Unser Freund ist depressiv, was können wir tun

Hallo ihr Lieben,
mein Mann und ich haben einen guten Freund. Dieser hat schon länger einige Probleme und größere Baustellen und hat uns auch immer wieder um Hilfe gebeten. Wenn es jedoch darauf ankam, die Hilfe in die Realität umzusetzen, hat er oft gekniffen und abgeblockt, war auch sehr resistent gegen Ratschläge. So haben es auch andere Freunde erlebt, die sich viele Mühe gegeben haben, ihm zu helfen, sich dann aber vor den Kopf gestoßen gefühlt haben. Viele haben ihn aufgegeben, den Kontakt minimiert oder völlig abgebrochen.
Mittlerweile hat sich die Situation nochmal etwas mehr zugespitzt. Er steht an den Wochenenden kaum aus dem Bett auf, kocht sich selten Essen, spielt den ganzen Tag irgendwelchen Müll auf dem Handy oder PC und sein Antrieb ist eine Katastrophe. Arbeiten geht er noch, zieht sich aber auch dort völlig zurück, beteiligt sich wenig an den Gesprächen, er hat ja nix zu erzählen weil er ja ständig zuhause hockt, ändern kann er daran aber auch irgendwie nichts.
Seine Wohnung ist mittlerweile auch total vollgestopft. Er sammelt alles, kann nichts wegwerfen. Altpapier stapelt sich, leere Gläser stapeln sich, könnte man ja alles noch gebrauchen. Zusätzlich sammelt er Lego und PC Spiele. Eigentlich hatte er uns mal darum gebeten ihm zu helfen, das ganze Zeug zu verkaufen, weil es eine Last darstellt. Sobald man Nägel mit Köpfen machen möchte, ihm helfen möchte es im Internet anzubieten, blockt er ab. Er kann sich nicht davon trennen.
Ihn fallen zu lassen ist keine Option für mich, dafür mag ich ihn zu sehr, aber er macht es einem echt nicht leicht. Ich versuche behutsam, feinfühlig und geduldig zu sein, komme aber ständig an meine Grenzen. Ich hab ihm auch schon die Pistole auf die Brust gesetzt, hab ihm meine Sicht geschildert, hab ihm Wege aufgezeigt, wohin er sich wenden könnte. Am liebsten würde ich ihn schnappen und einweisen lassen. Aber er hört nicht auf mich. Am liebsten würde ich seine Eltern hinzuziehen, aber ich weiß nicht ob ich ihn damit übergehe.
Ich versuche ihn aus der Wohnung zu holen, was zu unternehmen, darauf lässt er sich zum Glück auch noch ein. Meiner Meinung nach ist es trotzdem der Tropfen auf dem heißen Stein. Ich versuche ihn in unser Familienleben zu integrieren, ihn bei uns essen zu lassen mit ihm den Kontakt zu halten. Aber es ist so anstrengend und ich hab das Gefühl das es trotzdem dauerhaft wenig an der Situation ändert. Da müssen einfach Fachleute ran!
Habt ihr ähnliche Erfahrungen? Habt ihr Tipps für mich? Wie soll ich mich verhalten? Ich hab das Gefühl oft Grenzen bei ihm überschreiten zu müssen, weil er selber sonst noch mehr versinken würde. Es ist schwer eine Balance zwischen "in Watte packen" und "in den Arsch treten " zu finden.

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Haben bisher seine Eltern tatsächlich nicht gemerkt, was los ist? Wenn kein Kontakt besteht, sollte man wissen, warum.
Du bist doch ohnehin ständig dabei, dies und jenes für ihn zu machen, dann könntest Du auch seine Eltern informieren.
Der Verwahrlosung zuschauen würde ich wohl auch eher nicht.
Aber definitiv - helfen kannst DU ihm nicht, wenn er es selber nicht will.
Einweisen lassen geht nicht.
Du kannst ihn zu garnichts zwingen. Aus dem Grund haben wohl auch andere Freunde aufgegeben.
Löblich, dass Du es nicht willst, aber erwarte nichts.
Wie gesagt, Eltern informieren ist eine Option - aber ob er sich von ihnen helfen lässt, ist die zweite Frage. ER muss es wollen, sonst niemand.
Du lädst Dir da eine Verantwortung auf, die Du auf Dauer nicht tragen kannst. Egal, was er noch anstellen wird, Du wirst Dich immer fragen, ob Du es womöglich hättest verhindern können usw. Schwierig. Ich habe sowas durch mit einer Freundin und werde es lebenslang ganz sicher nie wieder machen, es geht an die Substanz und wir sind keine Therapeuten, die sowas ausblenden können.
LG Moni

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Die Eltern wohnen 60Km entfernt. So richtig bewusst wird es ihnen nicht sein. Er wird ihnen etwas vormachen, am Telefon kann man viel vorspielen. Ich muss dazu sagen das unser Freund 38 ist. Da sind die Eltern wahrscheinlich eh nicht mehr so richtig involviert. Aber vielleicht können sie ihm helfen, vielleicht hört er auf sie. Ich kann es probieren.

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Wenn die Eltern nie zu Besuch kommen und mit eigenen Augen sehen, was los ist, ist es klar. Da hilft Telefon nichts, sie müssen ihn besuchen. Mir könnten meine Kinder vorspielen, was sie wollten, wenn ich sie sehe, würde ich schnell merken, was los ist - und die sind noch älter.
Den Versuch wäre es sicher wert.

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Was er braucht, ist medizinische Versorgung. Würde er das denn machen?

Alles andere ist Symptombekämpfung. Das kann für den Moment super sein. Je nach Grunderkrankung im nächsten den Boden unter den Füßen wegziehen. Es ist ja dann auch ein vor Augen geführt bekommen, wie "unfähig" man geworden ist, "nicht mal mehr das" hinzubekommen.

Wäre er bereit zum Arzt zu gehen? Mitzugehen?
Bspw. jemand macht für ihn den Termin aus und fährt ihn hin. Würde er mit Begleitperson (bis zur Tür oder in den Raum rein) hingehen?

Einweisen lassen klingt so abschreckend. Da würden viele dicht machen.
Zu sagen, komm ich begleite dich zum Arzt, ist was anderes. Das ist ein wichtiger Schritt in eine gesunde Richtung, aber immer noch mit der Option nicht überrumpelt zu werden. Je nachdem ob Vertrauen zum Arzt da ist oder nicht.

Zum Arzt zu gehen, muss aber von innen her kommen. Es bringt nichts, alles herauszusuchen, wenn jemand nicht möchte.

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Hallo!

"Einweisen lassen" geht zum Glück nicht, wäre auch sehr, sehr übergriffig und damit kontraproduktiv. Das ist auch eher der letzte Schritt und nicht der erste.
du bist näher dran als seine Eltern. Was denkst du, was die besser regeln könnten als du?

Ein Tipp von mir wäre, dass du dich bei dem Krisendienst 0der sozialpsychiatrischen Dienst (https://de.wikipedia.org/wiki/Sozialpsychiatrischer_Dienst) in deiner Nähe schlau machst. Die können dir Möglichkeiten nennen, die du hast, um ihm zu helfen. Die können dir auch sagen, was evtl. das richtige Verhalten ihm gegenüber wäre.

Grundsätzlich gilt auch für deinen Freund, dass er einverstanden sein muss mit dem Hilfsangebot, wozu natürlich eine gewisse Krankheitseinsicht gehört. Über seinen Kopf hinweg aktiv werden geht nur, wenn er sich oder andere gefährdet.

Alles Gute!