"Die hätten die Mauer mal höher ziehen sollen..."

    • (1) 02.10.12 - 14:06

      hallo!
      habe gerade mit meiner tante telefoniert. sie fragte, was wir morgen machen, ich sagte: vielleicht sind wir im garten und gestalten da ein beet neu. dann fragte ich sie, was sie morgen, am 3. oktober, machen wollen. da meinte sie sehr ironisch: "wir feiern so richtig - hahahaaaaa. nein, das ganze hat uns soviele milliarden euro gekostet, die hätten die mauer mal höher und noch höher ziehen sollen, dann wär das land besser dran...". ich war total perplex und habe einfach überhaupt nichts darauf erwidert, hab' einfach nur geschwiegen. sie dann: "naja, so hat jeder seine meinung!".
      finde ich schon krass, so etwas zu sagen - sie lebt im überfluss und kennt es überhaupt nicht, irgendwo nicht hinzukönnen (ich bin auch wessi) - und dann sowas loszulassen....fand ich schon heftig.
      sie hat wohl gemerkt, dass ich das ganze anders sehe - ich habe aber keine diskussion angefangen, weil sowas sowieso nichts bringt. ich habe dann zugesehen, dass wir das telefonat schnellstmöglich beenden.
      wie hättet ihr reagiert???

      Solche Hohlbirnen gibt´s in Ost und West.
      Am besten, wir fangen einen Separatisten-Krieg an, Waffen sind ja genügend im Umlauf.
      Gibt ja auch sonst nix zu tun#augen

      rem

    • ich kenne viele solche Meinungen, sehr viele...jeder hat seine Meinung und gut ist....

      Hallo!

      Ich bin zwar auch der Meinung, dass die Wiedervereinigung (war es eigentlich nicht, offiziell ist die DDR der BRD beigetreten) im Großen und Ganzen gut war, aber ich kann die Meinung deiner Tante durchaus nachvollziehen.
      Die Wiedervereinigung hat uns Milliarden gekostet, wir zahlen heute noch den Solidaritätszuschlag für den Aufbau Ost, und das, obwohl die Ostdeutschen Städte besser aussehen als manch westdeutsche Stadt.
      Und Ansonsten war die Finanzierung der Wiedervereinigung mehr als schlecht geplant. Man nehme nur einmal die Renten der Ostdeutschen älteren Bevölkerung: Die werden genauso aus unserer West-Rentenkasse genommen, obwohl nie etwas einbezahlt wurde, und heute haben wir Löcher in der Kasse, die dazu führen, dass viele nicht mehr die Rente bekommen, von der sie einmal ausgegangen waren. Nicht wenige Rentner bekommen zusätzlich Grundsicherung, obwohl sie ein Arbeitsleben lang eingezahlt hatten. Dann war die Berechnung der Renten mehr als dubios, da wurden Ostdeutsche Facharbeiter mit Westdeutschen Ingenieuren gleichgesetzt und bekommen eine entsprechende Rente...

      Und dann der Aufbau Ost. Da sind Subventionen ohne Ende geflossen - die meisten der damals im Osten aufgebauten Firmen und Filialen existieren nicht mehr, seit es keine Subventionen mehr gibt.

      Es gibt so vieles, was einfach nicht gut gelaufen ist nach der Wende, und gerade bei der weniger gut gestellten westdeutschen Bevölkerung sorgt das natürlich für Frustration.

      Trotzdem denke ich, dass wir "Wessis" unseren Ostdeutschen Mitbürgern einfach ein wenig Solidarität schulden bzw. geschuldet haben. Unter den Bedingungen hätte ich nicht groß werden wollen, wahrscheinlich hätte ich aufgrund meines politisch sehr engagierten aber wenig kommunistischem Großvaters nicht einmal Abitur gemacht, von anderen Repressalien ganz zu schweigen.

      Und im Übrigen sind viele Ostdeutsche im Nachhinein auch gar nicht mehr so glücklich über die Wiedervereinigung. Sie wollten Freiheit, der Preis war (zumindest für einen Teil) Armut und Arbeitslosigkeit. Da fragt man sich zu recht, ob der Preis vielleicht auch ein wenig hoch war.

      Von daher: Ich teile die Meinung deiner Tante nicht, aber auch wenn sie ein wenig drastisch ausgedrückt ist kann ich sie nachvollziehen.

      Liebe Grüße und einen schönen Feiertag morgen!

      P.S. Wenn ihr im Garten seit, feiert ihr den Tag der Deutschen Einheit aber auch nicht wirklich...

      • "Die Wiedervereinigung hat uns Milliarden gekostet, wir zahlen heute noch den Solidaritätszuschlag für den Aufbau Ost"

        Warum tun die meisten Wessis so, als zahle nur die Westbevölkerung diesen Zuschlag? Die Ossis zahlen das genauso von ihren Steuern!

        Werd das nie verstehen, hab diesen Satz noch nie von einem Ossi gehört der genau das selbe zahlt!

        "Man nehme nur einmal die Renten der Ostdeutschen älteren Bevölkerung: Die werden genauso aus unserer West-Rentenkasse genommen, obwohl nie etwas einbezahlt wurde,"

        Das stimmt so auch nicht, auch im Osten musste man in die Rentenkasse zahlen, bestätigte mir grad meine Schwimu die Ossi ist.

        Ich betrachte das immer ganz distanziert da ich gebürtige Österreicherin bin, aber auch wir haben das ja mitekommen, zudem hab ich in den Osten geheiratet und lebe nun in Ost-Berlin.

        Was ich ja noch viel krasser finde das nach soooooo langer Zeit immernoch von Ossi und Wessi die Rede ist und viele Wessis sich immernoch erhaben den Ossis gegenüber fühlen, auch wenn der Wessi in dem fall ein versoffener Hartz4 Empfänger ist, hab ich alles schon live erlebt!

        Und was mich am allermeisten aufregt, es hat sich doch niemand ausgesucht hier oder dort geboren zu sein... und dann den einen oder anderen niederzumachen... ne, das ist gelinde gesagt kacke.

        Zudem gibt es Deutschland schon seit hunderten Jahren, es war durch einen Krieg gut 40 Jahre getrennt, ist schon längst wieder über die Hälfte der Trennungszeit vereint, was sind schon 40 Jahre trennung bei einer Geschichte die mehrere hundert Jahre alt ist......

        • Hallo!

          Ich hab nie behauptet, dass die Ostdeutschen Mitbürger den Soli nicht zahlen. Bemängelt habe ich, dass es den Soli überhaupt noch gibt. Der war gedacht, um den Ausbau Ost voranzutreiben und ursprünglich auf eine begrenzte Zeit angesetzt. Der Ausbau Ost ist im Grunde abgeschlossen, nur den Soli gibt es noch - und er dient mit Sicherheit nicht mehr dem ursprünglichen Zweck.

          Und natürlich haben auch in der ehemaligen DDR die Menschen in eine Art Rentenkasse eingezahlt. Das war aber nicht die westdeutsche Rentenversicherung. Und die ist vom Budget so ausgelegt gewesen, dass Einnahmen und Ausgaben sich die Wage halten. Jetzt ist aber von heute auf morgen eine große Anzahl Leistungsempfänger dazugekommen, mit denen keiner gerechnet hat. Das hat natürlich die Kasse nicht verkraftet, und darum haben wir jetzt die Probleme, dass die Rentenkassen leer sind. Man hätte die Renten der ehemaligen DDR-Bürger aus einem anderen Topf finanzieren müssen und die Rentenkassen erst langsam zusammen legen dürfen, dann wären unsere Renten heute zumindest sicherer als sie es jetzt sind.

          Ansonsten stimme ich dir natürlich zu, wir sind alle Deutsche und sollten uns als solch und nicht als Ossis oder Wessis fühlen (was auch bei einigen Ostdeutschen Bürgern noch nicht der Fall ist), aber das kann man nicht erzwingen. Ich habe aber die Begriffe Ossis und Wessis auch nicht abwertend gemeint, ich habe es in dem Sinne gemeint, wie ich einen Bayern von einem Hessen differenziere - eben als Menschen unterschiedlicher lokaler Herkunft. Und Ossi ist nun einmal kürzer als "Bürger aus den neuen Bundesländern".

          Ansonsten hatte ich gehofft, das meine Einstellung zur Wiedervereinigung klar rausgekommen ist: Ich möchte die Zeit nicht zurück drehen, auch die Mauer möchte ich auf keinen Fall wieder. Aber ich kann die Tatsachen nicht leugnen. Und dazu gehört, dass die Wiedervereinigung dem deutschen Staat hohe Kosten verursacht hat (bis 2009 ca. 1,3-1,6Billionen€, und jährlich kommen etwa 100 Milliarden € dazu), und das sind Gelder, die anderswo teils auch fehlen. Außerdem gibt es im Westen wie im Osten der Bundesrepublik Menschen, denen es vor der Wende besser ging oder die ihre eigene finanzielle oder soziale Lage auf die Wiedervereinigung schieben. Und ich kann es einem Menschen, der vielleicht arbeitslos ist, keine Stelle findet und darunter leidet nicht verdenken, dass er vielleicht die Wiedervereinigung als eine Ursache sieht (vielleicht ist seine Firma nach der Wende in den Osten abgewandert, weil da das Lohnniveau niedriger war?) und sich daher die Mauer zurück wünscht - es gibt halt nicht nur Gewinner durch den Fall des eisernen Vorhangs.

          Liebe Grüße!

          • nur mal wertfrei in den Raum gestellt: ein Bericht aus "Die Welt"
            so etwas sollte man zur Meinungsbildung auch heranziehen...

            Berlin- Die ostdeutschen Bürger haben nach Ansicht von Wirtschaftsforschern den Löwenanteil bei den finanziellen Lasten der Wiedervereinigung aufgebracht. "Wenn man genauer hinschaut, dann erkennt man, dass Ostdeutschland zu einem Großteil die Kosten der Einheit selbst getragen hat - und immer noch trägt", sagte der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), Ulrich Blum, der "Welt am Sonntag". Blum widersprach damit dem gängigen Vorurteil, wonach der Westen den Aufbau in den neuen Ländern weitgehend allein zahle.

            Zwar seien aus dem Westen bislang netto 1,4 Billionen Euro in den Osten transferiert worden. "Berücksichtigt man jedoch alle gesamtwirtschaftlichen Effekte, werden die Lasten der Wiedervereinigung überwiegend im Osten geschultert", sagte auch Thomas Lenk von der Universität Leipzig. Nach der Wende sind unterm Strich rund 1,8 Millionen Menschen in den Westen gezogen. Da es sich dabei meist um gut ausgebildete Arbeitskräfte handelte, erwirtschaften sie den Angaben zufolge inzwischen rund ein Viertel des Wirtschaftswachstums auf dem Territorium der alten Bundesrepublik.

            Im übrigen würde ich gern mal wissen, von was Du eigentlich redest. Meiner Ansicht nach vermischst Du den Solidarpakt und den Solidaritätszuschlag, was ich für sehr gefährlich halte.

            Das was jeder Ost- oder Westdeutsche bezahlt, das ist nämlich letzteres und hat mit der Wiedervereinigung nix zu tun ;-)

            Definition:

            Solidaritätszuschlag

            Der Solidaritätszuschlag diente nur ein einziges Jahr dem Aufbau Ost. Er wurde im Juli 1991 eingeführt und betrug 7,5 Prozent der Einkommen- und Körperschaftsteuer. Ende Juni 1992 lief er aus. 1995 führte ihn die Regierung Kohl wieder ein, um Löcher im Bundeshaushalt zu stopfen. Der Satz betrug zunächst ebenfalls 7,5 Prozent und wurde 1998 auf die noch heute geltenden 5,5 Prozent gesenkt. Derzeit bringt der "Soli" dem Bund jährlich 13 Milliarden Euro, die komplett in den allgemeinen Bundeshaushalt fließen.

        Wie oben schon gesagt wurde: Das dumme Gelaber gibt es auf beiden Seiten. Ich musste mir in "Ostdeutschland" auch schon oft anhören wie schön und toll früher alles war und wie doof und eingebildet alle "Westler" sind.

        Mir als Nachgeborener war schon immer ziemlich egal, wie viele Deutschlands es gab. Meinetwegen hätte es keine Wiedervereinigung gebraucht. Die DDR war für mich eben ein anderes Land. Ich kann mir vorstellen, dass viele Menschen auf beiden Seiten heute zufriedener wären ohne Wiedervereinigung (bzw. wenn diese anders abgelaufen wäre.) Man merkt deutlich, dass die Vereinnahmung des Ostens viele gekränkt hat. Mich nervt das, diese Kränkung immer wieder aufs Brot geschmiert zu bekommen, wenn ich mit älteren "Ossis" zu tun habe.

        (Was mir allerdings wirklich in Erinnerung geblieben ist, ist der "Run" auf Begrüßungsgeld und Videorekorder damals.)

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