Notruf für Obdachlose?

Hallo zusammen,

ich weiß nicht, ob das Thema hier ins Forum passt, aber ich würde euch gerne von einer Begegnung berichten und nach eurer Einschätzung fragen.

In der Hamburger S-Bahn trifft man nahezu täglich auf von Obdachlosigkeit betroffene Menschen, die um etwas Kleingeld oder Lebensmittel bitten.
Vor zwei, drei Wochen habe ich allerdings eine Frau erlebt, die mir seitdem nicht aus dem Kopf geht. Seitdem frage ich mich, ob ich etwas hätte tun können.
Das Abteil stank auf einmal fürchterlich, ich kann den Geruch kaum beschreiben, nach Verfaultem, modrig, süßlich, wirklich ekelerregend. Als der Gestank immer näher kam, einige hatten sich schon weggesetzt, sah ich, dass er von einer offensichtlich obdachlosen Frau ausging. Sie stand augenscheinlich unter Drogeneinfluss, wirkte sehr weggetreten und verwahrlost und bat um Geld. Sie hatte trotz sehr kalter Temperaturen bloß Turnschuhe und dünne Kleidung an, humpelte und hatte das rechte Hosenbein hochgekrempelt. Man konnte eine großflächige Wunde an ihrem Knöchel und Unterschenkel sehen, fast schwarz. Es sah aus, als sei die Stelle noch mit inzwischen getrocknetem Blut verschmiert, aber ich glaube, es war eher ein Wundbrand und eine großflächige Entzündung, die anfing, zu gammeln. Daher kam wahrscheinlich auch der Geruch. Mir tat sie so unfassbar leid. Mehr als zwei Euro hatte ich als Bargeld nicht dabei und das ist leider ja auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ehrlich gesagt ekelte ich mich sehr vor ihr, als unsere Finger sich kurz berührten und ich ihr die Münze gab. So etwas über einen Menschen zu sagen, finde ich unfassbar traurig. Ich kann mir kaum vorstellen, dass sie in diesem Zustand noch lange lebt. Kann sich daraus nicht eine Sepsis entwickeln?
Natürlich gibt es Anlaufstellen, Sozialarbeiter, Beratungsangebote. Aber diese Frau war so verloren und ich weiß nicht, wer sich ihrer annehmen würde. Als Fahrgast, ich nehme mich da nicht aus, ist man ja sehr auf sich bedacht, möchte schnell von A nach B. Aber ich habe mir seitdem Gedanken gemacht, wie sehr man als Gesellschaft selektiert, wer dazugehört und wer nicht.
Ich habe in meinem Leben bisher erst einmal den Notruf gewählt und würde vorher sehr genau abwägen. Aber hätte jemand aus meiner Familie oder meinem Freundeskreis eine solche Wunde und einen solch desolaten Zustand, hätte ich keine Sekunde gezögert.
Hätte ich also auch in diesem Fall den Notarzt rufen können? Oder würden auch die sie sich selbst überlassen? Oder, und das ist ein ziemlich egoistischer Gedanke, mich sogar am Ende zahlen lassen? Weil jeder denkt, dass man nun einmal nicht jeden retten kann...
Ist es nicht eigentlich unterlassene Hilfeleistung, nichts zu tun?
Freunde und Familie hätten auch nichts gemacht, das wurde mir von allen so bestätigt, als ich davon erzählt habe.
Wie hättet ihr reagiert?

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Der Notruf gilt für alle Menschen in Not, auch für Menschen ohne Sozialversicherung oder ohne festen Wohnsitz. Da wird nicht unterschieden. Tatsächlich hat der Rettungsdienst oft Obdachlos zu versorgen, auch die Krankenhäuser. Und so mancher Obdachlose schafft dann auch den Absprung.

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Danke.
Ja, dass er eigentlich uneingeschränkt für jeden gilt, weiß ich. Vielleicht hätte man ihn rufen können. Aber ich weiß auch nicht, ob sie das gewollt hätte... schwierige Situation.

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Um diese Frage zu beantworten, muss man dann mit den Leuten reden.

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Also ich weiß nicht, ich finde das schon übergriffig. Ich denke, der Frau ist es bewusst, dass sie da diese Wunde hat und irgendetwas hält sie davon ab, diese behandeln zu lassen. Ich würde eine Drogensucht dahinter vermuten. Wenn man jemandem begegnet, der offensichtlich noch laufen und reden kann und eine Wunde hat, die nicht akut ist, sondern schon seit einiger Zeit besteht, gehe ich davon aus, dass diese Person für sich selbst entscheiden kann, ob und in welchem Umfang sie diese behandelt oder behandeln lässt. Wenn ich allerdings einer Person begegne, die weggetreten oder ohnmächtig irgendwo sitzt oder liegt, sieht das schon anders aus. Dann rufe ich den Notruf. Die Person kann sich ja nicht mehr selbst "helfen".
So schwer es auch ist, anderen die Verantwortung für ihr Leben zu überlassen, ist es dennoch in der Verantwortung eines einzelnen, wie er mit seinem Leben umgeht. Seien es die unbehandelten Wunden dieser Frau oder die Entscheidung, nicht zum Arzt zu gehen, wenn es einem schlecht geht, sich zu verwahrlosen oder übergewichtig zu sein/bleiben oder... Jeder Mensch, der nicht unter Vormundschaft steht, kann für sich selbst entscheiden, was er mit sich oder seinem Leben anfängt.

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Genau meine Gedanken. Man kann leider niemanden zwingen 😔

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Die Antwort auf deine Frage hat KlickKlack schon geschrieben, ich wollte nur noch mal darauf hinweisen das aus mitleid Geld geben den betroffenen (auf lange sicht) nicht hilft, das Geld landet mit großer Sicherheit beim nächsten Dealer... Ich biete (wenn ich Zeit habe) immer an beim Bäcker oä ein Brötchen oder ne Brezel zu kaufen, leider wird das oft abgelehnt, was dann den Verdacht bestätigt das es kein Hunger ist der die Leute quält 😣

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Das ist wohl so . Aber besser betteln als Beschaffungskriminalität .
Die Sucht wird nicht geheilt wenn keiner was gibt… dann wird versucht anderweitig daran zu kommen.
Diebstahl , prostitution ect.

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Hallo,

Man muss ja nicht direkt die Notrufnummer wählen. Aber am Hamburger Bahnhof gibt es doch ein Revier der Bundespolizei und Ordnungsbeamte.
Diese kann man aufmerksam machen in Zug..., auf Gleis...ist eine Person die verletzt aussieht. Diese würden ihr dann sicherlich anbieten, einen RTW zu ordern.
Ich hätte statt den Notruf die Nummer der nächsten Wache gegoogelt und dort meine Info weitergeben.