Gibt es eigentlich noch "normale" Kinder.....zweiter Teil!

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Forum: Kids & Schule

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Beitrag von itsmyday 28.11.10 - 21:47 Uhr

Das hier hab ich grade gefunden:

http://www.zeit.de/2009/32/Das-therapierte-Kind-32

Unsere Wahrnehmung scheint also nicht getrübt.....#augen

LG Itsy

Beitrag von rhcp 28.11.10 - 23:52 Uhr

Hallo Itsy,

danke für den tollen Beitrag, er spricht mir aus der Seele.

Ich finde es beruhigend, dass jemand mit so viel fachlicher Kompetenz genau das ausspricht, was ich so ganz laienhaft immer im Hinterkopf habe, wenn ich im Alltag mit meinen und fremden Kindern zusammen bin.

#danke#winke

RHCP

Beitrag von arkti 29.11.10 - 00:39 Uhr

Ich denke das kann man aber für Erwachsene genauso so sehen.
Da frage ich mich auch täglich ob es noch normale gibt, irgendwie scheint da ja auch jeder zweite zum Psychologen zu rennen.

Beitrag von tattel 29.11.10 - 07:03 Uhr

#danke für diesen link.

Beitrag von 3wichtel 29.11.10 - 10:02 Uhr

Ja, der Artikel ist nicht schlecht, kannte ihn schon.

Aber: Ich kenne auch die andere Seite. Mein 7jähriger Sohn hat das Tourette-Syndrom.
Früher wäre er in der Schule wahrscheinlich (wenn man sich die Lebensberichte heute erwachsener Touretter durchliest) einfach gehänselt (bestenfalls) oder gequält (leider bei Tourettern keine Seltenheit) worden.
Man hätte gesagt, dass er doch einfach mal still sitzen soll und die ständigen Geräusche lassen soll.
Und man hätte wahrscheinlich offen ausgesprochen, dass man ihn für ein wenig "unterbelichtet" hält, weil er ständig so komische Sachen macht.

Heute ist die Krankheit besser erforscht und viel bekannter. Daher kann er jetzt (hoffentlich) eine normale Schullaufbahn hinlegen.

Es hat also auch durchaus Vorteile, wenn man die Kinder stärker durchcheckt und Krankheiten besser erforscht.

Denn was meinst Du, bei wievielen Ärzten und Therapeuten wir waren, bis wir endlich die Diagnose hatten? (HNO,Augenarzt, Kinderarzt, Logopädin, Ergotherapeutin, SPZ, etc.).

Beitrag von gismomo 29.11.10 - 10:17 Uhr

Hallo Itsy,

der Beitrag spiegelt exakt meine Meinung wieder. Ich habe das im Artikel zitierte Buch von Largo vor einem halben Jahr gelesen und fand es sehr wahr und bemerkenswert - es geht darin auch zu einem großen Teil um das Schulsystem, und da ich Lehrerin bin, hatte ich auch berufliches Interesse, das Buch zu lesen.

Besonders wichtig finde ich das, was im Artikel unter "fehlender Geborgenheit" und "fehlender emotionaler Aufladung der Sprache" angemerkt wird. Das trifft den Kernpunkt meiner Überzeugung, was Erziehung angeht - ich bemerke sowohl im Bekanntenkreis als auch, was einige Eltern meiner Schüler angeht, dass dies ein Kernproblem einiger Familien ist.

Die Beziehung zwischen Kindern und Eltern braucht sehr viel Zeit - allem Gerede von der "quality time" zum Trotz ist das nun mal so. Erziehung und Förderung entscheidet sich bei den Dingen des alltäglichen Miteinanders: Bei der Mütze, die ein Kind nicht aufziehen will, z.B. Bin ich nun als Mutter unter Zeitdruck und setze meinem Kind die Mütze auf, damit wir nicht zu spät kommen? Oder habe ich die Zeit zur Verfügung, die es braucht, um den Konflikt so zu lösen, dass mein Kind daran etwas lernen kann und dass ich die notwendige emotionale Ausstrahlung besitze, um ihm zu signalisieren, dass wir den Konflikt geduldig, zuverlässig und wohlwollend lösen können? Wenn ich im Stress bin, ist der Versuch, aus diesem Konflikt zu lernen, also zu erziehen, von Vornherein zum Scheitern verurteilt.

Meiner Meinung nach ist das der Kernpunkt, der unterschätzt wird. Erziehung heißt nicht Frühenglisch, heißt nicht Malenkönnen wie ein kleiner Picasso - Erziehung heißt Beziehung, und das funktioniert nicht ohne Zeit, Geduld, Aufmerksamkeit und eine liebevolle und konzentrierte Wahrnehmung des Kindes.

Das ist der eine Aspekt. Der andere Aspekt ist der, dass Eltern sich häufig nicht mehr an ihrem Kind orientieren, was unter anderem daran liegen kann, dass die Beziehung (siehe oben) in gewissem Maß gestört ist. Wenn ich mich am Kind orientiere und nicht an einer vorgegebenen Meßlatte von außen, dann kann ich gar nicht anders, als festzustellen, dass mein Kind so, wie es ist, mit allen Stärken und Schwächen absolut in Ordnung ist. Und dass ich so mit ihm umgehe, dass es eine Persönlichkeit wird, die sich seiner Stärken und Schwächen bewusst ist und angemessen damit umgehen kann - ohne sich defizitär zu fühlen, und mit sicherem Vertrauen auf seine Stärken. Und mit dem Wissen, dass andere Kinder anders sind und dass jeder seinen Platz in der Gemeinschaft hat und jeder eine Bereicherung für die anderen ist.

Darüber sollten wir uns bei der Erziehung wieder Gedanken machen. Aber Beziehung kostet viel, viel Zeit und Aufmerksamkeit, das geht nicht "automatisch" und erst recht nicht, indem ich für meine Kinder zum Mamataxi werde und meine Beziehung zu ihnen hauptsächlich auf diesen Aspekt reduziere.

lg
K.

Beitrag von leopoldina1971 29.11.10 - 11:00 Uhr

Zitat aus diesem Artikel:.....Andererseits: Was, verdammt, sollen Eltern tun, wenn der Lehrer kommt und sagt: Ihr Kind hat eine Legasthenie, eine Dyskalkulie, es sitzt nicht still, lassen Sie es mal auf ADHS testen, vielleicht ist es ja hochbegabt?......Remo Largo hält Legasthenie und Dyskalkulie für Normvarianten von Lesen und Rechnen, die man nicht wegtherapieren kann. Die Mehrheit der hyperaktiven Kinder, sagt er, haben einen intensiven, aber ebenfalls normalen Bewegungsdrang. Was Kindern heute fehlt, sind nicht Therapien, sondern eine Welt, die ihnen gerecht wird, Beziehungen, die nicht auf Leistung aufbauen. Mit einem altmodischen, fast kitschigen Wort: Geborgenheit.......


Die Lehrerin des Sohnes einer Bekannten sagte zu ihr: lassen sie bitte ihr Kind untersuchen bzw. versuchen sie es einmal mit Ergotherapie, er kann überhaupt nicht stillsitzen!
Das Kind geht gerade einmal ein paar Wochen in die Schule. Dass es eine immense Umstellung für die Kinder und eigentlich ein ganz natürliches Verhalten ist, das sieht die Lehrerin wahrscheinlich gar nicht mehr im heutigen Wandel der Zeit. Völlig verängstigt und eingeschüchtert holte sie entsprechende ärztliche Meinungen ein. Fazit: ihr Kind ist völlig normal.

Auch den anderen Aspekten in diesem Artikel kann man nur beipflichten.

LG

Beitrag von jule2801 29.11.10 - 14:49 Uhr

Hallo Itsy,

ich habe den Artikel jetzt nicht komplett durchgelesen, im großen und ganzen stimme ich dem aber zu!

Allerdings mag ich hier ein kleines Beispiel anführen aus meinem Studium anführen: Ein Dozent erklärte uns damals wieviel Prozent unserer Bevölkerung an einem Schleudertrauma leiden (die genaue Zahl habe ich allerdings wieder vergessen). In Russland dagegen gäbe es keinen einzigen Menschen mit dieser Diagnose. Naja, wir haben dann hin und her gerätselt woran das liegen könnte, bis er schließlich meinte, dass es daran liegen würde, dass es dort niemanden gibt der die Diagnose stellt.

Naja, ähnlich ist das doch heute bei unseren Kindern auch. Nur weil man vor 20 Jahren keine (oder nur sehr wenig) ADHS Diagnosen gestellt hat, heißt dass ja nicht, dass es diese Krankheit nicht gibt. Ich denke es ist gut, dass heute früher gehandelt wird und es mehr Möglichkeiten gibt Probleme zu lösen - aber man muss es nicht übertreiben!

lg Jule!

Beitrag von docmartin 29.11.10 - 20:53 Uhr

Aber woher kommt es beispielsweise, dass es von 2000 bis 2009 65% mehr Schulversager (17 jährige ohne Schulabschluss mit mangelhaften Kenntnissen im Lesen, Schreiben und den Grundrechenarten) gab als im Zeitraum 1950 bis 1959 Erhebung der Städte Hamburg, Bremen und Berlin. Eine Freundin von mir promoviert über Schulkarrieren von 1945 bis 2009 und Grundfertigkeiten wie Rechtschreibung, flüssiges Lesen und sichere Beherrschung des kleinen und großen 1x1 soei Dinge wie Dreisatzrechnen waren offensichtlich durchaus weiter verbreitet als heutzutage.
Ich will es nicht werten, aber ich glaube schon,dass da einige Komponenten zusammen kommen: hoher Fernsehkonsum, schnellere Diagnostik bei Auffälligkeiten ...Ich finde solche Studien auch immer sehr interessant und btw, bin ein großer Largo-Fan.
Gruß franziska

Beitrag von gismomo 30.11.10 - 08:01 Uhr

Hallo Franziska,

um deine Frage zu beantworten: Ich glaube schon, dass der hohe Konsum elektronischer Medien eine große Rolle spielt, wenn es darum geht, dass die Grundfertigkeiten weniger beherrscht werden als noch vor Jahrzehnten.

Außerdem denke ich, dass auch die Art und Weise, wie Kinder spielen, Einfluss darauf hat - ich denke, dass diese "Inseln", die es heute beim Spielen bzw. den Freizeitaktivitäten gibt, eine häufig unterschätzte Rolle spielen, was Konzentrationsfähigkeit und Kontinuität im Lernen betrifft. Ein Beispiel: Früher waren Kinder nachmittags im Allgemeinen mit anderen Kindern draußen auf der Straße, auf dem Fußballplatz, auf dem Spielplatz. Heute sind sie am Montagnachmittag im Kinderturnen, am Dienstagnachmittag im Frühenglisch, am Mittwochnachmittag im Ballet, etc. - also lauter "Inseln", keine Zeit, um einen ganzen Nachmittag in Ruhe am Stück zuhause zu spielen. Aber wenn man sich komplexe Spiele ausdenken und sie durchführen will, braucht das eben viel Zeit am Stück. Der Unterschied zu den so genannten Freizeitaktivitäten in Sportvereinen und von privaten Anbietern ist der, dass die Aktivitäten "vorgesetzt" und nicht von den Kindern selber entwickelt werden. Es ist also ein Unterschied, ob ein Kind ein kleines Theaterstück zuhause selber entwickelt, probt und aufführt, oder ob es in eine musikalische Früherziehungsgruppe geht und dort macht, was die Leiterin vorgibt bzw. anleitet.
Nicht dass Kinderturnen z.B. generell "schlecht" ist - es sollte nur sehr viel Zeit auch für das freie Spiel übrig bleiben, und möglichst viel Zeit am Stück, damit die Kinder nicht herausgerissen werden, wenn sie gerade mittendrin sind. Das ist - zumindest bei den Leuten, die ich kenne - häufig nicht der Fall.

Und was elektronische Medien angeht - mag ja sein, dass manche Kinder "früher" auch jeden Tag fernsehen durften. Aber da gab es dann auch maximal das Kinderturnen oder den Musikverein mit fest verplanter Freizeit, der Rest der Freizeit war freie Spielzeit. Das sieht heute anders aus, zumal viele Kinder bei Berufstätigkeit beider Eltern weniger häufig zuhause sind (sondern bei Großeltern, Tagesmüttern, im Hort etc.) und dadurch automatisch weniger freie Spielzeit zuhause bleibt. Ich will das gar nicht werten - ich bin selber berufstätig und weiß um das Problem, aber es ist nun mal eine Tatsache, dass Kinder dadurch wesentlich weniger freie Spielzeit zuhause haben als die Kinder das früher hatten.

Früher haben wir stundenlang komplexe Puppenspiele gemacht - das waren richtige kleine Theaterstücke und es ging den ganzen Nachmittag lang. Oder wir haben den ganzen Nachmittag gebraucht, um einen Kuchen zu backen. Da haben wir dann aber wirklich ALLES selber gemacht, ohne elterliche Hilfe - was zwar drei Mal so lang gedauert hat, aber dafür war der Lerneffekt ungleich größer. Heute meint man, man muss zwischen zwei Terminen außer Haus auch noch das Plätzchenbacken mit den Kindern hineinquetschen - kein Wunder, dass das mehr zur Farce verkommt und die Kinder dann maximal noch alleine die Zuckerstreusel auf den Teig streuen.

Diese beiden Dinge - Medienkonsum und zu wenig Zeit zum selbständig Spielen(wobei Spielen viel mehr beinhaltet als nur das Ausführen einer Aktivität) - sind meiner Meinung nach der Auslöser für die oben genannten Probleme.

Im Übrigen noch ein Wort zum Thema Medienkonsum: Es wird für völlig normal und akzeptabel gehalten, dass ein Grundschulkind pro Tag eine halbe Stunde fernsehen darf. Mein Sohn - der sehr selten fernsieht - liest jeden Tag zwischen einer halben und einen Stunde.
Als die Kinder nun in der Schule eine Lesevertrag unterschrieben und angegeben haben, wie viel sie pro Tag lesen, kreuzte er regelmäßig die Spalte an "20 Minuten oder mehr". Mit dem Ergebnis, dass er der einzige aus seiner Klasse war, der so viel las, und alle anderen Kinder sehr erstaunt darüber waren. Aber frag mal, wie viel alle Kinder pro Tag fernsehen - da hätten sicherlich viele "20 Minuten oder mehr" angekreuzt.
Die Lehrerin jammert seit Schuljahresbeginn, dass die Klasse große Schwächen hat, was die Lesekompetenz angeht. Mich wundert das allerdings gar nicht. Nur sehen viele Eltern den Zusammenhang nicht bzw. es scheint gesellschaftlich völlig akzeptiert zu sein, dass eine halbe Stunde fernsehen pro Tag in Ordnung ist, während eine halbe Stunde lesen pro Tag außergewöhnlich zu sein scheint. Aber es ist nun mal so, dass das, was ich regelmäßig tue, meine Entwicklung fördert bzw. meine Kompetenz in diesem Bereich aufbaut. Das ist eine sehr einfache Gleichung und nicht schwer zu verstehen - nur habe ich manchmal das Gefühl, viele WOLLEN darüber gar nicht nachdenken.

lg
K.

Beitrag von leopoldina1971 30.11.10 - 09:55 Uhr

Ich sehe es genauso. #pro