn man mit der angst tag ein tag aus leben muss, dass das zweite auge auch betroffen sein wird und er dann blind sein wird im schlimmsten fall. wir hatten viele pläne, die sind nun über den haufen geworfen.

selbst, wenn die netzhaut nach der nächsten op länger als eine woche halten wird, man rechnet jeden tag mit der erneuten ablösung.

aber wirklich schwer sind so alltägliche momente, wenn eines der kinder weint und auf den arm genommen werden möchte. wenn ich den großen aus dem KIGA abholen möchte und der kleine noch schläft. wird er wach, kann bzw. darf mein mann ihn nicht aus dem bettchen heben. schlitten fahren im moment unmöglich, schwimmen gehen...

diese kleinen sachen, die seit august 2009 unmöglich sind, sind auch für die kinder schwer zu verstehen. dabei sollen sie doch unbeschwert sein.

lieben dank

fee166