Tatsachenberichte und Biographien

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Beitrag von fernande 29.11.10 - 06:43 Uhr

Hallo,

angeregt durch eine etwas unschöne Diskussion hier im Forum stelle ich mir die Frage, ob ich so alleine mit meiner Ansicht dastehe.

Ich habe die Aussage getroffen, dass ich das Lesen von Büchern, wie das von Natascha Kampusch oder andere Tatsachenberichte im Stile des Filmes Rohtenburg pervers finde.
Ich sehe dabei die Defintion von pervers nicht im Sinne von sexuell abartig, sondern die Definition, die auch so im Duden steht:
verdreht, verkehrt

http://www.duden-suche.de/suche/trefferliste.php?suchbegriff%5BAND%5D=pervers&suche=homepage&treffer_pro_seite=10&modus=title&level=125

Nun kam die Behauptung auf, dass ich ja dann alle Leser die Biografien oder Werke wie Schindlers Liste oder das Tagebuch der Anne Frank pervers finden müsste.

Ich war baff erstaunt.
Ich sehe massive Unterschiede in den Berichten über Inzestopfer in Österreich, der unvorstellbaren Entführung von Frau Kampusch, Kannibalismus in Hessen oder einem biographischen Werk über die Judenverfolgung zur NS-Zeit.

In erst genannten Werken frage ich mich nämlich nach der gesellschaftlichen Relevanz. Ich sehe eher Sensationslust und die Suchen nach etwas wohligem Grusel als Motivation diese Berichte zu lesen oder sich solche Filme anzuschauen. Und ja, das finde ich pervers!
Dagegen kann ich mir nicht vorstellen, dass man sich aus den gleichen Gründen Das Tagebuch der Anne Frank durchliest oder sich eine Biographie über die Manns anschaut.

Wie seht ihr das?

Sind Tatsachenberichte a la Kampusch und Fritzl gleichzusetzen mit dem Tagebuch der Anne Frank?

Beitrag von holy_cow 29.11.10 - 08:01 Uhr

Hola,
ich denke mal, Kannibalismus in Hessen ( den Fall kenne ich jetzt nicht ) mit der " unvorstellbaren Entführung von Frau Kampusch " in einem Schreibzug gleichzustellen, finde ich recht wild und weit hergeholt.

Damit ich mich nicht wiederholen muss, hier noch mal zum nachlesen!

http://www.urbia.de/forum/index.html?area=thread&bid=42&tid=2913576&pid=18453961


NS Zeit oder / Gewaltopfer / Neuzeitliche Terrorofper. Hinter all diesen Geschichten stehen Menschen mit Gefuehlen und ihr Leiden wird nicht weniger grausam, weil man es mit dem Leid anderer vergleicht.
Wer will denn da eine Messlatte ansetzten?
Sind die Menschen die an den Schicksalen teilhaben ( weil sie die Biografien lesen ) pervers?
Zum anderen finde ich, dass dein Post unnoetig ist, da ich zu dem Thema ja schon eines aufgemacht habe.


Saludos!

Beitrag von fernande 29.11.10 - 08:27 Uhr

Nein, der Vergleich zwischen der Biographie der Manns und Skandalbüchern a la Kampusch ist natürlich viel passender!

Danke für den Versuch.

ich denke, wie haben uns alles gesagt.

Beitrag von holy_cow 29.11.10 - 08:45 Uhr

Ich habe nirgendwo die Biografie der Manns mit der von der Frau Kampusch verglichen.

Eine Diskussion ueber dich?
Nimmst du dich nicht etwas zu wichtig?

Es geht mir da doch eher um das Thema als deine Person.

Schoenen Tag!

Beitrag von fernande 29.11.10 - 08:42 Uhr

Nein Du hast ein tendezielles Posting aufgemacht mit der Absicht über mich zu diskutieren.

Dazu hast Du noch ein Zitat eingefügt und meine Meinung weiterhin völlig falsch wiedergegeben.

Das ist definitiv nicht das selbe Thema das ich gerne besprechen will.

Beitrag von king.with.deckchair 29.11.10 - 09:09 Uhr

"Sind Tatsachenberichte a la Kampusch und Fritzl gleichzusetzen mit dem Tagebuch der Anne Frank?"

Nein. Denn erstere bedienen die reine Sensationsgier, die perverse (!) Lust, sich am Gräuel dieser Tater hochzugruseln. Leider halten viele es für "Mitleid" oder "Mitgefühl", was sie dazu treibt, sich solchen Schund reinzuziehen. Es ist aber die reine Sensationsgeilheit, die Lust am Grauen.

Geht man zu Weltbild z.B. (ein Buchladen, der dann doch sehr den Mainstream bedient), son findet man mind. einen Meter Regal voll mit solchen "Tatsachenberichten" wie "Ich wurde verkauft" oder ähnlicher Schund. Wenn die betreffenden Leserinnen denn dann auch wirklich eine Lehre daraus zögen und sich ob des Schreckens dieser Lebensgeschichten mal aufmachten, in der Gesellschaft etwas zu verändern... aber nö. Wie es hier mal gepostet wurde, es reicht gerade, um beim nächsten Kaffeeklatsch zwischen zwei Happen Käsekuchen sich gemeinsam an solchen Geschichten gruselig aufzugeilen oder aber um die "Hängt ihn höher und vorher aber Schwanz ab!"- Keiferei zu befeuern.

Ich dachte immer, meine Haltung zu diesen Themen begründe sich auch und vor allem in zwei Tatsachen. Erstens darin, dass ich selbst massive - psychische und körperliche - Gewalt durch meine Eltern erfahren habe. Statt Hilfe bekam ich auf meine Schilderungen selbst in der Verwandschaft nur ein "Gottohgottohgott!" und ein sensationsgeiles Durchhecheln meiner Mutter und ihrer "Spinnereien" durch die Verwandschaft hindurch.
Zweitens bin ich seit Jahren im Öffentlichen Dienst in Sozialbehörden tätig. Ich habe Opfer vorm Tisch sitzen, live, in Farbe und bunt. Echte Menschen, weinende Menschen, kaputte Menschen. Mit all' ihrem Leid und ihrer Not und den Folgen für ihr Leben. Während andere das Buch weglegen und sich die nächste Folge Anna und die Liebe reinpfeifen, beginnt meine Arbeit und die Arbeit meiner Kollegen erst.

Ich denke aber, es ist eine Frage der Bildung, warum sich so viele diesen Schund wie die Geschichte des Kannibalen von Rothenburg einverleiben (5,- € in die Wortspielkasse). Einfache Gemüter sind das, abgestumpft und latent verroht vielleicht auch. Mir haben z.B. die Infos aus der Presse völlig gereicht, um zu wissen, dass ich keine weiteren Details wissen, meine Seele nicht mit diesem Schmutz verdrecken lassen will - weiß gerade kein anderes Bild dafür, wie ich es empfinde.

Ich las mal ein Buch über die Nazizeit. Eine Szene war die furchtbar brutale Ermordung eines Drejährigen aus einer Spielsituation heraus vor den Augen der Mutter. Schon beim Aufschreiben dieser Sache schüttelt es mich wieder. Ich konnte das Buch nicht weiterlesen. Interessant dabei: Wann immer man mit anderen über das Buch sprach, wurde nur diese eine Szene durchgehechelt. Von einigen, weil sie sprechen mussten, um das irgendwie zu verarbeiten. Von anderen aber auch mit so einer komischen "Boah, haste gelesen..."-Haltung, als sprächen sie über einen Horrorfilm.

Und diese "Boah"-Haltung, die ist pervers.

LG
Ch.

Beitrag von purpur100 29.11.10 - 09:58 Uhr

"Sind Tatsachenberichte a la Kampusch und Fritzl gleichzusetzen mit dem Tagebuch der Anne Frank? "

Nein. Ich kanns nicht erklären, ich hab da irgendwie mein "Aschenputtel-Prinzip": Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.
Und Kampusch sortiere ich zu Letzterem.

Geht mir auch bei Filmen so. Wenn wir uns DVDs holen, dann weiß ich meist im voraus, welcher Film der "Griff ins Klo" ist. Und es klappt immer besser, meinen Mann davon zu überzeugen. Also schon vorher. Mittlerweile glaubt er mir schon sehr oft, wenn ich sage "Das ist großer Mist".

Beitrag von dornpunzel 29.11.10 - 11:40 Uhr

'Sind Tatsachenberichte a la Kampusch und Fritzl gleichzusetzen mit dem Tagebuch der Anne Frank?'


Im Prinzip, ja. Es sind Biographien (wobei man bei 'Das Tagebuch der Anne Frank' darüber streiten könnte).

Für mich persönlich spielt Letzteres in einer völlig anderen Liga (die auch 'Die Manns' nicht erreicht) als 'Kampusch' oder 'Ich war im Harem' und so weiter. Aber das kann man kaum allgemeinverbindlich festlegen. Die einen interessiert eben ein Tatsachenbericht eines russischen Kriegsgefangenen, andere lesen lieber die Erlebnisse einer Mutter, die ihr in den Jemen verschlepptes Kind zurück wollte.

Die Frage, um die es hier wohl eigentlich geht ist, aus welcher Motivation heraus welche Biographie gelesen wird.

Von der Sicht der Leser macht es in meinen Augen keinen Unterschied, ob jemand mit einer Jüdin im KZ leidet, oder mit einer Frau, die einen Großteil ihres Lebens im Keller eingesperrt war.

Ebenso macht es keinen Unterschied, ob man seine Sensationsgier damit befriedigt, Berichte von jüdischen Zwangsarbeiterinnen durchzulesen, oder das Buch von Kampusch.

Natürlich, Kampusch oder Fritzl ist noch 'aktuell' in unseren Köpfen, deswegen neigen die Menschen vielleicht dazu, das Lesen solcher Biographien als 'pervers' zu bezeichnen. Aber war es 1947 pervers, das Tagebuch der Anne Frank zu lesen? Könnte mir vorstellen, dass es damals durchaus Leute gegeben hat, die dieser Meinung waren ...

Beitrag von fernande 29.11.10 - 12:02 Uhr

Nun ich bin jetzt davon ausgegangen, dass man Anne Franks Tagebuch nicht liest, weil man sensationslüstern ist.
Genausowenig kann ich mir vorstellen, dass man Schindlers Liste aus Sensationslust schaut.

Es hat ein wenig auch mit dem Anspruch des Werkes zu tun und dessen Bedeutung. Man muss so ein Buch immer im Kontext sehen. Anne Franks Tagebuch ist das Werk das uns in den letzten Jahrzehnten die Grausamkeit des NS-Regimes auf schnörkellose und schlichte Weise aufgezeigt hat. Gerade deshalb ist es so erschütternd.

Die Tagebuchaufzeichnungen an sich, sind zum größten Teil die Erlebniswelt eines Teenagers und wären sicher nicht so bemerkenswert, wenn die Geschichte der Familie anders verlaufen wäre.

Schindlers Liste war wichtig, auch in dem Kontext, dass ein Jude diesen Film gedreht hat und hat eine neue Diskussion angefacht. Sehr gut und wichtig.

Mir will halt nicht in den Kopf, wo da der Vergleich zu dem Schicksal von Frau Kampusch oder Fritzls Tochter liegt.

Welches gesellschaftsrelevante Thema wird hier angesprochen? Was ist die Motivation das zu lesen?

Vielleicht würde ich das verstehen, wenn man es mir ordentlich erklären würde.
Mitgefühl hat man doch auch, ohne alle Einzelheiten zu kennen.

Also ich verstehe es nicht.

Und ich gebe Dir völlig recht, dass es auf die Motivation ankommt.
ich glaube ich habe das auch verschiedenen Stellen erwähnt.

Gruß
f