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Forum: Schwangerschaft

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Beitrag von becca04 11.02.06 - 04:57 Uhr

Hallo, liebe Schwangeren,

da ich schlaflos nicht in meinem Bett rumgrübeln wollte, habe ich ein bisschen gesurft und mich dabei mit Geburtsorten beschäftigt.

Ich kopiere Euch hier ein Zitat der Homepage des Hebammen-Landesverbandes Hessen zum Thema "Geburt in Deutschland im 21. Jahrhundert". Meine eigenen Erfahrungen stimmen leider genau mit der Beschreibung der typischen Krankenausentbindung (90 %) überein. Stellt sich die Frage, ob es nicht auch anders geht. Und wenn ja - wo und wie? Was sind Eure Erfahrungen und Gedanken zu diesem schwierigen Thema?

"Der Bund Deutscher Hebammen betrachtet die derzeitig praktizierte Schwangerenvorsorge und Geburtshilfe in Deutschland mit Sorge. In Ihrer Berufsethik verpflichten sich Hebammen, zum Wohl von Frauen und Kindern zu wirken. Dieses Wohl sehen Hebammen durch ein hohes Maß an Medikalisierung und Technisierung der natürlichen Vorgänge in Schwangerschaft und Geburt in Gefahr. Dadurch wird ein Großteil der Frauen verunsichert und erlebt sich risikoschwanger.

98% aller Geburten in Deutschland finden in Kliniken statt. Dort werden bei ca. 90% aller Geburten routinemäßig Maßnahmen wie z.B. venöser Zugang (Nadel), Eröffnung der Fruchtblase, zu frühes Pressen bzw. "Powerpressen" statt aktiven Mitschieben, Dammschnitt und Kristellerhilfe (Kind wird von aussen herausgedrückt) statt.

Außerdem werden 25% aller Kinder durch Kaiserschnitt (sectio cesarea) oder vaginale Operationen entbunden. Der Wunschkaiserschnitt wird trotz bekannten Risiken für Mutter und Kind von manchen Ärzten diskutiert und angeboten. Darüber hinaus kritisiert die WHO (Weltgesundheitsorganisation), daß die überwiegende Zahl von Interventionen (ca. 90%) ohne wissenschaftlich abgesicherte Basis durchgeführt werden. Als Beispiele seien genannt Geburtseinleitung, Dauer-CTG (Herztonüberwachung) und Dammschnitt.

Mehr Interventionen und Technik erreichen keine besseren Geburtsergebnisse, vielmehr stellt die kontinuierliche, vorgeburtliche Betreuung und der Beistand bei der Geburt derzeit die einzig effektive Möglichkeit dar, die Rate von Morbidität (Erkrankung) und Mortalität (Tod) zu senken. (K.Hurrelmann und P.Kolip 2002) Eine interventionsarme Geburt sollte als Wahlmöglichkeit zur Verfügung stehen,- auch im klinischen Bereich. (P.E. Treffers 2000)

Unter welchen Bedingungen Frauen ihre Kinder gebären, kann unter Umständen lebenslange Folgen für Mutter und Kind haben. Hebammen unterstützen Frauen seit Menschengedenken mit fachkundiger Hilfe dabei, die Geburt ihres Kindes als bewältigbare Herausforderung anzunehmen.

Jede Frau hat selbstverständlich das Recht für sich selbst zu wählen, welche Art von Betreuung und Geburt sie möchte. Um wohlüberlegt entscheiden zu können, muß sie zuvor ausreichend informiert worden sein. Der Gesetzgeber sichert in Deutschland jeder Frau das Recht auf Hebammenhilfe zu, wobei Hebammen normale Schwangerschaftsverläufe und Geburten in eigener Verantwortung begleiten, ohne dabei einen Arzt hinzuziehen zu müssen. Dem Gesetz nach erstreckt sich die Zuständigkeit der Hebamme von der Feststellung der Schwangerschaft bis zum Ende der Stillzeit.

Telefonnummern von Hebammen in Ihrer Nähe finden Sie unter "Hebammensuche", oder bei Ihrer zuständigen Kreisvorsitzenden, oder beim Gesundheitsamt."







Beitrag von heftzwecke 11.02.06 - 06:42 Uhr

Hallo Du,

was ist wohl wichtiger, ein gesundes Baby das vielleicht mit eingen Hilfe zur Welt kommt oder ein krankes Baby das aber unbedingt natürlich auf die Welt kommen soll....

Wenn eine natürliche Geburt toll klappt dann ist das für Mutter und Kind wunderbar, aber wenn nicht????
Aus Deiner VK hab ich entnommen das Du 6 Std. Presswehen hattest, warum eigendlich???? 6 Std. Presswehen sind nicht normal..... Und das man Deinem Baby dann doch ein wenig helfen musste ist doch nicht schlimm, oder?
Sei doch froh das Du Dein Kind so bekommen hast....

Solche Beiträge verunsichern viele Frauen, und machen Frauen mit einem Wunschkaiserschnitt ein schlechtes Gewissen....
Wiederum andere fühlen sich vielleicht als " Versagerin " weil sie ihr Baby nicht einfach so ohne Hilfsmittel auf die Welt bekommen....

Ist nicht bös gemeint, denk einfach mal drüber nach...
LG Andrea
PS: Denk bitte nicht ich hätt keine Ahnung, arbeite seit 12 Jahren in der Geburtshilfe....

Beitrag von orcanamu 11.02.06 - 13:25 Uhr

Hallo Andrea,

Du arbeitest sicher in einem KH, richtig?

Deine Erfahrungen dort werde ich natürlich nicht in Frage stellen!! Aber der Artikel bezieht sich eher darauf, dass zuviel kontrolliert wird.
Da Du in einem KH arbeitest, siehst Du dort natürlich auch viele Frauen, die auf ärztliche Hilfe angewiesen sind, "echte" Risikoschwangere, deren Babys ohne medizinische Notfallversorgung sterben würden. Dass Du daher (wie auch viele Ärzte) eher die Risiken siehst, ist ja ganz normal.

Aber bei sehr, sehr vielen Frauen ist eine solch medizinische Betreuung nicht notwendig. Grins, wie der FA meiner Schwägerin meinte, viele Frauen können ohne Probleme ihre Kinder bei der Feldarbeit bekommen (sehr netter FA, danke ;-) ). Was ich meine ist, dass die vielen Untersuchungen und Prophylaxemethoden verunsichern und aus einer Schwangerschaft eine Krankheit machen!
Dazu der gesellschaftliche Druck, der auf einer Frau lastet! "Hast Du keine Fruchtwasseruntersuchung machen lassen?" #schock oder "Wie, Du benutzt keine PH-Handschuhe/Zuckertest/Doppleruntersuchung/Ultraschall...".

Wieso liest man hier im Forum immer von den enormen Risiken einer spontanen BEL-Geburt, aber nie von den Risiken eines KS????
** Eine Frau läßt einen Wunsch-KS machen und dabei geht etwas schief. DAS wird gesellschaftlich toleriert!
** Eine Frau entbindet ein BEL-Kind spontan und dabei geht etwas schief. DA wird ihr Fahrlässigkeit unterstellt!
** Eine Schwangere wird an den Wehentropf gehängt, das Kind ist aber nicht bereit für diese künstlichen Wehen, die Herztöne sacken ab. DA wird gesagt: "Gut, dass Du im KH warst, war wohl eine Risikoschwangerschaft!"
** Eine Frau entbindet ihr Kind zuhause und etwas geht schief. DA wird ihr und der Hebamme unterlassene Hilfeleistung unterstellt.

Wie gesagt, die moderne Medizin und die Vorsorgeuntersuchungen sind wichtig und haben selbstverständlich ihre Berechtigung, aber Hebammen können ebenfalls Risiken erkennen, machen fast die gleichen Untersuchungen, geben den Frauen aber auch Sicherheit und Selbstbewußtsein, ihre Schwangerschaften als eine schöne Sache und kein medizinisches Risiko zu betrachten!
Gruß
Simone

Beitrag von gecko29 11.02.06 - 15:24 Uhr

#danke

LG Heike

Beitrag von becca04 13.02.06 - 08:48 Uhr

Hallo Heftzwecke,

danke für Deine Antwort und Deine Meinung.

Ich toleriere und akzeptiere absolut Deine andere Sichtweise der Dinge, die sich aus Deinem biographischen Hintergrund erklärt. Ich finde allerdings, dass es sehr wertvoll ist, sich mit dieser Sicht des Deutschen Hebammenbundes (das ist ja immerhin die Dachorganisation aller in Deutschland - auch an Krankenhäusern - tätigen Hebammen, und eben nicht irgendeine obskure "Öko"-Seite; allein deswegen habe ich den Beitrag zitiert) zumindest kritisch auseinanderzusetzen und eben nicht pauschal die eine - ärztliche - oder andere - nicht-ärztliche - Perspektive vorzuziehen. Wer das nicht möchte, braucht das ja nicht zu tun, es war vor allem ein Kommunikationsangebot.

Die These der Stellungnahme, die ich zitiert habe, lautet - zusammengefasst, dass die Geburtshilfe in Deutschland, so wie sie momentan stattfindet, aus verschiedenen Gründen - möglicherweise - pathologische Situationen überhaupt erst generiert, die ohne sie gar nicht erst entstanden wären. Das liegt gar nicht einmal an "nicht notwendigen" Kaiserschnitten (ein weites Feld), sondern an den "kleinen" Interventionen, wie sie "in 90 % der Geburten" in Deutschland gang und gäbe sind, angefangen bei der Aufforderung zum aktiven Pressen (was mindestens den Beckenboden gründlich kaputt macht) bis hin zum (nicht-notwendigen) Dammschnitt.

Ich finde auch Deine Aussage, 6 Stunden Preßwehen seien "nicht normal", zu pauschal. Man müsste klären, nach welchen Maßstäben eine solange Austreibungsphase "nicht normal" ist. Natürlich sind 6 Stunden "nicht normal", wenn man so eine Geburt mit einem Wehentropf oder dem Einsatz von Zange oder Glocke schnell beenden könnte. Ich habe zum Glück (zum Glück, weil diese Philosophie meinen Wünschen bezüglich der Geburt entsprach) in einem Krankenhaus entbunden, das auf diese Hilfsmittel erst dann zurückgreift, wenn nach objektiven Maßstäben - Zustand des Kindes und der Mutter - Bedarf besteht. Bei uns bestand kein Bedarf (bis auf die Schlußphase der Geburt) und deswegen hatte ich die Zeit, mein großes und schweres Kind langsam zu gebären.

Ich denke, der Artikel und auch ich (!) haben ganz deutlich klar gemacht, dass es nicht um den Notfall - d.h. um die (lebensbedrohliche) Gefährdung des Kindes und der Mutter - geht, NATÜRLICH sind dann alle interventionsmedizinischen Maßnahmen nötig und erwünscht, das steht doch außer Frage. Es geht auch nicht um die Frauen, die - aus welchen Gründen auch immer - sich gegen eine vaginale Geburt entscheiden, auch hier fällt der Artikel kein Urteil und auch ich tue es nicht - "leben und leben lassen"!!!

Sondern: der Artikel vertritt die Ansicht, dass eben weil die heutige - ärztliche - Geburtshilfe Gebären (aber auch schon die Schwangerschaft) als tendenziell bedrohlichen, riskanten Akt bzw. Zustand betrachtet und genau diese Haltung den Frauen in 9 Monaten Schwangerschaft fast ausnahmslos vermittelt, so viele Frauen Ängste in der Schwangerschaft und vor der Geburt entwickeln mit der Folge, dass Geburten (in Deutschland) weniger "natürlich" als anderswo verlaufen (und auch hier ist gar nicht so sehr an den KS gedacht, sondern an die sogenannten kleinen Eingriffe unter der Geburt). Dabei ist doch durch Studien bewiesen, dass auf Seiten der Frauen Wissen um die Vorgänge unter der Geburt und Selbstvertrauen in den eigenen Körper die allerbesten Voraussetzungen für eine unkompliziert verlaufende Geburt sind. Und auch "modernere" Geburtshelfer (ein sehr (!!!) gutes Beispiel ist der Chefarzt der Geburtshilfe der Frankfurter Uni-Klinik!!) vertreten mittlerweile diese Auffassung und haben danach ihre Vorbereitung der Frauen auf die Geburt und ihre Fürsorge für die Frauen unter der Geburt ausgerichtet.

Aus diesen Zusammenhängen erklärt sich meine Frage, die ich mit den deutschen Hebammen stelle, ob wirklich alles, was heute in den Kreißsälen geschieht, zum objektiven Wohle des Kindes und der Mutter geschieht oder ob nicht in viel zu vielen Fällen zu früh - ohne medizinische Notwendigkeit - und falsch eingegriffen wird.

Ich weiß, dass dies ein brisantes Thema ist, das in Deutschland kaum diskutiert wird, und ich weiß auch, dass viele Frauen sich aus guten Gründen nicht damit beschäftigen wollen. Aber ich bin sicher, dass es dennoch Frauen gibt, die eine kritische Perspektive - nicht zur eigenen "Selbstverwirklichung" (!!!), sondern zum Wohle ihrer eigenen physischen und psychischen Gesundheit sowie zu der ihres Kindes - einnehmen wollen.

Und an diese Frauen richtet sich diese von mir zitierte Stellungnahme.

Beitrag von jezero 11.02.06 - 10:50 Uhr

Hallo,

ein interessanter Artikel, der zum großen Teil meine Meinung zu Geburtshilfe wiederspiegelt.

Ich habe unseren ersten Sohn 2003 im Geburtshaus zur Welt gebracht. Dort beschränkt sich Geburtshilfe auf Assistenz durch die Hebamme. Ich hatte die Zeit, die das Baby und ich gebraucht haben, es wurden keinerlei Eingriffe vorgenommen und ich konnte mich sehr gut fallen lassen. In einem Krankenhaus wäre es wahrscheinlich auf einen Kaiserschnitt hinausgelaufen, weil mein Kleiner recht groß war und zudem den Arm über dem Kopf hatte.

Mein nächstes Kind möchte ich zu Hause entbinden. Das Krankenhaus ist für mich die Anlaufstelle bei Komplikationen, aber nicht der Regelfall.

Übrigens werden in den Niederlanden gute 70% aller Babies zu Hause geboren und die Säuglingssterblichkeit und die Komplikationsrate sind vergleichbar mit Deutschland.

LG

Petra