Oma...

Archiv des urbia-Forums Trauer & Trost.

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Forum: Trauer & Trost

Fehlgeburt, Tod eines geliebten Menschen, Angst, nicht enden wollende Trauer um ein Sternenkind: Leider stehen wir nicht immer auf der sonnigen Seite des Lebens, diese Erfahrung muss jeder von uns machen. Oft hilft es, mit anderen darüber zu sprechen...

Beitrag von rmwib 09.01.11 - 00:04 Uhr


Ich weiß nicht wo ich anfangen soll,
Du warst nie wirklich warm oder herzlich aber trotzdem waren wir immer willkommen, Deine Tür stand immer offen.
Du hattest einen Putzfimmel deluxe, hast sogar die Fransen vom Teppich am Rand mit einem Kamm geordnet und Dich aufgeplustert, wenn wir Kinder da beim Toben alles durcheinander gelatscht haben.
Du hast den Fernseher immer ganz ausgeschaltet und nie den StandBy Modus benutzt und Du hast abends vor dem Schlafengehen immer den Wäschekorb auf die Toilette gestellt, weil Du in einer Reportage gesehen hast, wie Ratten aus der Kanalisation über die Klos ins Haus kommen.
Spleenig warst Du immer schon irgendwie, hast nur eine bestimmte Sorte Kekse gegessen, bist immer die selben Wege gegangen...

Als Deine Krankheit startete, haben wir es erst gar nicht so mitbekommen, Du hast im Restaurant zum Beispiel immer das bestellt, was auch irgendjemand vor Dir bestellt hat, es ahnte ja niemand, dass Du schon längst nicht mehr lesen konntest #schwitz
Ich hab Dich in der Stadt beim Einkaufen verloren und völlig verwirrt am Markt wieder gefunden, nachdem mich ein Freund anrief, der Dich da rumlaufen sah...
Du warst so anders, so weich. Plötzlich wolltet Du immer in den Arm genommen werden, hast viel geweint. So kannte ich Dich nicht, Du warst immer stark, groß, die kühle Blonde, eigentlich emotionslos und doch voller Liebe,Du hast immer alles für uns gemacht, warst immer da, hast uns nach der Schule betreut, Mittag gekocht, gebügelt... Es ist mir schwer gefallen, mich darauf einzulassen, auf die neue weiche Oma, ich kannte Dich ja nie so #schwitz
Als Du ins Heim ziehen musstest, weil Du Deine Haustür nicht mehr gefunden hast, Dir mehrfach mit Deinem Herd fast die Bude abgefackelt hast und der Alltag nicht mehr mit Tagespflege und uns zu bewältigen war, haben wir Dir erzählt, Deine Wohnung müsse wegen eines Wasserschadens im Haus renoviert werden für ein paar Tage #schein bald wusstest Du nicht mehr, jemals woanders gewohnt gehabt zu haben.
Das Ausräumen Deiner Wohnung war das Schlimmste, was ich in meinem ganzen Leben mitgemacht habe bisher. Es war so schlimm, all die hilflosen Versuche von Dir, Dir Deine neue Welt zu erklären, eine angefangene Geburtstagskarte, ein Zettel, wo Du Dir versucht hast, eine Uhr aufzumalen... Du musst es schon so viele Jahre vor uns gewusst haben und hattest vermutlich einfach zu große Angst... ich bin doch nicht bescheuert hast Du immer gesagt...
Du bist in Deine Kindheit zurück gefallen, hast viel Platt gesnackt, von Deinen Brüdern und der Bombardierung Deiner Heimatstadt geredet...

Wir haben Dich zum Spazieren gehen abgeholt, Weihnachten warst Du bei uns... Du hattest Windeln an und wir haben schnick-schnack-schnuck gemacht, wer mit Dir auf die Toilette geht, wenn Du mal musst- ich hab verloren gehabt #schein war aber ohnehin die einzige, die sich getraut hätte...

Das Jahr darauf wollte ich Dir Weihnachten Deinen Enkel vorstellen, da war bei Dir schon kein Licht mehr in den Augen, und auch, wenn ich nicht dachte, dass Du zuordnen kannst, wie wo und zu wem das Baby gehört, so dachte ich doch wenigstens, dass Du das Kind bemerkst und Dich freust, dass eins da ist... wie es Omas eben tun, wenn sie Kinder sehen #schwitz

Die letzten 2 Weihnachten durften wir Dich nicht mehr mitnehmen, seit einem knappen Jahr liegst Du jetzt nur noch.

Immer, wenn ich zu Dir komme, bin ich gefasst, ich streichel Dich, erzähl Dir was.
Dein Urenkel war auch mit heute.
Abends sitz ich dann und komm einfach nicht klar damit.

Dass Du da liegst, gefangen in dieser Hülle, ohne Worte, gefangen in Dir selbst. Es ist so schwer zu akzeptieren, dass Du längst gegangen bist, obwohl Du noch da bist, dass einfach keiner mehr zu Hause ist.

Ich habe versucht, es mir zu ersparen, aber wenn ich nicht komme, frisst mich mein Gewissen auf.

Ich frage mich, ob Du wohl merkst, wenn ich bei Dir bin. Heute hast Du nicht geschaut. Manchmal denke ich, Du siehst mich an und weißt wer ich bin #gruebel

Ich suche nach Worten und finde keine. Ich liebe Dich und hoffe, Dein Leid findet irgendwann ein Ende.

Der Zwerg hat heute gefragt "Ist die Oma krank?"- ja das ist sie und niemand kann ihr helfen.

Scheiß Demenz.

Beitrag von engel23184 09.01.11 - 00:11 Uhr

Seeehr traurig!#schmoll

Aber dennoch sehr schön geschrieben! Lass dich!#liebdrueck

Beitrag von rmwib 09.01.11 - 00:24 Uhr

#liebdrueck Danke. Ich komm nicht mehr klar heute, hab gerade nochmal drüber gelesen... hätt vielleicht vor dem Abschicken nochmal lesen sollen, aber ist jetzt auch egal ;-)

Das ist einfach so unfair. Warum müssen Menschen so leiden, ich versteh das alles nicht, das kann doch keinen Sinn haben. Sie ist so ein Mensch gewesen, der immer alles für andere gemacht hat, der auch während ihrer Ehe so viel Leid stumm und stolz ertragen hat, sie hat das nicht verdient. Sie musste so viel aushalten und jetzt zum Ende noch diese fürchterliche Krankheit #heul das kann doch echt niemand wollen. #heul

Ich zergeh hier gerade völlig. Nuss-Nougat-Creme ist leer, ich hätt gern einen Schnaps oder eine Zigarette oder beides und habe nichts davon im Haus. Alle hier schlafen und ich schieb die depressive Episode #schwitz

Beitrag von triso 09.01.11 - 00:45 Uhr

Ich teile mit dir gern meine letzten 2 Zigaretten, die Rotweinflasche ist noch halbvoll und ein paar Trüffelpralinen und etwas Olivenbrot hat mein Besuch übrig gelassen.
Hier, schieb ich dir rüber.

Das letzte, was die demenzkranke Oma meines Mannes zu mir gesagt hat, war: ich will nicht, daß Fremde hier sind und dann hat sie mir eine geklebt, mit Wums.
Dabei hatte sie mich eigentlich wirklich gern.
Und dann ist sie in ihre eigene Welt abgetaucht, hat Wollknäule auf- und abgewickelt und niemanden mehr erkannt.
Als sie gestorben ist, hat es mir immer noch wehgetan, daß das ihre letzten Worte waren:-(.

Beitrag von rmwib 09.01.11 - 00:49 Uhr

Das ist auch hart #liebdrueck tut mir leid.

Ich würd übrigens gern eine von den beiden Zigaretten nehmen und ein Glas Wein, hach, das wär was. Hab schon überlegt, bei Rauchernachbarn zu klingeln, aber die Uhrzeit... nicht so passend glaub ich #schwitz

Unten vor der Tür ist ein Automat... ich rauch ja aber schon 3 Jahre nicht mehr... regelmäßig #schein

Beitrag von triso 09.01.11 - 00:56 Uhr

Der Arzt hat immer gesagt, daß sie es selbst nicht merkt.
Das sei das Gute an der Demenz.
Schlimmer wäre geistig fit, aber körperlich zu nichts mehr in der Lage.

Man muß sich halt die kleinen Trostkörnchen im bitteren Futter herauspicken.#liebdrueck

Würdest du dich nicht ärgern, wenn du dir jetzt Zigaretten kaufst?

Beitrag von rmwib 09.01.11 - 01:02 Uhr

Ja deswegen geh ich ja nicht. Eine rauchen wäre ok, aber nicht eigene Zigaretten im Haus. #schein

Ich weiß halt nicht, manchmal denke ich, sie schaut doch wach... und nur auf die Gefahr hin, dass da doch noch ganz manchmal ein klitzekleines Fünkchen Bewusstsein dabei ist--- #schwitz der Gedanke macht mich ganz irre, sie liegt da, den ganzen Tag mutterseelenallein in diesem Zimmer mit ein paar Fotos und Musik aus dem Radio--- gut, wenigstens das, aber das kann es doch nicht sein #schmoll Nicht, dass sie sich allein oder vergessen fühlt. Ich schaffs ja auch nicht soooo oft hin, dass ich das irgendwie ausgleichen könnte...

Beitrag von triso 09.01.11 - 01:12 Uhr

Demenz kommt aus dem lateinischen und heißt (glaube ich) ohne Geist.
Der Geist deiner Oma ist bestimmt schon im Nirvana oder wo immer sie sich ihn hingewünscht hat.

Verzweifel nicht an dir und schür deine Hoffnung nicht, denn es wird nicht mehr besser, das ist ja das Tückische.
Und ob du sie oft besuchst oder nicht, schön ist es, wenn deine Gedanken bei ihr sind.
#winke

Gute nacht.#stern

Beitrag von sternchen0 09.01.11 - 10:45 Uhr

liebe rmwib,

oh mensch, mir fehlen die Worte, ich habe Tränen in den Augen und das passiert mir sehr selten. Du hast das wunderschön geschrieben und ich wünsche deiner Oma, dass sie bald erlöst wird und in einer neuen Welt wieder glücklich werden kann....

Fühl Dich einfach gestärkt, denn die Zeit ist nicht einfach, ich kenne das leider nur zu gut. Begleite deine Oma, versuche stark zu sein, auch wenn es schwer ist......

Viele Grüße und viel kraft

Beitrag von rmwib 09.01.11 - 12:32 Uhr

#danke für die lieben Worte.

Bin heute auch schon wieder etwas besser beisammen, aber es ist einfach so hart. #schwitz
Immer wenn ich dran denke, kommen mir wieder die Tränen. Das Leben ist manchmal echt so unfair.

#danke#liebdrueck

Beitrag von beni76 09.01.11 - 14:55 Uhr

Hi Du #liebdrueck

ich kann mir vorstellen, wie mies Du Dich fühlst :-(
Es ist grauenvoll, jemanden so enden zu sehen!
ich arbeite in einer Tagespflege und wir betreuen viele demente Menschen (auch Altsheimer)
Zum Teil sind die Menschen noch so jung, die Angehörigen drehen bald ab, weil sie das fast nicht mehr aushalten können, diesen Zerfall mit anzusehen!
Es ist wirklich furchtbar anzusehen, wir betreuen z.B. einen Mann (gute 60Jahre) der mitten im Leben stand, gutes Geld verdient hat plötzlich nur noch Zeitungen sortiert :-( nicht mehr weiss, wo er ist, wer er ist...

Ich hoffe, dass Deine Oma bald erlöst wird #liebdrueck und es woanders wieder besser hat!

Lg
#blume beni

Beitrag von rmwib 11.01.11 - 22:24 Uhr

Danke.

Bei ihr ging es auch so früh los #schwitz und halt auch echt aggressiv, sie hat nachher so schnell abgebaut, das haben die im Pflegeheim auch gesagt #schwitz

In der Tagespflege konnte sie nur kurz bleiben, ich fand das total schön da, aber sie ist einfach zu schnell zu krank geworden #schmoll

Beitrag von sparrow1967 09.01.11 - 14:56 Uhr

#liebdrueck

Es ist sehr schwer zusehen zu müssen, wie ein Mensch verfällt....



sparrow

Beitrag von rmwib 11.01.11 - 22:24 Uhr

Danke lieber Spatz #liebdrueck

Beitrag von snoopster 09.01.11 - 18:46 Uhr

Hallo,

ich kenn das. Leider.
Ich kann mich noch dran erinnern, als ich mit meinem MAnn meinen Opa besucht hatte. Alle haben uns angeschaut, weil er den ganzen tag nur im Besucherraum saß. Er hatte nur die leere Wand angeschaut und nciht mitbekommen, dass wir da sind. Ich mag jetzt gar nicht dran denken und muss gleich wieder weinen.
Er hatte ein Doppelzimmer und hatte mal, als wir ihn abgeholt haben, gefragt, was denn der Mann da in seinem Zimmer macht. Er soll doch bitte rausgehen, weil der ist ein wenig plem-plem hat er dann noch gesagt. Später hat er nachts um drei bei meiner Mutter angerufen und gefragt, ob denn der Kaffee schon fertig sei, weil er komme jetzt...
Gestern hat mir meine Mutter alte Sachen aus meinem Zimmer mitgebracht, darunter war ein Brief von ihm, den er mir geschickt hab, als ich in Amerika war. Alles so schön geschrieben, ordentlich und deutlich, so wie wirs von ihm gewohnt waren.
Ich wußte, dass es bergab ging, als er meinen Geburtstag das erste Mal vergessen hat. Kurz danach ist meine Oma gestorben, sie war 12 Jahre älter als er, aber er hat länger durchgehalten, obwohl es am Ende kein Leben mehr war.
97 Jahre wurde er, ohne zu wissen, wie er heißt, wo er wohnt und was er sein Leben lang vollbracht hatte, zusätzlich noch vom Darmkrebs zerfressen.

Es ist schlimm, das mit anzusehen, vor allem, wenn man weiß, wie unbeschwert man mal durch seinen Garten getobt ist, mit ihm Ball gespielt hat, dass er mir schwimmen beigebracht hat, lesen und schreiben hat er mir gelehrt, als ich bettlägrig war lange Zeit, jeden Tag hat er frische Brezen vorbeigebracht, wenns keine gab, dann Semmeln.
Er war schwimmen, im Kirchenchor und immer unterwegs, mit dem weinroten Jetta, der regelmäßig jeden Freitag vorm Supermarkt im Halteverbot stand. Er dürfte da parken, sagte er immer, er war doch mal Polizist!

Sorry, ich schweife ab.
Eigentlich wollte ich Dir nur sagen: es tut mir leid.

LG Karin

Beitrag von rmwib 11.01.11 - 22:21 Uhr

Oh das tut mir auch leid für Dich #liebdrueck
Ja es ist wirklich schlimm, zu sehen, was aus den Menschen wird, die man mal kannte. #schmoll

#liebdrueck#liebdrueck#liebdrueck

Beitrag von njkroete 10.01.11 - 10:51 Uhr

Das hast Du wirklich schön geschrieben- und mir kommen die Erinnerungen hoch an meine liebe Omi- die ihr Urenkelchen leider nicht mehr kennen lernen durfte #schmoll
Das letzte "schöne" gemeinsame Erlebnis war damals unsere Hochzeit, wo sie noch dabei war, während der Flitterwochen ging es dann rapide abwärts- Krankenhaus, Pflegeheim und dann ging es leider viel zu schnell zuende...
Ich bin mir nicht sicher, was ich Dir wünschen soll: daß Deine Oma Dir noch lange erhalten bleibt oder daß ihr Leid ein schnelles Ende findet??? Wahrscheinlich ist kein Ergebnis wirklich zufriedenstellend... deswegen wünsch ich Dir viel Kraft und #liebdrueck Dich herzlich!

Liebe, traurige Grüße!

Beitrag von rmwib 11.01.11 - 22:20 Uhr

#liebdrueck#liebdrueck#liebdrueck Ist hart. Ich glaube am Besten für uns alle wäre, es wäre bald vorbei. Im Grunde ist sie ja sowieso schon lange nicht mehr da #schwitz es drückt halt auf die Seelen, nicht nur auf meine, mein Papa leidet auch ganz schlimm, ist ja klar, die eigene Mutter so zu sehen #zitter ich hoffe einfach, dass es ihr gut geht, auch wenn man es nicht sagen kann.

Danke für Deine liebe Antwort #liebdrueck

Beitrag von sylviee 10.01.11 - 20:10 Uhr

Hallo,

das hast du sehr schön geschrieben. Ich könnte weinen!

Meine Oma hat Parkinson mit beginnender Demenz und es furchtbar zu sehen, wie sie sich an manchen Tagen quält.

LG Sylviee

Beitrag von rmwib 11.01.11 - 22:17 Uhr

Danke und alles Gute für Deine Omi #liebdrueck

Beitrag von angel_free 11.01.11 - 15:44 Uhr

Fühl dich ganz ganz dolle #liebdrueck

Beitrag von rmwib 11.01.11 - 22:16 Uhr

#liebdrueck

Das ist echt scheiße gemein.

#liebdrueck