Menschen vor sich selber schützen

    • (1) 11.01.14 - 14:41

      Hallo zusammen!

      Ich weiß nicht, ob das hier das richtige Forum für die Fragestellung ist, aber ich hab keine Ahnung, in welcher Kategorie ich sonst schreiben soll.

      Bei DSDS war ja dieses Mädchen, das entweder psychisch krank, geistig retadiert oder eine bezahlte Schauspielerin war. In dem Zusammenhang sagten viele, dass RTL das nicht hätte ausstrahlen dürfen und man hätte eingreifen müssen, um dieses Mädchen zu schützen und nicht dem Spott der Öffentlichkeit auszusetzen. Selbiges denke ich öfters, wenn ich Formate wie "Schwiegertochter gesucht" sehe. Oder auch C - Z Promis, die sich bei jeder Gelegenheit ausziehen, ihre intimsten Dinge preisgeben, etc.
      Aber habe ich das Recht zu entscheiden, wen man vor sich selber schützen sollte? Natürlich gibt es psychische Krankheiten, bei denen man einen Vormund bekommt und betreut wird. Und es gibt auch eine IQ-Grenze, unter der man als schwachsinnig gilt. Aber es gibt ja nicht nur schwarz und weiß, es gibt ganz viel grau...

      Was ist mit der Nachbarin, die 10 Katzen hat und ihr Haus kaum verlässt? Die Bekannte, die mit jedem Kerl ins Bett geht, dabei aber todunglücklich ist? Der Freund, der am Wochenende in der Disco gerne mal Pillen einschmeißt? Die Frau, die regelmäßig von ihrem Partner geschlagen wird, das aber als normal empfindet? Der Arbeitskollege, der auf der Weihnachtsfeier Karaoke singt und nicht merkt, dass alle über ihn lachen? Der stadtbekannte Mann, der egal ob Sommer oder Winter barfuß durch die Straßen läuft? Oder Extremsportlern, die sich für irgendwelche Marken aus wahnsinnig riskante Stunts einlassen? Das alles kann man auch krank, dumm oder irgendwie seltsam finden - sollte man da eingreifen? Wenn nicht, warum nicht? Wieso muss man eine Melisa (das Mädel von DSDS) schützen und einen Menderez z.B. nicht? Ich persönlich würde mich nicht so zum Affen machen, aber ich würde auch nicht Pornostar werden oder aus der Stratosphäre Fallschirmspringen - ich kann mich doch nicht zum Maß der Dinge machen. Und was ich bei mir vielleicht völlig normal finde, empfinden andere als krank oder dumm...kann doch sein?

      Mich würde da wirklich eure Meinung interessieren, weil ich für mich irgendwie keine richtige Antwort finde. Wen muss man vor sich selber schützen? Wie empfindet ihr das? Und wo greift ihr ein? Habt ihr vielleicht mal eingegriffen und es bitter bereut? Oder eben nicht und das genauso bereut?

      Vielen Dank für eure Antworten!

      Liebe Grüße, Truly

      • #sonne

        >>>Wieso muss man eine Melisa (das Mädel von DSDS) schützen und einen Menderez z.B. nicht?<<<

        Das lässt sich leicht beantworten...dieses Mädchen wirkte auf mich psychisch krank...es gab gewisse Anzeichen die es vermuten lassen( ich erkenne die Anzeichen...meine Mutter hat auch hin und wieder einen psychotischen Schub) und Menderes verhält sich einfach nur dumm.

        Wenn jemand psychisch erkrankt ist...ist es schwierig richtige Entscheidungen zu treffen...man ist fernab der Realität etc. diese Konsequenzen die dieser Auftritt mit sich zieht kann sie gar nicht tragen...sie wurde vorgeführt.....jemand der offensichtlich Krank ist...wird vorgeführt und ausgelacht....einfach nur schlimm und zum fremdschämen!

        lg

        • "jemand, der offensichtlich krank ist" - ist das immer so offensichtlich?
          Und was ist mit dummen, einfältigen Menschen, die auch nicht darüber nachdenken (können), welche Konsequenzen ihre Taten haben oder haben können? Oder Leuten, denen es schlichtweg egal ist? Deswegen habe ich ja so viele Beispiele genannt. Viele Extremsportler spielen mit ihrem Leben, die schützt man nicht?

          Ich verstehe deine Meinung, aber ich frage mich trotzdem, wieso man es bei manchen "offensichtlich" findet und bei anderen kein Problem sieht.

          • Wie soll ich das erklären...ich kann mich da nicht so gut ausdrücken....Jemand der Krank ist, ist nicht immer in der Lage ( kommt auf die Erkrankung an ) die Konsequenzen, Verantwortung zu tragen bzw. abwägen....die Erkrankung lässt dies nicht zu.

            Das andere ist Torheit

        Eine Menge Leute denken wie Melisa, nicht jeder übernimmt kritiklos das schwachsinnige Geschreibsel vom Stern über Bushido. Die beste Zeile war die, in der Kay One behauptet hat, Bushidos Texte zu schreiben, weil er das nicht könne ;-). Ich würde sogar behaupten, dass viele Melisas Auftritt gut fanden. Weit über hunderttausend Likes bei Facebook für das Video mit ihr sind deutlich, sowas gab es bei DSDS noch nie.

        Wieso sollte man Menderes vor sich selber schützen? Er ist ein gefragter und vielgebuchter Entertainer, mal glaubt es kaum. Ich habe mit für ihn abgestimmt für den Recall, ich finde ihn super! Er ist ein Vorbild für alle, die nicht viel können, nicht besonders gescheit sind und trotzdem ihren Weg machen.

        Es gibt auch im Real Life einen ganzen Haufen Verrückte, man kennt die nur nicht, wenn man in einer anderen Gesellschaftsschicht lebt.

    Ich finde jeder ist für sich und seine Taten selbst verantwortlich bzw für die seiner Angehörigen wenn sie selbst nicht in der Lage dazu sind

    Wenn das Mädchen von dsds echt war und (so wie es aussieht) irgendetwas hat frage ich mich an erster stelle warum die Eltern (angenommen sie hat welche) oder wer auch immer für sie verantwortlich hat sie hingelassen haben

    Bei Leuten die ich kenne die erwachsen sind und nicht in irgendeiner weise beschränkt ( sagt man das so?) sind werde ich nicht mehr machen als sagen "ich finde das und das nicht gut" oder "mach es doch lieber so" denn es ist nicht mein Leben
    Extrem Beispiel :meine Tante hat sich vor einigen Jahren umgebracht,sie war in Behandlung und wusste das wir alle für sie da sind

    Nach außen ( und auch laut den Psychologen) ging es ihr besser und sie sei nicht labil gewesen

    War aber nicht so,wir wussten im Nachhinein (durch den Abschiedsbrief und die Tat)das sie es länger geplant hat ABER es hat keiner mitbekommen (und ja wir alle machen uns immernoch vorwürfe) und das hat mir klar gemacht das wenn sich jemand wirklich umbringen will kann man ihn nicht davon abhalten

    • Ich denke, anstelle "beschränkt" könnte man "eingeschränkt" sagen - beschränkt wird mir zu oft in abwertender, erniedrigender Form angewandt. Nach dem Motto "DU bist doch voll beschränkt, Alter..."

      Oder?

      Ich weiss, das ist schwer, aber wenn deine Tante sich töten wollte, braucht sich die Verwandtschaft keine Vorwürfe zu machen. Sie wusste, ihr seid da, das war sicher sehr wichtig, auch für sie. Aber sie hat ihre Entscheidung selbst getroffen. Darüber könnt und sollt ihr betroffen und traurig sein, auch, dass sie euch nicht eingebunden hat.
      Aber macht euch keine Vorwürfe, bitte. Für sie war das vielleicht der beste Weg, auch wenn er auch Hinterbliebenen unheimlich weh tut.

      #liebdrueck

      L G

      White

      • Oh,das sollte aufjedenfall nicht abwertend rüberkommen! Ich war mir nur nicht sicher wie ich es am besten Ausdrücke #schwitz
        Ja das wurde uns auch schon gesagt und das ist uns auch im Hinterkopf aber im Endeffekt fühlen wir uns trotzdem schuldig,vorallem weil wir es einfach nicht mitbekommen haben und weil wir ihr ihr leiden nicht nehmen konnten#heul
        In ihrem Abschiedsbrief hat sie auch geschrieben das wir uns keine vorwürfe machen sollen aber ich denke das ist etwas das nie komplett weggehen wird..

        Danke für deine liebe Antwort!#blume

        LG

        • Ich wollte auch nicht sagen, dass es abwertend klang, aber du hast es ja beim schreiben gleich halbwegs in Frage gestellt ("sagt man das so?"), und ich finde, besser sagt man "eingeschränkt".

          War nur als Tip oder Hinweis gedacht. :-)

          Nein, höchstwahrscheinlich wird das nie ganz weggehen, da hast du recht. Das liegt ganz einfach an der Bindung zu ihr. Ich als Sozialarbeiterin kann einen Klienten ziehen lassen, auch wenn es mich immer wieder trifft. Aber einen Verwandten, das ist ganz etwas anderes.

          Deswegen hat es der Profi immer leicht, zu sagen: "Lasst los, es ist okay", denn für Angehörige IST es nicht "OKAY".

          L G

          White

Ich muss beruflich ständig entscheiden, greife ich ein oder lasse ich den Menschen? Mal entscheide ich so, mal so. Meistens ist es falsch, für irgendeinen Beteiligten. Mal ist der Mensch, über den entschieden wird, zutiefst beleidigt/erbost/fühlt sich bevormundet (zu Recht), oder aber sehen es Richter und Gutachter anders und rollen mit den Augen, weil eine Sozialarbeiterin meint, diesem Menschen müsste geholfen werden, oder es ist schon zu spät, ich kann erst dann agieren, wenn der Mensch bereits dem Untergang (wie auch immer der aussieht) geweiht ist.
Ein wenig dazu: Ich arbeite in der Einzelfallhilfe als Sozialarbeiterin, habe mit Suchtkranken, psychisch Kranken, Altersarmut, Vereinsamung und Verwahrlosung zu tun. Ich muss oft entscheiden, ist diese Wohnung verwahrlost, und zwar so sehr, dass ich einschreiten muss? Ist dieser Mensch so weit unten angekommen, dass ich den Notarzt rufen muss, oder soll ich seinem Wunsch entsprechen und ihn in Ruhe lassen?
Es ist ein ständiges Abwägen.

Privat habe ich daher einen etwas abgehärteten Blick entwickelt. Ich kann inzwischen so weit gehen zu sagen, "pass auf, das und das Problem sehe ich, wenn du mir dein Leid klagst, dies und jenes kann man tun. WILLST du, dass wir etwas tun, gemeinsam? Wenn nein, lasse ich es nämlich bleiben."
Wenn meine Nachbarn sich die Köpfe einschlagen und ich die Polizei rufe, wenn ich dann auch noch das Jugendamt einschalte aufgrund der jugendlichen Tochter im Haushalt, dann denke ich, habe ich mein Soll im Sinne von "Eingreifen und die Leute vor sich selbst schützen" erfüllt. Ändert sich dann nichts an der Situation, lasse ich los.

Wie du schon sagst, es gelten schwammige Massstäbe, die oft von einem selbst gefortm werden. Und nur weil ICH es gern ganz sauber und ordentlich bei mir daheim habe, darf ich niemandem vorschreiben, was er in seinem Haushalt zu tun hat.

Es gibt den Satz, vielfach in unterschiedlichen Bereichen angewendet: Jeder Mensch hat das Recht auf Verwahrlosung/sich tot zu saufen/sich verprügeln zu lassen/sich zu blamieren etc.
Es ist nicht an mir, die Menschheit IN MEINEM SINNE zu bekehren oder zu "retten". Das wäre auch vermessen zu meinen, ich selbst könnte über das Wohl und Übel aller Menschen urteilen, die sich in meinen Augen selbst schaden.

Aber wie du schon sagst, das ist schwer zu erkennen.

Bei RTL finde ich es allerdings leicht: Da wird sich bewusst lustig gemacht. Entweder bringt RTL da eine Schauspielerin dazu, eine sich blamierende junge Frau zu spielen, damit muss sie dann zurecht kommen, die Schauspielerin muss nicht geschützt werden.

Ist die Frau "echt", dann sollte man sie schon schützen, wenn man RTL ist. Aber da zeigt sich halt, was RTL, die BILD und co sind: In erster Linie auf Quote aus.
Und der Mensch ist schlecht, er belustigt sich sehr gern am Leid anderer. Urbia ist ein Glanzbeispiel dafür, wie oft hier gedisst wird, gemobbt, gehetzt, sich ausgelassen, beschimpft - SO SEID "IHR" (die pöbelnde Urbiabevölkerung, nicht du).

Wenn der Mensch sich über einen im Fernsehen zu Schau gestellten Messie lustig machen kann, vergisst er ein wenig seine eigene Armseligkeit. Und deswegen zeigt RTL so etwas, weil sie damit ihr Geld verdienen. Und da sie viel viel Geld verdienen wollen, machen sie damit weiter.

RTL lebt vom Unvermögen anderer Menschen, sich selbst zu reflektieren und zu schützen. Aber du kannst RTL das nicht verbieten, denke ich. Du kannst allerdings aufhören, den Dreck zu schauen. Wenn das viele tun würden (tun es aber nicht, weil sie sich doch so gern auf armselige Art belustigen), RTL müsste sein Programm ändern, um ihre Quote zu haben.

Tja. Was das gemeine Volk sehen will.

Wer sich zum gemeinen Volk zählt.

Wie auch immer, entschuldige das lange Geschreibsel hier.

L G

White

  • Nein, das lange Geschreibsel entschuldige ich nicht!

    Ich danke dir vielmehr für eben dieses - eine super Antwort, klasse, danke schön! :-)

    Eine Frage aber noch dazu...jeder hat das Recht sich zu blamieren...wenn man das gerne über gewisse Medien tun will, ist das aber nicht okay, weil die Medien Geld damit verdienen? Wenn diese Melisa, so krank sie auch sein mag, glücklich darüber ist, dass sie so viel, wenn auch negative, Aufmerksamkeit bekommt? Und sollten RTL, Bild und Co gewissen Menschen das Rampenlich verbieten bzw es nicht zulassen, dass sie bekannt werden, indem sie nicht berichten? Wenn ja, welchen Menschen? Den dummen, den psychisch kranken? Den hässlichen (denn darüber wird auch gelacht)?

    Die Frage macht mir irgendwie Knoten in den Kopf...

    • Schau, RTL trägt da eine Verantwortung, finde ich. WIR haben es in der Hand, WAS RTL uns zeigt. Wir, die MASSE. Die MASSE nun, ja, die WILL das sehen, auch wenn genöhlt wird, jetzt.

      Viele Menschen haben sich mit Genuss an dieser Frau belustigt. Ich habe mir den einen Beitrag dazu kurz angesehen, dann die FacebookSeite dazu. erbärmlich, wenn es echt ist.

      Aber ich kenne Menschen, real, die wirklich so leben. Die es froh macht für den Moment, sich über andere derart auszulassen.
      Manchmal erwische ich ja auch mich selbst dabei, wie ich mich lustig mache, ich will das nicht von mir weisen (kann ich nicht).
      Aber in diesem Fall: WER sollte Melisa schützen? Ihre Eltern? Wenn sie echt ist, kann man davon ausgehen, dass ihre Eltern entweder selbst nicht dazu in der Lage sind, sie zu schützen, oder sie wussten davon nichts. Wer dann? Die Crew von RTL. Die wittern da aber nur das Geld, das dahinter steckt. Das sie verdienen. Sie haben weniger ein Gewissen, denn einen Riecher für eine Story.

      Das ist wie mit den Journalisten/Fernsehteams vor Schumis Krankenzimmer (oder vor der Klinik) - es geht nicht um Anteilnahme, es geht darum, am schnellsten am meisten zu berichten, um die besten Quoten zu bekommen.

      Aber dort läge eine Verantwortung. Um diese hervor zu rufen, müsste man als Konsument Stellung beziehen: WIR WOLLEN DEN MIST NICHT SEHEN. Aber statt dessen wird darüber diskutiert, entweder gesittet und ordentlich, oder es wird eine "Hate-Seite" eröffnet, auf der jeder Idiot seinen Senf abgeben kann und sich damit scheinbar profiliert.

      Schützen kann Melisa eigentlich nur die Masse selbst. Denn RTL wird es nicht tun. Der Druck von aussen kann RTL zum umschwenken bewegen, nichts anderes.

      Wenn man nun RTL so etwas verbieten lassen will, sind wir schnell bei der Pressefreiheit, und da wird es dann kritisch. Ich kenne mich da auch nicht aus, kann also nicht sagen, wo da Grenzen liegen. Und wer diese Grenzen festlegt.

      Es wird ein Ethik-Komitee geben, ganz bestimmt. Das könnte man mal anschreiben und nachfragen, wo die Grenzen sind?

      L G

      White

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